Starke Gemeinden für den Erhalt der Biodiversität



Welche Auswirkungen hat Kolumbiens Friedensabkommen auf Rohstoffabbau? Und wie geht es den Menschen vor Ort? Koordinator Luis Enrique Orduz und das Team von PODION geben Antworten auf diese und weitere Fragen.

Teilnehmende beim Abschluss des sozio-ökologischen Programms im Dezember 2019, Chinauta, Cundinamarca, Colombia
Teilnehmende beim Abschluss des sozio-ökologischen Programms im Dezember 2019, Chinauta, Cundinamarca, Colombia, © Jennipher Andrea Corredor Sánchez

Kolumbien befindet sich nach wie vor mitten im Friedensprozess. Nach Jahrzehnten gewaltsamer Auseinandersetzungen haben im Jahr 2016 die kolumbianische Regierung und die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo / Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) ein Friedensabkommen unterschrieben.

"Die Angriffe auf die Öl-Infrastruktur, die schwerwiegende Auswirkungen auf Ökosysteme und Gemeinden hatten, ist durch die Demobilisierung der FARC zurückgegangen. Allerdings sind Gebiete, in denen sie früher die Kontrolle oder zumindest eine Präsenz ausübten, nun attraktiver für extraktive Aktivitäten", sagt Luis Enrique Orduz. Er ist Koordinator bei der Organisation PODION, die sich in Kolumbien unter anderem für den Schutz der ländlichen und indigenen Bevölkerung im Kontext großer Rohstoffabbauprojekte einsetzt.

Zwischen den Fronten

Während des bewaffneten Konflikts hat sich ein besonders unmenschliches Abbaumodell entwickelt, das in Teilen auch noch heute Bestand hat. Abgesehen von den negativen Konsequenzen auf die Umwelt und Biodiversität leidet auch die lokale Bevölkerung massiv darunter. Um fossile Brennstoffe zu fördern, wurden sowohl das Territorium als auch dessen Bewohnerinnen und Bewohner von Akteuren verschiedener Konfliktparteien durch Gewalttaten und Einschüchterungsversuche vollständig kontrolliert. Indigene Gemeinden wurden ausgelöscht, bedeutende sozial und politisch engagierte Menschen verfolgt und ermordet.

"Seit meiner Kindheit bin ich überwältigt vom Reichtum, der Schönheit und Perfektion der Natur", erklärt Orduz. Während seines Jurastudiums schloss er sich einer Studiengruppe zum Thema Souveränität und Natur an. "Dort hatte ich die Gelegenheit, die politische Dimension des Extraktivismus und seine Auswirkungen auf Natur und Gemeinden zu entdecken."

Die Staatstätigkeit Kolumbiens begünstigt die Durchführung großer Abbauprojekte. Vor Ort flammen jedoch immer wieder Territorialkonflikte zwischen verschiedenen Akteuren auf. Darunter illegal agierende bewaffnete Gruppen, politische Bewegungen, die aus der Demobilisierung der FARC entstanden sind und private Akteure mit Interesse am Abbau nicht erneuerbarer Ressourcen.

Die sozio-ökologischen Folgen solcher Projekte beeinträchtigen die Menschen- und Territorialrechte ländlicher Gemeinden, das verhindert ein würdiges Leben in diesen Regionen und erschwert Friedensinitiativen und -prozesse. Die Gemeinden stehen zwischen den Fronten. Organisationen zersplittern und Prozesse zum Schutz von Territorien werden stigmatisiert.

Das soziale, politische und wirtschaftliche Konfliktpotential ist immens.

Die Organisation als Haus

PODION begleitet betroffene Gemeinden und Basisorganisationen darin, ein besseres und umfassenderes Verständnis der Auswirkungen der Abbauprojekte in ihren Territorien zu erlangen. In Zuge dessen stellt PODION Informationen bereit und fördert den Aufbau von Netzwerken zur gegenseitigen Unterstützung zwischen Organisationen und Gemeinden. Dadurch wird die Stärkung von Organisationen sowie die technische und argumentative Qualifikation der Gemeinden angestrebt.

"Die Organisation ist wie ein großes Haus. Es ist ein Haus, das ein Fundament, ein paar Säulen und ein Dach hat. Das Fundament besteht aus dem Denken der Menschen, unseren Worten, Fürsorge, Erinnerungen, Freundschaft, Vertrauen und Zuneigung. Wenn dieses Fundament solide gebaut ist, können wir darauf die Organisation aufbauen. Dann ist es möglich, auf diesem Fundament die Säulen Verantwortung, Dialog, Gastfreundschaft, Solidarität, Beteiligung an Vereinbarungen, Teamarbeit und Kooperation zu verankern. Diese Säulen erlauben einen Organisationsprozess", erläutert Orlando Cardozo. Er ist der Regionalverantwortliche für das westlich von Bogota liegende Gebiet Tolima, wo er für die Mobilisierung sozialer Organisationen zuständig ist. "Das Dach schützt uns. Es behütet uns in unangenehmen Situationen. Dieses Dach ist Gleichberechtigung, kritisches Denken, Konfliktlösung, die Erfüllung gemeinsamer Bedürfnisse, Würde, Sorge um das Leben und die Verteidigung des Territoriums. Das ist es, was uns in der Gemeinschaft schützt."

Diese Worte entstammen einem der Videos, die PODION als begleitende Bildungsmaßnahme produziert hat. In der Videoreihe "Seeds for the Defence of the Territory" widmen sich Mitarbeitende der Organisation verschiedenen Themen wie Organisationsaufbau, Fracking und Agrarökologie und erklären diese in einer verständlichen und angemessenen Sprache. "Die Videos richten sich an die Gemeinden und Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. Sie sind Teil der Ausbildungsstrategie und entstanden, da wir nicht wie geplant Präsenzworkshops durchführen konnten", sagt Orduz. Auch in Kolumbien sind aufgrund der COVID-19-Pandemie starke Einschränkungen in Kraft getreten.

Partizipation soll jedoch weiterhin ermöglicht werden. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von PODION. Besonders die Teilhabe von Frauen und Jugendlichen steht dabei im Fokus. Der Koordinator Orduz erklärt: "Frauen als Kollektiv tendieren zu einer engen Beziehung zum Territorium – eine Verbindung, die stärker ist, als die der Männer. Teilnahme und Interesse sind stark von Frauen geprägt. Daneben ist es notwendig, die Beteiligung junger Menschen zu fördern, um einen Generationswechsel voranzutreiben."

Was die wertvollste Lektion war, die er durch seine Arbeit bei PODION gelernt hat? Das in der Bevölkerung vorhandene Wissen. Das Wissen, über das die Gemeinden bezüglich Nutzung und Verwaltung ihres Territoriums verfügen.

Eng damit verbunden ist auch seine Motivation. "Sie wird durch den Kontakt mit den Menschen und Gemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, aufrechterhalten. Einige von ihnen leben in prekären Verhältnissen. Trotzdem sind sie gutmütig und fröhlich, zeigen Eigeninitiative und machen Vorschläge, um bessere Lebensbedingungen für eine Gemeinschaft zu schaffen."


Über Luis Enrique Orduz

Luis Enrique Orduz, studierter Jurist, engagiert sich für soziale Prozesse zur Verteidigung der Lebensgrundlage von Bäuerinnen, Bauern und indigenen Gruppen im Kontext von Rohstoffprojekten. Seit 2014 arbeitet er bei PODION und ist seit 2018 für die Koordination des durch zivik geförderten Projekts zuständig.

Über PODION

Die kolumbianische Organisation PODION beschäftigt sich mit der Unterstützung ländlicher und indigener Bevölkerung im Kontext von Rohstoffabbauprojekten. Ebenso gehören der Schutz der Biodiversität und Konflikte um Nutzungsrechte natürlicher Ressourcen zu ihren Themen. PODION bietet Schulungsprozesse, Projektberatung und Durchführbarkeitsstudien für nationale und internationale Organisationen an und engagiert sich für ein nationales Netzwerk für Demokratie und Frieden.

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