Ein Ruf nach Klarheit und Pluralität



Für die Kuratorin Sanja Kojić Mladenov am Museum für zeitgenössische Kunst Vojvodina in Novi Sad, Serbien, hat die Krise der Pandemie die Notwendigkeit einer klaren Kulturpolitik und gemeinsamer institutioneller Werte, die den demokratischen Übergang unterstützen, nur noch verstärkt.

Kunstraum des Museum of Contemporary Art of the Vojvodina, Serbien, Novi Sad
Museum of Contemporary Art of the Vojvodina, Serbien, Novi Sad, © ifa, Foto: Michael Lapuks

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihres Museums und das Konzept verändert?

Sanja Kojić Mladenov: In Serbien, wie auch in anderen Ländern, war die Phase der Pandemie geprägt von Grenzschließungen, dem Ausnahmezustand, einer Kontrolle der Bevölkerung, Bewegungseinschränkungen, Medienzensur und Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten, den Anderen, und Andersdenkende. Das Museum für zeitgenössische Kunst Vojvodina in Novi Sad operiert seit Monaten zwischen einem teilweisen und einem totalen Lockdown, arbeitet unter restriktiven Notfallmaßnahmen mit kontrolliertem physischem Kontakt, schwierigen und unsicheren finanziellen Abläufen, geschlossenen Grenzen, abgesagten oder verschobenen Programmen, keiner Möglichkeit, öffentliche Veranstaltungen zu realisieren, und mit einer stärkeren Notwendigkeit von Online-Aktivitäten.

Diese Monate haben für unser Team wichtige Fragen aufgeworfen zur Bereitschaft der Institution für neue digitale Anforderungen wie auch zur Offenheit und dem Interesse des Publikums an solchen Veränderungen. Wir denken ständig darüber nach, wie sehr der Bereich der digitalen Medien und Beziehungen die strategischen Ziele des Museums erfüllen kann und wie viel innovative und experimentelle Arbeitsmethoden beitragen können.

Wir haben festgestellt, dass für viele Museen die bestehenden digitalen Archive von Museumspublikationen, Kunstwerken, Veranstaltungen sowie Interviews und Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern, Kritikerinnen und Kritikern, sowie Theoretikerinnen und Theoretikern einen bedeutenden Anteil der digitalen Aktivität ausmachen – insbesondere bei sozialen Netzwerken. Neue Inhalte zu generieren und neue Follower zu gewinnen, ist aufgrund der Fülle an Online-Informationen schwieriger geworden. Zeitweise hatten wir auch den Eindruck, dass die Standardaktivitäten des Museums dem Gewicht und der ethischen Komponente des Moments nicht angemessen waren.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Mladenov: In den sozialen Medien gab es sehr viele unterhaltsame Inhalte während der Pandemie – Kunstwerke mit Schutzmasken oder fotografische Inhalte, welche die Kompositionen sehr bekannter historischer Werke neu interpretieren. Abgesehen von der sehr notwendigen Entspannung und Unterhaltung, welche diese Interventionen während der Zeit der Quarantäne erlaubten, hatte es irgendwie den Anschein, dass die zeitgenössische künstlerische Praxis mit diesen kontextuellen Mechanismen angemessener und passender auf die Situation der Pandemie reagieren konnte.

Durch die verschiedenen Projekte, an denen ich mitarbeite, haben sich unsere Aktivitäten erweitert, um eine intensivere Beteiligung der zeitgenössischen Kunstszene zu ermöglichen. Gespräche und Diskussionen, Texte, Interviews und prägnante künstlerische und ausstellungsbezogene Reaktionen – sowohl on- als auch offline – haben spezifische persönliche Reaktionen auf aktuelle Ereignisse ermöglicht. Wir haben auch konzeptuellen und prozeduralen Kunstwerken, die sich mit den Veränderungen im Alltag beschäftigen – wie auch aktuellen umweltbezogenen, gesellschaftlichen und politischen Problemen – einen besonderen Raum gegeben. Diese Art von Inhalten sind auf besonderes öffentliches Interesse gestoßen, erlaubten einen größeren beruflichen, lokalen und internationalen Austausch und eröffneten einen Raum, um unsere momentane Art zu arbeiten neu zu untersuchen, indem wir "schnellen" digitalen Content und intensivere Verbindungen zwischen Kunst(museum) und Leben herstellen.

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihres Museums?

Mladenov: Unmittelbar in dieser Zeitspanne gab es durch die Corona-Krise deutlich weniger finanzielle Unterstützung für die Entwicklung zeitgenössischer serbischer Kunst. Die Förderung von kulturellen Projekten des öffentlichen Sektors, inklusive der Museen, wurde gestoppt oder reduziert. Regelmäßige offene Anfragen nach finanzieller Unterstützung sind auch merklich zurückgegangen. Dies hat zu einer deutlichen finanziellen Unsicherheit für viele unabhängige Künstlerinnen und Künstler und NGOs geführt, von denen man trotz allem erwartet hat, dass sie ihre gesellschaftlichen Aktivitäten und kritische Wachsamkeit aufrechterhalten.

Nach starkem öffentlichem Druck auf das Kulturministerium durch professionelle Kunstverbände, Kultureinrichtungen und Fachleute ist ein Budget für eine kurzfristige Unterstützung unabhängiger Künstlerinnen und Künstler genehmigt worden. In diesem Sinne haben die Museen eine wichtige Rolle dabei gespielt, die lokale Kunstszene zu unterstützen. Einige Mitglieder unseres Personals sind auch einem neu gegründeten und unabhängigem Solidaritätsfonds für Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeiter beigetreten.

ifa: Wie sollten Museen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Mladenov: Die Veränderungen in der Museumsarbeit und der Beziehung zwischen der Betrachterin oder dem Betrachter und dem Kunstwerk hat das Museum vor neue Aufgaben gestellt, unter anderem jene, ein neues Publikum zu finden, Veränderungen in der Präsentation und Rezeption der Bedeutung eines Kunstwerks vorzunehmen und sich aktiver mit der gesellschaftlichen Realität zu verbinden. Heute haben Museen die Rolle eines Performers, das heißt von Interpreten künstlerischer Inhalte. Das Museum und die Kuratorinnen und Kuratoren erklären mit Hilfe moderner technologischer Mittel, digitaler Anwendungen und sozialer Netzwerke die Kunst, indem sie eine Art visuelle "Performance" für die Besucherin und den Besucher schaffen.

ifa: Welche Konzepte verfolgen Sie im Hinblick auf Zugang, Teilhabe und Interpretationen Ihrer Ausstellungen?

Mladenov: Unsere Museumsinhalte werden der Öffentlichkeit in Form von weiterbildenden und kreativen Gesprächen, Präsentationen und Workshops präsentiert, um das künstlerische Material einem erweiterten Publikum auf interaktive Art darzubieten. Multimedia ist sehr wichtig wie auch das Verständnis künstlerischer Narrative durch einen kontextuellen und interdisziplinären Zugang, unter Einbeziehung anderer Künstlerinnen und Künstler (Musikerinnen und Musiker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Tänzerinnen und Tänzer, Filmemacherinnen und Filmemacher…) wie auch Architektinnen und Architekten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Technologinnen und Technologen, sowie Ingenieurinnen und Ingenieure.  

ifa: Sehen Sie Ihr Museum als einen Ort für politischen Diskurs?

Mladenov: Die Situation der Pandemie zwingt zu einer Re-Kontextualisierung und kritischen Dekonstruktion sowie zu einem analytischen Nachdenken über den Verlauf und die Richtung zukünftiger Entwicklung. Durch ihre ständige Aufmerksamkeit und Sensibilität sind Museen für zeitgenössische Kunst Orte, die problematische gesellschaftliche Zustände und Beziehungen, wie den Anstieg von Nationalismus, Rassismus, Autokratie und Diktatur und die entsprechenden diskriminierenden Vorgehensweisen gegen den Anderen und verschiedene, verletzliche Gruppen und Minderheiten neu betrachten können – ein Trend, der sich während und in Folge der Corona-Krise nur noch verstärkt hat.

ifa: Wie können Museen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten? 

Mladenov: Der Bürgerkrieg im früheren Jugoslawien und die damit verbundenen Sanktionen und Kampagnen für Bombardierungen sorgten für eine deutliche Phase kultureller Abschottung und Isolation während der 1990er Jahre. Seitdem hat die lokale Kunstszene noch kein neues Wertesystem geschaffen, ein Umstand, der eine demokratische Transformation und den Wandel in unserer Gesellschaft behindert hat. Ungelöste und aufgestaute Probleme wirken sich direkt auf die sogenannte Kulturpolitik aus wie auch auf die Haltungen gegenüber der internationalen und/oder europäischen Kulturpolitik.

Das Fehlen einer staatlichen Strategie für die Kulturentwicklung sorgt für viel Unsicherheit in öffentlichen Kultureinrichtungen, auch im Museum für zeitgenössische Kunst Vojvodina, was die globale Kulturpolitik betrifft, europäische Ziele und Strategien oder ausländische Stiftungen, die in kulturelle Kooperationsprojekte investieren. Es werden praktisch sehr vage Botschaften übermittelt und verwirrende sowie absurde Konstrukte, die direkt beeinflusst sind von ständigen Regierungswechseln und dem Einfluss nationalistischer Politik.

Klar ist, dass durch Serbiens instabile Lage als eine Art Semi-Peripherie oder Peripherie Europas die internationale Zusammenarbeit, die auf einer supranationalen Identität beruht, für serbische Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, sowie Theoretikerinnen und Theoretiker sehr wichtig ist. Sie macht die lokale Kunstszene für das Ausland sichtbarer, hilft uns, neue Inhalte zu präsentieren und schafft Wissen über neue Methoden, Vorgehensweisen und Phänomene.

Von besonderer Bedeutung ist die Erneuerung des Netzwerks der Kolleginnen und Kollegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, mit dem wir eine enge künstlerische und soziale Erfahrung teilen, und mit dem der Prozess der Versöhnung von größter Bedeutung ist. In den letzten Jahrzehnten war unser Museum immer präsenter bei regionalen Treffen und Projekten und ich habe selbst mehrere solcher Initiativen für Austausch und Zusammenarbeit initiiert.

Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß supranationale Projekte von den herrschenden staatlichen Strukturen unterstützt werden, und zu welchem Grad sie Gegenstand persönlicher Kämpfe und Wünsche von Individuen sind, die oftmals in ihren Bemühungen, lokale Grenzen zu überwinden, marginalisiert werden. Das Problem von Museen in Übergangsgesellschaften besteht im Mangel an Kontinuität in ihrer Arbeit, die jedoch entscheidend dafür ist, international sichtbar zu werden und Netzwerke der Zusammenarbeit auszubauen.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Mladenov: Museen für zeitgenössische Kunst sollten im Wesentlichen zugängliche und offene Räume für Recherche, Präsentation, Historisierung und Aufwertung künstlerischer Praktiken im Kontext von sich wandelnden sozialen Trends darstellen. Als institutionalisierte Räume für die Stärkung von kritischem Bewusstsein, Meinungspluralismus, Dialogen sowie experimentellen und riskanten Aktionen streben sie eine Emanzipierung und Demokratisierung der Gesellschaft an.