The Event of a Thread | Das Ereignis eines Fadens

Ulla von Brandenburg

Ulla von Brandenburg (*1974) lebt und arbeitet in Paris und Karlsruhe. Seit 2016 ist sie Professorin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. 2004 erhielt sie ihr Diplom in Freier Kunst von der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Zuvor hatte sie von 1995 bis 1998 Szenografie und Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe studiert. 
Von Brandenburg arbeitet an der Schnittstelle von Bildender Kunst und Theater. In ihren Filmen, Zeichnungen, Textilarbeiten, Performances und Installationen verwendet sie Methoden und Vorgangsweisen des Theaters und setzt sich mit gesellschaftlichen, sozialen sowie historischen Fragen auseinander. Bei von Brandenburg geraten Facetten des Bühnenhaften und Theatralischen zu Metaphern des menschlichen Zusammenlebens, in denen sie die Trennung zwischen Akteur und Zuschauer sowie Realität und Illusion immer wieder auflöst. Zentrale Motive in den Arbeiten Ulla von Brandenburgs sind neben kulturhistorischen Referenzen der Spiegel und der Schatten. Werke der Künstlerin sind international gezeigt worden, so war sie u. a. 2009 auf der Venedig-Biennale; 2011 auf der Lyon-Biennale, 2014 auf der Sydney-Biennale sowie 2016 im Centre Pompidou, Paris, und im Power Plant, Toronto, vertreten. Kommende Einzelausstellungen sind in der Produzentengalerie Hamburg und der Whitechapel Gallery, London geplant (2018).

Ulla von Brandenburg: Flying Geese, 2017, Patchwork 01; Foto: Uwe Walther, © Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg: Flying Geese, 2017, Patchwork 02; Foto: Uwe Walther, © Ulla von Brandenburg
Ulla von Brandenburg: Flying Geese, 2017, Patchwork 03; Foto: Uwe Walther, © Ulla von Brandenburg

Flying Geese, 2017, drei Patchworks, unterschiedliche Stoffe; Fotos: Uwe Walter, © Ulla von Brandenburg

Ausgangspunkt dieser Serie von Patchworkarbeiten ist die Geschichte der afro-amerikanischen Quilts der Underground Railroad. Dieses informelle Netzwerk geheimer Routen in Amerika wurde von versklavten Menschen afrikanischer Herkunft im frühen 19. Jahrhundert genutzt, um mit der Unterstützung von Sklavereigegnern jeder Hautfarbe und Herkunft in freie Staaten zu fliehen. Quilts wurden zum Träger kodierter visueller Informationen, die wichtige Ratschläge und Wegweiser für die Geflohenen enthielten. Sie dienten damit als geheimes Kommunikationssystem. Das namensgebende Muster der "Fliegenden Gänse" beispielsweise wird interpretiert als Richtungsweiser und als Andeutung für die geeignetste Jahreszeit für die Flucht. Von Brandenburg hat eine persönliche Beziehung zu Quilts und ist fasziniert von der Bildsprache dieser Objekte sowie ihrer Kraft, Geschichte und Geschichten zu speichern. Sie verarbeitet in ihren Kompositionen alte Kleidung, Vorhänge, Tischdecken und andere Stoffreste. Dabei verwendet sie bekannte Quiltmuster sowie althergebrachte Steppästhetiken und Nähtechniken der amerikanischen Pattern and Decoration Bewegung (1970er bis 1980er Jahre). Zugleich greift sie auf modernistische Formenrepertoire zurück und schlägt damit den Bogen zur Geschichte moderner Kunst.