Nordkoreanischer Soldat in der demilitarisierten Zone. Foto: Alex Knauer
Nordkoreanischer Soldat in der demilitarisierten Zone

Reise in einen "Schurkenstaat"?

Aus Nordkorea erreichen uns über die Medien immer wieder absurde Geschichten und merkwürdige Bilder. Wie es in diesem Land wirklich zugeht, das wollte Alex Knauer herausfinden und machte sich auf die Reise in die sozialistische Volksrepublik. Neben spannenden Eindrücken brachte er eine Fülle an beeindruckenden Fotografien mit, die Sie in unserer Galerie betrachten können.

Das Interview führte Dominic Konrad, Fotos von Alex Knauer

Nordkoreaner im Park. Foto: Alex Knauer
Nordkoreaner im Park.

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Herr Knauer, wie kommt man auf die Idee, als Tourist nach Nordkorea zu reisen?

Knauer: Wissen Sie, ich hatte dafür eigentlich drei Gründe. Ich habe eine Zeitlang in Japan gearbeitet und habe von Japan aus mehrere Male Südkorea besucht. Ich war ein paar Mal in Seoul und auf der Insel Jeju. Letzten Endes dachte ich mir dann: Warum besuche ich nicht auch mal Nordkorea? Der zweite Grund ist meine Herkunft. Ich bin in der ehemaligen Sowjetunion geboren und in der Perestroika-Zeit aufgewachsen. Ein bisschen habe ich ja noch von der Vor-Perestroika-Zeit mitgenommen und ich dachte, es könnte interessant sein, in die Vergangenheit zu reisen und Sozialismus pur in Nordkorea zu erleben. Zum dritten war da die westliche Berichterstattung, die diesen Staat so schlechtredet und als "Schurkenstaat" bezeichnet.  Da wird ein bestimmtes Bild von diesem Land erzeugt und das brachte mich dazu, diese Sichtweise zu hinterfragen.

ifa: Sie wollten also dieses Bild vom bösen, stalinistischen Nordkorea, das die Medien uns suggerieren, hinterfragen. Ihr Anspruch war es sozusagen, die Situation vor Ort selbst zu erfahren…

Knauer: Ja, genau. Man kann heute eigentlich nicht mehr behaupten, man bekäme aus diesem Land überhaupt keine Informationen. Denn es ist eine Tatsache – ich bin der Beweis – dass jährlich tausende Touristen in dieses Land kommen. Das heißt, Leute können dieses Land besuchen und sich ihre eigene Meinung bilden. Wie diese Meinung ausfällt, ist eine andere Sache.

ifa: Was für Vorstellung oder welche Idee von Nordkorea hatten Sie denn vor ihrer Reise?

Knauer: Ich habe mich schon vorab über das Internet informiert. Es gibt sehr viele Leute, die das Land besucht haben und im Internet darüber schreiben. Und es gibt etliche Reiseautoren oder Reiseberichte im Fernsehen. Da kann man sich eine Vorstellung verschaffen, wie es in Nordkorea aussehen könnte und wie eine Reise wohl ablaufen würde. Für mich war es interessant zu sehen, dass dieser sogenannte Schurkenstaat auch von ganz normalen Menschen bewohnt wird, die tagein tagaus zur Arbeit gehen, ihre Kinder versorgen müssen und so weiter und so fort.

Audiosaal in der Großen Studienhalle des Volkes. Foto: Alex Knauer
Audiosaal in der Großen Studienhalle des Volkes
Grillparty im Park. Foto: Alex Knauer
Grillparty im Park

ifa: Wenn Sie gerade von den Menschen sprechen: Wie schwer ist es eigentlich auf ihrer Reise gewesen, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten?

Knauer: Man muss sich natürlich fragen, mit welchen Menschen. Einerseits bin ich natürlich mit den Reiseführern konfrontiert gewesen. Sie werden den Besuchern zugewiesen und begleiten einen dann. Ich war als Einzeltourist unterwegs und hatte eine persönliche Tour mit drei Leuten, einem Fahrer und zwei Reiseleitern. Wenn wir unterwegs waren, also in Museen, Einrichtungen oder Fabriken, hatte ich natürlich auch die Möglichkeit, mit den Führern vor Ort zu sprechen. Und bei einem Spaziergang durch einen Park trafen wir einmal eine Gruppe junger Menschen, die einen Geburtstag feierten und denen wir uns spontan anschließen durften. Das war eigentlich nicht normal. Meine Reiseleiter sagten mir, dass es nicht üblich sei, dass Touristen auf "normale" Menschen treffen. Das wird nicht gerne gesehen. Die Menschen vor Ort fanden es aber ganz interessant, mal einen Ausländer kennenzulernen. Das sind normale Leute wie du und ich, die sich einfach nur über ihre Kulturen austauschen wollen.

ifa: Wie sind die Nordkoreaner Ihnen gegenüber aufgetreten? Waren sie eher zurückhaltend? Hat man als westlicher Besucher immer den Stempel des "Klassenfeindes" auf der Stirn?

Knauer: Allein aufgrund der Tatsache, dass es dort so wenige Ausländer gibt, wird man sehr beäugt. Außerdem bin ich die ganze Zeit in einem schwarzen Mercedes herumgefahren worden. Das hat natürlich dazu beigetragen, dass sie mich für etwas Besonderes gehalten haben. Als wir uns dann zu den Leuten setzten, waren sie sehr gastfreundlich. Auch die Reiseleiter waren sehr interessiert und stellten mir Fragen. Sie wollten wissen, woher ich komme und was ich denke. Es gab da schon ein sehr großes Interesse. Die Menschen auf der Straße schauten allerdings teilweise auch einfach weg. Ich sah ihnen an, dass sie interessiert waren, aber es nicht zeigen wollten.

ifa: Wie allgegenwärtig ist Kim Jong Un in Nordkorea?

Knauer: Morgens oder abends hab ich im Hotel auch mal das Staatsfernsehen angeschaltet. Und da trat Kim Jong Un tagtäglich auf. Erst liefen die Nachrichten, da war Kim Jong Un sowieso präsent. Und anschließend gab es Karaoke, zu dem sehr häufig Bilder von ihm eingeblendet wurden. In den Straßen gibt es nur wenige Bilder von ihm, denn er ist ja noch nicht so lange an der Macht. Aber es gibt Plakate, auf denen sein Name steht. Aber sein Vater und sein Großvater sind wirklich überall präsent, sowohl als Statuen, auf Gemälden oder auf Plakaten.

Kim-Il-Sung-Museum. Foto: Alex Knauer

Hobbyfotograf Alex Knauer wollte sich ein eigenes Bild von Nordkorea machen. Seine Fotos geben Einblicke in den Alltag eines unbekannten Landes.

Alex Knauer mit Hochzeitspaar vor Denkmälern der "Großen Führer". Foto: Alex Knauer
Alex Knauer mit Hochzeitspaar vor Denkmälern der "Großen Führer".

ifa: Haben ihre Reiseführer das Thema Politik aufgegriffen oder wurde da einfach nicht drüber gesprochen?

Knauer: Über Politik als solche haben wir direkt nicht gesprochen, aber wir haben schon über verschiedene Länder diskutiert, etwa über Südkorea und die Vereinigten Staaten. Ich habe von meinen Reiseleitern nichts Schlimmes über die Ausländer gehört. Nur, wenn wir in irgendwelchen Museen waren. Wir waren beispielsweise im Geburtshaus von Kim Il-Sung. Da erzählte mir die Museumsführerin die Geschichte von Kim Il-Sung und das war schon so eine Sache. Sie sprach sehr abwertend über die Japaner. Oder als ich an der innerkoreanischen Grenze war, da sprach der Offizier, der uns durch die Anlagen führte, auch über Politik. Er wollte wissen, was ich über Obama denke.

ifa: Also es war dann auch in diesem Fall mehr ein Gedankenaustausch als ein Vortrag?

Knauer: Schon. Einmal kam das Thema Südkorea auf, da sagte meine Reiseleiterin, dass sich die beiden Staaten nicht mehr annähern würden, weil sie sich einfach nicht mehr brauchen.

ifa: Jetzt sind Sie wieder zurück in Deutschland. Würden Sie sagen, dass sie einen anderen Blick auf Nordkorea haben? Wie sehen sie das Land jetzt?

Knauer: Es ist ein Regime, das die Menschen einschließt. Die meisten Koreaner haben nicht die Chance, herauszugehen und zu sehen, wie die Welt wirklich tickt. Aber ich denke jetzt auch, dass Nordkorea doch in erster Linie ein Staat ist und eben nicht nur dieses Regime. Die Menschen vor Ort sind genauso Menschen wie andernorts. Sie wollen einfach leben, genau wie alle anderen.

Alex Knauer

Alex Knauer, geboren 1979 in Kasachstan, kam 1995 mit seiner Familie nach Deutschland. Nach seinem Studium der Ostasienwissenschaften arbeitete er fünf Jahre in Japan. Heute lebt und arbeitet er in Stuttgart. Herr Knauer ist Hobbyfotograf. Weitere Eindrücke seiner Nordkoreareise gibt er auf seiner Facebook-Seite.

Kim-Il-Sung-Museum. Foto: Alex Knauer

Impressionen aus Nordkorea

Hobbyfotograf Alex Knauer wollte sich ein eigenes Bild von Nordkorea machen. Seine Fotos geben Einblicke in den Alltag eines unbekannten Landes.