Auf gute Nachbarschaft!



Vor 30 Jahren wurde der deutsch-polnische Nachbarschafts­vertrag unterzeichnet – ein Meilenstein der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Aber wie stehen junge Menschen der deutschen Minderheit in Polen eigentlich heute dazu? Auch der deutsche Botschafter in Polen macht sich bei seinem Besuch in Oppeln auf die Suche nach Antworten.

Schilder mit Partnerstädten von Oppeln
© pixabay/KarinKarin

Eine Gruppe junger Menschen sitzt im Kreis in einem großzügig geschnittenen Seminarraum in Oppeln, Polen. Fröhlich trommeln sie mit den Händen auf ihre Oberschenkel, unterhalten sich, lachen. Um sie herum hängen Luftballons in den Farben der deutschen Flagge, die Stimmung im Raum wirkt ausgelassen. Die Jugendlichen sind Teil der deutschen Minderheit in Polen – heute wird für sie ein Jugendzentrum eröffnet. "Dieser Ort soll zugleich Treffpunkt, Schulungs- und Informationszentrum für junge Menschen sein", sagt Beata Sordon, Jugendbeauftrage des ifa-Partners "Verband der Deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG)". Das Zentrum ist eine offene Begegnungsstätte, an der sich junge Menschen weiterbilden, Freundschaften knüpfen und von der Geschichte, über Traditionen, hin zur Sprache alles über die deutsche Minderheit in Polen erfahren können. Doch dass die Eröffnung eines Jugendzentrums der Deutschen Minderheit in Oberschlesien zur Normalität gehört, war einst schwer denkbar.

Ein Meilenstein der Annäherung: der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag

Deutschland und Polen: Erst vor dreißig Jahren kam es zwischen den beiden Nachbarländern zu einem diplomatischen Durchbruch. Ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung wurde in Bonn der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet – eine Art Grundriss der Versöhnung. "Im Bestreben, die leidvollen Kapitel der Vergangenheit abzuschließen", so die Präambel des Dokuments, stellt der Vertrag Grundpfeiler für die zukünftigen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen auf. Heute gestaltet er, unter anderem als Basis für rund 400 Städtepartnerschaften und zahlreiche deutsch-polnische Organisationen, die Beziehung zwischen beiden Staaten aktiv mit.

Kinderhände liegen aufeinander
© pixabay/jarmoluk

Dass ein solches Dokument 1991 überhaupt zustande kommt, ist historisch beachtlich. Denn das Misstrauen zwischen den Nationen ist zu diesem Zeitpunkt geschichtsbedingt groß. Ob Nachbarn mit einer solch belasteten Vergangenheit überhaupt freundschaftliche Verhältnisse aufbauen können, wird zum großen Fragezeichen. Doch Europa befindet sich im Umbruch: Polen entwickelt sich nach Jahren des Sozialismus zu einer Demokratie, die Bundesrepublik ist frisch wiedervereinigt. Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag spiegelt das Klima des Aufbruchs und gilt als Meilenstein der Annäherung.

Besonders einschneidend ist die Unterzeichnung des Vertrags für die deutsche Minderheit in Polen. Erstmals räumt er ihnen die vollen Rechte einer nationalen Minderheit ein: Zusicherungen bei der Sprach- und Bildungsförderung, die Möglichkeit zur Selbstverwaltung und einen sicheren Platz im polnischen Parlament. "Die Anerkennung als Minderheit zu bekommen, war ein riesiger Durchbruch", sagt Arndt Freytag von Loringhoven, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Polen, im Jahr des Jubiläums.

Die Wallfahrt am Annaberg wird zum Identifikationspunkt der deutschen Minderheit in Polen

Doch wie steht die deutsche Minderheit eigentlich heute zur deutsch-polnischen Nachbarschaft? Zum 30-jährigen Jubiläum des Vertrags ist Arndt Freytag von Loringhoven das erste Mal in seiner Amtszeit nach Oppeln gereist. Die oberschlesische Stadt gilt als größtes Zentrum der deutschen Minderheit in Polen. Von dort aus kümmert sich der Verband der Deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften um die Belange der Deutschen im Land – ein politisch aufgeladener und symbolträchtiger Ort. Das zeigt auch ein Ereignis, das zeitgleich zum Eröffnungswochenende des Jugendzentrums stattfindet: die 26. Wallfahrt der Minderheiten auf dem St. Annaberg. Für viele Vertreter:innen der Bevölkerungsgruppe ist dieser Ort besonders wichtig. 1989 fand hier die erste deutsche Messe nach Kriegsende statt. Während der Schlesienaufstände galt der Annaberg als Symbol für den Konflikt zwischen den beiden Ländern. "Diese Transformation ist eigentlich das Schönste, was es gibt", so Freytag von Loringhoven.

Junge Menschen haben heute ihr eigenes Bild davon, was es bedeutet, Teil der deutschen Minderheit zu sein. Ihr Verhältnis zu Deutschland unterscheidet sich in vielen Punkten deutlich von dem ihrer Eltern oder Großeltern. Wie steht es zum Beispiel um das Bewusstsein für den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag? "Viele der erreichten Meilensteine sind für die Jugendlichen heute selbstverständlich, weil sie mit ihnen aufgewachsen sind", sagt ifa-Kulturmanager Dominik Duda, der im Rahmen des ifa-Entsendeprogramms vor Ort den Bund der Jugend der deutschen Minderheit (BDJM) bei Jugend-, Bildungs- und Medienprojekten unterstützt. Dennoch sei es gerade für junge Menschen aus der deutschen Minderheit wichtig, sich mit dem besonderen Verhältnis der beiden Nationen auseinanderzusetzen. "Sie leben in Oberschlesien – und damit in zwei Welten. Sie können aus beiden etwas für sich gewinnen."

"Ohne neue Chancen für die Jugend der deutschen Minderheit kann keine Jugendarbeit stattfinden"

In diesem Bestreben unterstützt das neu eröffnete Zentrum in Oppeln junge Menschen gezielt: Am Eröffnungstag ist die Begegnungsstätte, ins Leben gerufen von Verband der Deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften, voller Aufbruchsfreude. Dominik Duda moderiert den offiziellen Teil der Feierlichkeiten. "Das Jugendzentrum ist ein großer Schritt dahin, anzuerkennen, dass ohne neue Chancen für die Jugend der deutschen Minderheit keine Jugendarbeit stattfinden kann", sagt er im Anschluss.

Diese Möglichkeiten sind hier geschaffen worden: In einem Lernraum können Jugendliche der deutschen Minderheit zum Beispiel an verschiedenen Workshops teilnehmen. Außerdem sollen die Redaktion der Jugendbroschüre "Antidotum" und das Projekt "Jugendpunkt", beides Initiativen des ifa-Partners "Bund der Jugend der Deutschen Minderheit", hier ihren Sitz bekommen. "Vor allem soll das Zentrum aber ein Ort sein, wo Jugendliche ihre Freizeit gestalten und an Projekten und Initiativen der Deutschen Minderheit teilnehmen können", sagt Beata Sordon.

Die aktive, kreative Arbeit mit jungen Menschen beeindruckt auch den deutschen Botschafter bei seinem Besuch in Oppeln: "Die Minderheiten sind sehr aktiv in ihrem Engagement für den Erhalt von Sprache, Kultur und Identität", sagt er. "Besonders positiv waren für mich die Gespräche mit den Jugendlichen. Sie vermitteln ein modernes Bild der Minderheitenidentität, das mir Hoffnung für die Zukunft macht."

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