CCP Stipendiat Shahid Rehmat, Foto: ifa

Religiöse Toleranz für ein friedliches Pakistan der Zukunft

Shahid Rehmat ist der Gründer der Nichtregierungsorganisation "Youth Development Foundation" (YDF) in Pakistan. YDF initiiert Projekte für Jugendliche und junge Menschen, um soziokulturelle und religiöse Barrieren innerhalb der pakistanischen Gesellschaft zu überwinden und Wertschätzung für kulturelle Vielfalt zu vermitteln. Die Initiative setzt sich gegen gewalttätigen Extremismus und für einen Wandel in der Gesellschaft ein.

Interview von Lucie Meissner

ifa: 2010 hast Du die Initiative "Youth Development Foundation" gegründet. Was war deine Motivation?

Shahid Rehmat: Nachdem ich 2007 meinen Abschluss in Statistik und Wirtschaft an der Punjab Universität machte, begann ich in Teilzeit für ein multinationales Telekommunikationsunternehmen in Lahore zu arbeiten. Hier war ich täglichen Diskriminationen ausgesetzt, nur weil ich Teil der christlichen Minderheit in Pakistan bin. Zum Beispiel musste ich eine gesonderte Tasse zum Teetrinken benutzen. Meine muslimischen Kollegen fühlten sich wahrscheinlich nicht wohl bei dem Gedanken, dass wir die gleichen Tassen nutzten. Ich fühlte mich von diesem Verhalten beleidigt. Das ging mehrere Jahre so, sodass ich nach und nach an Selbstbewusstsein verlor. Regelmäßige Gespräche mit Freunden schärften mein Bewusstsein für Vielfalt und motivierten mich, mich mich weiter mit Themen wie Akzeptanz, Inklusion, und interkulturellem Dialog zu beschäftigen. Ich fing an, mich ehrenamtlich für verschiedene Projekte in diesen Bereichen zu engagieren, bis ich schließlich meine eigene Initiative, YDF, gründete.

ifa: Woher bekamst Du die nötige Unterstützung?

Rehmat: Es war sehr schwierig, Unterstützung von der Gemeinde, meiner Universität oder sogar von meiner Familie zu bekommen. Erst nachdem ich die Bedeutung des Themas klarmachte, hörten die Menschen zu. Ich sagte ihnen, dass junge Menschen Möglichkeiten brauchen, um sich kennenzulernen. Sie müssen lernen, dass wir vieles gemeinsam haben. Ich sagte: "Lasst uns zuerst über unsere Gemeinsamkeiten reden und sobald wir uns verstehen, können wir auch am Konflikt arbeiten". Langsam fingen die Leute an uns zu unterstützen. Zum Beispiel indem sie uns Räume für unsere Treffen zur Verfügung stellten, uns mit Verpflegung unterstützten oder Busse für unsere Diversity Tour bereitstellten.

CCP-Workshop in Stuttgart: Shahid Rehmat präsentiert seine Heimatsorganisation. Foto: ifa/Kolle

ifa: Was ist die Diversity Tour?

Rehmat: Einmal im Monat bieten wir eine Diversity Tour für 50 junge Menschen an. Wir nehmen sie mit zu religiösen Kulturstätten wie einem Hindu Tempel (Mandir), einem Sikh Tempel (Gurdwara), Kirchen und Moscheen. Dabei diskutieren die Teilnehmer gemeinsam mit den jeweiligen Religionsführern über Glaubenstraditionen, Symbole, Geschichte und Gemeinsamkeiten des jeweiligen Glaubens mit anderen Religionen. Ziel ist es, über Missverständnisse aufzuklären und die Akzeptanz füreinander zu fördern. Ich erinnere mich, wie mir ein Teilnehmer – er war Moslem –, erzählte, er fühlte sich unwohl dabei, neben einem Sikh zu sitzen. Nachdem sich die beiden gegenseitig und auch ihren Glauben kennengelernt hatten, tauschten sie Kontaktdaten und wurden schließlich Freunde. Das ist nur eine von vielen Erfolgsgeschichten, die mich motivieren weiterzumachen.

ifa: Wie erreichst du junge Menschen, sodass sie an deinem Projekt teilzunehmen?

Rehmat: Wir nutzen jede Möglichkeit, um junge Leute zu erreichen, unabhängig von ihrem Berufs- oder Bildungsstand. Wir sprechen sie zum Beispiel über Facebook an, und schicken Emails an Universitäten und Jugendorganisationen. Zusätzlich versuchen wir, Jugendliche in Kirchen und Moscheen zu erreichen und organisieren Vorstellungsevents an öffentlichen Plätzen wie Bibliotheken und Cafés.

ifa: Interreligöser Dialog ist ein heikles Thema vor Ort. Wie gewährst du die Sicherheit der YDF-Teilnehmer und Mitarbeiter?

Rehmat: Zum Beispiel, indem ich Fotos ohne Ortsangabe poste. Auch die Adresse unseres Büros veröffentliche ich nicht. Sicherheit ist ein sensibles Thema, weshalb ich generell nicht alles in sozialen Netzwerken oder auf unserer Website veröffentliche. Erfolgsgeschichten teile ich nie mit den jeweiligen Namen oder Fotos. Glücklicherweise haben wir großartige Unterstützung von den Gemeinden, der Regierung und sogar der Mehrheit der Gesellschaft.

Foto: ifa/Kolle

ifa: Was denkst du, weiß die Welt über den religiösen Konflikt in Pakistan? Wird angemessen darüber berichtet?

Rehmat: Die Medien berichten oft, ohne die Hintergründe und Ursachen zu nennen. Doch wenn man den Hintergrund näher betrachtet, findet man auch die Lösung. Ja, wir haben einen Konflikt, aber ich glaube auch, dass Konflikte neue Möglichkeiten eröffnen. Einmal habe ich ein Projekt in Sangla Hill veranstaltet, wo ein muslimischer Mob Kirchengüter niedergebrannt hatte. Die Einwohner waren noch nach Jahren traumatisiert und wollten nicht darüber sprechen, aus Angst vor der muslimischen Mehrheit und vor neuen Konflikten. Daraufhin entschied ich mich mit einigen meiner muslimischen und christlichen Freunde, dort eine Diversity Tour zu veranstalten. Einer der Teilnehmer erzählte mir, dass er Teil jenes Mobs gewesen sei, der die Gemeinschaft niedergebrannt hatte. Er habe mitgemacht, weil das der Stimmung in seinem Dorf entsprach. war und hätte nichts über das Christentum, keinen einzigen Christen gekannt. Während der Diversity Tour realisierte er, dass er falsch lag.

ifa: Wie hast Du dich dabei gefühlt?

Rehmat: Es war eine sehr starke Begegnung, weil sie mir zeigte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Diese Generation braucht Möglichkeiten für Dialog und Begegnungen. Durch Terrorismus und gewalttätigen Extremismus haben wir in den in den letzten drei Jahrzenten Tausende von Leben verloren. Und trotzdem glauben die Leute, dass interreligiöse Begegnungen, Toleranz und Akzeptanz nicht wichtig sind. Doch, wenn wir hier nicht ansetzen, können wir nicht gemeinsam etwas schaffen und es wird immer mehr Diskrimination und Konflikte geben.

ifa: Als CrossCulture-Stipendiat sammelst du gerade Erfahrungen am Berliner Forum für Religionen, einer Institution, die sehr gut zu deinem Arbeitsbereich passt. Warum genau hast du dich für eine Organisation in Deutschland entschieden?

Rehmat: Deutschland ist sehr vielfältig im Vergleich zu anderen Ländern. Es gibt viele religiöse Minderheiten. Ich beschloss, nach einer Organisation in einer so vielfältigen Stadt wie Berlin zu suchen. Es ist eine Herausforderung, drei Monate in einer fremden Welt zu leben, weit weg von meiner Frau und meinen Kindern, ohne die Sprache, die Kultur und das Essen zu kennen. Aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen. Ich freue mich darauf, ein neues Netzwerk in Deutschland für künftige Initiativen zu entwickeln und meine Erfahrung als Teil der christlichen Minderheit in Pakistan zu teilen.

ifa: Vielen Dank für das Interview!

Über Shahid Rehmat

Shahid Rehmat gehört zur christlichen Minderheit in Pakistan. Aufgrund seiner Religion erfuhr er schon mehrmals in seinem Leben Ausgrenzung. Deshalb begann er, sich mit Toleranz, Akzeptanz und interreligiösem Dialog auseinanderzusetzen. 2010 gründete er die Nichtregierungsorganisation "Youth Development Foundation". Während seines Stipendiums im Rahmen des CrossCulture Programms arbeitete Rehmat für drei Monate beim Berliner Forum der Religionen, wo er sich über interreligiösen Dialog austauschen und Kontakte zu anderen Organisationen knüpfen konnte.

Über den Konflikt in Pakistan

Seit der Verfassung von 1956 ist Pakistan eine Islamische Republik. Mehr als 95 Prozent der Bevölkerung gehören dem islamischen Glauben an. Die christliche Minderheit macht weniger als zwei Prozent der Bevölkerung aus. Gegen sie gibt es immer wieder religiös-begründete gewalttätige Anschläge. Im Alltag erleben Mitglieder der religiösen Minderheiten Ablehnung und Ausgrenzung. Zum eigenen Schutz rücken sie immer stärker in den Hintergrund der Öffentlichkeit. Da Staat und Religion in Pakistan offiziell nicht voneinander getrennt sind, greift die Regierung bei religiös motivierten Konflikten selten ein.