KULTURAUSTAUSCH. Der Titel ist Programm



70 Jahre Menschen aus aller Welt und Themen, die sie bewegen, 70 Jahre Kulturaustausch. Die Zeitschrift für internationale Perspektiven feiert 2021 Jubiläum und Chefredakteurin Jenny Friedrich-Freksa hebt hervor, was die KULTURAUSTAUSCH besonders macht, lässt Kernthemen der letzten Jahre Revue passieren und spricht über die Aufgabe von Medien.

© ifa

ifa: Kulturaustausch, was bedeutet das für Sie?

Jenny Friedrich-Freksa: Im Austausch mit Menschen zu sein, und zwar mit Menschen aus anderen Kulturen. Wir veröffentlichen Stimmen aus aller Welt, übersetzen Meinungen, Geschichten und Ansichten aus anderen Sprachen. Dass man etwas auf Deutsch lesen kann, was jemand auf Chinesisch, Arabisch oder Spanisch aufgeschrieben hat, ist eine Form des Austauschs und es bringt denen, die es lesen, diese Kultur und ihre Geschichten näher.

Eigentlich ist das Austauschmoment bei uns auf verschiedenen Ebenen gegebenen. Inhaltlich, aber auch bei der Herstellung der Zeitschrift. Die Redaktion ist im ständigen Gespräch mit Menschen auf der ganzen Welt. Deshalb finde ich den Titel so super, auch wenn er etwas altmodisch klingt, aber er beschreibt genau das, was wir tun.

Virtuelles cover: Inkee Wang: "Der Reigen", Sonderedition 70 Jahre Kulturaustausch, 2021© ifa

Ich denke, unser Netzwerk und die Zugänge, die wir zu Menschen finden, machen uns besonders.

 

Sonderedition 70 Jahre KULTURAUSTAUSCH, virtuelle Cover, 2021, © ifa

ifa: Ist dieser Austausch in Ihren Augen ein Alleinstellungsmerkmal der Zeitschrift?

Friedrich-Freksa: Ich glaube, das Besondere ist, dass wir konsequent in jeder Ausgabe den Großteil der Geschichten mit nicht deutschen Journalisten oder Autorinnen bestreiten und unser Fokus nicht nur auf der westlichen Welt liegt. Wir arbeiten mit Leuten in Botswana und Taiwan, stellen die Meinung eines Historikers aus Oxford neben die einer Journalistin aus China. Das macht den besonderen Vielklang aus und auch eine Form der Gleichwertigkeit und Augenhöhe, die in vielen Medien nicht zu finden ist. Wir machen das schon sehr lange, aber die Relevanz dessen ist heute noch viel politischer und offensichtlicher als früher geworden. Es gibt eine klare Forderung nach mehr Gleichberechtigung, auch im Publizieren von Ansichten.

"Es sind kulturelle Konfliktthemen, denen wir nachspüren"

ifa: Die Menschen, von überall auf der Welt, die für die KULTURAUSTAUSCH schreiben, stehen also im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Stehen Sie hinter allem, was im Namen der Zeitschrift geschrieben wird?

Friedrich-Freksa: Ich stehe dahinter, dass alles, was wir veröffentlichen veröffentlichungswürdig ist. Wir würden natürlich keinen Hass und keine Hetze verbreiten, aber ich teile auch davon abgesehen nicht alle Meinungen, die bei uns veröffentlicht werden. Ich glaube, das ist auch nicht die Aufgabe einer Chefredakteurin oder eines Redakteurs. Wir wollen ja gerade Vielfalt zeigen und interessante oder eben auch widersprüchliche Stimmen.

Natürlich gibt es zum Beispiel Interviews, in denen fragwürdige Ansichten geäußert werden, aber interessant und wichtig ist eben nicht nur das, von dem man denkt, dass man es selbst gut findet. Am hilfreichsten ist es, nachzufragen. Dadurch kann man den Leserinnen und Lesern eines Gesprächs auch deutlich machen, dass man etwas problematisch findet.


Es gibt Themen, die sind bei uns sehr sensibel und wir erleben, dass in anderen Ländern manchmal völlig andere Sachen sagbar sind als hier. Umgekehrt übrigens auch, manchmal ruft man als Redakteurin irgendwo naiv an, stellt eine Frage und bekommt zu hören: "Sorry, aber so können Sie das überhaupt nicht nennen". Auch das ist Kulturaustausch.

Ich persönlich finde, dass die Sensibilitäten sehr zugenommen haben. Mir ist wichtig, das journalistische Handwerk hochzuhalten und zu sagen: Man muss alles benennen können. Die Frage ist natürlich immer, wie. Das Ziel ist nicht, Themen oder Ansichten komplett zu verbannen, sondern einen Weg zu finden, gut miteinander zu sprechen, Diskussionsräume zu schaffen und Themen für eine breite und vielfältige Leserschaft mit unterschiedlichen Meinungen lesbar zu machen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wenn ein Thema gut bearbeitet, eine Geschichte verständlich aufgeschrieben ist, können sich verschiedene Seiten eine Meinung dazu bilden. Unsere Aufgabe als Journalisten ist es nicht, das im Voraus zu filtern.

ifa: Gibt es denn zentrale wiederkehrende Themen, mit denen Sie sich in der Zeitschrift beschäftigen?

Friedrich-Freksa: In den letzten Jahren haben wir immer wieder Hefte zum Klimawandel gemacht. Es gab zum Beispiel ein Heft über Wachstum und seine Grenzen und eins über die Veränderung der Kultur durch das Klima. Auch dabei ist es besonders interessant, sich von den Diskursen, die wir hier kennen, zu lösen und zu erfahren, wie Menschen aus anderen Ländern ein Thema betrachten.
Ein anderer Schwerpunkt war sicherlich alles, was in den Bereich Erinnerungskultur fällt. In jüngster Zeit sind das viele postkoloniale Themen und Debatten. Wir haben aber viel Erinnerungskultur an sich diskutiert: "Wie gehen Menschen mit ihrem kulturellen Gedächtnis um? Was wird aufbewahrt? Wie funktioniert Identitätsstiftung übers Erinnern?"

Im weitesten Sinne sind es kulturelle Konfliktthemen, denen wir oft nachspüren. Manchmal merkt man dabei, dass es letztendlich Ressourcenkonflikte sind. Viele Kulturen sind nicht per se verfeindet, sondern es gibt handfeste Gründe wie Ungerechtigkeit und Ressourcenmangel, die Gruppen dazu bewegen, einander zu bekämpfen. Es gibt auch viele Geschichten, in denen sich Indigene gegen Regierungen auflehnen und das als Kulturkonflikt dargestellt wird. Eigentlich wird der indigenen Bevölkerung aber einfach etwas weggenommen, und dagegen begehren sie auf.
 

Was war und was sein wird

 

ifa: 70 Jahre gibt es die Zeitschrift schon, das ist eine ganz schön lange Zeit. Ihr Schwerpunkt lag bisher auf der Printausgabe. Aktuell sind Sie dabei, die Online-Präsenz stärker auszubauen, immer mehr Inhalte finden sich auch auf der Website und seit diesem Jahr gibt es eine App. Begreift sich die KULTURAUSTAUSCH weiterhin als Zeitschrift oder passiert da gerade ein Formatwandel?

Friedrich-Freksa: Beides. Online haben wir die Möglichkeit, unsere Inhalte sehr viel weiter zu verbreiten. Durch unser englischsprachiges Angebot erreichen wir auch zunehmend Leute aus anderen Ländern, die kein Deutsch sprechen. Trotzdem sind wir eine Zeitschrift, wir haben eine konstante Auflage und eine sehr treue Leserschaft des Printformats.

Die KULTURAUSTAUSCH-App, © ifa
Cover der KULTURAUSTAUSCH, © ifa

Print ist nicht "out", das ist ein bisschen wie bei Büchern, es gibt Leute, die lesen Ebooks und andere, die mögen das gedruckte Buch. Dabei geht es nicht nur um die Texte, sondern auch um die Gestaltung. Ich finde, man muss sehr aufmerksam beobachten, was online funktioniert und auch, wonach man Erfolg bewertet. Unser Ziel ist es nicht, einfach möglichst viele Follower zu haben, sondern wir wollen Menschen erreichen, die sich für unsere Themen und Texte interessieren, die wirklich lesen.
Virtuell lassen sich natürlich tolle Sachen zaubern und sehr professionelle und schöne Auftritte bauen. Um aber einen Eindruck vom Herz einer Zeitschrift zu bekommen und zu sehen, ob man etwas damit anfangen kann, hilft es, sie in den Händen zu halten und durch die Seiten zu blättern. Lustigerweise hat mir das neulich der Redakteur eines Online-Magazins erzählt: dass sie einen Teil der Texte wieder auf Papier drucken, damit die Leute sich besser vorstellen können, was das für ein Magazin ist. Vorstellbarkeit ist nach wie vor stark an Haptik geknüpft.

ifa: Ihr digitales Angebot wird also immer größer und damit auch Ihr englischsprachiges. Worauf können sich Leser:innen in Zukunft außerdem besonders freuen?

Friedrich-Freksa: Ein großer Bereich, den ich gerne angehen würde, ist Nachhaltigkeit in der Herstellung und in den Arbeitsprozessen. Wie können wir neue Umwelttechniken, bewusstes Verhalten und Klimaneutralität stärker in unsere Arbeit integrieren?
Ein anderes Thema ist Diversität. Wir haben als Redaktion natürlich mit sehr unterschiedlichen Leuten in aller Welt zu tun und zu denen, die für uns schreiben, gehören immer schon viele Frauen. Die Stärkung von Diversität wird uns aber weiter begleiten, sei es bei der Einstellung neuer Mitarbeiter:innen oder auch bei möglichen Kooperationen mit Redaktionen im Ausland, das finde ich total gut und richtig.


Interview von Hannah Latsch

Über Jenny Friedrich-Freksa

Jenny Friedrich-Freksa

geboren 1974 in Berlin, studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste Berlin. Nach Auslandsaufenthalten in Paris, Genf und Rom arbeitete sie mehrere Jahre für die Süddeutsche Zeitung in München. Seit 2005 ist sie Chefredakteurin der Zeitschrift KULTURAUSTAUSCH in Berlin. 2019 erschien im Hanser-Verlag ihr Buch "Pferde".

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