MOD Buchtsaben, Artikel aus der Moskauer Deutschen Zeitung aus der Vergangenheit im Hintergrund; Foto: MDZ
Die Moskauer Deutsche Zeitung feiert dieses Jahr ihr zwanzigstes Jubiläum; Foto: MDZ

Denkstoff in zwei Sprachen

Vor zwanzig Jahren wurde die Moskauer Deutsche Zeitung (MDZ) als Sprachrohr der deutschen Minderheiten in Russland gegründet. In zwei Sprachen liefert sie Deutschen und Russen Nachrichten, Geschichten und Hintergrundinformationen aus dem jeweiligen Land. Das ifa fördert die Zeitung und ist Partner von Kooperationsprojekten, die die MDZ organisiert. Im Interview sprach die Herausgeberin Olga Martens über die Entwicklung der Zeitung, gesellschaftspolitische Gegebenheiten und das Potenzial eines zweisprachigen Mediums.

Das Interview führte Karoline Gil

Ein Portraitbild der Herausgeberin der MDZ Olga Martens; Foto: rusdeutsch.eu
Olga Martens; Foto: rusdeutsch.eu

ifa: Wie sah das Russland vor 20 Jahren aus, als die Moskauer Deutsche Zeitung gegründet wurde? Was hat sich seitdem an der gesellschaftspolitischen Situation für die deutsche Minderheit in Russland verändert?

Olga Martens: Einerseits hatten die Menschen damals viel Hoffnung auf demokratische Entwicklungen im Land: wir standen im Dialog mit der Welt. Andererseits wurde das Land in die Finanzkrise gezogen. Der "Schwarze August" 1998 brachte die Entwertung des Rubels, Banken sind Pleite gegangen, das Guthaben des Volkes wurde vernichtet. Heute hingegen sehen wir die Abgrenzug und die Ausgrenzung unseres Landes. Und in den deutsch-russischen Beziehungen fehlt mir die Ehrlichkeit, die Sachlichkeit, der Wille, das erreichte Vertrauen zu erhalten. Das wiederspiegelt sich auch in den Medien.
Für die deutsche Minderheit gibt es keine Illusionen mehr, wie es Anfang der 1990 er der Fall war. Durch die Ausreisewelle nach Deutschland haben wir uns in den letzten 20 Jahren um das zweifache verringert. Trotzdem sind wir die größte deutsche Minderheit im Ausland geblieben. Der gesetzliche Rahmen im Staat gibt uns die Möglichkeit, auf kulturelle Autonomie zu bauen. Daraus versuchen wir unser Bestes zu tun.

ifa: Was war die Motivation, die Zeitung zu gründen? Was war das Ziel?

Martens: Den Impuls zum Start gab ein starker gesellschaftspolitischer Kampf für die Stärkung der kulturellen Identität und ein Gemeinschaftsgefühl der deutschen Minderheit in Russland. Dabei kam die Idee auf, ein Medium zu gründen, das die Deutschen in Russland in der russischen und deutschen Medienlandschaft repräsentiert. Wir wollten unsere reichen Traditionen und die sehr wechselhafte Geschichte ins Bewusstsein rufen sowie unsere Bestrebungen im gesellschaftspolitischen Bereich.

Deutschland und Russland näher bringen

ifa: Mit welchem Konzept haben Sie damals begonnen? Wie hat sich die Zeitung seitdem verändert?

Martens
: Die erste Ausgabe erschien im Frühjahr 1998. Es war die Zeit der Aufbruchstimmung in Russland: die deutsch-russischen Beziehungen entwickelten sich rasant, insbesondere im Wirtschaftsbereich, deutsche Kultur-und Bildungsinstitute knüpften ihre Netze. Wir hatten am Anfang viel Unterstützung und bekamen gute Ratschläge. Die ersten beiden Redakteure, Herr Podwigin und Frau Chudikowa, waren professionelle Journalisten und haben mitgedacht und mitkonzipiert. So entstand die Pilotnummer schon am 12. April und seit Juni 1998 erscheint die MDZ regelmäßig zwei Mal im Monat. Heute sind es 16 Seiten auf Deutsch über Russland und acht Seiten auf Russisch über Deutschland. So bringen wir den Russen Deutschland näher und die deutschen Expats mit Familien lesen gerne über das Leben in Moskau und in Russland.

ifa: Warum haben Sie sich für den Titel Moskauer Deutsche Zeitung entschieden?

Martens: Wir haben uns für diesen historischen Titel entschieden, damit die reiche Tradition der deutschen Presse in Russland wiederbelebt wird. Um 1870 im Zarenreich gab es eine Zeitung mit diesem Namen. Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, wurde sie geschlossen. Wir wollten diese Ungerechtigkeit unbedingt beseitigen und diesem Titel wieder neues Leben einhauchen. Als Deutsche in Russland war und ist das für uns eine Herzensangelegenheit.

Symbolbild Zwanzig Jahre MDZ; Foto: MDZ
20 Jahre MDZ; Foto: MDZ
Tüte mit der Aufschrift "Wir stellen den Hintergrund für Sie scharf. Moskauer Deutsche Zeitung"; Foto: MDZ
Tüte der Jubiläumsfeier; Foto: MDZ

ifa: Die Zeitung erscheint auf Deutsch und auf Russisch mit jeweils unterschiedlichen Inhalten. Warum setzen Sie als Minderheitenzeitung auf Zweisprachigkeit?

Martens: Wir müssen immer im Blick behalten, dass die Deutschen in Russland stark von den deutsch-russischen Verhältnissen abhängig sind. Unsere aufklärende Mission ist es, Russen und Deutschen Denkstoff in ihren Muttersprachen zu geben. Und die deutsche Minderheit kann das aus meiner Sicht für beide Zielgruppen am Besten leisten. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die deutsche Minderheit selbst der deutschen Sprache nicht so mächtig ist, wie gewünscht. Ursache dafür ist die Vernichtungsideologie des Stalinregimes. Deswegen ist es uns enorm wichtig zweisprachig zu berichten.

Geschichten über Menschen

ifa: Gibt es einen Artikel oder ein Ereignis in der Redaktion aus den vergangenen 20 Jahren, an das Sie sich gerne zurückerinnern und das exemplarisch für die Arbeit der MDZ steht?

Martens: Für mich sind es in erster Linie die Geschichten der Menschen, die in der MDZ in einer ständigen Rubrik erscheinen. Einige davon wurden später auch für Buchpublikationen verwendet oder sogar mit Journalistenpreisen in Russland ausgezeichnet. Spannend war etwa ein Beitrag über die Ruine der lutherischen Kirche im Dorf Lipowka. Die Bewohner protestierten damals gegen den geplanten Verkauf der Glocke und riefen dadurch ein großes Medienecho hervor. Es war der Redaktion gelungen die Bewohner zu unterstützen, indem der Beitrag viele Menschen dazu bewegte, sich einzubringen und die Kirche zu erhalten. Es gab auch sehr interesante Artikel zu der Ukrainekrise, die dem Leser Stoff zum Nachdenken lieferten durch Geschichten der Russen auf der Krim, der Krimtataren, der Ukrainer. 

ifa: Wie würden Sie das Russlandbild in Deutschland und das Deutschlandbild in Russland beschreiben?

Martens: Ich zweifle daran, dass es in Deutschland überhaupt ein wirkliches Russlandbild gibt. Wenn ich die Presse in Deutschland sehe und lese, gibt es ja nur "Putinüberschriften". Es tut mir leid das zu sagen, aber es scheint, dass die journalistischen Fachkompetenzen in der deutschen Presse verloren gehen, zumindest was die Berichtersttatung über Russland angeht. Es wird nur versucht mit einem aufregenden "Putin-Begriff" zu spielen. Das Deutschlandbild ist in der russischen Presse viel positiver und breiter gestaltet. Dazu trägt auch das starke Engagement der deutschen Wirtschaft in Russland bei sowie die hohe Anerkennung der deutschen Minderheit in Russland.

Der Schlüssel ist die Sprache

ifa: Was macht die Moskauer Deutsche Zeitung, um diesen Defiziten in der Wahrnehmung entgegen zu wirken?

Martens: Die Zusammensetzung der MDZ-Redaktion ist Deutsch und Russisch. Und alle Redakteure sind zweisprachig. Das sind zwei wichtige Merkmale für eine ausgewogene Berichterstattung und für die Darstellung der russischen Gesellschaft von innen. Wichtig ist auch die Rolle der MDZ bei der Stärkung der sprachlichen Situation in Russland. Die Sprachkenntnisse und die Rolle der deutschen Sprache verlieren drastisch ihre frühere Positionen. Um über ein Land gut und tiefgreifend zu berichten, muss man die Sprache kennen.

Wie könnte der Dialog zwischen Deutschland und Russland gestärkt werden und welche Rolle spielen die deutschen Minderheiten dabei?

Martens: Mehr auf Gemeinsames bauen und nicht ständig mit Klischees arbeiten. Auch das Gute in Russland sehen, nicht nur ständig den russischen Bösewicht zeigen. Die deutschen Minderheiten haben doppelte Identitäten und fühlen sich verpflichtet zu den guten Beziehungen unserer Länder beizutragen. Dieses Gefühl und dieses Angebot der deutschen Minderheiten muss man auch im guten Sinne nutzen. Für mich ist der Schlüssel zum Dialog immer die Sprache und eine gemeinsame Geschichte. Das besitzen die deutsche Minderheiten reichlich. Und ich freue mich, dass die MDZ zu diesem Dialog beiträgt.

Jubiläumsvideo Moskauer Deutsche Zeitung

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Mit seinem Bereich Integration und Medien unterstützt das ifa deutsche Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa und in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Minderheiten, die gesellschaftlich anerkannt sind und über attraktive Programme verfügen, sind Mittler zwischen den Kulturen. Sie geben wertvolle Impulse für ein Zusammenleben in Vielfalt. Mit seinen Projekten und Programmen will das ifa zum europäischen Einigungsprozess und zu den kulturellen Beziehungen innerhalb und außerhalb Europas beitragen.

Olga Martens ist Vizepräsidentin der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) und Vizepräsidentin der Internationalen Vereinigung der deutschen Kultur (IVDK) und damit auch Herausgeberin der Moskauer Deutschen Zeitung.