The Event of a Thread | Das Ereignis eines Fadens

Franz Erhard Walther

Franz Erhard Walther (*1939) lebt in Fulda und ist ein Pionier der partizipativen Kunst. Nach Anfängen in der Werkkunstschule Offenbach wechselte er 1959 an die Frankfurter Städelschule. Sein malerisches Interesse war schnell erschöpft und er wollte "Zurückgehen an den Anfangspunkt, wo noch nichts geformt ist, wo es sich erst zu formen beginnt". Seine radikale Auffassung des Informel führte schließlich zur Exmatrikulation. 1962 wechselte er an die Kunstakademie Düsseldorf. Als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg hat Walther wichtige Künstler späterer Generationen geprägt. 2016 war er Aachener Kunstpreisträger mit einer Einzelausstellung im Ludwig Forum. Während der Manifesta 2016 in Zürich trugen Kellner des Park Hyatt Hotel seine orangefarbenen "Halbierte Westen". Eine Werkschau ist 2017 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid zu sehen. 2017 wurde er auf der 57. Biennale von Venedig als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Walther veränderte den traditionellen Material- und Werkbegriff, indem er den Handlungsprozess zur Grundlage seines Werkbegriffs machte: Die Handlung wurde zur "Werkform". Er entwickelt Objekte aus Baumwollstoffen, Schaumstoffen und Holz. Die textile Skulptur wurde dabei zur variablen Gestalt. Zwischen 1963 und 1969 entstanden benutzbare Objekte. Nach 1969 relativierte er den Handlungsaspekt ("2.Werksatz") zu hypothetischen Handlungsmöglichkeiten. Es entstanden "Wandformationen" mit stärker bildhaft skulpturalem Eigenwert, die einladen, das plastische Material zu entdecken.

Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969 (1), Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969 (2), Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969 (3), Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969 (4), Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walter, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Das aus Baumwollstoff genähte Buch wird hier zum "Handlungskörper" (1969). Er ist mit dem gesamten Körper "lesbar". Als wäre das Buch auf eine genau vorgeschriebene "Choreografie" zugeschnitten, wie es zu benutzen und mit welchen Bewegungsabläufen es verbunden ist. Die Maße sind vom menschlichen Körper abgeleitet. Die Entscheidungsfreiheit im Umgang liegt aber beim Einzelnen. Der Körper muss antworten und agieren, das Buch enthält Bedeutung durch die Handlung der Einzelnen. Das Buch war so konzipiert, dass die Besucherinnen und Besucher es entfalten und sich in es hineinlegen können. Die Handlung ist heute allerdings nur noch in speziellen Situationen möglich. Das Offene und Unabgeschlossene bleibt dennoch von entscheidender Bedeutung.