Brexit - shaken not stirred. Foto: Ungry Young Man via Flickr (CC BY 2.0)

Brexit und die Kulturbeziehungen

Am 23. Juni 2016 entschieden die Briten, die Europäische Union zu verlassen. Während die Verhandlungen langsam Fahrt aufnehmen, ist in Großbritannien weiterhin die Debatte im Gang, ob die Entscheidung richtig war. Zweifellos wird der Brexit weitreichende Konsequenzen in vielen Bereichen nach sich ziehen. In seiner Studie "The Impact of Brexit on International Cultural Relations in the European Union" untersucht Stuart MacDonald das Feld der auswärtigen Kulturpolitik. Im Interview erklärt er, was der Brexit für die Kulturbeziehungen insbesondere zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich bedeutet.

Interview von Isabell Scheidt und Sophia Schmid

ifa: Welche Auswirkungen auf die Kulturbeziehungen bringt der Rückzug Großbritanniens aus der EU mit sich?

MacDonald: Großbritannien wird von den übrigen EU-Staaten negativer wahrgenommen, was jedoch teilweise durch eine positivere von anderer Seite ausgeglichen wird. Wenn man die Menschen in Großbritannien nach ihrem Vertrauen in das Land fragt, zeichnen sich ähnliche Muster ab. Jedoch hat der Ruf der britischen Regierung gelitten. Es ist zu früh, um genau vorhersagen zu können, wie die praktischen Konsequenzen des Brexit aussehen, zumal diese von den Ergebnissen der Verhandlungen abhängen. Aber es besteht das Risiko, dass die Kooperationen und der Austausch zwischen Großbritannien und der EU zurückgehen werden. Das wird vor allem die Möglichkeiten für junge Menschen einschränken.

Direkter Austausch der Menschen als Kern eines "Open Brexit"

Wie sieht die britische Sicht der Dinge auf die künftigen Kulturbeziehungen mit Europa aus? Auf welche Bereiche wird beispielsweise der British Council seine Aktivitäten konzentrieren?

Der British Council ist das größte und möglicherweise auch einflussreichste nationale Kulturinstitut in der EU. Er kann sich somit wesentlich in die Kulturarbeit der EU einbringen. Der British Council ruft zu einem "Open Brexit" auf. Damit könnte Großbritannien versuchen, den direkten Austausch von Menschen zu erhalten und zu fördern. Das wiederum würde eine einfachere Mobilität für Studierende, Akademikerinnen und Akademiker sowie Kulturschaffende bedeuten. Außerdem könnte Großbritannien die Kontakte und Kooperationen im Bereich Kultur, Bildung und Wissenschaft weiter ausbauen. Ein weiterer Effekt könnten verstärkte Investitionen in Großbritanniens Kultur- und Bildungspartnerschaften mit Ländern weltweit sein. Es bleibt abzuwarten, was tatsächlich passieren wird. 

Wie sehen Sie die Zukunft der Kulturbeziehungen? Konnten Sie über Akteure aus dem Feld Einblicke in deren Vorstellungen der Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der EU gewinnen?

Dies hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab. Die Verhandlungen sind nun bereits bis zur konkreten Ausgestaltung der Beziehungen zu Großbritannien fortgeschritten. Ihr Erfolg hängt davon ab, ob ein Ausweg gefunden wird, der Politikerinnen und Politikern auf beiden Seiten entgegenkommt. Auf der einen Seite will man sich als die Verhandlungsführer eines erfolgreichen Brexit präsentieren auf der anderen als die Wächter der Einheit und Integrität einer EU hervorgehen, die Großbritannien zur Einhaltung aller finanziellen Verpflichtungen mahnt. Natürlich besteht das Risiko zu scheitern und Großbritannien verlässt mit Pauken und Trompeten die EU. Dennoch mehren sich die Anzeichen für eine wachsende Opposition gegen einen "harten Brexit", denn die wirtschaftlichen Konsequenzen für das Land wären verheerend.  

Großbritannien und Deutschland verfolgen unterschiedliche Ziele in der Außenpolitik. Während Großbritannien seine besondere Beziehung zu Deutschland aufrechterhalten will, konzentriert sich Deutschland darauf, die Einheit der EU zu stärken. Wie könnte Deutschlands Strategie für die internationalen Kulturbeziehungen mit den Briten in Zukunft aussehen?

Hier besteht nicht zwangsläufig ein Widerspruch. Besondere Ziele der Außenpolitik einzelner Länder werden sich immer unterscheiden. Die Frage für Deutschland ist, wie es seine Ziele, die über die EU hinausgehen, im Kontext der EU verfolgen will. Es könnte sich beispielsweise innerhalb der EU für die Entwicklung der bereits erwähnten innovativen EU-Kooperationen mit Großbritannien in Bereichen einsetzen, wo es gemeinsame Interessen gibt. Oder aber Deutschland entscheidet sich für ein bilaterales Vorgehen in Bereichen, die noch unter dem Niveau von "Außenpolitik" als Kulturbeziehungen zu verstehen sind. Deutschland hat dies bereits zuvor getan. Letztendlich ist es eine Frage der Prioritäten. Es gibt viel Handlungsspielraum für subnationale, zivilgesellschaftliche, akademische und kulturelle Zusammenarbeit, der durch Anpassung der Rahmenbedingungen erweitert werden könnte.  

Neue Formen der Zusammenarbeit identifizieren

In Ihrer Studie betonen Sie, dass der Brexit sich auch auf Deutschland und die EU nachteilig auswirken kann. Was heißt das konkret?

In der Studie beschreibe ich zwei Punkte für die EU. In erster Linie geht es um Geld. Der Brexit wird zwangsläufig ein Loch in das EU-Budget für kulturpolitische Aktivitäten reißen. Andere Beitragszahler, hauptsächlich Deutschland, werden sich entscheiden müssen, ob sie ihre Budgets kürzen oder zusätzliche Zahlungen leisten. Das ist keine einfache Entscheidung. Außerdem werden Investitionen unter dem Brexit leiden. Großbritannien und Deutschland sind mit Abstand die führenden Länder der EU in Wissenschaft und Innovation. Der mögliche Verlust der wissenschaftlichen Exzellenz Großbritanniens könnte die Innovations- und Wachstumsfähigkeit der EU ernsthaft gefährden.  

Optimistisch betrachtet birgt eine neue Beziehung zwischen Großbritannien und der EU auch neue Möglichkeiten. Wie können die Risiken, die Sie beschreiben, verringert und potenzielle Vorteile erreicht werden?

Es wird neue Möglichkeiten geben. Großbritannien und die EU teilen in vielen Bereichen gemeinsame Werte, Interessen und Bedenken. Die Kunst wird sein, zu identifizieren, wo neue Formen der Zusammenarbeit einen Mehrwert generieren können. Ein Weg ist sicherzustellen, dass die bereits bestehenden engen Verbindungen zwischen den Zivilgesellschaften erhalten bleiben oder gar gestärkt werden. Kreative Ideen zur Kofinanzierung neuer Kooperationen würden ebenso helfen wie die gemeinsame Festlegung einiger Leuchtturmprojekte. Diese müssten so entwickelt werden, dass sie gegenüber den Risiken des Brexit abgesichert sind. 

Einen objektiven Blick auf die Risiken für die liberale Demokratie haben

Gemeinsam mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wurde der Brexit als ein Symptom für einen Trend hin zu Populismus, wachsender Skepsis gegenüber internationalen Institutionen und einer nach innen gerichteten nationalen Politik interpretiert. Können wir daraus Schlussfolgerungen für die Zukunft von internationalen Kulturbeziehungen und die wesentlichen Herausforderungen und Möglichkeiten ziehen?

Der Brexit ist ein Wiederaufkommen älterer, spezifisch englischer (nicht britischer) Werte. Es ist nicht wirklich ein populistischer Aufstand wie die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, obwohl einige der Ursachen und Absichten, beispielsweise zum Thema Einwanderung, ähnlich sind. Ich neige dazu, Jan-Werner Müller zuzustimmen, dass die Menschen heute zwischen zwei Gruppen stehen, die beide die absolute Wahrheit für sich beanspruchen: Populisten, die vorgeben, ein ganzes Volk zu vertreten, und "liberale Technokraten", die alle Antworten zu kennen behaupten. Beide sind undemokratisch und nicht offen dem Dialog mit Andersgesinnten gegenüber. Ich stimme ebenfalls zu, dass der Populismus die Menschen, die die liberale Demokratie verteidigen möchten, zum Nachdenken bringen sollte, was in der sogenannten "liberalen Technokratie" nicht funktioniert.

In den internationalen Kulturbeziehungen muss dasselbe passieren. Die Akteure müssen einen objektiven Blick auf die Risiken für die liberale Demokratie haben und ihnen offensiv begegnen. Sie müssen Unterschiede respektieren und als Mehrwert begreifen, so auch das kollektive Engagement von Menschen, die anderer Meinung sind und die innerhalb demokratischer Prozesse aktiv werden. Sie sollten ihre Vorgehensweisen, ihre Narrative überdenken und diejenigen unterstützen, die weiterhin Raum für eine offene Debatte lassen. Letztendlich müssen Akteure der Kulturbeziehungen es vermeiden, das Problem mit übertriebenen Forderungen und dem angeblichen Monopol auf die Wahrheit zu verschlimmern. Die Herausforderung ist enorm, aber die Möglichkeiten sind es auch. 

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Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik"

Im ifa-Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik" forschen Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP). In drei- bis sechsmonatigen Forschungsprojekten arbeiten sie die aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft für die Akteure der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik knapp und präzise auf und formulieren Handlungsempfehlungen für künftige außenkulturpolitische Maßnahmen. Mit der wissenschaftlichen Fundierung zentraler Themen- und Arbeitsbereiche der AKBP und deren Aufbereitung für die Praxis bietet das ifa als Kompetenzzentrum für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik den Akteuren der AKBP eine bislang einzigartige Beratungsleistung an. Universitäten, Mittlerorganisationen, Medien- und Wirtschaftspartner kooperieren mit dem Forschungsprogramm bei der Betreuung der Expertinnen und Experten, der Organisation von Fachtagungen und der Veröffentlichung wissenschaftlicher Publikationen.

Kontakt

Isabell Scheidt
Tel. +49.711.2225.219
scheidt(at)ifa.de

MacDonald, Stuart: The Impact of Brexit on International Cultural Relations in the European Union / Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.). – Stuttgart, 2017. – 66 S. – (ifa-Edition Kultur und Außenpolitik)

MacDonald, Stuart: The Impact of Brexit on International Cultural Relations in the European Union
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