Ein menschlicher Raum



Der Window Project Contemporary Art Space in Tbilisi hat während des Lockdowns mehr digitale Hilfsmittel genutzt, hält aber nach wie vor an der Idee eines demokratischen physischen Raums für gesellschaftliche und künstlerische Begegnung fest.

Window Project
Window Project; © Window Project

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihrer Galerie und ihr Konzept verändert?

Tamuna Gvaberidze: Der Window Project Contemporary Art Space in Tbilisi musste mit denselben Beschränkungen leben wie viele andere weltweit. Viele Pläne mussten geändert werden und wir begannen, darüber nachzudenken, wie wir arbeiten können, wenn diese Situation noch lange anhalten wird. In unserem Bereich braucht es ein Publikum in einem physischen Raum. Nichts kann dies ersetzen. Ganz gleich, wie sehr wir digitale Kanäle nutzen – Museen und Galerien sind Räume, in denen es nicht nur darum geht, Kunst zu entdecken, sondern sie sind auch Orte des Zusammenkommens. Es sind Orte, an denen Menschen interagieren und Kontakte knüpfen. Zu Beginn der Krise waren wir also ziemlich schockiert; Kunst ohne ein Publikum war schwer vorstellbar.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Gvaberidze: In Georgien durften Museen und Kulturorganisationen erst im Juli wieder öffnen. Davor begannen wir damit, Online-Medienplattformen zu nutzen, um Ausstellungen mit 3D-Modellierung zu präsentieren, die es Menschen erlaubten, uns virtuell zu besuchen. Die Situation forderte uns dazu heraus, mehr technische Hilfsmittel zu nutzen, die wir nun auch in Zukunft als zusätzliche Ressource einsetzen werden. Eine Krise kann manchmal auch als Chance gesehen werden. Unsere lokale Öffentlichkeit wird die gleiche bleiben und vielleicht wird die eingeschränkte Zahl an Besucherinnen und Besuchern während der Öffnungszeiten den Menschen helfen, die Kunst besser zu sehen. Gewöhnlich sind Eröffnungen so überfüllt. Vielleicht wird das Ganze auch etwas Gutes haben.

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihrer Galerie?

Gvaberidze: Bei Window Project, was ein projektbasierter Ausstellungsraum ist, besteht die wichtigste gesellschaftliche Aufgabe darin, ein demokratischer Raum zu sein. Mit jeder Ausstellung geht es vor allem darum, diese Botschaft zu vermitteln.

ifa: Wie sollten Kunstinstitutionen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Gvaberidze: Wenn man einen Raum betritt, muss die Ausstellung als ein Gedicht präsentiert werden. Sie muss dir eine Geschichte mit Anfang und Ende erzählen.

ifa: Welche Konzepte verfolgen Sie im Hinblick auf Zugang, Teilhabe und Interpretationen Ihrer Ausstellungen?

Gvaberidze: Das Wichtigste ist das Projekt und die Idee hinter dem Projekt sowie das Bauen von Brücken zwischen alten, vergessenen Künstlerinnen und Künstlern und neuen Kreativen. Wir laden auch junge Künstlerinnen und Künstler dazu ein, sich an der konzeptuellen Entwicklung des Designs einer Ausstellung zu beteiligen, etwa an der Kunst der Rahmung und der Präsentation von Materialien.

ifa: Sehen Sie Ihre Galerie als einen Ort für politischen Diskurs?

Gvaberidze: Ja, ich kann unseren Raum als Teil eines politischen Diskurses sehen. Zeitgenössische Kunst ist zeitgenössisches Denken – verschiedene Proteste oder Ideen auszudrücken und zu übersetzen. Diskurse werden in einer Vielzahl verbaler oder visueller Texte zum Ausdruck gebracht.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Gvaberidze: Die wichtigste Aufgabe eines Museums besteht darin, ein Ort zu sein, an dem wir Kunst entdecken und Wissen aufnehmen können, und wo Menschen sich treffen oder ihre Zeit damit verbringen können, in einer inspirierenden Umgebung andere Dinge zu tun. Keine digitale Plattform und kein digitaler Raum wird den physischen Raum ersetzen, der für die Menschheit so wichtig ist.


Tamuna Gvaberidze ist die Gründerin von Window Project

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Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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