Your City, Your Spot, Your Style. Videostill aus der Installation i:conditions. Foto: Ute Adamczewski

Urbane Kontraste: Das Leben im modernen Peking

Die Urbanisierung in China schreitet rasant voran: Mehr als die Hälfte der 1,38 Milliarden Chinesinnen und Chinesen lebt bereits in urbanen Zentren im Osten des Landes. Die neu entstehenden urbanen Strukturen definieren jedoch nicht nur den Raum neu, sondern auch die Lebensweise ihrer Bewohner. Diese sozialen Auswirkungen des modernen Städtebaus in China standen im Mittelpunkt des Projekts I:conditions. Die Berliner Künstlerin Ute Adamczewski erstellte während eines "Artist in Residence" Aufenthaltes eine Videoinstallation über neue Lebensrealitäten in Peking. Dabei wurde sie durch das Förderpgrogramm Künstlerkontakte des ifa unterstützt. Mit dem ifa sprach sie über das Projekt und ihre Eindrücke vor Ort.

Interview von Franka Bechstein

ifa: Worum geht es in Ihrer künstlerischen Arbeit und warum hat in deren Kontext China Ihr besonderes Interesse geweckt?

Ute Adamczewski
: In meiner Arbeit geht es darum darzustellen, wie sich die verändernden gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnisse im gebauten Raum spiegeln. Da sich auch Berlin in den letzten Jahren sehr stark verändert hat, sind die Tendenzen unserer Zeit dort gut wahrnehmbar. In China ist es noch deutlicher: Es hat sich in den letzten Jahren völlig gewandelt. Während gesellschaftliche und damit räumliche Veränderungen in Europa beinahe unmerklich vor sich gehen, finden sie in China im Zeitraffer statt. Die Tendenzen unserer Zeit präsentieren sich dort wie unter einem Brennglas.

In Peking werden umliegende Dörfer aufgekauft, abgerissen und mit Hochhaussiedlungen, so genannten "Compounds" bebaut, die zu einem Teil der Stadt werden. Die Dorfbewohner, bis dahin meistens Bauern, erhalten als Abfindung für den Verlust ihres Hauses eine Hochhauswohnung. Gewachsene soziale Strukturen gibt es dort nicht, denn sobald die Möglichkeit besteht, ziehen die Bewohner in die nächst bessere Hochhaussiedlung und so weiter. Für die ehemaligen Dorfbewohner ändern sich die Lebensbedingungen radikal. Das Hochhausdorf ist Teil einer marktkompatiblen Umgebung und damit ist auch der soziale Körper neuen Verhältnissen ausgesetzt. Die Einkommensverhältnisse in der chinesischen Gesellschaft waren vor der Liberalisierung der Marktwirtschaft extrem homogen. Heute sind sie extrem heterogen und für jeden sozialen Status gibt es den passenden Hochhaus-Compound. 

Unterschiedliche soziale Gegebenheiten

ifa: Wie haben Sie dieses Thema künstlerisch umgesetzt?

Adamczewski: Bei meinem Projekt I:conditions handelt es sich um eine Videoinstallation aus mehreren "Bildern", die sich der chinesischen Stadt der Gegenwart und ihren Bewohnern widmet. In einer mehrteiligen filmischen Anordnung geht I:conditions den strukturellen Veränderungen in Peking und deren Auswirkungen nach. Ich reinszeniere dabei zuvor beobachtete alltägliche Handlungsweisen zweier Protagonisten in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Freizeit. Mich hat unter anderem die Schwelle zwischen Wohnkomplex und öffentlichem Raum interessiert. Deshalb habe ich als einen Protagonsiten einen Wachmann ausgewählt, der an einer Einfahrt arbeitet. Sein sozialer Status entspricht nicht dem der Bewohner. Es ging mir darum, die wechselseitige Bedingtheit zwischen ihm und seiner Umgebung sichtbar zu machen. Bei der Arbeit trägt er eine rote Fantasieuniform, weiße Handschuhe, einen weißen Gürtel und einen weißen Helm. Die Uniform funktioniert wie eine Art Kleister zwischen ihm und der Umgebung; ohne diese wäre sein sozialer Status mit der Umgebung nicht kompatibel. Die Hochhaussiedlung besteht aus glänzenden Oberflächen, in der Mitte ein künstlicher See mit Springbrunnen, die Bäume allesamt mit Goldfolie umwickelt. 

Ein Großteil der Menschen in Peking leben in modernen Hochhaussiedlungen. Videostill aus der Installation I:conditions. Foto: Ute Adamczewski

ifa: Sie haben Ihre Drehorte und Protagonisten erst vor Ort in Peking kennengelernt. Inwieweit war es unter diesem Umständen möglich, nach einem vorgefertigten Konzept zu arbeiten?

Adamczewski: In den ersten Wochen in Peking habe ich intensiv recherchiert, um mein vorher ausgearbeitetes Konzept an die aktuelle Situation anzupassen. Um passende räumliche Situationen und die Protagonisten zu finden, war ich in verschiedenen Hochhaussiedlungen. Ich wollte die Gegebenheiten so genau wie möglich wiedergeben. Diese inhaltliche Überarbeitung war geplant, weil ich das Konzept ein Jahr zuvor geschrieben hatte und sich in China die räumlichen Verhältnisse laufend verändern. Das Konzept sah beispielsweise vor, in einer Wohnung zu filmen, in der in jedem Zimmer zehn Leute oder mehr leben. Diese Art der Vermietung gab es vor zwei Jahren noch häufig, jetzt ist es illegal und die wenigen so verbleibenden Wohnungen lassen sich aus Angst vor einer Kündigung nicht filmen. Es war auch klar, dass sich das finale Skript nach den Protagonistinnen und Protagonisten vor Ort richtet und nicht nach dem vorgefertigten Konzept. Die Anpassungen und Veränderungen haben die Arbeit bereichert und stimmiger gemacht.


Öffentliche Diskussion über urbane Räume

ifa: Sie hatten im Rahmen Ihres "Artist in Residence" Aufenthaltes die Gelegenheit, Ihr Projekt der chinesischen Öffentlichkeit vorzustellen. Wie haben die Leute vor Ort reagiert?

Adamczewski: Als ich I:conditions als noch "Work-in-Progress" im Goethe-Institut Peking vorgestellt habe, war ein chinesischer Architekt und Stadtplaner auf dem Podium. Er war sehr überrascht, eine Reflektion über etwas so alltägliches wie Hochhaussiedlungen zu sehen. Die aktuellen städtebaulichen Diskussionen drehen sich in Peking maßgeblich um den Umgang mit "Hutongs", die traditionelle Wohnbebauung mit eingeschossigen Hofhäusern oder um andere historische Stadtviertel. Es war aber leicht mit vielen Personen zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen, weil es so viele Leute betrifft – Hochhaussiedlungen aus den letzten zwanzig Jahren durchziehen ganz Peking. Insofern denke ich, dass die Arbeit den zeitgenössischen Urbanismus in China thematisiert und die dort bestehenden Verhältnisse und Kontraste wahrnehmbar macht.

Die Urbanisierung in Peking schreitet rasant voran. Videostill aus der Installation i:conditions. Foto: Ute Adamczewski

ifa: Wie haben Sie persönlich die Arbeits- und Lebensbedingungen vor Ort erlebt? Was für Eindrücke und Erkenntnisse haben Sie mitgenommen?

Adamczewski: Bei dieser Arbeit war ich den Gegebenheiten in China stark ausgesetzt. Dies lag einerseits daran, dass ich nicht nur im öffentlichen Raum gedreht habe und andererseits, dass ich mit zwei Protagonisten gearbeitet habe, die keine professionellen Darsteller waren. Ich konzentrierte mich auf deren Arbeits- und Lebensbedingungen. Bei den Dreharbeiten mit dem Wachmann war das Thema Überwachung und Zensur sehr präsent. Die Einfahrt selbst wurde, wie der gesamte "Compound" und auch seine Unterkunft im Keller mit Kameras überwacht. Probeaufnahmen, die ich mit einer kleinen Kamera aus der Hand gefilmt habe, waren unproblematisch. Als wir dann mit Stativ und weiterer Ausrüstung zum Drehen kamen, durften wir nicht filmen.
Diese Art von Grenzen hatte ich vorher nicht wahrgenommen. Die Dreharbeiten waren dann ein Versteckspiel, um seinen Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Mir wurde bewusst, dass Überwachung Teil seiner Arbeitsbedingungen ist. Die gesellschaftspolitischen Verhältnisse wurden auf diese Weise für mich spürbar. Danach schien mir Überwachung allgegenwärtig zu sein: durch die Anwesenheit von Polizei und Kameras im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße und ebenso meine Erfahrungen mit Zensur bei WeChat, der dort am meisten genutzten App.

Eine Art Konditionierung findet auch in Europa statt

ifa: Besteht aus künstlerischer Sicht für Sie ein Unterschied zwischen Projekten in China und Projekten in Deutschland?

Adamczewski: In jedem Fall besteht für mich ein Unterschied. Wenn ich in Deutschland arbeite, kann ich kritisch sein, weil ich die Verhältnisse gut kenne und mich als Teil davon sehe. In China war es nicht meine Absicht, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren, ich wollte sie verstehen und abbilden. Wenn in Europa von China die Rede ist, werden immer die Unterschiede zwischen den beiden politischen Systemen und Kulturen betont und China wird mit einer Mischung aus Faszination und Angst wahrgenommen. Die Verhältnisse dort werden aber nicht als extreme Variante einer gegenwärtigen Konditionierung gesehen, die in Form von beschleunigten, flexibilisierten und kompetitiven Lebensweisen auch in Europa stattfindet. Ich habe eher diese Ähnlichkeiten gesucht und mit ihnen gearbeitet.

ifa: Was kommt nach Ihrem Projekt? Planen Sie weitere Projekte in China?

Adamczewski: Ich werde in den nächsten Monaten die Videoinstallation fertigstellen und sie 2018 im Rahmen einer Ausstellung in Peking zeigen. Danach würde ich sie gerne auch in Deutschland und anderswo präsentieren. Ich hoffe außerdem, ein weiteres Projekt in China verwirklichen zu können. Wie die vorherigen findet es in Hochhaussiedlungen statt. Da es diese Art von Städtebau in China erst seit etwa 25 Jahren gibt, möchte ich ein "Oral-History-Projekt" realisieren, in dem die Bewohner berichten, woher sie kommen und wie sich ihr Leben durch den Umzug verändert hat.

Das Programm Künstlerkontakte des ifa unterstützt Projekte aus den Bereichen zeitgenössische bildende Kunst, Architektur, Design, Fotografie und Medienkunst. Der Schwerpunkt liegt auf dem Austausch und der inhaltlichen Zusammenarbeit zwischen deutschen Kulturschaffenden und Kulturschaffenden aus Transformations- und Entwicklungsländern. Es können Arbeitsaufenthalte und Reisen bezuschusst werden.

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