The Event of a Thread | Das Ereignis eines Fadens

Judith Raum

Judith Raum (*1977) lebt als Künstlerin und Autorin in Berlin. Sie studierte Bildende Kunst, Philosophie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse in Frankfurt und New York. Ihre Malereien, Objekte, Lecture Performances und Installationen loten die Spannungen zwischen gesellschaftlicher und ökonomischer Forschung und Fragen künstlerischen Begehrens und Abstraktion aus. Sie hat ihre Arbeit zum deutschen Wirtschaftskolonialismus im Osmanischen Reich zuletzt u.a. im Haus der Kulturen der Welt gezeigt, im Salt Istanbul und dem Heidelberger Kunstverein. Lecture Performances und Malereien auf Textilien und zur Sozialgeschichte waren zu sehen im Piano Nobile, Genf, der Chert Gallery, Berlin, dem Kunstpavillon Innsbruck, und bei Ludlow 38, New York. Seit 2007 hat sie an verschiedenen europäischen Kunstinstitutionen unterrichtet, v.a. an der Universität der Künste in Berlin. 2015 war sie Stipendiatin an der Villa Romana in Florenz.

Judith Raum: Cotton Pieces, 2011/12, hochpigmentierte Tusche und Acryl auf Baumwolle; Foto: Uwe Walther, © Judith Raum
Cotton Pieces, 2011/12, hochpigmentierte Tusche und Acryl auf Baumwolle; Foto: Uwe Walther, © Judith Raum

Die Malerin Judith Raum begreift ihre malerische Praxis als eine forschende Praxis. In den Stoffbahnen der Installation "Disponible Teile", zu der die ausgestellten "Cotton Pieces" gehören, überträgt sie ihre Recherchen zu Textilien in Malerei. Die großformatigen Malereien überführen Auszüge textiler Geschichte in eine komplexe räumliche Darstellung sozio-ökonomischer Geschichte. Die Spurensuche beginnt in den historischen Musterbüchern des Oberfränkischen Textilmuseums Helmbrechts. Die dargestellten Textilstücke verweisen auf die Oberflächen der Stoffe, die im späten 19. Jahrhundert von deutschen Handweberinnen für den Mittleren Osten produziert wurden. Im Zuge ihrer Recherche untersuchte Raum auch Archivmaterial des Historischen Archivs der Deutschen Bank, das viele Aspekte deutschen Finanzimperialismus im Osmanischen Reich enthüllt. Ihre Arbeit zeigt auf, wie die Textilproduktion mit den Fortschritten deutscher Technologie und Industrie während des Baus der Bagdad-Bahn, mit der deutschen Baumwollproduktion in Anatolien und mit bereits bestehenden Handelsnetzen zwischen dem Osmanischen und dem Deutschen Reich verwoben ist.
Die Videoprojektion "Machine Subjectivity" zeigt Generationen von Webmaschinen: "Das Video reflektiert die Suche nach einer Sprache, die sowohl visuell als auch akustisch in der Lage ist, eine nicht-instrumentalisierende Beziehung zwischen Subjekt und Objekten abzubilden, indem Aufnahmen verschiedener Handwebstühle in Deutschland und der Türkei gezeigt werden. Es bringt Ideen zur Produktion von Subjektivität und Selbstermächtigung hervor, die sich im Arbeitsethos der Handweberinnen und ihres unternehmerischen Risikos, das auf Improvisation basiert, artikulieren." (Ausschnitt aus dem Pressetext von Ludlow 38, 2010)

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