Nilgün Tasman, Foto: © Nilgül Tasman

Dokumentarfilm: Der Flüchtling in mir

"Auf ihren schmalen Schultern tragen sie eine schwere Last"

Die deutsch-türkische Schriftstellerin und Theaterregisseurin Nilgün Tasman arbeitet seit 2014 in der Flüchtlingshilfe. In ihrem Dokumentarfilm "Der Flüchtling in mir" begleitete sie vier Jugendliche, die nach Deutschland geflohen sind.

Ein Interview von Stefanie Alber

ifa: In Ihrem Film "Der Flüchtling in mir" begleiten Sie vier Jugendliche, die unter Lebensgefahr nach Deutschland geflohen sind. Wie haben Sie Ihre Protagonisten kennengelernt?

Nilgün Tasman: Seit 2014 arbeite ich in der Flüchtlingshilfe. Ich kenne viele Mitarbeiter, die in Unterkünften für Geflüchtete beschäftigt sind. Sevgül, eine Freundin von mir, die in der Notunterkunft für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge arbeitet, hatte kurz vor Weihnachten einen Wunsch: Sie wollte mit den Jungs, die sie betreut, in einem richtigen Restaurant essen gehen. Mein Mann und unser Freund Klaus Zellmer haben sie dann eingeladen.  So kam ich auf die Idee, die Geschichten dieser mutigen Menschen, die sich im Kindesalter für eine bessere Zukunft auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, zu begleiten und filmisch festzuhalten. Die Dreharbeiten waren sehr emotional. Die Jugendlichen haben mir ihre Geschichten mit all ihren Sorgen und Ängsten erzählt. Ich schloss sie in mein Herz und teile weiterhin ihre Sorgen. Deswegen unterstütze ich sie heute bei vielen alltäglichen Herausforderungen, wie zum Beispiel Bewerbungen schreiben, Ausbildungsplätze finden, bei Umzügen und bürokratischen Hürden helfen. Die vier Jungs tragen auf ihren schmalen Schultern eine so schwere Last. Sie sind die Hoffnung ihrer Familien und die Erwartungshaltungen an sie sind sehr groß. Zudem müssen sie ihren Alltag bewältigen: Wäsche, Haushalt, einkaufen, kochen und ihre Ausbildung machen. Sie hatten eine Kindheit im Krieg und mussten ohne Pubertät direkt erwachsen werden.

ifa: Die Parallelen zwischen der aktuellen Fluchtsituationen und der aus der deutschen Vergangenheit sind offensichtlich. Gehen Sie in Ihrem Film darauf ein?

Tasman: Während meiner Flüchtlingsarbeit wurde mir bewusst, dass Einwanderer in Deutschland immer mit den gleichen Problemen konfrontiert sind: Mit der Abwehrhaltung vieler Bürger, mit bürokratischen Hürden und dem Populismus in den Medien. Bei den Dreharbeiten in der Sana Klinik Bethesda in Stuttgart, wo ich Mitarbeiter interviewte, die nach Deutschland geflüchtet waren, hat sich eine Patientin einfach so zu Wort gemeldet. Sie sei eine Zeitzeugin aus dem Zweiten Weltkrieg und sehe nun im Fernsehen immer wieder, wie die Flüchtlinge heute genau das Gleiche durchmachen müssen wie sie damals. Durch diese Aussage hat der Film eine Eigendynamik entwickelt. Eigentlich hatte ich das nicht so geplant. Aber der Film ist ein Herzensprojekt geworden, worüber ich sehr glücklich bin.

ifa: Sie sprechen von Kultursensibilität, wo haben Sie sie schon erfahren, wo vermissen Sie sie?

Tasman: Die Globalisierung macht unsere Gesellschaft immer bunter, was ich als große Bereicherung empfinde. Jedoch wissen wir viel zu wenig voneinander! Meiner Meinung nach muss in den Schulen "kulturelle Bildung" verstärkt gelehrt werden, damit wir bereits im Kindesalter mehr Verständnis und Toleranz lernen. "Kultursensibilität" ist auch in der Pflege und in Gesundheitseinrichtungen  ein großes Thema. Mein erster Dokumentarfilm "Bittersüße Reise" zeigt die Nöte von ehemaligen Gastarbeitern, die nun in einem Alter sind, in dem sie fremde Hilfe brauchen. Doch in Alten- und Pflegeheimen gibt es kein Angebot für muslimische Bewohner. Auch Krankenhäuser und Arztpraxen stehen in Bezug auf muslimische Patienten vor einer großen Herausforderung.

ifa: Sie sind im Kultursektor sehr erfolgreich, ein Buch, ein Theaterstück, ein weiterer Film, was verbindet Ihre Werke?

Tasman: Das Ziel meiner Projekte ist immer einen Beitrag zur Völkerverständigung und Toleranz zu leisten.

ifa: Auf welche künstlerische Arbeit von Ihnen dürfen wir in der Zukunft gespannt sein?

Tasman: Da die Ideen und Projekte stets mich finden, bin ich auch sehr gespannt, was als nächstes kommt. Kismet!

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Foto: Steve Wafula (CC0), via Unsplash

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Der Flüchtling in mir

Dokumentarfilm von Nilgün Tasman, 2017, 76 min.

Regisseurin Nilgün Tasman zeigt ein Land, das nicht zum ersten Mal mit der Herausforderung konfrontiert ist, fremde Menschen zu Freunden zu machen. Sie begleitet vier Jugendliche, die völlig auf sich allein gestellt und unter Lebensgefahr nach Deutschland geflohen sind. Als letzte Hoffnung ihrer ganzen Familie treffen sie jetzt auf eine fremde, beeindruckende Kultur, die ihnen alles abverlangt und oft auch verzweifeln lässt. Doch ihre Hoffnung auf ein besseres Leben ist unerschütterlich und sie geben nicht auf.