Kunstwerk des Monats

Das ifa schickt seit mehreren Jahrzenten Kunst auf Ausstellungstourneen um die ganze Welt. Nach ihrer jahrelangen Reise werden die Ausstellungen aufgelöst und die Werke werden in den Kunstbestand des ifa überführt. Im Laufe der Zeit hat sich ein Bestand von 23.000 Werken angesammelt.

Mit der Ausstellung "Weltreise" von 2013, kuratiert von Matthias Flügge und Matthias Winzen, wurde zum ersten Mal Einblick in die Sammlung gegeben. Die Tourneeausstellung wurde in Karlsruhe eröffnet und startete von hier ihre Reise in die Welt.

Mit der Reihe "Kunstwerk des Monats" soll der Zugang zur Sammlung erweitert werden. Es wird jeden Monat digital und bei einer Veranstaltung in der ifa-Galerie Stuttgart gezeigt und vorgestellt.

Februar 2021 | Thomas Ruff

Aus: Junge Leute

Farbfotografie, Fotopapier
Je 26,9 x 20,9 cm
1984 -1987

Gesichter vor neutralen, einfarbigen Hintergründen. Weiches Licht. Nüchtern. Die Aufnahmen erinnern an Passfotos. Die Porträtierten sind im Profil, im Halbprofil oder in Frontalansicht zu sehen. Doch was geben die Menschen, die hier fotografiert wurden, von sich preis? Thomas Ruff, einer der bekanntesten Schüler von Bernd und Hilla Becher, ging bei seiner Serie streng konzeptuell vor: Jede porträtierte Person schaut mit neutralem Gesichtsausdruck in die Kamera. Der soziale Umraum wird ausgeblendet, es bleiben das Aussehen und die Kleidung. Aber welche Rückschlüsse auf die Persönlichkeit können gezogen werden?

Wie Thomas Ruff selbst sagt, kann die innere Wahrheit einer Person nie in einem Bild dargestellt werden. Bilder sind Konstrukte. Sich dessen bewusst zu werden, führt Ruff den Betrachtenden seiner Arbeiten immer wieder aufs Neue vor Augen.

Die 40 Aufnahmen der Serie entstanden zwischen 1983 und 1987 an der Düsseldorfer Kunstakademie und zeigen seine Mitstudierenden in einer ähnlichen Lebenssituation wie Ruff selbst. Welche Persönlichkeiten und Lebensgeschichten haben diese Kunststudentinnen und -studenten?

Die Gesichtszüge, die Frisur, das Make-up, der Schmuck und die Kleidung gewähren Einblick auf die Oberfläche, aber nicht auf die "innere Wahrheit" der Personen. In diesen Tagen ruft die Fotoserie Assoziationen von virtuellen Runden hervor, in der alle, frontal und flach, sorgfältig darauf geachtet haben, das Zuhause, von dem aus jede einzelne Person zugeschaltet ist, außen vor zu lassen.

Seit Ende der 1980-er Jahre entschied sich Thomas Ruff für einen neutralen weißen Hintergrund und präsentiert die Porträts auch in monumentalem Format, weit überlebensgroß. Die Fotoserie "Junge Leute" markiert den Beginn seiner internationalen Berühmtheit.

In der Ausstellung "Weltreise" sind Arbeiten von Thomas Ruff seit 2013 für das ifa auf Tournee. 1995 begleitete das ifa den Beitrag von Thomas Ruff für den deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia, der von Jean-Christophe Ammann kuratiert wurde und auch Arbeiten von Martin Honert und Katharina Fritsch zeigte.

Fotografisches Portrait eines jungen Mannes im Seitenprofil vor einem roten Hintergrund vom Künstler Thomas Ruff
Thomas Ruff, Aus: Junge Leute, 1984-87, © (Thomas Ruff) VG-Bild Kunst Bonn, 2021
Fotografisches Portrait einer jungen Frau vor einem blauen Hintergrund vom Künstler Thomas Ruff
Thomas Ruff, Aus: Junge Leute, 1984-87, © (Thomas Ruff) VG-Bild Kunst Bonn, 2021
Fotografisches Portrait einer jungen Frau vor einem blauen Hintergrund vom Künstler Thomas Ruff
Thomas Ruff, Aus: Junge Leute, 1984-87, © (Thomas Ruff) VG-Bild Kunst Bonn, 2021
Fotografisches Portrait eines jungen Mannes vor einem violetten Hintergrund vom Künstler Thomas Ruff
Thomas Ruff, Aus: Junge Leute, 1984-87, © (Thomas Ruff) VG-Bild Kunst Bonn, 2021
Fotografisches Portrait einer jungen Frau vor einem grünen Hintergrund vom Künstler Thomas Ruff
Thomas Ruff, Aus: Junge Leute, 1984-87, © (Thomas Ruff) VG-Bild Kunst Bonn, 2021
Fotografisches Portrait eines jungen Mannes vor einem blauen Hintergrund vom Künstler Thomas Ruff
Thomas Ruff, Aus: Junge Leute, 1984-87, © (Thomas Ruff) VG-Bild Kunst Bonn, 2021

Januar 2021 | Katharina Fritsch

Katharina Fritsch, "Panther und Regal mit 8 Figuren", 1992/94 © (Katharina Fritsch) VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Panther und Regal mit 8 Figuren

Polyester, Farbe, Holz, Gips
90cm Höhe, Ø 160cm und 240 x 100 x 100cm
1992/94

Konspirativer Zirkel oder Moment der Entladung vor dem gegenseitigen aufeinander losgehen?

Zu einem Kreis platziert sitzen sich acht schwarze Panther gegenüber. In ihrer Mitte ist niemand zugelassen. Erstarrt in Polyester ist nicht nur der Moment des Fauchens: Ihre Körper sind lebensgroß und identisch im Aussehen. Kontrastiert wird dieser muskelangespannte Moment durch ein hohes regalartiges weißes Podest mit acht kleinen weißen Figuren. Es handelt sich um Repliken einer Devotionalie, welche die hl. Katharina von Siena mit Lilie und Rosenkranz darstellt. Zwischenräume rhythmisieren das ebenfalls im Kreis angeordnete Ensemble und lassen es wie in Bewegung erscheinen.

Bei einzelner Betrachtung erscheinen die Figuren merkwürdig vertraut. Sucht man etwa den Begriff "Pantherskulptur" im Internet, tauchen zahlreiche Varianten von Dekorationsfiguren auf, wahlweise aus glänzendem Porzellan oder Kunststein. Eine dieser Massenwaren nahm sich die Künstlerin Katharina Fritsch zum Vorbild und vergrößerte sie um ein Vielfaches. Die Alltagswelt ist ihre Inspiration: Dekoration und Nippes, aber eben auch Devotionalien wertet die Künstlerin nicht ab, sondern erhebt sie durch einen aufwendigen Herstellungsprozess und deren maßgenaue Inszenierung.

Die Kreisform und symmetrische Anordnung der identischen Objekte, die zum Grundmotiv der Künstlerin geworden sind, lassen die Vertrautheit gleichzeitig ins Rätselhafte und Unheimliche kippen. Das monochrom matte Schwarz der Panther, das jegliches Licht absorbiert und eine Spiegelung des Umraums verhindert sowie die überhöhten schneeweißen Andachtsfiguren verstärken diesen ambivalenten Moment zwischen Vertrautheit und Abstoßung, Witz und Beklemmung.

Die kombinierte Präsentation von "Panther und Regal mit 8 Figuren" sowie das frühere Werk "Wühltisch"  (1987/89) von Katharina Fritsch waren Teil der ifa-Tourneeausstellung "Leiblicher Logos: 14 Künstlerinnen aus Deutschland ". Seit 2013 ist "Panther und Regal mit 8 Figuren" in der ifa-Ausstellung "Weltreise" zu sehen. Im Jahr 1995 zeigte Katharina Fritsch ihr raumgreifendes Werk "Museum" neben Werken von Martin Honert und Thomas Ruff im Deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia.

Text: Laura Wünsche

Dezember 2020 | (e.) Twin Gabriel

Limonade. Von Afrika

Planktonzucht, Wasserbecken, Ytongsteine, Quecksilberdampflampen
Je 80 x 80 x 80 cm
1996

Fünf weiße würfelförmige Sockel, mit jeweils einem grünen Kubus gleicher Größe darauf platziert, stehen in einer Reihe nebeneinander. Über jedem Kubus hängt eine silberne Lampe, die eine trübe grüne Flüssigkeit erleuchtet: Plankton. Formal erinnert der Aufbau an eine serielle Skulptur in der Tradition des Minimalismus, doch scheinen die Betrachterinnen und Betrachter vielmehr einem naturwissenschaftlich inspirierten Experiment beizuwohnen. Das Plankton, für den musealen Kontext nach wie vor eher unüblich, ist lebendig. Die Materialien des Kunstwerks stammen nicht aus einem klassischen Künstlerbedarfsladen, sondern aus dem Baumarkt. Der Sockel besteht aus handelsüblichen Ytongsteinen, die Kuben sind aus einfachem Glas konstruierte Aquarien.

Anfang der 1990er Jahre stieß die Künstlerin Else Gabriel auf einem Berliner Trödelmarkt auf zwei Aktenordner. Ihren Fund beschrieb sie wie folgt: "192 s/w Fotokopien von Schreibmaschinentexten und ursprünglich farbigen Gouachen (…) und teilweise collagierten Tier- und Krimskramszeitungsbildern. Es geht um Afrika. Nicht fragen. Kaufen. War nicht teuer. 1,- DM pro Stück." Auf einem der Zettel außerdem die Notiz "Limonade. Von Afrika".

Ist dieser Zettel tatsächlich der Ausgangspunkt für die Arbeit? Grüne Limonade aus Plankton? Und warum bitte "Von Afrika"? Plankton bedeutet aus dem Altgriechischen übersetzt "Umherirrende, Umhergetriebene". Wer sind die Umherirrenden und die Umhergetriebenen? Das Plankton oder der Verfasser der Zettel, oder wir vor den grün schimmernden Aquarien stehend? Die Künstlerin jedenfalls fragt nicht, sie kauft, agiert und überlässt das Fragen der entstandenen Arbeit.

"Manchmal, gerade bei besonders guten Fragen, kommt keine Antwort heraus, sondern, wenn man sich die Frage genau anschaut, nur, aber immerhin, eine bessere Frage." (G. W. F. Hegel)

Der Künstlername (e.) Twin Gabriel steht für das Künstlerpaar Else Gabriel und Ulf Wrede. Die beiden arbeiten seit Ende der 1980er Jahre zusammen. Die noch in der DDR eingeübte skeptische und ironische Haltung haben die Künstler sich in den subversiven Untersuchungen ihrer Performances und Installationen bewahrt.

Die Arbeit "Limonade. Von Afrika" sowie weitere Arbeiten von (e.) Twin Gabriel waren von 2000 – 2008 in der ifa Ausstellung QUOBO - Kunst in Berlin 1989-1999 zu sehen.

Fünf weiße würfelförmige Sockel, mit jeweils einem grünen Kubus gleicher Größe darauf platziert, stehen in einer Reihe nebeneinander. Über jedem Kubus hängt eine silberne Lampe, die eine trübe grüne Flüssigkeit erleuchtet: Plankton.
(e.) Twin Gabriel, Limonade. Von Afrika, 1996, Foto: John Hammond © (Twin Gabriel) VG Bild-Kunst Bonn, 2020

November 2020 | Helga Paris

Schwarz-Weiß Fotografie von einer Straße mit einer fliegenden Taube
Helga Paris, Winsstraße mit Taube, 1970er Jahre, Foto © Helga Paris

Winsstraße mit Taube

26 x 38,5 cm
Schwarz-Weiß-Fotografie
Silbergelatineabzug
1970er Jahre

Ein Straßenzug verliert sich im Nebel. Vereinzelt gehen Menschen auf den breiten Gehwegen. Präsent hängt ein Werbeschild an der von der Zeit angefressenen Fassade: "Werner Wendt, Hutformen Modellbau, Hof parterre". An der Straße parkt, Wagen an Wagen, das fast immer gleiche Automodell. Eine Taube fliegt ins graue Nichts.

Der unaufgeregte Blick, mit dem Helga Paris ihren Kiez im Prenzlauer Berg in Berlin aufgenommen hat, ist charakteristisch für ihre Fotografien. Eine schlichte Poesie, die den Betrachter oder die Betrachterin die Vertrautheit und die soziale Empathie spüren lässt, mit der Paris den Alltag in der DDR zeigt. Dem proletarischen Milieu der Großstadt gehört ihr Interesse und ihre Zuneigung.

Helga Paris ist Autodidaktin und fotografierte zunächst ihre Kinder – Familie, Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn sollten folgen. Aus einer Arbeiterfamilie stammend hat die Künstlerin die Fähigkeit, den Menschen in ihrer Umgebung, in den Eckkneipen und auf den Straßen, nahe zu kommen. Ihre Kamera wird bei den Begegnungen für die Aufgenommen oft unsichtbar. Den Blick, mit dem Paris den Menschen begegnet, nennt ihre Freundin, die Dichterin Elke Erb, "Wiegenehrlichkeit".

Für das ifa ist seit 2012 die monografische Ausstellung Helga Paris unterwegs. In ihr wird das fotografische Werk der Künstlerin gezeigt, das in den Jahren zwischen 1968 und 2011 entstanden ist.

Oktober 2020 | Hanns Schimansky

Ohne Titel

Collage, Tusche, Buntstift
62,5 x 45 cm
1993

Ein orangenes Transparentpapier bestimmt fast die gesamte Collage. Das Papier zeigt verschiedene Spuren des Gebrauchs, es ist gefaltet, verkrumpelt und wieder glattgestrichen. Aus der Faltung entstandene Linien ziehen sich gerade über das gesamte Papier oder bilden ein Gewirr an Verästelungen. Das Licht wird von der Oberfläche des glänzenden Papiers in die verschiedensten Richtungen reflektiert.

Links oben auf dem Blatt ist eine Aufzählung von blauen Buntstiftpunkten zu sehen. Jeder einzelne Punkt hat seine Eigenheiten, ist mehr oder weniger ausgedehnt, hat eine Richtung, oder bleibt bei sich. Die einzelnen Reihen der Aufzählung bilden Wellen, die ineinander übergehen und schließlich ins Orange abtauchen. Im Hintergrund ist ein Geflecht von dunklen Linien zu erkennen, das von der Rückseite des Papiers durchscheint. Schichten unterschiedlicher, transparenter Materialien überlagern sich in der Arbeit. Im Zentrum klebt ein weißes Stück Papier, auf einer Seite wellenförmig abgerissen.
 
Hanns Schimansky ist Zeichner und als solcher Erfinder, Entdecker und Forscher. Seine Formensprache entwickelt er aus der Beobachtung seiner Umgebung. Die Küste, an der er aufwuchs und die Stadt, in der er lebt, bieten ihm dafür vielfältige Anregungen. In seinen Zeichnungen entwickelt er immer wieder neue Formulierungen seiner Beobachtungen, er variiert sie, kürzt sie ab und experimentiert mit ihnen.

Hanns Schimansky konzentriert sich mit all seinen Sinnen auf das Medium der Zeichnung. Er gehört zu den Künstlern, die sich ganz der Arbeit mit und auf Papier verschrieben haben. Das Zeichnen ist eine direkte, gezielte Bearbeitung des Mediums für Schimansky. Zeichner zu sein bedeutet für ihn, der schwindelerregenden Medienwelt etwas entgegenzustellen -  langsamer werden.

Im Kunstbestand des ifa befinden sich 11 Collagen von Hanns Schimansky, die er Anfang der 1990er Jahre geschaffen hat. Eine weitere Zeichnung von 1983 stammt aus dem Bestand des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR, dessen Sammlung das ifa nach der Wende aufgenommen hat.

Kunstwerk ohne Titel von Hanns Schimansky
Hanns Schimansky, ohne Titel, 1993, © Hanns Schimansky

September 2020 | Gabriel Rossell Santillán

Obsidiano von Gabriel Rossell Santillán
Gabriel Rossell Santillán, Obsidiano, 2006, Foto: ifa, © Gabriel Rossell Santillán

Obsidiano

Video Installation, Mini DV auf DVD, Obsidian Stein, Laptop und Labyrinth
2006

Der Obsidian ist keine Metapher. Vor einem Laptop dient dieses vulkanische Gestein als Projektionsfläche für die Aufnahme einer Zeremonie im Dahlemer Archiv, die nur in ihrer Opazität sichtbar werden soll; die Bilder wurden nicht dafür gemacht, im direkten Licht, ohne Filter oder in den Massenmedien gezeigt zu werden. Wie bei einem altniederländischen Gemälde können sich nur wenige Personen gleichzeitig der Installation nähern. Der Obsidian überführt das Video in den Raum der Malerei, obwohl das Video als Medium dafür entwickelt wurde, bewegte Bilder für die Massen abzubilden. Wegen des eingeschränkten Raumes um die Installation herum und der Kürze des Videos, müssen die Betrachterinnen und Betrachter nah an den Obsidian herantreten und ihren Standort ändern. So kehrt die Projektion in der Installation die Rolle, die die Projektion eines Videos (z.B. im Kino) hat, um: Anstatt die Massen zu erreichen, zieht die Installation die Betrachterinnen und Betrachter zu sich und in die Zeitlichkeit des zeremoniellen Raumes.

Die Gesänge des Mara’akamen1 Dionisio im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem ließen die Institution erzittern. Während der Zeremonie verblasste die Aura der Klassifizierung von Wissen, die das Museum normalerweise darstellt. Die Anwesenheit von Dionisio verwandelte den Raum, in dem sich die Opfergaben und die zeremoniellen Utensilien befanden und nahm ihm die Maske des "Anderen".

In der Installation "Obsidiano" eröffnet sich ein zeremonieller Raum zwischen dem Obsidian und dem Laptop, in dem die Körper der Betrachterinnen und Betrachter zum Medium der Interaktion werden und Partizipation und Austausch ermöglichen. Die Betrachterinnen und Betrachter spüren durch den Körper, wie koloniale Strukturen aufbrechen, gesellschaftliche Beziehungen sich dadurch verändern und soziale Repräsentationen sich neu herstellen.

Das Werk "Obsidiano" entstand 2006 und wurde im Jahr 2016 für die Ausstellung "Politik des Teilens - Über kollektives Wissen" erworben. Die Ausstellung wurde in Koproduktion der ifa-Galerien mit dem Artspace Auckland in Neuseeland entwickelt. Ende Januar 2021 wird "Obsidiano" erneut in der ifa-Galerie Stuttgart im Rahmen der Ausstellung "Eine natürliche Ordnung der Dinge. Lothar Baumgarten. Gabriel Rossell Santillán" zu sehen sein.


Text: Andrea Meza Torres
Andrea Meza Torres erwarb einen Doktortitel am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin und war von 2016 bis 2018 Postdoctoral Fellow am CEIICH der UNAM, in Mexiko Stadt, wo sie über das Thema "Interreligiöse und interkulturelle Dialoge aus dekolonialer Perspektive" geforscht hat.


1 Mara’akame (von der Gemeinschaft der Wixáritari als "Cantador" ins Spanische übersetzt worden) ist eine Person mit einer besonderen Aufgabe innerhalb der Wixárika-Gemeinde, die durch ihren Gesang bei Zeremonien mit anderen Subjekten kommuniziert. Diese können menschlicher, nicht-menschlicher Natur sein, lebendig oder nicht-lebendig.

August 2020 | Joseph Beuys

Ich kenne kein Weekend

Maggiflasche, Buch (Kant, Kritik der reinen Vernunft)
Multiple 95 Exemplare
15 x 20 x 20 cm
1972

Eine Maggi-Flasche neben der "Kritik der reinen Vernunft". Es fällt nicht gerade leicht diese beiden Objekte, die Joseph Beuys in der Auflagenarbeit "Ich kenne kein Weekend" nebeneinander positioniert, in Beziehung zu bringen. Die "Kritik der reinen Vernunft", das erkenntnistheoretische Hauptwerk des wichtigen deutschen Aufklärers Immanuel Kant von 1781, und Maggi, ein Gewürz, das in den 1970er Jahren, der Entstehungszeit des Kunstwerks, in keinem bundesdeutschen Haushalt fehlen durfte.

Beide Objekte sind in etwa gleich groß und farblich einander angepasst. Auf dem typisch gelben Reclam-Einband sieht man einen roten Stempel: "BEUYS: Ich kenne kein Weekend", der farblich dem Rot der Maggi-Flasche entspricht. Formal sind die Objekte gleichrangig angeordnet. Üblicherweise steht der Meilenstein der Philosophiegeschichte jedoch nicht neben der Gewürzflasche in der Küche. Indem Beuys die beiden "Readymades" neben einander stellt, fordert er die Betrachterin und den Betrachter auf, die Objekte zusammen zu denken. Beuys würzt Kants Gedankengut mit schlichter Alltagskultur. Er bricht Kategorien und Hierarchien auf.

Auch in seiner Theorie der "sozialen Plastik" versucht Beuys das Alltagsleben in die Kunst einzubinden. Mit seinem Statement "Jeder Mensch ist ein Künstler" setzt er jeden von uns in die Verantwortung, die Gesellschaft mit dem eigenen kreativen Handeln jeden Tag in der Woche verändern zu können.
Aktuell ist "Ich kenne kein Weekend" mit der Ausstellung Weltreise. Kunst aus Deutschland unterwegs auf Tournee. Die monografische Ausstellung Beuys, Drawings – Objects – Prints die bis 2004 auf Reisen war, hat Götz Adriani 1990 für das ifa kuratiert. In der ifa-Tourneeausstellung "Fluxus in Deutschland" (1995-2012) waren weitere Werke von Joseph Beuys  zu sehen.

Das ifa freut sich auf das Beuys-Jubiläumsjahr 2021, in dem der Künstler und sein Werk zu seinem 100. Geburtstag geehrt werden.

Eine Maggi-Flasche neben Kants Kritik der reinen Vernunft, auf dem Einband ein roter Stempelabruck mit der Aufschrift BEUYS: Ich kenne kein Weekend
Joseph Beuys, Ich kenne kein Weekend, 1972, Foto: Uwe Walter, © VG Bild-Kunst Bonn, 2020, für Joseph Beuys

Juli 2020 | Karin Sander

Eine rechteckige Fläche auf der Wand, die hochglänzend poliert ist. Licht, das darauf fällt, wird auf dieser spiegelglatten Stelle reflektiert.
Karin Sander, Wandstück, 1994, Foto: Maximilian Bauer, © (Karin Sander) VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Wandstück

Wandfarbe, poliert
42 x 59,4 cm
1994

Die Arbeit "Wandstück" von Karin Sander ist unauffällig und kaum zu erkennen. Die Künstlerin hat eine rechteckige Fläche auf der Wand hochglänzend poliert. Licht, das darauf fällt, wird auf dieser spiegelglatten Stelle reflektiert.
Weder Farbe noch Pigment wurden aufgetragen, um ein Bild zu erzeugen. Stattdessen hat die Künstlerin eine sehr dünne Schicht mit einem extrem feinen Schleifpapier abgeschliffen. Die Eigenheiten der Wand werden durch diesen Prozess hervorgehoben, ihre Eigenschaften in Frage gestellt. Die Wand, klassischerweise der Träger eines Bildes, wird selbst zum Bild – Bild und Wand liegen auf gleicher Ebene. Wo beginnt das Kunstwerk und was ist die Wand? Karin Sander befragt in ihren Arbeiten immer wieder die Rahmenbedingungen von Kunst und verhandelt diese neu.
Geschliffene Wandstücke von Karin Sander sind unter anderem im Museum of Modern Art (MoMA), New York und in der Staatsgalerie Stuttgart realisiert worden. Sie sind zu einer Art Markenzeichen der Künstlerin geworden.
Eine Ausführung von "Wandstück" hat Karin Sander auch im ifa Stuttgart realisiert. Sie wählte dafür eine Wand im Durchgangsbereich vor dem "Weltraum" aus, in dem öffentliche Veranstaltungen des ifa stattfinden. Weitere Kunstwerke von Karin Sander waren in der ifa-Tourneeausstellung "Leiblicher Logos: 14 Künstlerinnen aus Deutschland" vertreten und sind außerdem derzeit in der Ausstellung Weltreise. Kunst aus Deutschland unterwegs zu sehen.

Juni 2020 | Dieter Roth

Gemischter Kopfsalat

Siebdruck, Lithografie, Ätzung in Zink und Zeichnung, in zwölf Farben auf Hahnemühle-Bütten
69,5 x 89,5 cm
1977

Ein schmackhafter, gesunder Salat sieht anders aus. Gelangen wir, wenn wir die einzelnen Schichten von Dieter Roths "Gemischtem Kopfsalat" entblättern, zum Herz der Arbeit, an die Themen, die den Künstler zeitlebens beschäftigt haben? Oder stehen wir am Ende doch nur vor einer Ansammlung wirrer Ideen? 

Allein die unterschiedlichen Drucktechniken und die Anzahl der Farben des Drucks beschreiben die komplexe Machart der Arbeit: Siebdruck, Lithografie, Ätzung in Zink und Zeichnung, in zwölf Farben auf Hahnemühle-Büttenpapier. Die übereinander gelagerten Schichten ergeben ein undurchdringbares Gewirr an Informationen. Die runde Form, die das Blatt ausfüllt, erinnert an die zwei Hälften eines Gehirns. Während des Sehprozesses tauchen immer neue Einzelheiten auf, die sich aber nur schwer aus der grauen Substanz herauspräparieren lassen. Ganz so, wie man es manchmal von den eigenen Gedanken kennt.

Dieter Roth war in allen Kunstgattungen zu Hause. Er arbeitete als bildender Künstler, Büchermacher, Musiker und Filmemacher, Dichter und Autor. Bekannt geworden ist er mit Arbeiten aus vergänglichem Material, die einem Prozess der allmählichen Veränderung und des Zerfalls unterlagen. Diese Auflösungsprozesse thematisiert der Künstler auf einer visuellen Ebene auch in dem Druck "Gemischter Kopfsalat".

Für das ifa war Dieter Roth an mehreren Ausstellungen beteiligt, darunter "Fluxus" und Weltreise. Kunst aus Deutschland unterwegs. Die Druckgrafik "Gemischter Kopfsalat" ist als Auflagengrafik für das ifa entstanden.

Gemischter Kopfsalat von Diether Roth
Dieter Roth, Gemischter Kopfsalat, 1977, © Dieter Roth Estate, Courtesy the Estate and Hauser & Wirth

Mai 2020 | Rosemarie Trockel

Ein junger Mann, der mit der Hand auf einer Waffe eine Siesta hält.
Rosemarie Trockel, Siesta, 2000, Foto: Bernhard Schaub, © (Rosemarie Trockel) VG Bild-Kunst Bonn, 2003

Siesta

Acrylfarbe und Bleistift auf Papier
53,5 x 75,6 cm
2000

Gedankencollage von An Paenhuysen

Ein junger Mann, der mit der Hand auf einer Waffe eine Siesta hält.
In der ifa-Tourneeausstellung "Rosemarie Trockel" ist er nicht der einzige Schlafende: ein Mann, der auf der Kühlerhaube eines Autos ruht;  ein Junge, der seinen Kopf auf den Tisch bettet; ein Schädel mit geschlossenen Augenlidern.
In der Kunstgeschichte ist die horizontale, ruhende Darstellung von Männern selten. Auch die berühmte Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin ist in der Sitzposition nicht ganz passiv: Die Arme sind muskulös, was eine Handlung andeutet.
In der nordost-italienischen Stadt Cividale im Friaul  kam ich am Dom vorbei. Auf den Fresken sind Engel mit geschlossenen Augen dargestellt, als ob sie schlafen würden. Schlafende Engel. Ist nicht jeder ein Engel, wenn er schläft?
Jemandem beim Schlafen zuzuschauen ist etwas Besonderes. Die schlafende Person ist nicht wirklich in der physischen Welt, sondern befindet sich irgendwo anders, in einem anderen Zustand des Seins.
Der Watvogel schläft ein, sobald er auf widersprüchliche Impulse stößt. "Schlaf ist zweifellos die sinnlichste Form des Protestes", sagt ein anonymer Anarchist in einem Fanzine.
Auf der Biennale in Venedig 1999 installierte Rosemarie Trockel im deutschen Pavillon Kinderbetten, in denen die Besucher ein Nickerchen machen konnten. Die Installation hieß "Schlafmittel". Lassen sich manche Dinge im Schlaf besser erleben?

An Paenhuysen ist  Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin. Sie reist seit 2016 für das Vermittlungsprogramm zur ifa-Ausstellung Rosemarie Trockel. Ausgewählte Zeichnungen, Objekte und Videoarbeiten, die seit 2003 auf Tournee ist.

April 2020 | Judith Raum

Bauhausraum

Eine künstlerische Recherche zur Textilwerkstatt am Bauhaus
Installation
2017

Stoffbahnen, Garne, Gewebtes – Textiles gilt häufig als reine Dekoration. Dieser Sichtweise setzt die Künstlerin Judith Raum ihre ausgiebigen Forschungen und künstlerischen Installationen über Textilien entgegen. Die Künstlerin reaktiviert dabei nicht nur die Besonderheiten historischer Stoffe, indem sie sie in aufwendiger Weise nachweben lässt, sondern offenbart sie außerdem als Träger von politischen und gesellschaftlichen Erzählungen.

Die Installation "Bauhausraum" wurde für die ifa-Tourneeausstellung "The Event of a Thread. Globale Erzählungen im Textilen" entwickelt und nähert sich der Geschichte der Weberei- und Textilwerkstatt des Bauhauses auf unterschiedlichen Ebenen. Judith Raum bereiste internationale Archive, um historische Dokumente und Überbleibsel von Gebrauchsstoffen der Bauhaus Textilwerkstatt zu studieren: Sie beschäftigte sich also nicht nur mit der außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte der Weberei am Bauhaus, sondern auch mit der Geschichte ihrer Überlieferung. Ergebnis ihrer ausgiebigen Recherchen sind sechs Kapitel, die in einer raumgreifenden Architektur multimedial zum Tasten, Hören, Sehen und Nachlesen einladen und vor allem das Material selbst sowie die Stimmen der Weberinnen durch Zitate sprechen lassen. Nicht nur die Beziehungen von Handwerk und künstlerischem Medium oder die sich verändernde ästhetische Programmatik der Werkstatt als Spiegel der unterschiedlichen politischen Visionen der Bauhaus Direktoren sind hier nachzuvollziehen, sondern auch die Frage nach (vermeintlicher) Gleichberechtigung der Geschlechter am Bauhaus.

Zu sehen in The Event of a Thread. Globale Erzählungen im Textilen (seit 2017)

Text: Laura Wünsche

Installation Bauhausraum von Judith Raum

Judith Raum, Bauhausraum, 2017

Judith Raum, Bauhausraum, 2017, Installationsansicht, Kunsthaus Dresden, Foto: Ludger Paffrath, © ifa / Judith Raum
Installation "Bauhausraum" von Judith Raum

Judith Raum, Bauhausraum, 2017

Judith Raum, Bauhausraum, 2017, Installationsansicht, Kunsthaus Dresden, Foto: Ludger Paffrath, © ifa / Judith Raum
Installation "Bauhausraum" von Judith Raum

Judith Raum, Bauhausraum, 2017

Judith Raum, Bauhausraum, 2017, Installationsansicht, Kunsthaus Dresden, Foto: Ludger Paffrath, © ifa / Judith Raum
Installation "Bauhausraum" von Judith Raum

Judith Raum, Bauhausraum, 2017

Judith Raum, Bauhausraum, 2017, Installationsansicht, Kunsthaus Dresden, Foto: Ludger Paffrath, © ifa / Judith Raum
Installation "Bauhausraum" von Judith Raum

Judith Raum, Bauhausraum, 2017

Judith Raum, Bauhausraum, 2017, Installationsansicht, Kunsthaus Dresden, Foto: Ludger Paffrath, © ifa / Judith Raum

März 2020 | Wolfgang Tillmans

Domenico, Planet

C-Print
40,5 x 30,2 cm
1992

Ein junger Mann im klassischen Ganzkörperportrait steht mittig im Bild. Ein Bauzaun unterteilt den Bildraum in zwei Sphären – Sperrmüll und Wohnhäuser im Hintergrund, den Portraitierten scheinbar isoliert im Vordergrund. Er trägt auffällige Kleidung und Accessoires, die man der Technoszene zuordnen kann. Aus zwei Brillen, wovon eine orange gefärbte Gläser hat, schaut er den Betrachter direkt an. Sein Oberteil mit Reißverschluss aus orange glitzerndem Polyestergarn und ein rostig oranger Sperrmüllstapel färben auch die Wahrnehmung der Fotografie orange ein.

Wolfgang Tillmans ist einer der einflussreichsten Vertreter der zeitgenössischen Fotografie. Mit einem neugierigen und erforschenden Blick setzt er sich in seinen Bildern mit seiner direkten Umwelt auseinander. Einem breiteren Publikum wurde er Anfang der 90er Jahre vor allem durch unkonventionelle Aufnahmen seiner Freunde und Bekannten aus der Techno- und Schwulenszene bekannt. Seine Fotos wurden in Style- und Modemagazinen wie i-D und Spex veröffentlicht.

Aus dieser Zeit stammt auch die Fotografie "Domenico, Planet". Das ifa zeigte Wolfgang Tillmans Werk von 1995 bis  2012 in der Tourneeausstellung "Bildermode – Modebilder". Zurzeit sind seine Arbeiten in der Ausstellung Weltreise weltweit und in der monografischen Ausstellung mit dem Titel Wolfgang Tillmans: Fragile auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs.

Ein junger Mann steht mittig im Bild. Er trägt auffällige Kleidung und Accesoires, die man der Techno Szene zuordnen kann. Ein Bauzaun unterteilt den Bildraum in zwei Sphären – Sperrmüll und Wohnhäuser im Hintergrund, den Portraitierten scheinbar isoliert im Vordergrund.
Wolfgang Tillmans, Domenico, Planet, 1992, © Wolfgang Tillmans

Februar 2020 | Hanne Darboven

Das Kunstwerk besteht aus Schreibschriftbögen, die das linierte Standard-Papier von Anfang bis Ende überziehen
Hanne Darboven, aus der Serie Schreibschrift, 1972, © (Hanne Darboven) VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Schreibschrift

Bleistift auf Papier
29,5 x 21 cm
1972

Der zentrale Begriff in Hanne Darbovens Werk ist "Tätig sein", basierend auf ihrer täglichen Praxis, die nahezu unermüdlich scheint. Auf der Arbeit "Schreibschrift" von 1972 sehen wir Schreibschriftbögen, die das linierte Standard-Papier von Anfang bis Ende überziehen. Buchstaben und sprachliche Bedeutungsebenen verlieren sich in "Endlosschriftschwünge" und geben ihren Inhalt zugunsten einer reinen Form auf.

Das Verhältnis von Form und Bedeutung wird gelöst, die Schreibzeit dehnt sich in den Raum aus und wird so sichtbar. Das Sehen, die Wahrnehmung tritt in den Vordergrund.
Hanne Darboven folgt einem festgelegten Ordnungsprinzip und versteht ihre Arbeit als eine dokumentarische Tätigkeit, als "ein Aufzeichnen im Sinne von Dasein, es ist Durcharbeitung" (Darboven, 1966). Das ifa begleitete den gemeinsamen Biennale-Beitrag von Hanne Darboven mit Gotthard Graubner und Wolfgang Laib im Jahr 1982 und widmete der Künstlerin von 1995 bis 2004 eine monografische Tourneeausstellung.