Die Krise als Besinnungsphase



Das Kunstmuseum Stuttgart nutzt die Krise, um Konzepte zu hinterfragen, Ausstellungen neu zu denken und verborgene Sammlungsbestände zugänglich zu machen.

Die Secret Walls Gallery des Kunstmuseums Stuttgart im Bonatzbau, Hauptbahnhof Stuttgart.
Secret Walls Gallery, Bonatzbau, Hauptbahnhof Stuttgart; © Kunstmuseum Stuttgart

ifa: Wie geht es Ihrer Institution seit und in der Krise? Wie verändert die aktuelle Situation die Arbeit Ihres Museums und seine Konzeption?

Ulrike Groos: Die Krise hat uns unvorbereitet getroffen – wir hatten keine Ausstattung für mobiles Arbeiten und kaum Hardware für digitale Formate, das stellte uns vor Probleme. Das sind ganz basale Dinge, für die tägliche Arbeit aber unerlässlich, die mit dem Shutdown in den Blick geraten sind. Der gesamte Museumsalltag wurde durcheinandergewirbelt: Die Abstands- und Hygienekonzepte wirken sich auf die eingespielten Abläufe im Ab- und Aufbau von Ausstellungen aus, der internationale Leihverkehr hat sich verändert, Kuriere können nicht mehr ohne Weiteres anreisen. Falls die Krise anhält und davon ist leider auszugehen, muss bei der Konzeption kommender Ausstellungen außerdem bedacht werden, dass nach der Wiederöffnung die Besucherinnen und Besucher weitgehend ausblieben.

Fragen, die sich uns seit längerem stellen, erhalten nun eine besondere Relevanz: Sind kostspielige und aufwendige sogenannte "Blockbuster-Ausstellungen" aktuell noch zu rechtfertigen? Insbesondere dann, wenn nur noch Wenige in Museen gehen oder gehen können? Ist nicht besonderes Fingerspitzengefühl in der Konzeption geboten, wenn derzeit viele Menschen finanziell und gesundheitlich unter der Krise leiden? Können und sollten wir die Krise nicht als Besinnungsphase nutzen und unsere reichen Sammlungen wiederentdecken?

Auch zeigten die letzten Monate die Fragilität des Kulturbetriebs auf. Für alle, die keine Festanstellung in einem Museum haben, wurde der Lockdown schnell existenzbedrohlich. Die prekären Verhältnisse, unter denen Freiberuflerinnen und Freiberufler zum Teil arbeiten, müssen zukünftig besser in der Förderpolitik Berücksichtigung finden. Es muss mehr Verantwortung für die im Kulturbetrieb Arbeitenden übernommen werden, denn diese leisten Wesentliches für die Inhalte der Vermittlung und Bildung – das muss in der entsprechenden Entlohnung Anerkennung finden.

ifa: Was betrachten Sie als die vorrangigen gesellschaftlichen Aufgaben Ihres Museums?

Groos: Die Begegnung mit Kunst, davon bin ich überzeugt, kann unser Denken bereichern: Kunst prägt den Blick auf die Welt und auf uns selbst und kann damit die Beziehungen zwischen Menschen verändern. Mit unseren Ausstellungen hinterfragen wir Bestehendes, reagieren auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, zeigen neue Perspektiven für unser gesellschaftliches Miteinander auf und sind so immer Teil eines öffentlichen und politischen Diskurses. Ausstellungen können Impulse schaffen, unsere Vergangenheit und Gegenwart neu und immer wieder anders zu entdecken und in die Zukunft weiterzudenken. Ich meine hier etwa unsere Ausstellung "Der Traum vom Museum 'schwäbischer' Kunst. Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus", die sich kritisch mit unserer Sammlung im Dritten Reich auseinandersetzt und dabei zugleich die Geschichte der Institution neu schreibt.

ifa: Welche Konzepte verfolgen Sie hinsichtlich der Zugänglichkeit und Partizipation zu Beständen, zu Wissen und zu Lesarten?

Groos: Das Kunstmuseum Stuttgart befindet sich derzeit in einem umfassenden digitalen Transformierungsprozess, in dem neue Angebote entwickelt werden. Ein Schwerpunkt dieser Angebote ist es, verborgene Bestände zugänglich zu machen. Durchschnittlich können aktuell weniger als zwei Prozent des Sammlungsbestandes in der Dauerausstellung öffentlich sichtbar gemacht werden. Allein die Digitalisierung wird für alle – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende sowie allgemein Interessierte, Schülerinnen, Schüler und Kinder – einen barrierearmen Zugang zu sämtlichen Objekten und das Wissen um diese Objekte ermöglichen.

ifa: Museen übernehmen heutzutage sehr viele und unterschiedliche Funktionen. Wie würden Sie definieren, was das Museum heute ist oder sein sollte?

Groos: Das Kunstmuseum Stuttgart ist ein lebendiger Ort, offen und transparent für alle – das ist meine Vision eines Museums. Und es ist ein Ort, der Kreativität und ästhetische Erfahrung fördert sowie unsere Vorstellungswelten erweitert. Ich verstehe unser Museum als eine vielfältige und weltoffene Plattform des miteinander und voneinander Lernens; es lädt zu Begegnungen ein, die inspirieren, begeistern aber auch irritieren und Fragen hinterlassen können.

ifa: Wie sprechen Sie unter den veränderten Bedingungen Ihr Publikum an? Welches Publikum erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrem Publikum?

Groos: Partizipation und Teilhabe sowie die Vermittlung von Kunstwerken soll trotz geltender Abstandregelungen und Hygienemaßnahmen kurz- wie langfristig sichergestellt und ermöglicht werden. Die Auseinandersetzung vor und mit den Originalen im Museum ist weiterhin die conditio sine qua non – gleichzeitig ermöglichen uns digitale Formate ein diversifiziertes Angebot, unterschiedliche Rezeptionsverhalten zu berücksichtigen und individuell zugeschnittene Zugänge zur Kunst anzubieten.

Rückblickend war es wichtig, auf die veränderte Situation rasch und kreativ zu reagieren. Wir haben durch sensorische Automation die Versuchsstationen im "Mitmach-Labor" zur Op Art-Ausstellung "Vertigo" berührungsfrei und damit hygienisch umgestaltet. Schon während des Shutdowns wurden ein digitaler Rundgang durch die Sammlungsräume sowie eine Videoreihe mit Blicken hinter die Kulissen unseres Museums realisiert. Dadurch konnten wir in veränderter Form den Kontakt zu unserem Publikum aufrechterhalten.

Für die nahe Zukunft freuen wir uns über unsere Besucherinnen und Besucher der am 26. September eröffnenden Ausstellung "WÄNDE / WALLS", die der künstlerischen Beschäftigung mit der Raumgrenze Wand seit den 1960er-Jahren nachspürt. Die Kooperationsausstellung "Graffiti im Kessel" im StadtPalais – Museum für Stuttgart nimmt die Entwicklung des Graffitis in Stuttgart und damit die Gestaltung von Wänden im Außenraum in den Blick.

Bereits im August stellte die Deutsche Bahn zum Auftakt des Projekts "WÄNDE / WALLS" die Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Stuttgart für eine spektakuläre Sprayaktion zu Verfügung.
Damit werden unterschiedliche Perspektiven auf die Wand als Medium geworfen. Wir hoffen auf ein vielseitiges und diverses Publikum, das an den drei Ausstellungsorten neue Entdeckungen macht.

Ein vielseitiges Begleit- und Vermittlungsprogramm mit Führungen, Workshops für unterschiedliche Altersgruppen, Künstlergesprächen, Vorträgen und Filmvorführungen wird unter den jeweils gültigen Corona-Richtlinien realisiert. Daneben haben wir auch andere Formate der Ansprache entwickelt. Es wird kurze Filme geben, die Themen der Ausstellung vertiefen und in denen Künstlerinnen und Künstler zu Wort kommen, die vor Ort ihre Wandarbeiten entwickeln.


Dr. Ulrike Groos ist Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart

MuseumsNow

Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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