Kunstwerk des Monats

Das ifa schickt seit mehreren Jahrzenten Kunst auf Ausstellungstourneen um die ganze Welt. Nach ihrer jahrelangen Reise werden die Ausstellungen aufgelöst und die Werke werden in den Kunstbestand des ifa überführt. Im Laufe der Zeit hat sich ein Bestand von 23.000 Werken angesammelt.

Mit der Ausstellung "Weltreise" von 2013, kuratiert von Matthias Flügge und Matthias Winzen, wurde zum ersten Mal Einblick in die Sammlung gegeben. Die Tourneeausstellung wurde in Karlsruhe eröffnet und startete von hier ihre Reise in die Welt.

Mit der Reihe "Kunstwerk des Monats" soll der Zugang zur Sammlung erweitert werden. Es wird jeden Monat digital und bei einer Veranstaltung in der ifa-Galerie Stuttgart gezeigt und vorgestellt.

Mai 2020: "Siesta" von Rosemarie Trockel

Siesta von Rosemarie Trockel
Rosemarie Trockel, Siesta, 2000 , Acrylfarbe und Bleistift auf Papier, 53,5 x 75,6 cm, Foto: Bernhard Schaub, © VG Bild-Kunst

Rosemarie Trockel
Siesta
2000
Acrylfarbe und Bleistift auf Papier
53,5 x 75,6 cm

Gedankencollage von An Paenhuysen zu "Siesta" von Rosemarie Trockel

 

Ein junger Mann, der mit der Hand auf einer Waffe eine Siesta hält.
In der ifa-Tourneeausstellung "Rosemarie Trockel" ist er nicht der einzige Schlafende: ein Mann, der auf der Kühlerhaube eines Autos ruht;  ein Junge, der seinen Kopf auf den Tisch bettet; ein Schädel mit geschlossenen Augenlidern.

In der Kunstgeschichte ist die horizontale, ruhende Darstellung von Männern selten. Auch die berühmte Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin ist in der Sitzposition nicht ganz passiv: Die Arme sind muskulös, was eine Handlung andeutet.

In der nordost-italienischen Stadt Cividale im Friaul  kam ich am Dom vorbei. Auf den Fresken sind Engel mit geschlossenen Augen dargestellt, als ob sie schlafen würden. Schlafende Engel. Ist nicht jeder ein Engel, wenn er schläft?

Jemandem beim Schlafen zuzuschauen ist etwas Besonderes. Die schlafende Person ist nicht wirklich in der physischen Welt, sondern befindet sich irgendwo anders, in einem anderen Zustand des Seins.

Der Watvogel schläft ein, sobald er auf widersprüchliche Impulse stößt. "Schlaf ist zweifellos die sinnlichste Form des Protestes", sagt ein anonymer Anarchist in einem Fanzine.

Auf der Biennale in Venedig 1999 installierte Rosemarie Trockel im deutschen Pavillon Kinderbetten, in denen die Besucher ein Nickerchen machen konnten. Die Installation hieß "Schlafmittel". Lassen sich manche Dinge im Schlaf besser erleben?

An Paenhuysen ist  Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin. Sie reist seit 2016 für das Vermittlungsprogramm zur ifa-Ausstellung Rosemarie Trockel. Ausgewählte Zeichnungen, Objekte und Videoarbeiten, die seit 2003 auf Tournee ist.

Am 29.5.2020 sollte die Ausstellung eigentlich im Zarya Center for Contemporary Art in Wladiwostok, Russland eröffnen. Aufgrund der Corona-Pandemie musste diese Station leider abgesagt werden.

April 2020: "Bauhausraum" von Judith Raum

Judith Raum
Bauhausraum, eine künstlerische Recherche zur Textilwerkstatt am Bauhaus
Installation
2017

Stoffbahnen, Garne, Gewebtes – Textiles gilt häufig als reine Dekoration. Dieser Sichtweise setzt die Künstlerin Judith Raum ihre ausgiebigen Forschungen und künstlerischen Installationen über Textilien entgegen. Die Künstlerin reaktiviert dabei nicht nur die Besonderheiten historischer Stoffe, indem sie sie in aufwendiger Weise nachweben lässt, sondern offenbart sie außerdem als Träger von politischen und gesellschaftlichen Erzählungen.

Die Installation "Bauhausraum" wurde für die ifa-Tourneeausstellung "The Event of a Thread. Globale Erzählungen im Textilen" entwickelt und nähert sich der Geschichte der Weberei- und Textilwerkstatt des Bauhauses auf unterschiedlichen Ebenen. Judith Raum bereiste internationale Archive, um historische Dokumente und Überbleibsel von Gebrauchsstoffen der Bauhaus Textilwerkstatt zu studieren: Sie beschäftigte sich also nicht nur mit der außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte der Weberei am Bauhaus, sondern auch mit der Geschichte ihrer Überlieferung. Ergebnis ihrer ausgiebigen Recherchen sind sechs Kapitel, die in einer raumgreifenden Architektur multimedial zum Tasten, Hören, Sehen und Nachlesen einladen und vor allem das Material selbst sowie die Stimmen der Weberinnen durch Zitate sprechen lassen. Nicht nur die Beziehungen von Handwerk und künstlerischem Medium oder die sich verändernde ästhetische Programmatik der Werkstatt als Spiegel der unterschiedlichen politischen Visionen der Bauhaus Direktoren sind hier nachzuvollziehen, sondern auch die Frage nach (vermeintlicher) Gleichberechtigung der Geschlechter am Bauhaus.

Zu sehen in

Installation „Bauhausraum“ von Judith Raum
Judith Raum, Bauhausraum, Installationsansicht Kunsthaus Dresden 2017, Foto: Ludger Paffrath, © ifa/ Judith Raum
Installation „Bauhausraum“ von Judith Raum
Judith Raum, Bauhausraum, Installationsansicht Kunsthaus Dresden 2017, Foto: Ludger Paffrath, © ifa/ Judith Raum
Installation „Bauhausraum“ von Judith Raum
Judith Raum, Bauhausraum, Installationsansicht Kunsthaus Dresden 2017, Foto: Ludger Paffrath, © ifa/ Judith Raum
Installation „Bauhausraum“ von Judith Raum
Judith Raum, Bauhausraum, Installationsansicht Kunsthaus Dresden 2017, Foto: Ludger Paffrath, © ifa/ Judith Raum
Installation „Bauhausraum“ von Judith Raum
Judith Raum, Bauhausraum, Installationsansicht Kunsthaus Dresden 2017, Foto: Ludger Paffrath, © ifa/ Judith Raum

März 2020: "Domenico, Planet" von Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans
Domenico, Planet
1992
C-Print
40,5 x 30,2 cm


Ein junger Mann im klassischen Ganzkörperportrait steht mittig im Bild. Ein Bauzaun unterteilt den Bildraum in zwei Sphären – Sperrmüll und Wohnhäuser im Hintergrund, den Portraitierten scheinbar isoliert im Vordergrund. Er trägt auffällige Kleidung und Accessoires, die man der Technoszene zuordnen kann. Aus zwei Brillen, wovon eine orange gefärbte Gläser hat, schaut er den Betrachter direkt an. Sein Oberteil mit Reisverschluss aus orange glitzerndem Polyestergarn und ein rostig oranger Sperrmüllstapel färben auch die Wahrnehmung der Fotografie orange ein.

Wolfgang Tillmans ist einer der einflussreichsten Vertreter der zeitgenössischen Fotografie. Mit einem neugierigen und erforschenden Blick setzt er sich in seinen Bildern mit seiner direkten Umwelt auseinander. Einem breiteren Publikum wurde er Anfang der 90er Jahre vor allem durch unkonventionelle Aufnahmen seiner Freunde und Bekannten aus der Techno- und Schwulenszene bekannt. Seine Fotos wurden in Style- und Modemagazinen wie i-D und Spex veröffentlicht.

Aus dieser Zeit stammt auch die Fotografie "Domenico, Planet". Das ifa zeigte Wolfgang Tillmans Werk von 1995 bis  2012 in der Tourneeausstellung "Bildermode – Modebilder". Zurzeit sind seine Arbeiten in der Ausstellung Weltreise weltweit und in der monografischen Ausstellung mit dem Titel Wolfgang Tillmans: Fragile auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs.

Fotografie Domenico, Planet von Wolfgang Tillmans
Wolfgang Tillmans, Domenico, Planet, 1992, C-Print, 40,5 x 30,2 cm, © Wolfgang Tillmans

Februar 2020: "Schreibschrift" von Hanne Darboven

Hanne Darboven, aus der Serie "Schreibschrift", 1972 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Hanne Darboven
aus der Serie "Schreibschrift"
1972
Bleistift auf Papier
29,5 x 21 cm

Der zentrale Begriff in Hanne Darbovens Werk ist "Tätig sein", basierend auf ihrer täglichen Praxis, die nahezu unermüdlich scheint. Auf der Arbeit "Schreibschrift" von 1972 sehen wir Schreibschriftbögen, die das linierte Standard-Papier von Anfang bis Ende überziehen. Buchstaben und sprachliche Bedeutungsebenen verlieren sich in "Endlosschriftschwünge" und geben ihren Inhalt zugunsten einer reinen Form auf.

Das Verhältnis von Form und Bedeutung wird gelöst, die Schreibzeit dehnt sich in den Raum aus und wird so sichtbar. Das Sehen, die Wahrnehmung tritt in den Vordergrund.
Hanne Darboven folgt einem festgelegten Ordnungsprinzip und versteht ihre Arbeit als eine dokumentarische Tätigkeit, als "ein Aufzeichnen im Sinne von Dasein, es ist Durcharbeitung" (Darboven, 1966). Das ifa begleitete den gemeinsamen Biennale-Beitrag von Hanne Darboven mit Gotthard Graubner und Wolfgang Laib im Jahr 1982 und widmete der Künstlerin von 1995 bis 2004 eine monografische Tourneeausstellung.

Januar 2020: "Spirale" von Günther Uecker

Günther Uecker
Spirale
1973
Nägel und Leinwand auf Holz
160 x 160 x 15 cm

"Die Bildfläche ist vielleicht zu vergleichen mit einer Wasseroberfläche, die von Wind und Wetter berührt wird und sich dauernd verändert."
Guenther Uecker in: Ausstellungskatalog "Guenther Uecker: Der geschundene Mensch. 14 befriedete Gerätschaften", Stuttgart, 1993, S. 23.

Das Werk "Spirale" von Günther Uecker vereint zwei der zentralen Stilelemente des Künstlers: die Spirale und den Nagel. Um das dreidimensionale quadratische und personengroße Wandbild wie hier im Digitalen zu erfassen, müsste sich der Besucher einige Schritte vom Werk entfernen. Erst so ergeben die einzelnen, gleichförmig in das Holz geschlagenen Nägel ein flächiges Bild. Mit der Distanz verschwimmt die metallene Härte der Nägel zu einem weich und dynamisch wirkenden Ganzen. Nicht nur durch das Nachverfolgen der Laufrichtung der Spirale, die im unteren Bildrand beginnt oder endet, sondern auch durch den Lichteinfall auf die Oberfläche transportiert das starre Werk den optischen Eindruck von Bewegung. Das kreisförmige objekthafte Relief erzeugt dabei einen kontemplativen Sog.

Zu sehen in

  • Poesie durch Material. Licht und Bewegung. 26 Objekt-Künstler aus der Bundesrepublik Deutschland (1974–1977)
  • Günther Uecker. Der geschundene Mensch (1993–2016)
  • Weltreise. Kunst aus Deutschland unterwegs Werke aus dem Kunstbestand des ifa von 1949 bis heute (seit 2013)
Werk "Spirale" von Günther Uecker
Günther Uecker, Spirale, 1973, Nägel und Leinwand auf Holz, 160 x 160 x 15 cm, © Foto: Uwe Walter; VG-Bild Kunst: Günther Uecker

Dezember 2019: "Cheap Ass Elites" von 56thStudio / Saran Yen Panya

Werk von der Agentur 56thStudio
56thStudio / Saran Yen Panya, Cheap Ass Elites, 2015, Plastikkörbe, lasiertes Kautschukholz, 32 x 48 x 30 cm; Foto: Saran Yen Panya, Copyright: 56thStudio

56thStudio / Saran Yen Panya
Cheap Ass Elites
2015
Plastikkörbe, lasiertes Kautschukholz
32 x 48 x 30 cm

Hochkultur trifft auf 1-Euro-Laden: Die Arbeit "Cheap Ass Elites", die im Rahmen der Tourneeausstellung "Pure Gold" angekauft wurde, widmet sich dem Thema Upcycling und kombiniert Plastikkörbe mit Holzstuhlbeinen in viktorianischem Stil zu einem neuen Möbel – ein humorvolles Nebeneinander von "hoch" und "niedrig" in soziologischer wie gestalterischer Hinsicht. Gestaltet wurden die Design-Objekte von 56thStudio, einer Kreativagentur gegründet von Saran Yen Panya, aus Bangkok, Thailand, die sich den kommunikativen Potenzialen von Design widmet.

Zu sehen in

November 2019: "Polke als Palme" von Sigmar Polke

Sigmar Polke
Polke als Palme
1966
Druck nach Foto
29,8 x 20,8 cm


"Polke als Palme" von 1966 stammt aus der fotografischen Frühzeit des Künstlers, in der er vor allem Stillleben arrangierte. Die Arbeit ist Teil der Serie "…höhere Wesen befehlen", die dem berühmten Bild, "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!" von 1969 vorausging.
Polke, nur in Unterhose bekleidet und mit großen Papierwedeln geschmückt, verwandelt sich zur Palme, einem Sehnsuchtsmotiv der Wirtschaftswunderjahre.

Der Künstler stellt sich selbst als Medium in den Dienst der höheren Wesen und parodiert die Konventionen des künstlerischen Schaffens.
Polke, wie auch viele seiner Künstlerkollegen in dieser Zeit, begehrt gegen die Prinzipien seiner Lehrer auf und wendet sich von den Konzepten eines autonomen Kunstwerks und genialen Künstlerindividuums ab.
Die Zusammenarbeit zwischen dem ifa und Sigmar Polke hat eine lange Geschichte. "Polke als Palme" wurde 1973 für die Ausstellung "Grafik der 70er Jahre" vom ifa erworben. 1986 betreute das ifa seinen Biennale Beitrag in Venedig. Seit 1996 sind 40 Gouachen, die Polke für das ifa gemalt hat, in der monografischen Tourneeausstellung Musik ungeklärter Herkunft zu sehen.

Sigmar Polke: „Polke als Palme“
Sigmar Polke: "Polke als Palme", 1966, Druck nach Foto, 29,8 x 20,8 cm, © VG-Bildkunst

Oktober 2019: "Papier auf Papier" von Fritz Klemm

© Fritz Klemm, Papier auf Papier, schwarz, 1984, 140 x 100 cm

Fritz Klemm
Papier auf Papier, schwarz

1984
140 x 100 cm

Zunächst ist da ein schwarzes Bild. Strukturen werden verdeckt und bilden gleichzeitig neue Zusammenhänge. Linien ziehen sich über die Fläche und formen Ideen-Räume. Palimpsestartig überlagern sich Papiere.

"Papier auf Papier, schwarz" schuf der in Mannheim geborene Künstler Fritz Klemm im Jahr 1984 – mit 82 Jahren. Das Werk, das nach seiner Pensionierung von der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe entstand, stammt aus einer Werkphase, die Jürgen Partenheimer ein "spätes Frühwerk" nennt.

Seit Mitte der achtziger Jahre bis 1991 war die Arbeit Teil der ifa-Tourneeausstellung "Prinzip Collage", die weltweit an über 50 Orten gezeigt wurde.