"Es gibt ein großes Bedürfnis, afrikaspezifische Narrative zu entwickeln"



Avril Joffe leitet die Abteilung für Kulturpolitik und -management an der Wits School of Arts, University of the Witwatersrand, in Südafrika. In einem Interview mit dem ifa geht sie der Frage nach, ob der tiefgreifende Einfluss von COVID-19 auf dem afrikanischen Kontinent auch eine Chance zur Neuausrichtung der Kultur- und Kreativwirtschaft ist.

Foto: Kirstin Wilson via Unsplash

ifa: Vor der Corona-Pandemie gab es einen ziemlichen Hype um die afrikanische Kultur- und Kreativwirtschaft. Mit welchem Potenzial rechnete man für und durch diesen Sektor?

Avril Joffe: Die Vision war, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft generell Entwicklungen auf allen Ebenen anstoßen würde: Im menschlichen, im sozialen und im wirtschaftlichen Bereich. Insbesondere wurde suggeriert, dass die "neues Gold", "neues Geld" sowie "schlafender Riese" bezeichnete Kultur- und Kreativwirtschaft den Kontinent aus der Arbeitslosigkeit und Armut herausführen könnte.

UN-Organisationen und internationale NGOs haben in ihren Berichten zunehmend auf das Entwicklungspotenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft in Afrika hingewiesen. Zugleich fördern in Afrika ansässige internationale Organisationen wie der British Council und das Goethe-Institut kulturelles Unternehmertum. Ein großer Teil dieser Aufmerksamkeit richtet sich auf die potentielle Monetisierung und die Schaffung eines kultur- und kreativwirtschaftlichen Marktes.

"Politische Entscheidungsträger müssen die unzähligen wechselseitigen und interdependenten Werte verstehen, die Kultur schafft"

ifa: Dennoch wird die Beschäftigung im afrikanischen Kulturgütersektor nur auf eine halbe Million Menschen auf dem gesamten Kontinent geschätzt. Dieser Wert entspricht gerade einmal 0,0004 Prozent der afrikanischen Bevölkerung. Wie realistisch sind großumfängliche Beschäftigungsmöglichkeiten in diesem Wirtschaftszweig?

Joffe: Bedenkt man, dass die afrikanische Kultur- und Kreativwirtschaft in der Regel aus kleinen, informellen Betrieben besteht, die nicht vom Radar internationaler Messsysteme erfasst werden, ist diese Zahl nicht überraschend. Beschäftigungen in diesem Arbeitsbereich in einem signifikanten Ausmaß abzubilden ist unrealistisch; einkommensgenerierende Möglichkeiten sind da realistischer.

Einzelne afrikanische Regierungen ihre Kulturpolitik hinsichtlich der Einbindung der Kultur- und Kreativwirtschaft überprüfen beziehungsweise neue Strategiedokumente zur Entwicklung des Kultursektors erarbeiten. Südafrika wirft ein Schlaglicht auf die Rolle der Kreativ- und Kulturwirtschaft innerhalb der kulturellen Ökologie, der digitalen Medien und der lokalen wirtschaftlichen Entwicklung. Nigeria hat damit begonnen, die schnell wachsende "Nollywood"-Filmindustrie zu unterstützen und den Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt mit 2,3 Prozent neben dem der Musikindustrie mit 9 Prozent anzuerkennen. Länder auf dem ganzen Kontinent, darunter Ghana, Kenia und Kamerun, orientieren sich nun am "Nollywood"-Modell der schnellen Produktion und des Konsums von heimischen Filmen.

ifa: Kulturelle Aktivität steht immer wieder konkurrierenden Wahrnehmungen und Definitionen gegenüber. Ist sie das Mittel für ein profitables Geschäft oder eine gemeinnützige Aktivität, die mit Selbstausdruck, Identität und etwas grundlegend Menschlichem zu tun hat? Wie wirken sich diese Dilemmas in Afrika aus?

Joffe: Sie sind von entscheidender Bedeutung und Gegenstand vieler Diskussionen. Politische Entscheidungsträger müssen die unzähligen wechselseitigen und interdependenten Werte, die Kultur schafft, verstehen. Dazu gehören solche, die das menschliche Befinden, wie das Selbstwertgefühl, Identität und Selbstdarstellung, die Gesellschaft als Ganzes, damit sind die Gemeinschaft, soziale Integration, Bildung und Freizeit gemeint und die Wirtschaft, also Arbeitsplätze, Einkommen und Exporte,  betreffen. Alle erfordern jeweils eine entsprechende Finanzierung, von Zuschüssen über Corporate Social Investment bis hin zu Startkapital beziehungsweise Eigenkapitalfinanzierung.

"Die Kultur- und Kreativwirtschaft auf Unterhaltung zu reduzieren, untergräbt völlig die Rolle, die Kultur und Kunst in unserer Gesellschaft spielen"

ifa: Burkina Faso, die Kapverden, die Elfenbeinküste, Kenia, Mauritius, Nigeria, Senegal, Südafrika und Simbabwe gehörten zu den wenigen afrikanischen Ländern, die Nothilfen für Künstlerinnen und Künstler leisteten, als die Pandemie losging. Für einige war dies die erste gezielte Förderung des Sektors überhaupt. Warum glauben Sie, dass die Corona-Krise in diesen Fällen die Kultur- und Kreativwirtschaft aus ihrem Schattendasein befreit hat?

Joffe: Das ist eine faszinierende Einsicht, die ich noch genau untersuchen werde. Als organisierte Gesellschaftsgruppe scheint es dem Sektor gelungen zu sein, die Regierungen dazu zu bringen, die Nöte der Kulturschaffenden anzuerkennen. In normalen Zeiten gibt es eine breite Akzeptanz dafür, dass die Regierungen keine gezielten Mittel für den Sektor bereitstellen, weder durch direktes Eingreifen noch durch eigenständige, "Arm's-Length"-Institutionen wie die nationalen Kunsträte. In vielen Ländern sind Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffende für ihre Arbeit vollständig auf internationale Finanzierung angewiesen. Viele hoffen nun, dass diese pandemiebedingte Entwicklung in einen regelmäßigen Haushalt für den Sektor umgewandelt werden kann.

ifa: Die meisten dieser Hilfsmaßnahmen begünstigten bestimmte Gruppen oder Formen oder waren ihnen vorbehalten. Können Sie Beispiele für diese Einschränkungen nennen? Wie spiegeln sie die breitere Auffassung bezüglich der Kultur- und Kreativwirtschaft wider?

Joffe: Einige Hilfsmaßnahmen betrafen nur Personen, die bereits Einkünfte aus geistigem Eigentum bezogen, oder jene mit gekündigten Verträgen für Auftritte. In Kenia wurden nur Künstlerinnen und Künstler, Schauspielerinnen und Schauspieler und Musikerinnen und Musiker finanziell unterstützt, die während der Pandemie im Fernsehen, im Radio oder im Internet weiterhin als Unterhaltende arbeiteten. Die nigerianische Unterstützung kam dem kommerziellen Kreativsektor zugute und ließ den Rest des kulturellen Ökosystems außen vor.

Solche Einschränkungen verdeutlichten den wirtschaftlichen Reduktionismus der Regierungen auf wirtschaftliche Aspekte, der ihre Sicht auf die Kultur- und Kreativwirtschaft prägt. Die Kultur- und Kreativwirtschaft auf Unterhaltung zu reduzieren, untergräbt völlig die Rolle, die Kultur und Kunst in unserer Gesellschaft spielen und offenbart einen groben Mangel an Verständnis für ökonomische und finanzielle Logik.

"Unterstützt die Praktiken und Ausdrucksformen, die in lokalen Traditionen verwurzelt sind"

ifa: Sie kommentieren die urbane Konzentration der kulturellen Praxis in Afrika, aber auch die tiefgehende und sensible Ortsgebundenheit des kulturellen Ausdrucks. Wie kann die Kultur- und Kreativwirtschaft in größerem Maße die lokale und nachhaltige Praxis jenseits der Metropolen fördern?

Joffe: Kreative brauchen den Kontakt zu anderen Kreativen sowie die kulturelle Infrastruktur, wie Live-Locations, Konzerthallen, Galerien oder kulturelle Knotenpunkte, so dass es nicht verwunderlich ist, dass sich die Kultur- und Kreativwirtschaft tendenziell in Städten ansiedelt. Dennoch sind kulturelle Praxis und kultureller Ausdruck in ländlichen und abgelegenen Gegenden oft einzigartig. Wir brauchen die öffentliche Politik und ihre Instrumente, wie Förderung, Finanzierung, und personelle Ausstattung, um das Bestehende aufzuzeigen und jene Praktiken und Ausdrucksformen zu unterstützen, die in lokalen Traditionen, lokalen Gemeinschaften und bestimmten Orten verwurzelt sind.

ifa: Was ist mit dem Erbe des Kolonialismus?

Joffe: Allein die Verwendung von Konzepten wie Kreativ- und Kulturwirtschaft deutet darauf hin, dass viele Regierungen der von den Briten kolonialisierten afrikanischen Ländern von den Entwicklungen in Großbritannien beeinflusst worden sind. Viel Arbeit im frankophonen Afrika ist mit der Europäischen Union, le Francophonie und Frankreich selbst verbunden.

Es besteht ein großes Bedürfnis, afrikaspezifische Narrative zu entwickeln, die Sprache, Erbe, Tradition, Zeremonie, indigenes Wissen, künstlerische Disziplinen sowie die Kultur- und Kreativwirtschaft mit einbeziehen und ganzheitlich betrachten. Diese Terminologie ist nicht nur Semantik: Sie zielt darauf ab, die organische Bedeutung der Kultur im Alltagsleben der afrikanischen Menschen, ihre soziale Bedeutung für den Zusammenhalt der Gemeinschaft und auch ihr moralisches Gewicht wiederherzustellen.

"Die Rahmenbedingungen nach der Pandemie müssen einen 'New Deal' hervorbringen"

ifa: Wie können wir nun die Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft während und nach der Pandemie angesichts der verheerenden Auswirkungen von COVID-19 auf Gesundheit, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit und angesichts eines allgemeinen Mangels an staatlichen Unterstützungssystemen neu aufstellen?

Joffe: Die Pandemie erforderte eine phantasievolle und kreative Antwort, die für einige funktioniert hat, aber für viele, wie zum Beispiel Live-Musikerinnen und Live-Musiker, sieht die Zukunft düster aus. Die Rahmenbedingungen nach der Pandemie müssen einen "New Deal" hervorbringen. Zivilgesellschaft, Akademikerinnen und Akademiker, prominente Intellektuelle und Regierungen müssen gemeinsam neue konzeptionelle Ansätze für ein tragfähiges System entwickeln, das den öffentlichen, unverzichtbaren und spezifischen Wert des gesamten kreativ- und kulturwirtschaftlichen Sektors unterstützt. Damit ist eine Kombination von öffentlichen, privaten und nicht-staatlichen Initiativen gemeint, die alle von einem grundlegenden System und einem starken Sozialpakt gestützt werden. Zu diesen zählen ein Grundeinkommen, sozialer Schutz für alle sowie ein auf die Bedürfnisse des gesamten kulturellen Ökosystems ausgerichtetes öffentliches Beschäftigungsprogramm.

ifa: Können uns Kultur und künstlerische Praktiken dabei helfen, resilienter, also psychologisch widerstandsfähiger, auf Krisensituationen zu reagieren? Welche kulturellen Ausdrucksformen stechen für Sie als Quellen für Trost und Unterstützung während der Pandemie besonders heraus?

Joffe: Jeder von uns ist einzigartig und reagiert unterschiedlich auf kulturellen Ausdruck. Für manche sind es Geschichten, für andere Musik oder Tanz und für andere wiederum Rituale oder Traditionen, die uns an unseren Platz in der Gemeinschaft erinnern, und an unsere Identität und unsere Menschlichkeit. Persönlich fand ich Trost darin, einzelnen Sängerinnen und Sängern zuzuhören und Tanz an ungewöhnlichen Orten anzuschauen. Als Tänzerin waren das Fähigkeiten und die Resilienz des menschlichen Körpers für mich die größte Freude; und sein Vermögen sich wie von Zauberhand im Raum zu bewegen und damit die Musik zu beleben.

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