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Migration als Erfolgsmodell? Ein Blick nach Subsahara-Afrika 

Seit einiger Zeit dominieren die Themen Flucht und Migration die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland. Und auch in der Öffentlichkeit werden irreguläre Migration nach Europa, die Integration von Geflüchteten und Abschiebungsregelungen immer wieder diskutiert. Die Gründe, warum Menschen ihr Heimatland verlassen, werden selten thematisiert, und Flucht und Migration oft undifferenziert gleichgesetzt. Für die ifa-Studie "Migration von Subsahara-Afrika nach Europa" hat die Kommunikationswissenschaftlerin Anke Fiedler mit Migrationswilligen gesprochen und Motive, Informationsquellen und Wahrnehmung des deutschen Engagements in Subsahara-Afrika ermittelt.

Ein Interview von Sophia Schmid und Isabell Scheidt

ifa: Aus welchen Gründen entschließen sich Menschen ihre Heimat zu verlassen?   

Anke Fiedler: Dafür gibt es viele Gründe. Bewaffnete Konflikte, Verfolgung, Krieg. Aber auch der Wunsch nach einem besseren Leben, die Perspektivlosigkeit in der Heimat, die Suche nach einem Job oder Abenteuerlust. Aber warum meinen wir mit "Menschen, die ihre Heimat verlassen" eigentlich immer Geflüchtete und Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten? Auch wir Europäer verlassen unsere Heimat und ziehen zum Beispiel nach Kanada, in die USA oder nach Australien. Warum tun wir das? Die Gründe dafür sind komplex.

ifa: Wie informieren sich Migrationswillige über Wege, Transportmöglichkeiten und über die Lebensbedingungen vor Ort?

Fiedler: In der Studie "Migration von Subsahara-Afrika nach Europa" zeigt sich, dass persönliche Kontakte die wichtigste Informationsquelle sind. Das heißt: Verwandte und Bekannte, die bereits im Ausland leben. Das bestätigen auch frühere Studien. Außerdem sind soziale Medien als Kommunikationskanäle sehr geläufig. Die meisten Migranten haben heute weitaus realistischere Vorstellungen von den Lebensbedingungen im Zielland als oftmals angenommen wird. Ebenso sind ihnen die Gefahren der Flucht bekannt.

ifa: Dennoch gelingt es nicht jedem, im Zielland Fuß zu fassen. Viele Menschen hängen in einem Transitland fest und müssen schließlich umkehren. Welche Erfahrungen machen sie bei ihrer Rückkehr ins Herkunftsland?

Fiedler: Wer es im Ausland zu etwas gebracht hat, wird dafür bewundert. Migration gilt als ein Weg zum Erfolg. Doch wer (mit leeren Händen) wieder zurückkommt, hat es oft schwer. Als "Gescheiterte" stehen sie vor der Herausforderung, sich in ihre "Community" einzugliedern. Sie gelten als Versager und sind hohem sozialen Druck ausgesetzt. Allerdings lässt sich das natürlich nicht pauschalisieren. Auch hier sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich.

ifa: Medien zeichnen gerne das Bild von "unaufhaltsam wachsenden Migrationsströmen" nach Europa. Entspricht das der Realität?

Fiedler: In den Medien wird gern die Metapher vom "vollen Boot" benutzt. Aktuelle Studien zeigen allerdings, dass beispielsweise Migration in Afrika eher intra- als interkontinental verläuft und weit weniger Migranten nach Europa kommen, als der Öffentlichkeit suggeriert wird. Die Dimension der Binnenmigration, die die Migration nach Europa bei weitem überschreitet, ist medial unter- bis gar nicht repräsentiert.

ifa: Inwiefern wird die Berichterstattung in den Medien der Vielfalt an Fluchtursachen gerecht?

Fiedler: Die aktuelle Forschung in der Kommunikationswissenschaft, etwa von Kai Hafez, Carola Richter oder Christine Horz, zeigt, dass Migranten in den Medien in der Regel eher negativ dargestellt werden. Auf die Beweggründe der Menschen wird wenig eingegangen, weshalb Migration weniger als ein komplexes soziales Phänomen abgebildet, sondern vielmehr als eine Bedrohung inszeniert wird.  

ifa: Was kann die Politik tun, um einen differenzierten Umgang mit dem Thema zu fördern?

Fiedler: Die Politik sollte sich dringend um einen Diskurswandel bemühen. Dieser beginnt zunächst bei der Sprache. Gegenwärtig werden Drohkulissen aufgebaut, die die Bevölkerung verunsichern und einen differenzierten Umgang mit der Thematik erschweren. Das ist Wasser auf den Mühlen der Populisten und wird den realen Verhältnissen nicht gerecht.

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Fiedler, Anke: Migration von Subsahara-Afrika nach Europa Motive, Informationsquellen und Wahrnehmung deutschen Engagements/Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.).-Stuttgart,2017.-54 S.- (ifa-Edition Kultur und Außenpolitik)

Fiedler, Anke: Migration von Subsahara-Afrika nach Europa. Motive, Informationsquellen und Wahrnehmung deutschen Engagements 

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