CrossCulture Programm Stipendiatin Ghada Al Muhanna im Portrait; Foto: ifa/ Kolle
CrossCulture Programm Stipendiatin Ghada Al Muhanna im Portrait; Foto: ifa/ Kolle

"Wir kämpfen, um Männern zu zeigen, dass wir gleichwertig sind"

Ghada Al Muhanna kam als Stipendiatin des CrossCulture Programms nach Deutschland und arbeitete im Frühjahr 2018 am Berliner Forschungsinstitut Stiftung Wissenschaft und Politik. In ihrer Heimat Saudi Arabien forscht sie am Gulf Research Center in Jeddah zu Konflikten im Nahen Osten und zu Themen der globalen Sicherheit. Juristische Fragestellungen hat Ghada Al Muhanna sowohl aus westlicher, wie auch aus saudischer Perspektive kennengelernt. Während des CrossCulture Workshops im Februar 2018 hatten wir Gelegenheit mit ihr über politische und soziale Entwicklungen in Saudi Arabien, Vorurteile und den weiblichen Kampf um Gleichberechtigung zu sprechen.

Interview von Rebecca Kühl

ifa: Innerhalb des letzten Jahres erhielten Frauen in Saudi Arabien einige neue Rechte: Demnach dürfen sie nun Auto fahren, dem Militär beitreten, Sportstätten sowie Kinos besuchen. Weitere Gesetzesänderungen sind in Planung. Wird Saudi Arabien liberaler? 

Ghada Al Muhanna: Das ist eine schwierige Frage, weil liberal hier im Sinne eines westlichen Liberalismus gemeint ist. Ich glaube, dass dies in Saudi Arabien nicht anwendbar ist. Die Hintergründe sind extrem unterschiedlich. Deshalb würde ich den Begriff modern bevorzugen, welcher stärker auf Urbanisierung und das Wirtschaftswachstum abzielt. Dieser Begriff passt eher für unseren Staat. Saudi Arabien ist sehr stolz auf seine Identität. Dennoch öffnet sich das Land einem neueren Lebensstil.

ifa: Die politischen und sozialen Entwicklungen in Saudi Arabien werden von westlichen Ländern genau verfolgt. Welche Motivation liegt diesen Veränderungen zu Grunde?

Al Muhanna: Um Prinzessin Reema bin Bandar bin Sultan zu zitieren: "Wir verbessern unser Land nicht für irgendjemanden. Wir tun es für uns selbst." Dem würde ich uneingeschränkt zustimmen. Es mag für Menschen aus anderen Ländern langsam erscheinen, jedoch geht es hierbei nicht um sie. Wir müssen anerkennen, dass die Arabische Halbinsel eine sehr eigene Geschichte sowie Kultur hat, die schon lange vor der Gründung des Königreichs beginnt. Bis heute wollen viele Menschen diese Kultur schützen und erhalten, was ihr Recht ist. Nichtsdestotrotz haben wir mit der Zeit erkannt, dass wir uns verändern müssen, um Teil der Welt zu sein, die wir auf unseren Reisen erleben. Deshalb sind die konkreten Ziele, die wir für unser Königreich erreichen möchten von Saudis selbst inspiriert und initiiert.

Sexuelle Belästigung ist ein globales Problem

ifa: Die letzten Monate waren in Europa und den USA stark von der #MeeToo Bewegung und den dadurch losgelösten Debatten dominiert. Ist sexuelle Belästigung auch ein Thema in Saudi Arabien? 

Al Muhanna: Sexuelle Belästigung ist überall auf der Welt ein Problem, so auch in Saudi Arabien. Persönlich fasziniert mich, wie dieses Thema in Saudi Arabien auf Twitter aufgegriffen wird. Viele Frauen und Männer schreiben darüber, wie sie als Kinder oder Erwachsene sexuell missbraucht wurden. Dies tun sie sowohl anonym wie auch unter ihren richtigen Namen. Manche sprechen in diesem Kontext gar über Männer der Religionspolizei und deren Praktiken einer Personenüberprüfung. 

ifa: Einige saudische Frauen wurden von der Religionspolizei belästigt?

Al Muhanna: Es ist problematisch hier zu verallgemeinern, da ich absolut sicher bin, dass ein Großteil dieser Personen aus religiöser Überzeugung Polizisten wurden. Dennoch kann ich aus Erzählungen und Gelesenem nicht abstreiten, dass manche Frauen - ob Saudi oder Ausländerinnen - auf die eine oder andere Art durch die Religionspolizei belästigt wurden. Wir haben unsere eigenen Herausforderungen zu bewältigen und wir versuchen positive Veränderung herbeizuführen. 

Ghada Al Muhanna präsentiert ihre Arbeit in Deutschland auf dem CrossCulture Workshop im Februar 2018; Foto: ifa/ Kolle
Ghada Al Muhanna präsentiert ihre Arbeit in Deutschland
auf dem CrossCulture Workshop im Februar 2018;
Foto: ifa/ Kolle
Ghada Al-Muhanna lachend; Foto: ifa\ Kolle

ifa: Letzten August kamen Sie erstmals nach Deutschland: Was sind die größten Unterschiede in Bezug auf Frauen im Vergleich zu Ihrer Heimat?

Al Muhanna: Ich habe das Gefühl, dass sich Frauen in Saudi Arabien gegenseitig stärker unterstützen. Als jemand der in einer segregierten Gesellschaft groß geworden ist, sind die meisten meiner Freunde weiblich. Diesen Frauen wiederum geht es genauso. Deshalb haben Frauen häufig ein großes und sehr gut etabliertes Netzwerk an Freundinnen bevor sie zum Studium an eine Universität gehen. Dies scheint mir hier nicht so zu sein. Die deutsche Gesellschaft und die Art der zwischenmenschlichen Interaktionen sind ganz anders. Während die deutsche Gesellschaft individualistischer ist, sind wir mehr gemeinschaftlich geprägt. Glücklicherweise hat mir und vielen Frauen aus meiner Familie diese gemeinschaftliche Erziehung geholfen, auch höhere Bildungsabschlüsse zu erlangen.

ifa: Was in Saudi Arabien nicht ungewöhnlich ist. Mehr Frauen als Männer besitzen dort Hochschulabschlüsse.

Al Muhanna: Ja, weil wir kämpfen, um Männern zu zeigen, dass wir gleichwertig sind. 

Vorurteile und Stereotypen

ifa: Sie haben in den USA studiert und sind viel gereist. In welcher Form sind Sie Vorurteilen und Stereotypen gegenüber Saudis begegnet?

Al Muhanna: Glücklicherweise sind Vorurteile oder Stereotype kein Dauerzustand. Wenn es jedoch vorkommt, so fällt mir auf, dass diese entweder auf Diskriminierung oder Unwissenheit basieren. Beispielsweise werde ich öfters gefragt ob ich "Ölgeld" besitze oder ein Kamel. Das ist grober Unfug. Aber es kommt natürlich auch immer darauf an, wer diese Fragen stellt. Manche Menschen sind grundsätzlich offen und möchten einfach nur mehr über mein Land erfahren. Andere wiederum wollen schlicht gemein oder verletzend sein. Leider kenne ich einige Saudis, welche vor allem mit dieser zweiten Sorte von Mensch zu tun hatten. Als Reaktion auf dieses Verhalten haben Saudis häufig die Nase voll von Vorurteilen oder Stereotypen. Deshalb versuchen viele umgekehrt diese nicht gegen Andere zu hegen. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Aber ich denke, dass wir da an einer positiven Veränderung arbeiten. 

ifa: Sie haben sich entschieden, nach Deutschland zu kommen um am CrossCulture Programm teilzunehmen. Welche Erfahrungen werden Ihnen für Ihre weitere Laufbahn als Wissenschaftlerin behilflich sein? 

Al Muhanna: Sicherlich die deutsche Perspektive. Ich lese viele wissenschaftliche Artikel aus unterschiedlichen Weltregionen. Schlussendlich bevorzuge ich jedoch meist die deutsche Herangehensweise in der Wissenschaft. Die Art und Weise, wie Artikel hier geschrieben werden, beruht auf Fakten und fühlt sich sehr ehrlich an. Diesen Ansatz der ethischen Arbeit möchte ich gerne zu Hause anwenden und vermitteln. 

 

 

Ghada Al Muhanna studierte Jura in Saudi Arabien (BA) und den Vereinigten Staaten von Amerika (MA). Seit 2016 forscht sie am Gulf Research Center in Jeddah zu den Themen Globale Sicherheit und Konflikte im Nahen Osten. Sie ist CrossCulture Programm Stipendiaten 2017 und arbeitete von Januar bis März 2018 bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die SWP berät als eigenständiges Forschungsinstitut politische Entscheidungsträgerinnen zu Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik sowie zur internationalen Politik. Ihre Arbeit adressiert in erster Linie die Bundesregierung sowie für Deutschland wichtige internationale Organisationen wie EU, NATO oder die Vereinten Nationen.

Das Gulf Research Center (GRC) ist ein Think Tank mit Forschungseinrichtungen in Saudi Arabien (Jeddah), der Schweiz (Genf) und Großbritannien (Cambridge). Das GRC wurde 2000 von Dr. Abdulaziz Sager, einem saudischen Geschäftsmann, gegründet. Es operiert auf non-profit Basis und betreibt unabhängige Forschung zu Ländern der Golfregion und den Gulf Cooperation Countries (GCC) sowie Iran, Irak und Jemen. Mit ihren Veröffentlichungen möchte das GRC die Perspektive des Arabischen Golfes auf regionale und globale Entwicklungen einbringen, sowie Policy Prozesse und Akteure positiv beeinflussen. 

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