Ein Rohingya-Kind springt über einen schmutzigen Fluss in einem Flüchtlingslager in Bangladesch; Foto: picture alliance / AP Photo / Wong Maye-E
Ein Rohingya-Kind springt über einen schmutzigen Fluss in einem Flüchtlingslager in Bangladesch; Foto: picture alliance / AP Photo / Wong Maye-E

Die Armut unseres Geistes

Ein Jahr ist vergangen, seit die Rohingya-Flüchtlingskrise in die Schlagzeilen der Weltpresse gelangte. Seit August 2017 sind fast eine Million Rohingya aus dem nördlichen Teil der Provinz Rakhaing in Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen und haben oft ihr Leben riskiert. Die staatenlose muslimische Volksgruppe wurde daraufhin als "die am stärksten verfolgte Minderheit der Welt" bezeichnet. Auch wenn die Krise kein großes Medieninteresse mehr hervorruft, sind die Probleme noch lange nicht gelöst. Pradip Acharjee, Alumnus des CrossCulture Programms, kommt aus einem Gebiet Bangladeschs, in dem Tausende von Rohingya Schutz suchten. Der 44-Jährige sieht großen Handlungsbedarf. Deshalb unterstützt er kulturelle Projekte für die Hilfe zur Selbsthilfe und zur Jugendförderung in den Rohingya-Gemeinden, um eine der wichtigsten Formen der Armut zu bekämpfen: die Armut des Geistes.

Interview von Marion Eder
Juli 2018

ifa: Wie würden Sie die derzeitige Situation der Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch beschreiben?

Pradip Acharjee: Die kriegsähnliche Situation in Myanmar Mitte 2017 war dafür verantwortlich, dass viele Rohingya nach Bangladesch gekommen sind. Sobald im Juni die Monsunregen beginnen, ist mit Überschwemmungen, Zyklonen und heftigen Regenfällen zu rechnen. Die Flüchtlingslager befinden sich am Golf von Bengalen, auch in der hügeligen Gegend von Cox's Bazar, die als hochwassergefährdet gilt. Internationale Hilfsorganisationen haben zwar einfache Regenabdeckungen für die Unterkünfte zur Verfügung gestellt, allerdings werden diese Unterkünfte den sintflutartigen Regengüssen des Monsuns nicht standhalten können. Bei einem Zyklon müssen Tausende von Menschen um ihr Leben fürchten.

ifa: Die Rohingya sind jedoch nicht nur von den schwierigen Witterungsbedingungen bedroht. Sie sehen sich auch mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert.

Acharjee: Ja, das stimmt. Anfangs hießen viele Menschen in Bangladesch die Rohingya willkommen, weil sie überwiegend Muslime sind – genau wie wir. Allerdings hat sich die Lage mit dem Entstehen sozialer Konflikte geändert. Einer dieser Konflikte hängt mit den niedrigen Löhnen auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, waren und sind die Rohingya bereit, für lächerlich niedrige Löhne zu arbeiten. Kinder und junge Mädchen in den Rohingya-Gemeinden sind durch Missbrauch und Ausbeutung gefährdet, sei es durch Kinderehen, physische und psychische Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Drogenhandel. Das bereitet der einheimischen Bevölkerung Sorgen.

ifa: Sie arbeiten für das Bangladesh Institute of Theatre Arts, kurz Bita. Was zeichnet die Arbeit des Instituts aus?

Acharjee: Das Bangladesh Institute of Theatre Arts wurde 1995 gegründet und fördert die kulturelle Entwicklung. Seit 2015 arbeitet Bita mit den Rohingya, zurzeit in einem gemeinsamen Projekt mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef. Die geflüchteten Rohingya haben oft traumatische Erlebnisse hinter sich. Deshalb versuchen wir, ihre psychosozialen Lebensumstände zu verbessern. Wir inszenieren Theateraufführungen, in denen wir uns mit dem Publikum auseinandersetzen. Dieser schauspielerische Ansatz dient als Einstieg in einen partizipativen Prozess. Die Rohingya lernen ihre Probleme kennen und erfahren, wie diese sozialen Belange innerhalb des Theaterumfeldes angegangen werden können. Das Theaterspiel ist einer der wichtigsten partizipativen Ansätze von Bita für die kulturelle Entwicklung der Gemeinschaft.

Aufführung eines Theaterstücks in einem Flüchtlingslager;
Foto: Pradip Acharjee
Arbeit mit einer jungen Flüchtlingsgruppe in Bangladesch;
Foto: Pradip Acharjee

ifa: Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie dieser schauspielerische Ansatz in der Praxis funktioniert?

Acharjee: Kinderehen und Kinderschwangerschaften sind beispielsweise in den Rohingya-Gemeinden weit verbreitet. Sobald wir eine solche Problemsituation erkannt haben, findet ein Treffen mit 20 bis 25 Jugendlichen statt. Am Anfang versuchen wir, die Teilnehmer zu motivieren, sich an kreativen Aktivitäten, wie volkstümliche und traditionellen Gesellschaftsspielen, oder Übungen aus der Theaterpädagogik zu beteiligen. Diese Einführungsspiele helfen dabei, das Eis zwischen Moderatoren und Teilnehmern zu brechen. Nach einer Weile entwickeln die Teilnehmer die Fähigkeit, Themen mithilfe dieser Theatermethoden auszudrücken und zu diskutieren. Das sind Diskussionen, die sie innerhalb ihrer Familien oder Gemeinden nicht führen können.

ifa: Also ist das Theater ein Mittel, um Probleme zu behandeln, die geheim gehalten wurden?

Acharjee: Ja. Wir fragen die Jugendlichen beispielsweise nach ihrer persönlichen Meinung über die Kinderehe. Sie sind sich meist schnell einig, dass es sich um einen schlechten Brauch handelt und dass sie dieser Sitte etwas entgegensetzen möchten. Im nächsten Schritt sammeln die Teilnehmer Vorkommnisse, die ihnen in den letzten sechs Monaten bekannt geworden sind. Diese Beispiele werden in ein schlüssiges Drehbuch für das Theater übertragen. Sobald das Stück geschrieben ist, erproben wir verschiedene schauspielerische Methoden, loten die Fähigkeiten der Teilnehmer aus und versuchen, sie in unser "soziales Theater" zu integrieren.

ifa: Wo finden die Aufführungen üblicherweise statt?

Acharjee: Normalerweise führen wir unsere Stücke vor 600 bis 700 Zuschauern in Flüchtlingslagern der Rohingya auf. Die Menschen dort haben kaum Möglichkeiten zu arbeiten oder ihre Zeit sinnvoll zu verbringen. Deshalb kommen sie in Scharen zu unseren Vorstellungen. Nach einer 40 bis 50 Minuten dauernden Aufführung laden wir das Publikum zum Austausch und zur Diskussion über die von uns angesprochenen Themen ein. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Die Zuschauer schildern die Gefahren früher Schwangerschaften für junge Mädchen und die negativen Folgen für das Mädchen und die Familie. So erkennen sie, dass dies nicht gut ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich vorher noch nie in dieser Tiefe mit dem Thema beschäftigt haben. Basierend auf dem Dialog mit dem Publikum wird ein Aktionsplan entwickelt, der zu Veränderungen führen soll.

ifa: Wie erklären Sie sich diesen Mangel an Bewusstsein?

Acharjee: Meiner Meinung nach sind wir methodisch nicht in der Lage, unsere sozialen Probleme gemeinsam und partizipativ zu analysieren. Wir denken nur über unsere materielle Armut und unsere finanzielle Situation nach und betrachten die Armutsbekämpfung vor allem im Hinblick auf die Entwicklung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Anliegen. Mit dieser eingeschränkten Wahrnehmung erkennen wir nicht, dass es eine andere Form der Armut gibt: die Armut unseres Geistes, unserer Gedanken, unseres Glaubens. Wir halten uns für arm, wenn wir uns den Reis für drei Mahlzeiten nicht leisten können. Aber wir denken nie über unsere geistige Armut nach. Genau hier versucht meine Organisation anzusetzen. Wir versuchen, den Armutsbegriff ganzheitlich zu verstehen, um eine Veränderung in den Köpfen der Menschen und im Verständnis von Armut zu bewirken.

Pradip Acharjee, Alumnus des CrossCulture-Programms; Foto: Privat
Pradip Acharjee, Alumnus des CrossCulture Programms; Foto: Privat

ifa: Von März bis Mai 2018 haben Sie sich dem JES-Theater (Junges Ensemble Stuttgart) angeschlossen. Dieses Theater widmet sich in seinen Stücken den Problemen junger Menschen, ähnlich wie Bita. Welche Themen behandelte das JES in seinen Vorstellungen?

Acharjee: Während meiner Zeit in Stuttgart arbeitete das JES unter anderem über Inklusion, Geschlechterrollen, Flüchtlinge, die Auswirkungen des Internets oder Respekt. Für ein reiferes Publikum spielten syrische Flüchtlinge eine Rolle, ihre Lebensumstände, ihre Denkweisen oder ihre alltäglichen Probleme. Nach den Vorstellungen kann das Publikum mit den Schauspielern diskutieren, ähnlich wie bei unserem Konzept in Bangladesch.

ifa: Gibt es andere Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Ihrer Arbeit in Bangladesch und der Arbeit des JES in Stuttgart?

Acharjee: Das Theater hat seine eigene universelle, internationale und grundlegende Sprache. Die Methoden, die wir in Bangladesch und in Deutschland anwenden, sind nahezu die gleichen. Unsere Arbeit ist bezogen auf die Abläufe und die Anwendungsbedingungen sehr ähnlich. Allerdings gibt es Unterschiede hinsichtlich der Leistungsfähigkeit, der Ressourcen, der Politik, der Kulturen und der Haltung der Menschen. Die deutsche Wirtschaft und die Regierungspolitik sind ziemlich stark und so gibt es glücklicherweise langfristige Verpflichtungen für die Finanzierung von Theatern. Dadurch sind deutsche Theater wesentlich unabhängiger als Theater in Bangladesch.

ifa: Inwieweit werden die Berufserfahrungen, die Sie in Deutschland gesammelt haben, Ihre zukünftige Arbeit beeinflussen?

Acharjee: Sobald ich wieder in Bangladesch bin, möchte ich an einem postmodernen Essay über meine zweimonatige Erfahrung in Deutschland arbeiten. Ich werde versuchen, eine vergleichende Analyse über Gemeinschaften in Deutschland und Bangladesch im Hinblick auf die verschiedenen Probleme zu schreiben, mit denen sie in ihrem jeweiligen Land konfrontiert sind. Ich möchte der Regierung von Bangladesch einige Ideen vorlegen, zum Beispiel mehr Vollzeitstellen für Theaterpädagogen an weiterführenden Schulen zu schaffen sowie ein Praxisumfeld, wie ich es in Deutschland erlebt habe.

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