Eine globale Sprache und gegenseitiges Lernen



An der Design Society in Shenzhen erlebte Kurator Lu Yangli, dass mehrere internationale Projekte durch die Pandemie unterbrochen wurden, aber er widmet sich weiterhin der institutionenübergreifenden Zusammenarbeit und dem Austausch.

Design Society in Shenzen
Design Society in Shenzen; © Design Society

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihres Museums und sein Konzept verändert?

Lu Yangli: Die Design Society war zwischen dem 24. Januar und 24. März geschlossen. Die Pandemie hat sicherlich unsere Art, zu arbeiten, verändert. Die meisten unserer regulären Treffen – wie auch die kleineren Gruppendiskussionen – fanden online statt. Im Vergleich zu der Zeit vor Corona ist mir aufgefallen, dass ich viel mehr zu tun hatte als vorher, da nun alle Arten von analoger Kommunikation online stattfinden mussten und die Zahl der Treffen stark gestiegen ist.

Was unsere Ausstellungen und Bildungsprogramme betrifft, hat die Design Society eine Reihe von Online-Programmen entwickelt, um unserem Publikum etwas zu bieten, während die Menschen zu Hause sind. Wir haben unter dem Titel "Geh wandern" eine spezielle Kolumne auf unserem WeChat-Kanal gestartet. Für jede Ausgabe engagierten wir eine Designerin oder einen Designer als Tourguide für eine Expedition durch das traditionelle Kunsthandwerk. Für unsere allererste Ausgabe gab uns das berühmte Kunstatelier Pinwu eine Tour durch die "Rong Design Library" im Dorf Yuhang von Hangzhou. In der zweiten Ausgabe stellten wir das Chen Tsung Feng Design Studio in Taiwan vor.

Viele internationale Kooperationen wurden durch die Situation ernsthaft behindert. Zum Beispiel konnte die Ausstellung über neue Grimm´sche Märchen nicht laufen, an der ich mit der Brüder Grimm-Gesellschaft in Deutschland arbeiten wollte. Wir mussten also andere Wege finden, das Material zu erschließen. Statt Originalarbeiten der Gebrüder Grimm aus Deutschland zu präsentieren, engagierten wir mehrere chinesische Künstlerinnen und Künstler, die durch diese Geschichten inspirierte Werke schufen.

Seit der Wiedereröffnung hat die Design Society aufgrund der Pandemie täglich Präventions- und Kontrollmaßnahmen durchgeführt. Vor dem Betreten des Museumsgeländes müssen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Besucherinnen und Besucher einen gültigen Shenzhen Gesundheits-QR-Code vorzeigen, ihre Temperatur messen lassen und eine Gesichtsmaske tragen. Soziale Distanzierung ist vor Ort verpflichtend.

ifa: Wie sollten Museen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Lu: Museen erzählen Geschichten durch Ausstellungen und öffentliche Bildungsarbeit. Mit der vielfältigen Entwicklung von Ausstellungsformaten verändern sich narrative Stile immer wieder. Im 19. Jahrhundert waren Kennzeichnung und Anordnung der Werke die zentralen narrativen Methoden, die genutzt wurden, um die Entwicklung der Geschichte zu erschließen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte die Ausstellung ein klareres räumliches Narrativ. Mit der allmählichen Visualisierung und Diversifizierung der Medien hatte die Ausstellung mit einmal eine Thematik. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts richtete sich mit der rasanten Entwicklung digitaler Technologie und sozialer Medien immer mehr Aufmerksamkeit auf ein auf Erfahrung basierendes Ausstellungsnarrativ. Heute sollte ein erfolgreiches Narrativ Kuratorinnen und Kuratoren und Museumspädagoginnen und -pädagogen zusammenbringen sowie audiovisuelle Materialien, interaktive Bilder, Spiele, VR und so weiter verbinden, um ein einzelnes Narrativ in ein personalisiertes, interaktives und erfahrbares Narrativ zu verwandeln.

ifa: Sehen Sie Ihr Museum als einen Ort für politischen Diskurs?

Lu: In China gibt es im Wesentlichen zwei Typen von Non-Profit-Museen. Die eine Art wird direkt von der Regierung verwaltet, wodurch sie in gewisser Weise sicherlich ein Ort für politischen Diskurs wird. Die andere Art, zu der auch die Design Society gehört, ist ein gemeinschaftlich finanziertes Non-Profit-Museum. Soweit ich weiß, hat diese Art von Museum einen unabhängigen Geist in seiner Vorgehensweise und Ausstellungsplanung, die auf Kunst basiert, und sie hat nicht viel mit Politik zu tun.

ifa: Wie können Museen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten? 

Lu: Mit der sich verstärkenden Globalisierung hat die internationale Zusammenarbeit zwischen Museen immer mehr Aufmerksamkeit erhalten – Kommunikation und Austausch sind immer häufiger geworden. Als Teil dieses Trends wird es noch mehr Zusammenarbeit bei Ausstellungen, akademischem Dialog und technischem Austausch geben. Hochrangige und qualitativ hochwertige Foren mit einer globalen Vision und einem Sinn für internationale Entwicklung werden für die Entwicklung eines Museums wesentlich sein – das Teilen von Erfahrungen in Form von theoretischer Erforschung, Recherche und praktischen Anwendungen.

Durch solchen Austausch und solche Zusammenarbeit können Institutionen eine gemeinsame globale Sprache entwickeln, aufhören, sich auf ihren eigenen Lorbeeren auszuruhen und gemeinsame Vorteile wie gemeinsames Lernen genießen. Solche Partnerschaften erlauben es internationalen Museen auch, Kultur in ihrer ganzen Vielfalt zu zeigen, damit Bürgerinnen und Bürger verschiedener Länder und Regionen ein dreidimensionales und tiefgehendes Verständnis von Kunst und Kultur unterschiedlicher Nationalitäten erwerben können. Wir sollten den Auftritt und die Weiterbildung von Museumspersonal ausweiten, um solche kulturelle Interaktion und den Austausch zu optimieren.

Gleichzeitig sollten sich Museen auf der ganzen Welt aktiv in den Dienst der lokalen Community stellen – insbesondere in Kultur und Bildung – und Ressourcen für digitale Technologie aufwenden, um das kulturelle Erbe und die Vielfalt zu schützen.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Lu: Ein gutes Museum sollte ein interessantes Bilderbuch sein, mit dem man etwas über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Region oder Stadt lernen kann. Es sollte Bildung mit Kultur und Freizeit verbinden – seine Online-Angebote ausbauen, damit Besucherinnen und Besucher aus verschiedenen Regionen und Ländern Ausstellungen sehen, an Aktivitäten teilnehmen und Wissen erwerben können. Zudem sollten Museen ihre Zusammenarbeit mit kommerziellen und anderen Kultureinrichtungen verstärken, mit unterschiedlichen kulturellen Räumen interagieren und die Professionalität und den Einfluss von Museen nutzen, um Unternehmen zu helfen, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen.


Lu Yangli ist Kurator an der Design Society in Shenzhen.

MuseumsNow

Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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