Die Fachjury des Deutschen Pavillons trauert um Henrike Naumann, die am 14. Februar 2026 unerwartet gestorben ist. Mit ihr verliert die zeitgenössische Kunst eine der analytisch prägnantesten Stimmen ihrer Generation, deren Werk ästhetische Präzision mit politischer Durchdringung verband.
Henrike Naumann hat das vermeintlich Banale, etwa Möbel, Interieurs und Designobjekte, in komplexe räumliche Erzählungen über Ideologie, Erinnerung und gesellschaftliche Prägung verwandelt. Symbole der Massenkultur stapelten und verschränkten sich zu unbehaglichen Bühnen, Bergen, Türmen und Trümmern des Alltags: Ihre Installationen machten sichtbar, wie sich politische Haltungen in Alltagsformen einschreiben.
Sie verstand Kunst als Erkenntnisform: als Mittel, historische Verwerfungen, insbesondere im Kontext der deutschen Nachwendezeit, sinnlich und zugleich radikal erfahrbar und verhandelbar zu machen. Naumann zwang uns als BetrachterInnen, genau hinzusehen, denn es war ihr sehr wichtig, über ihre Arbeit mit Menschen in den konkreten Austausch zu gehen.
In der Verbindung von Henrike Naumanns künstlerischer Praxis mit dem kuratorischen Konzept sehen wir ein außerordentliches Potenzial für den Deutschen Pavillon: die Fähigkeit, nationale Selbstvergewisserung in ihrer historischen Bedingtheit kritisch zu befragen. Gemeinsam mit Sung Tieu und unter der kuratorischen Leitung von Kathleen Reinhardt entwickelte sie bis zum Schluss einen Beitrag, der seine Wirkung über ihren Tod hinaus entfalten wird.
Dass Henrike Naumann ihr Werk für Venedig noch konzeptuell vollenden konnte, ist in dieser Trauer ein tröstlicher Gedanke. Ihr früher Tod reißt eine Lücke in eine künstlerische Praxis, die ästhetische Form als Mittel gesellschaftlicher Selbstbefragung begriff. Ihr Werk jedoch bleibt als präzise, unbequeme und notwendige Stimme unserer Zeit.
Die Jury wünscht dem kuratorisch-künstlerischen Team viel Kraft für die Umsetzung dieses bedeutenden Pavillons. Sie spricht Henrike Naumanns Familie und ihren nahen Angehörigen ihr aufrichtiges Mitgefühl aus.
Johanna Diehl, Florian Ebner, Julia Grosse, Gabriele Horn, Anh-Linh Ngo, Angelika Richter
23. Februar 2026