Jugend als Schlüssel zu mehr Demokratie



Der Demokratisierungsprozess in der Republik Moldau schreitet nur langsam voran. Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern herrscht Frustration über die aktuelle Lage. "Vor allem jungen Menschen fehlt ein Bewusstsein über ihre eigenen Rechte und die Möglichkeiten der politischen Partizipation", sagt Natalia Mihailov, Leiterin des Projekts "Empower Youth in Moldova – ProDEM". Ziel des Projekts ist, den jungen Menschen im Land eine aktive Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen und Gemeindeinitiativen zu ermöglichen.

 

Präsentation von Ana Sahrai, Leiterin der Partei "Generation for Change", Căușeni, Moldawien, 2019
Präsentation von Ana Sahrai, Leiterin der Partei "Generation for Change", Căușeni, Moldawien, 2019, © Bǎlan Liuba

ifa: Zurzeit lässt sich eine immer größere Abwanderung vor allem junger Menschen aus der Republik Moldau erkennen. Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Natalia Mihailov: Das sind hauptsächlich wirtschaftliche Gründe. Armut, der Mangel an menschenwürdiger Beschäftigung und niedrige Einkommen sind die treibenden Faktoren. Der Großteil der jungen Migrantinnen und Migranten stammt aus ländlichen Gegenden, wo der Mangel an echten Beschäftigungsmöglichkeiten am bedrückendsten ist. Einige junge Menschen verlassen ihre Heimatstädte in der Hoffnung auf mehr Bildung und Perspektiven. Andere sind enttäuscht darüber, wie staatliche Einrichtungen funktionieren. Am meisten hat die Jugend mit der geringen Teilhabe an demokratischen Prozessen zu kämpfen. Mit Gleichgültigkeit, begrenztem Zugang zu Bildung und politischer Instabilität. Die Kluft zwischen jungen Menschen und dem politischen System wird immer größer. Die Jugend steht nicht im Vordergrund und die Politik ist nicht an sie gerichtet. Es fällt ihnen schwer, ihre Rechte auszuüben. Doch niemand ändert etwas daran. Der Großteil von ihnen glaubt, dass ihre Stimmen kein Gehör finden und dass ihr Land keine Zukunft hat.

Mit unserem Projekt "Empower Youth in Moldova – ProDEM" wollen wir die Abwanderung stoppen. Dafür möchten wir eine neue Generation von Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern dabei unterstützen, eine integrativere und demokratischere Gesellschaft zu gestalten.

Die Jugend als positive Kraft für den sozialen Wandel

ifa: Sie konzentrieren sich auf junge Menschen und Erstwählende. Welche Rolle kommt jungen Menschen beim Demokratisierungsprozess zu?

Mihailov: Wir sehen in der Jugend eine positive Kraft für transformativen sozialen Wandel. Das laufende Projekt zielt darauf ab, ihre politische Teilhabe zu verbessern, Ungleichheit und soziale Ausgrenzung aufzudecken und zu bekämpfen. Ihre aktive Beteiligung am öffentlichen Leben sowie an Wahl- und Entscheidungsprozessen stellt ein zentrales Element bei der Förderung einer nachhaltigen demokratischen Entwicklung dar. Sie bestimmen damit direkt, inwieweit die Politik auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingeht. Wenn sie in der Lage sind, sich gemeinschaftlich zu organisieren und politisch aktiv zu werden, entwickeln sie das Potenzial, die Regierung transparenter, integrativer und offener zu machen.

ifa: Inwieweit befähigt das Projekt Jugendliche und Erstwählende ihre eigenen Rechte auszuüben und sich in Wahl- und Entscheidungsprozesse einzubringen?

Mihailov: Wir beziehen junge Menschen in interaktive, anwendungsorientierte und jugendfreundliche Maßnahmen zum Kapazitätsaufbau mit ein und ermöglichen ihnen, die Chancengleichheit bei Wahl- und Entscheidungsprozessen zu erhöhen, ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Stimme abzugeben. Sensibilisierungskampagnen, Mentoring und Beratung motivieren junge Menschen dazu, ihre Meinung zu äußern und so aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wirkungsvoller Dialog, nachhaltige Wissensplattformen, Erfahrungen und Meinungsaustausch erhöhen das Bewusstsein für jugendliche Bürgerbeteiligung bei den Zuständigen in den lokalen Verwaltungen und Bildungseinrichtungen sowie in der Zivilgesellschaft.

Mikro-Projekte: Umsetzen, was junge Menschen wirklich brauchen

ifa: Sie haben die sogenannten "Mikro-Projekte" mit initiiert. Worum geht es dabei und welchen Nutzen konnten die jungen Teilnehmenden bislang daraus ziehen?

Mihailov: Die Gewährung von Zuschüssen ist ein wirksames Mittel, junge Menschen in lokale Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen. Dadurch erhalten sie eine Stimme und den nötigen Machteinfluss. Das nützt sowohl ihnen als auch ihren Gemeinden. Im Rahmen der simulierten Wahlen des Vorgängerprojekts wurden junge Menschen dazu aufgerufen, die Bedürfnisse und Probleme ihrer Gemeinden zu identifizieren. Im Wahlkampf machten sie effiziente Lösungsvorschläge, erstellten Arbeitspläne und ermittelten die für die Lösung der Probleme notwendigen Mittel. Junge Gemeindemitglieder waren aufgerufen, über die am dringendsten benötigten und wirkungsvollsten Mikro-Projekte abzustimmen. Die Gewinnerinnen und Gewinner erhielten den Zuschuss.

24 Mikro-Projekte wurden inzwischen erfolgreich umgesetzt. Die jungen Wählerinnen und Wähler haben neue Kompetenzen erworben und gelernt, was Verantwortung bedeutet. Sie haben ein Gespür für Mitwirkung und Ownership entwickelt und so zur Verbesserung der Situation in ihren Gemeinden beigetragen.

Speziell auf die Bedürfnisse der Jugend zugeschnittene Programme zum Kapazitätsaufbau schlossen unter anderem Schulungen zur Kampagnenplanung, Netzwerkbildung, Debattieren, Medienmanagement, Konfliktlösung und strategisches Planen ein. Alles wurde im Rahmen eines Leadership Camps angeboten.


Über Natalia Mihailov

Natalia Mihailov leitet das Projekt "Empower Youth in Moldova – ProDEM". Seit über 15 Jahren führt sie das Büro des Hilfswerk International in der Republik Moldau. Sie absolvierte ein Masterstudium in Corporate Finances und verfügt über Zertifizierungen in professionellem Projektmanagement und professioneller Unternehmensanalyse.


Testimonial

Evghenii Kolibaba, 18 Jahre: Unser Team "ActiON" hat den Aufbau einer Signalanlage an einem Fußgängerüberweg unterstützt. Mehr Sicherheit bei der Überquerung war das Ziel. Im Laufe des Projekts haben wir erkannt, dass wir gemeinsam handeln müssen, wenn wir das Leben in unserer Stadt verbessern möchten. Dabei ist Kooperation sehr wichtig. Die Zusammenarbeit mit anderen Schülerinnen und Schülern unterschiedlichen Alters hilft uns Jugendlichen, uns zusammenschließen. Dadurch erwerben wir wichtiges und notwendiges Wissen und neue Fähigkeiten. Ich denke dabei unter anderem an die Planung, Umsetzung und Förderung von Projekten. Die Teilnahme an den Mikro-Projekten erhöht das Interesse und die Motivation der Teilnehmenden, jugendliches Leben in der Stadt sicherer und besser zu machen.


Über die Organisation

Hilfswerk International (HWI) unterstützt Familien in Krisenregionen und setzt sich gezielt für benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Kriegs- und Krisenregionen weltweit ein. Im Fokus stehen Mädchen und Frauen, wirtschaftsschwächere Familien, Kinder mit Behinderung sowie junge Menschen. Seit 2019 unterstützt das Förderprogramm zivik die Organisation in ihrem Bestreben, die Jugend speziell im ländlicheren Teil der Republik Moldau zu aktiver Bürgerbeteiligung zu befähigen.

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Über zivik

Das Förderprogramm zivik unterstützt weltweit zivile Akteure dabei, Krisen vorzubeugen, Konflikte zu überwinden und friedliche gesellschaftliche und politische Systeme zu schaffen sowie zu stabilisieren. Mit ihrem Engagement ergänzen die Nichtregierungsorganisationen das Handeln staatlicher Akteure um wichtige Perspektiven und Akzente. Gefördert werden Projekte der zivilen Konfliktbearbeitung und Friedensförderung von NGOs, die international, national oder lokal tätig sind.

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