Der Kabarettist Steffen Möller spielt bei seinen Auftritten mit deutschen und polnischen Stereotypen. Foto: Steffen Möller

"Die Beziehungen an der Basis sind gut"

Wie kaum ein anderer bespielt der Kabarettist, Schauspieler und Bestsellerautor Steffen Möller die deutschen und polnischen Bühnen. Durch seine Auftritte, TV-Shows und Bücher wurde er schnell zum bekanntesten und beliebtesten Deutschen in Polen. Ob in Warschau oder Oppeln – an kaum einem Ort kann er unerkannt durch die Straßen gehen. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Warschau, pendelt jedoch regelmäßig im Zug nach Berlin zwischen den Kulturen hin und her. Wie sieht er die aktuelle Lage der deutsch-polnischen Beziehungen? 

Interview von Karoline Gil

ifa: Ihr Engagement um die deutsch-polnische Verständigung wurde mit dem Bundesverdienstkreuz und mit dem Richard-von-Weizsäcker-Preis der Deutschen Nationalstiftung ausgezeichnet. Haben sich aus ihrer Sicht die deutsch-polnischen Kulturbeziehungen in Anbetracht der aktuellen politischen Lage verändert?

Steffen Möller: Ich habe das Gefühl, dass die Beziehungen unten an der Basis immer noch gut sind. Nach wie vor bekomme ich viele Einladungen, um bei deutsch-polnischen Städtepartnerschaften oder Firmenevents aufzutreten. Das kann offenbar sogar die gegenwärtige polnische Administration nicht kaputt machen. Es gibt sogar einen Bereich, wo ich einen deutlichen Aufwärtstrend registriere: Deutsch-polnische Hochzeiten. Allein für 2018 habe ich schon drei Anfragen zur Moderation. Das Privatleben der Menschen ist nun wirklich die Basis der Basis – und da scheinen die Beziehungen ausgesprochen gut zu sein.

ifa: Welche Rolle können Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturschaffende spielen, um den Dialog zwischen den Gesellschaften auch unter erschwerten Rahmenbedingungen zu gestalten?

Möller: Ich arbeite zur Zeit an einem Buch über deutsch-polnische Paare. Eine gute Möglichkeit den Dialog zu fördern sind Auftritte bei deutsch-polnischen Hochzeiten. Ich sage die meisten momentan noch ab. Aber wer weiß, wenn der ganze interkulturelle Markt zusammenbrechen sollte, werde ich doch mit einem Mikrofon über die Tanzfläche hüpfen. Ansonsten gibt es natürlich auch viele andere Gelegenheiten, wo polnische Künstlerinnen und Künstler in Deutschland und umgekehrt auftreten können, sei es bei Orgelfestivals oder Jugendaustauschen.

Mit Ironie die Nachbarn kennen lernen

ifa: Was ist Ihr Rezept für einen gelungen Dialog zwischen den Nachbarn? Was können wir voneinander lernen?

Möller: Wir sollten sehen, dass die andere Seite gewisse Fähigkeiten hat, die uns teilweise fehlen. Polinnen und Polen und Deutsche ergänzen sich geradezu optimal. Wir sind uns SEHR ähnlich, aber wir haben eben doch auch ein paar Unterschiede. Emotionalität und Rationalität: Das sind jetzt ganz generell gesprochen die beiden "Pole", zwischen denen sich unsere beiden Mentalitäten bewegen. Sorry, aber ich komme noch einmal auf die Partnerschaften zurück. Jede Liebesbeziehung besteht aus zwei Elementen: aus Ähnlichkeiten und Unterschieden – und aus dem Verhältnis zwischen diesen beiden. Bei Deutschen und Polen ist es geradezu ideal austariert.

ifa: Sie spielen in Ihren Aufführungen viel mit typisch deutschen und polnischen Eigenschaften. Versuchen Sie auch solche Wir-Sie-Schemata zu durchbrechen?

Möller: Ja, na klar, Kabarett ist ein einziger Durchbruch! Und worin besteht er? In Selbstironie. Ich nehme zum Beispiel auf die Schippe, dass viele Menschen in Polen Berühmtheiten der Weltgeschichte aus ihrem Land herleiten: Marco Polo zum Beispiel – darauf weist ja schon der Name hin. Da muss ich aber leider kritisch hinzufügen, dass die allermeisten Berühmtheiten doch in einigen Fällen aus meiner Heimatstadt Wuppertal kommen, darunter Rita Süßmuth, Horst Tappert und Alice Schwarzer. 

Neugierde wecken

ifa: Sie haben durch ihre Auftritte regen Kontakt mit den in Deutschland lebenden Polinnen und Polen und den Deutschen in Polen. Welche Rolle können diese Gruppen spielen, um Brücken zwischen den Ländern zu bauen?

Möller: Das Beste, was man überhaupt machen kann ist seinen Nachbarn und Freunden viel von dem jeweils anderen Land zu erzählen. In meine Kabarettvorstellungen in Deutschland kommen viele Polinnen, die ihre Partner, Schwiegereltern oder Arbeitskollegen mitschleppen, damit die dann anschließend mal Urlaub in Krakau oder Masuren machen. Das größte Problem zwischen unseren Ländern ist nämlich nicht die Geschichte oder die Politik, sondern das Nichtwissen. Ich kenne keinen einzigen Deutschen, der es bereut hätte, Polen zu besuchen. Im Gegenteil, alle kehrten begeistert nach Hause zurück. Aber bis es soweit war, sie nach Warschau oder Danzig zu locken, vergingen manchmal viele Jahre. Zuerst Sumatra, dann Feuerland, dann Kasachstan – und nach Polen können wir doch immer noch. Ja, vielleicht ist das größte Problem unserer beiden Länder, dass wir im Zeitalter der Fernflug-Religion so nah beieinander liegen.

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