Die Stipendiaten des CrossCulture Programmes Keita und Kore diksutieren viel in ihrer Wohngemeinschaft in Berlin. Foto: Sascha Montag

Ein Thema, zwei Arbeitsbereiche

Migration aus zwei verschiedenen Blickwinkeln: Während sich Statistiker Moussa Keita Daten und Zahlen widmet, arbeitet Ousmane Chegou Kore direkt mit Menschen. In einer Berliner Wohngemeinschaft diskutieren sie.

Porträt von Jan Rübel

Frühstück im Berliner Prenzlauer Berg. Neben dem 57-jährigen Moussa Keita aus Mali sitzt der 30-jährige Ousmane Chegou Kore aus dem Niger und nippt an seiner Tasse. Beide arbeiten seit Jahren zu den Themen Flucht und Migration in ihren Heimatländern. Sie kommen aus klassischen Transitländern für Migrierende aus Subsahara-Afrika: Über Mali und den Niger fliehen Menschen nach Libyen und von dort aus über das Mittelmeer nach Europa.

Wie ein Stück Zucker

In dieser Wohngemeinschaft wird selbst ein Glas Wasser zum Politikum. "Mit der Integration verhält es sich genau so", sagt Moussa Keita, greift nach einem Zuckerwürfel und löst ihn in einem Glas Wasser. "Würde der Zucker sich nicht im Wasser auflösen, so bliebe er einsam."
"Keita meint damit, dass in Deutschland schneller und wirksamer integriert werden soll – jene, die nun mal hier sind", erklärt Kore. Die beiden sind meist einer Meinung. Letztendlich aber sei Migration immer nur eine Option von vielen. "Die afrikanischen Staaten haben kein Interesse daran, dass ihre besten Köpfe bei der Flucht durch die Wüste verdursten oder im Meer ertrinken."

In Deutschland sind Keita und Kore Stipendiaten im CrossCulture Programm Flucht und Migration, das vom ifa durchgeführt wird. Das Programm dient dem Austausch guter Praxis über Ländergrenzen hinweg sowie der Vernetzung und der Fortbildung im Bereich Flucht und Migration. In Berlin bekommen die Beiden drei Monate lang Einblicke in die Arbeit im Bereich Migration – auf zwei unterschiedliche Art und Weisen.

In Berlin erklärt Kore dem Kollegium des GMDAC wie er Daten in Niger erhebt. Foto: Sascha Montag

Migration in Zahlen

Der junge Kore ist gelernter Statistiker. Im Niger sammelt er für die Internationalen Organisation für Migration (IOM) Daten. Mit diesen arbeitet das Kollegium des Global Migration Data Analysis Centre (GMDAC) in Berlin dann. Das GMDAC wertet weltweit gesammelte Daten über Migration aus und stellt sie Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft zur Verfügung.

Als Kore seinen Arbeitsplatz in Berlin Mitte betritt, geht es direkt los. Heute wird als erstes eine neue Internetseite präsentiert, die aktuelle Daten über Migrationsströme darstellt. "Demonstrieren wir die Datenleistung am Beispiel Niger", schlägt ein Mitarbeiter vor. Ein Klick und der Beamer projiziert die Umrisse des westafrikanischen Staates an die Wand. Drei blaue Pfeile zeigen von den Nachbarländern in die Mitte des Landes. "Mali, Burkina Faso und Nigeria – aus diesen Ländern kommen die meisten Migrierenden in den Niger, so die Zahlen des UNDESA (United Nation Department of Economic and Social Affairs)", sagt Kore.

Sein Aufenthalt in Berlin soll ihm den sogenannten Blick über den Tellerrand ermöglichen: Jedes Land und jede Organisation erhebt Statistiken anders. Beim GMDAC arbeitet Kore an Migrationsprofilen von Ländern wie Marokko und Mali mit dem Ziel der Migrationssteuerung. Zudem ist er am Aufbau eines neuen globalen Migrationsdatenportals beteiligt. "Das Portal soll Migrationszahlen und -statistiken zentral bündeln, die bisher von unterschiedlichen Organisationen und Ländern verwaltet werden", erklärt er.

Einen guten Überblick haben

Er weiß, dass es nicht einfach ist, die Zahl der Migrantinnen und Migranten in Niger exakt zu bestimmen. Volkszählungen, die auch jene einschließen, finden nur alle zehn Jahre statt und nur Bewohner von Flüchtlingslagern und Transitzentren sind registriert. Kore hat einen guten Überblick und kann so Politikern eine Vorstellung der Dimension von Migration im Niger vermitteln.

Als die Präsentation endet, setzt sich Kore mit Senioranalystin Susanne Melde in eine Ecke und diskutiert mit ihr, welche Institutionen in Westafrika überhaupt relevante Daten erheben und wie. Eine Liste soll alle möglichen Quellen nennen. "Was ist mit Afristat, kann man die aufnehmen?", fragt Melde. "Afristat beschränkt sich in der Regel auf die frankophonen Länder der Subsahara", gibt Kore zu bedenken.

"Und die Zentralbanken?", fragt Melde, "die haben doch sicher Daten über Transfersummen?" Gemeint ist damit das Geld, das Migranten zurück in ihre Heimat schicken. Kore nickt.
"Der Austausch mit ihm tut uns allen gut", sagt Susanne Melde. "Wir erfahren von ihm, wie unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort überhaupt zu den Daten kommen, mit denen wir arbeiten." Die Kooperation soll vertieft werden.

Das Begegnungscafé hilft Geflohenen und den anliegenden Nachbarn Ängste und Vorurteile abzubauen. Foto: Sascha Montag

Direkt bei den Menschen

Statt mit Zahlen und Statistiken arbeitet Keite im Westen Berlins direkt mit Geflüchteten. Er geht durch die mächtige Holztür einer alten Privatklinik aus dem 19. Jahrhundert und schüttelt die Hände. Früher diente der Bau als Psychiatrie, heute ist er Heimat eines Begegnungszentrums des Vereins Interkulturanstalten Westend e.V..

Seit einem halben Jahr hat der von Nachbarn gegründete Verein die Villa bezogen. Direkt dahinter sind im ehemaligen Bettenhaus rund 400 Geflüchtete untergebracht. Jeden Nachmittag findet in der ehemaligen Klinik ein Begegnungscafé statt, wo sich die Bewohner und die anliegenden Nachbarn treffen können. Amei von Hülsen-Poensgen, eine Mitarbeiterin, trägt einen Stapel Teller herein. Nebenan üben Syrerinnen Kurzgeschichten zu schreiben und im Salon trudeln die ersten Gäste ein; das Haus bietet auf 450 Quadratmetern genug Raum für Workshops, Ausstellungen, Ateliers und Filmvorführungen. "Gib dem Menschen einen Raum, und er macht etwas daraus", fasst Amei das Konzept zusammen. 

Keitas Hauptaufgabe ist dabei, die neugierig bis eingeschüchterten Nachbarn und die Geflohenen, die sich langsam an Deutschland herantasten in ein Gespräch zu verwickeln. "Das Konzept leuchtet ein", sagt Keita, "in Mali werde ich die Gründung ähnlicher Begegnungszentren vorschlagen. Wir haben auch viele Geflohene aus anderen Ländern, da sollten die Einheimischen bei deren Integration stärker einbezogen werden"

Aufmerksam zuhören und sich Sorgen annehmen

In seinem Heimatland arbeite Keita ähnlich: "Ich setze mich zu Leuten, höre ihre Nöte an und rede mit ihnen." Er arbeitet dort im Migrationsministerium und ist für im Ausland lebende Bürger zuständig und auch für die Integration von Menschen aus den Nachbarländern. Außerdem organisiert er große Konferenzen, um vor den Risiken illegaler Migration zu warnen. 

"Die Arbeit mit Moussa Keita ist für uns ein Gewinn", sagt Amei. Sie versteht nun besser, dass Migration einerseits den Verlust von guten Arbeitskräften bedeutet, andererseits aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor durch Geldüberweisungen aus dem Ausland ist. Ihr leuchtet auch ein, dass bei Volksgruppen mit nomadischen Traditionen Migration näher liegt als bei anderen. Außerdem konnte der Verein von Keita viel über die Bedürfnisse afrikanischer Migrantinnen und Migranten lernen.

Der Saal füllt sich. Keita albert zwischen den Tischen mit Kindern, die über ihren Schulaufgaben brüten. Vor ihm steht ein Glas Wasser und er denkt wieder an seinen Vergleich mit dem Zucker. Er freut sich, einen kleinen Teil beitragen zu können.