The Event of a Thread | Das Ereignis eines Fadens

Christa Jeitner

Christa Jeitner (*1935) lebt und arbeitet in Blumberg bei Berlin. Sie studierte seit 1954 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin und nach dortiger Exmatrikulation absolvierte sie ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin. Nach der Wiedervereinigung erhielt sie im Rehabilitierungsverfahren 1996 das Diplom für Freie Kunst/ Malerei. Zu den Ausstellungstätigkeiten seit 1961 kommen ab 1963 Museumsankäufe im In- und Ausland hinzu. Die Zeit von 1965 bis 1973 beschrieb Fritz Kämpfer, ehem. Direktor des Grassi-Museums Leipzig, mit den Worten: "Das war schon wie ein Ausstellungsverbot." Sie reiste immer wieder durch Polen und beschäftigte sich mit der Geschichte und Kultur dieses Landes. Mit einem Stipendienaufenthalt hält sie sich länger in Warschau auf, die freie polnische Kunstszene wird ihr Fenster zur Welt. Seit 1965 ist sie auch als Textilrestauratorin tätig und auf beiden Gebieten folgen wissenschaftliche Arbeit, Lehre und Publikationen. Seit 1969 ist sie bei der Aktion Sühnezeichen aktiv. Nach dem Abbruch des künstlerischen Schaffens 1990 setzte der Neubeginn 2006 mit dem Schaffenskomplex "Gegenstände und Flächen" ein; 2007 wurde eine Werkauswahl in das Archiv der Akademie der Künste in Berlin aufgenommen.

Christa Jeitner: Beduinische Erinnerungsstücke, 2009, Wasserschlauchstücke mit nachgestelltem Schutz; Foto: Uwe Walther, © (Christa Jeitner) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Christa Jeitner: Beduinische Erinnerungsstücke, 2009, Nähte eines Kamelsacks ('my mother do it for me'); Foto: Uwe Walther, © (Christa Jeitner) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Beduinische Erinnerungsstücke, 2009
Christa Jeitner: Re-Rester: Draht und Denim. Verfestigte Halde, 2016, Draht und Denim; Foto: Uwe Walther, © (Christa Jeitner) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Re-Rester: Draht und Denim. Verfestigte Halde, 2016

Verschiedene Materialien; Fotos: Uwe Walter, © (Christa Jeitner) VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Christa Jeitner arbeitet mit Hanf, Seilen, Leinenstoffen, Seide und Wollstoff, mit natürlichen Dingen und existierenden Materialien. Seit den 1960er Jahren arbeitet sie sorgsam und verantwortungsbewusst mit textilem Material: Wichtig ist, das Material nicht zu verletzen oder zu beherrschen, sondern seine ausgeprägten und unberührten Eigenschaften zu bewahren. Sie bringt auf diese Weise auch die ursprünglichen Gegenstände, ihren Gebrauchswert ans Licht. Mit einem Bewusstsein für Unversehrtheit und Erhalt setzt sie eine Vielzahl alter Techniken ein, um Strukturen zu entwickeln und das inhärente Potenzial des Materials freizusetzen. Es wundert kaum, dass sie auch als Textilrestauratorin tätig ist. Jeitner hat sich zeitlebens mit der Verarbeitung von Vergangenheit beschäftigt, unter anderem durch ihr Engagement in der Versöhnung mit Polen und der Kirchenbewegung in der ehemaligen DDR. Ihre Erinnerungsstücke scheinen menschlichen Anstrengungen und Verfehlungen zu gedenken und sie zu überschreiten. In ihren Arbeiten ergründet und reflektiert sie die Tiefenschichten menschlicher Existenz. Grunderfahrungen wie Schmerz, Trauer, Gedenken, und die Versuche der Menschen frei zu werden, sind Beweggründe und Ziel ihrer Arbeit. Nicht nur die Shoa, auch der Kreuzweg oder Arbeiten zu Laotse sind exemplarische Bilder dafür.

http://www.chr-christajeitner.de