Das Museum verändert sich ständig



Am Moskauer Museum für Moderne Kunst lehnt Vasili Tsereteli, künstlerischer Direktor des Museums, feste Definitionen der Funktion eines Museums ab und stellt den Fluss der Ideen und eine kollaborative Ausstellungspraxis in den Vordergrund.

Moskau Museum für Moderne Kunst
Moskau Museum für Moderne Kunst; zur Verfügung gestellt vom MMOMA Pressedienst

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihres Museums und das Konzept verändert?

Vasili Tsereteli: Es war eine harte Zeit für unser Museum wie auch für jede andere Institution, die direkt mit der Öffentlichkeit arbeitet. Wie unsere Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt mussten wir anfangen, in einem Online-Umfeld zu arbeiten, woran sich unser Team ziemlich schnell gewöhnt hat. Vor allem konzentrierten sie sich auf ein digitales Museumsprogramm online, auf die Gestaltung von Online-Ausstellungen, auf Bildungsprogramme, Kommentare zu Sammlungen und interaktive Diskussionen. Diese Programme zogen ein breites Publikum an und unsere Online-Präsenz verdoppelte sich. Unser gesamtes Personal empfand es als eine große Herausforderung, auf Zoom-Konferenzen umzusteigen und direkt über Online-Plattformen weiterzuarbeiten. Seitdem wir unser Museum am 16. Juni wiedereröffnet haben, haben wir die effektivsten Vorgehensweisen unserer Online-Erfahrung umgesetzt und ebenso unsere Online-Präsenz aufrechterhalten. Insbesondere all die interessanten Programme, die wir während der Zeit der Quarantäne entwickelt hatten, bleiben durch unsere Webseite, durch YouTube und andere Plattformen weiter für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir werden sicherlich weiter an beiden Aspekten arbeiten: online und offline.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Tsereteli: Zunächst einmal versuchten wir eine Verbindung mit unserem engagierten Publikum herzustellen und die Menschen in der Zeit des Lockdowns durch digitale Programme und Online-Präsentationen unserer Ausstellungen (insbesondere "MMOMA 99-19", unsere große Sammlungspräsentation zum 20. Jubiläum) mit Kunst beschäftigt zu halten. Gleichzeitig erschlossen wir dank der verschiedenen Online-Plattformen und sozialen Medien neues Publikum. Wir haben gesehen, dass unser Publikum gerne ins Museum vor Ort zurückgekommen ist. Natürlich sind die Besucherzahlen niedriger als gewöhnlich, weil wir uns an Kapazitätsvorgaben halten. Zudem inspizieren wir das Museum alle paar Stunden, ergreifen all die verpflichtenden Vorsichtsmaßnahmen, bitten unsere Besucherinnen und Besucher, Masken zu tragen und versammeln nicht mehr als fünf Menschen für eine geführte Tour. Wir versuchen uns an diese neuen Normen anzupassen und gleichzeitig die Erfahrungen für unser Publikum so komfortabel wie möglich zu gestalten.

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihres Museums?

Tsereteli: Die vorrangige gesellschaftliche Aufgabe unseres Museums besteht darin, Menschen zu bilden und sie mit der Geschichte der Kunst vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart vertraut zu machen. Wir glauben, dass unsere Mission darin besteht, Menschen zu lehren und zu inspirieren, etwas über die Kunst und die Sprache zeitgenössischer Kunst zu lernen und diese zu erleben, durch Kunst – und ihre Geschichten – Gemeinsamkeiten zu finden. Wir haben Ressourcen für die Öffnung eines Bildungszentrums aufgewendet, mit einer großen öffentlichen Bibliothek und einer Reihe von Programmen, unter anderem "Die Sammlung. Vantage Point (Blickwinkel)", die aus laboratoriumartigen Ausstellungen besteht, die frische und unerwartete Blickwinkel auf unsere unterschiedlichen Bestände bietet. Wir freuen uns, zu sehen, dass sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch reguläre Mitglieder der Öffentlichkeit zurückkommen, um hier zu arbeiten, dabei etwas Neues zu entdecken und somit das Museum in einen Ort zu verwandeln, an den alle möglichen Menschen kommen und die Erfahrung genießen, im ästhetischen und intellektuellen Sinn.

ifa: Wie sollten Kunstinstitutionen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Tsereteli: Unser Museum versucht, über die Zusammenarbeit mit Architekten, Kuratoren, Künstlern und unterschiedlichen Forschern, Wissenschaftlern und so weiter verschiedene Geschichten zu erzählen – je nach Ausstellung oder Thema. Wir sehen den Prozess als eine Kombination, eine Teamarbeit verschiedener Menschen aus verschiedenen Bereichen. Einige unserer Kuratorinnen und Kuratoren sind zum Beispiel eingeladene Gastkuratorinnen/-kuratoren, während wir auch interne Kuratorinnen und Kuratoren haben. Alle versuchen ihr Bestes, um die allgemeine Botschaft des Museums zu vermitteln und die spezifische Botschaft jeder Ausstellung. Andererseits sehen wir, wie unsere Kolleginnen und Kollegen in Russland und darüber hinaus, das Museum als einen Ort der Synergie zwischen dem dynamischen architektonischen Raum, den bildenden Künsten, dem Narrativ, der Forschung, der Expertise und dem vermittelten öffentlichen Erlebnis. Ein spezielles Bild oder Artefakt funktioniert am besten und wird besser verstanden, wenn es in eine solch ausgewogene Zusammenführung von Kräften eingebettet ist.

ifa: Welche Konzepte verfolgen Sie im Hinblick auf Zugang, Teilhabe und Interpretationen Ihrer Ausstellungen?

Tsereteli: Für uns ist ein nuancierter Ausblick wichtig und ein Fokus auf verschiedene Arten des Zugangs. Wir haben Programme für verschiedene Kategorien von Öffentlichkeit, alle haben eine bildungsorientierte Agenda. Wir haben Programme für Menschen mit speziellen Bedürfnissen, insbesondere für Menschen, die Probleme mit dem Sehen und Hören haben. Wir führen spezielle Führungen und interaktive Programme für Kinder durch und wir versuchen, für ein breiteres Publikum zugänglich zu sein und Vertrauen sowie langfristige Beziehungen mit einem neuen Publikum aufzubauen, damit das Museum eine Art Zuhause für jeden werden kann, der etwas über zeitgenössische Kunst lernen und diese erleben möchte. Unsere Ausstellungen und ausgestellten Sammlungen sind immer publikumsorientiert und darauf ausgerichtet, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen in die Kunst, die wir zeigen, einzuführen. In diesem Sinne streben wir danach, unsere Kommunikationsmittel immer weiter zu verfeinern und unsere Botschaft Menschen zu vermitteln, die womöglich wenig Vorwissen zu dem Material haben.

ifa: Sehen Sie Ihr Museum als einen Ort für politischen Diskurs?

Tsereteli: Das Museum beschäftigt sich mit verschiedenen Themen, aber nicht so sehr mit politischen – eher mit gesellschaftlichen. Es gibt kein Tabuthema für die Projekte oder Diskussionen des Museums. Zum Beispiel konzentriert sich die Ausstellung "MMOMA 99-19" auf verschiedene Botschaften und unterschiedliche Aspekte unseres gegenwärtigen Lebens, unter anderem soziale Spannungen. Im Laufe der Jahre hat das Museum verschiedene Ausstellungen organisiert, die vor allem auf der persönlichen Ethik des jeweiligen Kurators oder der jeweiligen Kuratorin basierten. Also ja, wir konzentrieren uns auf verschiedene Kontexte von Kreativität und den künstlerischen Prozess. Die Gesellschaft mit allen ihren Komplexitäten ist ein solcher bestimmender Kontext.

ifa: Wie können Kulturinstitutionen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten?

Tsereteli: Unser Museum beteiligt sich stark an nationalen Programmen und Städteprogrammen. Wir versuchen, eng mit den anderen Moskauer Museen zusammenzuarbeiten und auch mit Museen in anderen Teilen Russlands zu kooperieren – zum Beispiel in Magadan, in Juschno-Sachalinsk im Fernen Osten, in Jekaterinburg im Ural, in Samara an der Wolga und vielen anderen interessanten Orten. Gleichzeitig arbeiten wir hart daran, internationale kulturelle Verbindungen zu unterhalten. Selbst wenn die Restriktionen durch das Budget hart sind, versuchen wir immer, große internationale Ausstellungen ins Museum zu holen. Kürzlich zeigten wir beispielsweise die Soloausstellung von Yoko Ono und für nächstes Jahr planen wir eine Ausstellung von Michelangelo Pistoletto sowie Ausstellungen anderer Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Tsereteli: Ich glaube nicht, dass ein Museum nur durch eine Sache definiert werden sollte. Wir fühlen uns heute vielen verschiedenen Aspekten eines Museums verpflichtet. Ein Museum entwickelt sich jeden Tag, abhängig von neuen Ideen und neuen Inspirationen und den aktuellen Aufgaben. Es projiziert und reflektiert zugleich aktuelle Prozesse. Ich sehe das zeitgenössische Museum eher als einen Ort der Selbstreflexion und in gewisser Weise der Vorschau auf verschiedene gesellschaftliche und künstlerische Ideen. Wichtig ist auch, dass es einen Ort darstellt, an dem kulturelles Erbe bewahrt wird – in unserem Fall ist es das Erbe zeitgenössischer Kunst. Wir versuchen, jungen Kuratorinnen und Kuratoren sowie Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform zu bieten, um neue Narrative, Dialoge und Diskurse hervorzubringen, so dass sie herausfordernde und wichtige Fragen stellen können und so viele Menschen wie möglich in diese Unterhaltungen einbeziehen. Das Museum verändert sich ständig, also denke ich nicht, dass es eine Definition geben muss: Jede Definition schließt dich in eine Box von Beschreibungen ein. Heute ist das Museum viel mehr als ein Ort, der sich auf eine Sammlung und ihren Erhalt, auf Studium und Forschung konzentriert. Es geht darum, neue Ideen zu kreieren und neue Wege der Interpretation von Kunst aufzuzeigen und so Künstlerinnen und Künstlern zu helfen, ihre Botschaft zu vermitteln und an ein lokales, nationales und internationales Publikum weiterzugeben.


Vasili Tsereteli ist künstlerischer Direktor des Moskauer Museums für Moderne Kunst

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Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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