Pride weltweit



Das CrossCulture Programm des ifa ermöglicht LSBTTIQ*-Aktivist*innen weltweit einen gegenseitigen Austausch und fachliche Vernetzung. 2019 fand ein erster Workshop für Alumni des CrossCulture Programms statt, der sich dem Thema "Gender & Diversity" widmete und in dessen Rahmen Interviews mit den Teilnehmern entstanden sind. Ins A Kromminga aus Deutschland, Asma Abidi aus Tunesien und Omar (Name von der Redaktion geändert) aus Ägypten engagieren sich in der LSBTTIQ*-Bewegung ihres Landes und weltweit. In den Interviews erzählen sie ihre ganz eigenen Geschichten.

Die Regenbogenfahne ist das weltweite Symbol der LSBTTIQ*-Bewegung; Foto: nancydowd via Pixabay
Die Regenbogenfahne ist das weltweite Symbol der LSBTTIQ*-Bewegung; Foto: nancydowd via Pixabay

Am 28. Juni 1969 wehrten sich Transsexuelle und Homosexuelle im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York City gegen eine Razzia der Polizei. Ein Meilenstein der LSBTTIQ*1-Bewegung. Ein Jahr später, im November 1970, fand der erste Gay Pride March in London statt. Inzwischen gehen in vielen Ländern der Welt LSBTTIQ* und ihre Unterstützer während der Sommermonate auf die Straße, um an ihren täglichen Kampf für Gleichberechtigung und Akzeptanz zu erinnern. Denn auch über fünfzig Jahre nach den sogenannten Stonewall Riots werden die Rechte von sexuellen Minderheiten zum Teil massiv eingeschränkt und LSBTTIQ* sehen sich häufig alltäglichen Stigmatisierungen ausgesetzt.

Ins A Kromminga aus Deutschland: "Vielfalt ist eine Bereicherung, keine Bedrohung"

Intergeschlechtlichkeit wird häufig zusammen mit LSBTTQ genannt. Im Gegensatz zu Homosexualität und Transsexualität nimmt es in der Berichterstattung und Wahrnehmung jedoch eine eher geringe Rolle ein. Dabei werden intergeschlechtliche Kinder und Erwachsene immer noch aufgrund  ihrer  angeborenen  Geschlechtsmerkmale  diskriminiert, bis hin zu geschlechtsverändernden Maßnahmen, die ohne ihre Zustimmung vorgenommen werden. Ins A Kromminga setzt sich bei der Organisation Intersex International für die Rechte von Intersex* weltweit ein.

Zum Interview mit Ins A Kromminga

Asma Abidi aus Tunesien: "LGBTQ sind unsere Ärzt*innen, Freund*innen und Nachbar*innen"

Homosexualität kann in Tunesien laut dem Strafgesetzbuch mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden. Obwohl es selten dazu kommt, sind LSBTTIQ* in Tunesien immer noch Diffamierungen und Übergriffen ausgesetzt. Seit der Revolution 2010/2011 habe es in Tunesien viele Fortschritte gegeben und auch die globale #MeToo-Kampagne habe Menschen dazu gebracht, sich gegen Sexismus und Diskriminierung auszusprechen, sagt die Journalistin Asma Abidi. Die Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen ist jedoch ein schwieriger Prozess, bei dem Asma auch die Medien in der Verantwortung sieht.

Zum Interview mit Asma Abidi

Omar aus Ägypten: "Es gibt ein stilles Vertrauen, das die LGBT-Community vereint."

Die Nachricht ging im Herbst 2017 um die Welt: In Folge eines Konzerts der libanesischen Band Mashrou‘ Leila in Kairo wurden mehrere Menschen festgenommen. Der Sänger der Gruppe, Hamed Sinno, ist offen schwul und gilt als eine Ikone von LSBTTIQ im arabischsprachigen Raum.  Das Vergehen der Fans war es, die Regenbogenflagge, das weltweite Symbol der LSBTTIQ*-Szene, während des Konzerts zu schwenken.  Dass diese Form der Verfolgung von homosexuellen Menschen in Ägypten weitreichende Folgen haben kann, zeigt auch der Tod der Aktivistin Sarah Hegazi, die nach dem Konzert festgenommen wurde, in der Haft misshandelt worden sein soll und 2018 ins Exil nach Kanada ging. Dort nahm sie sich Mitte Juni das Leben. Systematische Angriffe auf homosexuelle Menschen sind in Ägypten alltäglich, sagt LSBTTIQ*-Aktivist Omar. Wer geoutet ist, lebt in Gefahr.

Zum Interview mit Omar


Über das CrossCulture Programm am ifa:

Berufstätigen und freiwillig Engagierten ermöglicht das CrossCulture Programm (CCP) einen Blick über den kulturellen Tellerrand! Jedes Jahr sammeln rund 80 Stipendiatinnen und Stipendiaten in Gastorganisationen in Deutschland oder in einem der über 35 Partnerländer professionelle Erfahrungen im interkulturellen Netzwerk. Durch berufsbezogene Aufenthalte fördert und befähigt das Programm insbesondere Akteurinnen und Akteure aus Kultur, Bildung, Wissenschaft, Kunst und Medien, zusammen zu arbeiten. Ziel des CrossCulture Programms ist es, zivilgesellschaftliche Netzwerke zwischen Deutschland und der Welt nachhaltig zu stärken. Das Programm wurde 2005 ins Leben gerufen und zählt inzwischen rund 700 Alumni zum stetig wachsenden Netzwerk.

CrossCulture Programm

 


1 LGBT, LGBTI+ oder LSBTTIQ - es gibt so viele verschiedene Arten, die queere Gemeinschaft weltweit zu bezeichnen, wie es Identitäten in ihr gibt. LGBT steht für lesbisch, schwul, bisexuell und transgender, aber je mehr sich die Gemeinschaft und das Verständnis für ihre Vielfalt entwickelten, desto komplexer wurde es, ihr ein Etikett aufzusetzen. Das CCP-Team möchte den verschiedenen Bezeichnungen, die die Autorinnen und Autoren für sich selbst wählen, Raum geben. Das CCP-Team selbst verwendet das Akronym "LSBTTIQ*": Die einzelnen Buchstaben stehen gegenwärtig für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer oder questioning (fragend).

Sprachlich sieht Ins A Kromminga für intergeschlechtliche Menschen in Deutschland einen Fortschritt, jedoch gibt es in Politik und Medizin noch viel zu tun. Mit der Organisation Intersex International (OII) setzt sich Kromminga für die Rechte von Inter* weltweit ein.

ifa: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen" – mit diesem Satz des Komikers Karl Valentin beginnt eine Publikation über "Inter* & Sprache", die Sie verfasst haben. Zwar haben sich intergeschlechtliche Menschen in den letzten zwanzig Jahren mehr Gehör verschafft, aber in unserer Sprache – und damit in unserer Realität – sind sie noch immer so gut wie unsichtbar. Haben wir für diese Realität noch keine Worte?

Ins A Kromminga: Das hätte ich vielleicht vor zehn Jahren gesagt, aber inzwischen haben wir im deutschsprachigen Kontext ausreichend Worte dafür – eine Sprache, die weniger medikalisiert. Früher hieß es zum Beispiel "Menschen mit Intersexualität". Das hört sich an wie eine Krankheit und letztlich beeinflusst diese Vorstellung, dass man ein Syndrom oder eine Störung hat, auch die eigene Wahrnehmung. Wir sprechen heute von Inter* oder intergeschlechtlichen Menschen. Am besten ist es, die Menschen zu fragen, wie sie angesprochen werden wollen, denn es gibt auch intergeschlechtliche Menschen, die sich als weiblich oder männlich definieren. In meinem Fall ist es weder noch. Ich würde mich als "non-binary" bezeichnen. Für meine Anrede bevorzuge ich den Vor- und Nachnamen oder den Titel "Künstler*in". In der Schriftsprache den Unterstrich oder Stern.

ifa: Seit dem 1. Januar 2019 ist es in Deutschland möglich, beim Eintrag ins Personenstandsregister neben "männlich" und "weiblich" auch die Option "divers" zu wählen – ein Meilenstein auf dem Weg zur Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt?

Kromminga: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht genug. Noch haben wir uns nicht von den medizinischen Bevormundungen befreit. Für diese Eintragung ist nach wie vor ein Nachweis durch eine ärztliche Autorität erforderlich. Für Inter* bedeutet das eine erneute Pathologisierung. Positiv ist, dass der Eintrag und die Debatte darum Sichtbarkeit erzeugt haben.

ifa: Intergeschlechtlichkeit wird häufig zusammen mit LGBTQ, also Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer genannt. Können Sie kurz erläutern, was genau Intergeschlechtlichkeit ist – insbesondere im Unterschied zu Transsexualität?

Kromminga: Intergeschlechtlichkeit beschreibt Menschen, die mit Variationen der Geschlechtsmerkmale geboren sind, die den normativen Vorstellungen von männlich und weiblich nicht entsprechen. Das kann bei der Geburt ersichtlich sein, aber auch erst im Laufe des Lebens in Erscheinung treten oder auch gar nicht. Trans*-Personen haben hingegen eine Geschlechtsidentität, die sich von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht unterscheidet. Bei Inter* werden geschlechtsverändernde Eingriffe wie Operationen meist schon im Kindesalter vorgenommen, bei Trans* wiederum können körpermodifizierende Eingriffe gewünscht sein, sind aber mit großen Hürden verbunden.

"Kunst macht nicht Sagbares sichtbar."

ifa: Sie sind selbst bekennende Inter*Aktivist_in und verarbeiten das Thema auch künstlerisch. Welche Rolle spielt Kunst für Sie – welche kann sie für andere LGBTIQ-Menschen spielen?

Kromminga: Kunst ermöglicht einen Raum frei von Zuschreibungen. Sie macht sichtbar, was vielleicht noch nicht für jeden sagbar ist. Ich weiß natürlich, dass manche Inter*Personen durch meine Zeichnungen getriggert werden, wenn sie sich darin wiederfinden, aber selbst noch keinen Umgang damit gefunden haben. Wenn sie aber sehen, dass Themen, die sie selbst betreffen, einen öffentlichen Raum bekommen, empowert sie das. Als ich herausfand, dass ich Inter* bin, gab es niemanden, an dem ich mich hätte orientieren können. Insofern möchte ich auch Ansporn sein und andere Inter* motivieren, zu sich zu stehen und sich für ihre Rechte einzusetzen.

ifa: Am 26. Oktober wird weltweit der "Intersex Awareness Day" begangen. Er erinnert an die ersten Proteste von intergeschlechtlichen Menschen, die 1996 in Boston gegen die medizinische Behandlungspraxis von Inter* demonstrierten. Was bedeutet es heute, als intergeschlechtlicher Mensch bzw. als LGBTQ zu leben?

Kromminga: Weltweit sind wir mit Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierungen und Pathologisierungen aufgrund unserer Geschlechtsmerkmale konfrontiert. Aber wir sind keine homogene Gruppe, demnach sind auch die Erfahrungen unterschiedlich. Bei Inter* ist das Problem, dass jene, die bei Geburt oder in der Kindheit als intergeschlechtlich auffallen, mittels chirurgischer und medikamentöser Eingriffe unsichtbar gemacht und an die Erscheinungsformen "männlich" und "weiblich" angepasst werden – ohne ihre Einwilligung. Seit den 50er-Jahren und der verbreiteten Gendertheorie von John Money passiert das systematisch. Money vertrat die Auffassung, dass Männlichkeit und Weiblichkeit beliebig seien und man so früh wie möglich körperliche Veränderungen vornehmen müsse, damit sich die Person dann mit dem zugewiesenen Geschlecht identifiziert. So einfach funktioniert das natürlich nicht. Geschlechtsverändernde Operationen finden auch in Indien oder in afrikanischen Ländern statt, aber dort haben sie eine ganz andere Bedeutung, weil nicht jeder Zugang zu medizinischer Versorgung hat. In einigen afrikanischen Ländern kann eine Medikalisierung vor Kindsmord bewahren und somit Leben retten. Das ist eine andere Strategie, aber natürlich nicht die Lösung.

ifa: Die Natur ist vielfältig, erst die Kultur kategorisiert, schränkt ein und schließt aus. Wie unterscheidet sich die europäische von anderen Geschlechterkulturen? Welche Potenziale birgt eine transkulturelle Perspektive?

Kromminga: Grundsätzlich ist das Geschlechterbild in Europa dual geprägt, aber es gibt auch Beispiele europäischer Kulturen, in denen Geschlecht nicht immer binär verstanden wurde. Es gibt alternative Modelle aus diversen Kulturen in der ganzen Welt, von den amerikanischen indigenen Kulturen bis hin zu denen in Ozeanien. Und in Südasien gibt es zum Beispiel die jahrtausendealte Kultur und Tradition der Hijra. Ich finde es allerdings wichtig, andere Kulturen und ihren Umgang mit Geschlecht nicht zu glorifizieren. Jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen und Grenzen. In der europäischen Geschichte wurden Menschen, die nicht in unsere Mehrheitsgesellschaften passten, schon immer reguliert und angepasst. Es gibt Rechtsprechungen aus dem 16. Jahrhundert, die belegen, dass Menschen per Gesetz ein Geschlecht auferlegt wurde.

"Geschlechtervielfalt sollte Schulbildung sein"

ifa: Sie sind als Awareness Raising & Campaigns Officer für die Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen Europa e.V. tätig (Organisation Intersex International Europe – OII). Welche Ziele verfolgt OII?

Kromminga: Wir setzen uns für den Schutz und die volle Durchsetzung der Menschenrechte intergeschlechtlicher Menschen in Europa und weltweit ein. Wir fordern, dass sie befähigt und bestärkt werden, die Entscheidungen selbst zu treffen, die ihre körperliche Unversehrtheit, Autonomie und Selbstbestimmung betreffen. Eine unserer Arbeitsgrundlagen ist die „Deklaration von Malta“ des dritten Internationalen Intersex Forums 2013. An deren Formulierung haben über 30 Inter*-geleitete Organisationen weltweit mitgearbeitet. Wir möchten aber auch die interessierte Allgemeinbevölkerung für die Thematik sensibilisieren. Ich persönlich finde, dass Geschlechtervielfalt Schulbildung sein sollte.

ifa: Mit welchen Methoden rückt OII intergeschlechtliche Menschen und ihre Rechte in den Fokus entscheidender Akteure, zum Beispiel in Politik, Medien und Bildung?

Kromminga: Wir bieten Trainings und Informationen zur Lebenssituation von intergeschlechtlichen Menschen und den an ihnen begangenen Menschenrechtsverletzungen und beraten EU- und UN-Institutionen in Bezug auf die Verletzung von Menschenrechten. Außerdem sind unsere Mitglieder in relevanten Arbeitsgruppen vertreten. Wir nehmen regelmäßig Stellung zu aktuellen politischen Entscheidungen und erarbeiten Kampagnen wie #MyIntersexStory. Dazu haben wir ein Buch mit 15 Geschichten veröffentlicht, die zeigen, wie der Alltag vieler Inter* in Europa aussieht.

ifa: Das Netzwerktreffen des ifa bringt LGBTIQ-Personen aus Deutschland und Ländern der MENA-Region sowie aus Zentral- und Südasien zusammen. Welche konkreten Ideen nehmen Sie mit für Ihre Arbeit bei OII?

Kromminga: Ich bin angesprochen worden, gewisse Informationen und Materialien in andere Sprachen zu übersetzen, vor allem ins Arabische. Wir fokussieren unsere Arbeit zwar auf den europäischen Kontext, aber andere Sprachräume sind enorm wichtig, auch weil es in Deutschland inzwischen eine große Arabisch sprechende Community gibt.

"Für Inter* gibt es oft keine eigene Community"

ifa: Seit 2019 ist OII selbst als Gastorganisation im CrossCulture Programm vertreten. Was hat Sie motiviert teilzunehmen?

Kromminga: Wir bekommen über diesen Austausch einen anderen Zugang zu Themen. Von unserer derzeitigen Stipendiatin aus Ägypten wissen wir, dass die Situation von Inter* und Trans* dort eine ganz andere ist. Es wird zum Beispiel kaum zwischen ihnen unterschieden. Viele Menschen der Trans*-Community sind eigentlich Inter*, aber für letztere gibt es keine eigene Community. Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir bei diesem Austausch die eigene Wertvorstellung nicht auf andere Kulturen übertragen. Wir sollten bedenken, dass unsere Sprache in den westlichen Konzepten von Schubladen funktioniert. Wenn es in den Kulturen Begriffe gibt, die in den jeweiligen Communities entwickelt wurden, sollten wir diese respektieren.

ifa: Und zum Schluss: Welche Botschaft geben Sie anderen LGBTIQ-Aktivist*innen mit auf den Weg?

Kromminga: Wir sind schon längst Teil eurer Communities. Bezieht uns ein! Wenn ihr zu Inter*-Themen arbeiten wollt, fragt uns, ob wir mitmachen wollen oder sprecht Inter*-Organisationen wie OII an. Unterstützt uns und unsere Forderungen. "Nothing about us without us".


Interview von Juliane Pfordte

Zum englischen Blogbeitrag

Über Ins A Kromminga

Ins A Kromminga ist intergeschlechtlich*er Menschenrechtsaktivist*in und Künstler*in und arbeitet für die Organisation Intersex International (OII) Europe, die für die Rechte intergeschlechtlicher Menschen kämpft. Krommingas künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erfahrungen von Inter*; sie soll Fragen provozieren und das Interesse des Beobachters wecken.