Teilnehmer des zivik-Forums 2005 diskutieren vor Fotoausstellung "Frauen und Krieg" mit Aufnahmen von Ursula Meissner
zivik-Forum 2005 "MACHT.EHRE.SCHAM", Teilnehmer diskutieren vor Fotoausstellung "Frauen und Krieg" mit Aufnahmen von Ursula Meissner, Foto: Wolfgang Borrs

Generalsekretär in Zeiten des Umbruchs

Kurt-Jürgen Maaß erlebte die Diskussion um eine neue Ausrichtung und Zielsetzung der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik um die Jahrtausendwende hautnah mit. Neue Dialogformen, verstärkter Austausch und die Rolle der Zivilgesellschaft rückten in den Vordergrund. Während seiner Zeit als ifa-Generalsekretär von 1998 bis 2008 setzte Maaß viele neue Impulse. Im Interview spricht er über damals entstandene Programme und Austauschforen, die neue Rolle des ifa an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis und die Verortung am Standort Stuttgart. 

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Von den 100 Jahren ifa waren sie zehn Jahre lang Generalsekretär. Was war in Ihrer Zeit besonders wichtig?

Ich kam in einer Zeit intensiver Diskussionen über Sinn und Zweck und Entwicklungschancen der Auswärtigen Kulturpolitik zum ifa. Sie kulminierten in der Konzeption 2000 des Auswärtigen Amtes. Doch auch danach verlor die Diskussion keineswegs an Intensität: Es wurde über Themen wie Krisenprävention, den Euro-Islamischen Dialog, die Rolle der Zivilgesellschaft oder Kultur und Entwicklung debattiert. In jener Zeit setzten Wissenschaftler aus den USA die Schlagwörter "Cultural" und "Public" Diplomacy durch, besonders nach dem 11. September 2001. Dies führte schließlich zum Schlüsselwort "Soft Power". Es war nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Das ifa intensivierte die wissenschaftliche Begleitforschung zur Außenkulturpolitik und bot sich als Kompetenzzentrum an.

In diesem Zusammenhang wurde das Förderprogramm zivile Krisenbearbeitung (zivik) eingeführt. Wie kam es dazu?

Zivile Konfliktbearbeitung war für eine Mittlerorganisation des Auswärtigen Amtes Neuland. Als Folge der internationalen Diskussionen über den Völkermord in Ruanda in den neunziger Jahren bewilligte der Deutsche Bundestag zusätzliche Mittel, um ähnliche Katastrophen in Zukunft vermeiden zu können. Das ifa bot sich als "Umsetzer" für diese neue Aufgabe an, obwohl die Verbindung des Programms zur Außenkulturpolitik damals noch nicht überall gesehen wurde. Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt prüft und bewilligt das ifa Projektanträge zivilgesellschaftlicher Organisationen und unterstützt sie bei der Umsetzung. Das gelang so gut, dass die Mittel für das ifa-Programm von 100.000 € im ersten Jahr auf heute 10 Millionen € pro Jahr aufgestockt worden sind. Bis heute gibt es im Programm zivik keinen Förderschwerpunkt, weil das Programm auf Anträge von Nichtregierungsorganisationen reagiert. Faktisch standen in den ersten Jahren Nachsorgeprojekte im Vordergrund, die das Wiederaufflammen beigelegter Konflikte vermeiden sollten.

Neue Formen des Dialogs und Austausches 

Welche Programme entstanden zur Förderung des Euro-Islamischen Dialogs?

Zunächst wurden Mediendialoge, Dialogkonferenzen und Publikationen stark intensiviert. Der Euro-Islamische Dialog musste auf eine völlig neue Grundlage gestellt werden. Über viele Jahre hatten nur die westlichen Länder die Agenda festgelegt. Dies wurde von den islamisch geprägten Ländern nicht mehr akzeptiert. Zur Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Forschung und Medien kamen mit einer ganz neuen und gemeinsam erarbeiteten Agenda einige weitere Themenschwerpunkte hinzu: Projekte zu den politischen und sozioökonomischen Wurzeln von Militanz und Terrorismus, zur Förderung der Zivilgesellschaften, zur Demokratisierung und zum Ausbau der Multilateralisierung. Daraus entstand auch das CrossCulture-Programm. Die Stichwörter hießen Ausbau von Austausch und Begegnung, Netzwerkbildung unter Bürgerbewegungen und grenzübergreifende Zusammenarbeit von Organisationen der Zivilgesellschaft. 

Wie kam es zu einer verstärkten wissenschaftlichen Begleitforschung zur Auswärtigen Kulturpolitik?

Das hatte mehrere Ursachen. Zum einen erhielt ich schon im Jahr 2000 einen Lehrauftrag an der Universität Stuttgart und ab 2003 an der Universität Tübingen. Dafür war ich auf die praktische und im Übrigen exzellente Unterstützung durch die ifa-Bibliothek angewiesen. Zum anderen ist mir damals aufgefallen, dass die möglichen Leistungen der ifa-Bibliothek für Forschung und Lehre wie auch für eine wissenschaftliche Begleitforschung nicht ausreichend sichtbar und bei weitem nicht ausgeschöpft waren. Wir haben dann mit Spezialbibliografien, ifa-Synergiestudien zu den bilateralen Kulturbeziehungen Deutschlands mit ausgewählten Ländern, einem jährlichen Forschungspreis für die beste Nachwuchsarbeit zu einem Thema der Außenkulturpolitik und vor allem durch die Gründung des Wissenschaftlichen Initiativkreises Kultur- und Außenpolitik (WIKA) eine deutlich größere Sichtbarkeit der Kompetenzen des ifa erreichen können. Das mit großer Unterstützung der ifa-Bibliothek zustande gekommene und inzwischen in 3. Auflage erschienene Handbuch Kultur und Außenpolitik hat ebenfalls gute Dienste geleistet.

Runder Tisch gegen Krisen

Im Jahr 1998 haben Sie zusammen mit der Robert Bosch Stiftung den "Runden Tisch USA" initiiert. Heute besteht er aus 18 Mitgliedern. Sie wollten den Austausch mit Stiftungen, Mittlerorganisationen und Institutionen fördern. Warum war das wichtig für Sie?

Der Runde Tisch ist ein ganz ungewöhnliches Kooperationsprojekt, aus dem eine Reihe von exzellenten deutsch-amerikanischen oder auch internationalen Konferenzen entstanden ist. Für die langfristige Netzwerkentwicklung zwischen vor allem jungen Menschen und wissenschaftlichen und politischen Nachwuchskräften beider Länder war und ist das von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA haben immer wieder Krisen durchlaufen, beispielsweise auch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie abzufedern, ist eine ganz entscheidende Aufgabe des "Runden Tisches USA".

Sie haben die Beziehungen des ifa zur Stadt Stuttgart auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Das hat sich nach 1998 sehr schnell ergeben. Ich wurde als so genannter "Sachkundiger Bürger" in den Gemeinderat berufen und habe damals rasch festgestellt, dass die Stadt Stuttgart mit ihrem deutschlandweit ungewöhnlich hohen Prozentsatz an Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel stand. Der Gemeinderat beschloss einen Pakt für Integration. Daraufhin gründeten die Robert Bosch Stiftung, die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg das Deutsch-Türkische Forum. Parallel entstand das "Forum der Kulturen" als Dachverband migrantischer Kulturvereine. Hierzu passte auch der vom ifa initiierte Initiativkreises interkulturelle Stadt Stuttgart (IKIS) und das gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung veranstaltete jährliche Stuttgarter Schlossgespräch. IKIS ist ein Zusammenschluss von Stuttgarter Kultur-und Bildungseinrichtungen, die den interkulturellen Dialog und den internationalen Kulturaustausch fördern und unterstützen. Ihm gehören mittlerweile 22 Mitglieder an. Das Forum der Kulturen (das heute übrigens den IKIS betreut) spielte eine zunehmend wichtige Rolle und war im kommunalen Raum ein "geborener Partner" des ifa.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Gab es ein Thema, das während Ihrer Amtszeit besondere Bedeutung gewann?

Was mich nach meiner Ankunft in Stuttgart besonders erstaunt und ein bisschen irritiert hatte, war, dass das ifa keine Beziehungen zur Israelitischen Religionsgemeinschaft hatte. Das war auf dem Hintergrund der fatalen und erst in meiner Amtszeit aufgearbeiteten Geschichte des deutschen Ausland-Instituts in den dreißiger Jahren unbefriedigend. Fritz Wertheimer, der erste Generalsekretär des DAI von 1919 bis 1933, entstammte einer jüdischen Familie und wurde deshalb von den Nazis aus dem Amt gejagt. Ich habe eine sehr schöne Beziehung zu seinem inzwischen verstorbenen Sohn Hans Stefan Wertheimer entwickeln können. Mithilfe des ifa konnte er seine Erinnerungen aus seiner Emigrationszeit in Brasilien publizieren: "Lumpazivagabundus Himmelreich und andere brasilianische Geschichten aus einem bewegten schwäbischen Leben".

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des ifa?

Ich wünsche mir, dass das ifa sich so positiv weiterentwickelt wie in den letzten Jahren unter Ronald Grätz und dass es gelingt, die Bedeutung der Außenkulturpolitik (und damit auch die solide Finanzierung der Arbeit des ifa) zu verstetigen. Das ifa sollte weiterhin ganz nah an der Aktualität bleiben und dabei weiter erkennen, wo es einen produktiven und konstruktiven Beitrag zur Weiterentwicklung der Außenkulturpolitik und ihrer Umsetzung leisten kann.

Prof. Dr. Kurt-Jürgen Maaß, geboren 1943 in Elmshorn, studierte Rechtswissenschaften in Hamburg, Lausanne, Straßburg und Speyer. Berufliche Stationen waren u. a. Direktor der Ausschüsse für Wirtschaft und Wissenschaft bei der Nordatlantischen Versammlung in Brüssel, Referent im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in Bonn und Leiter der Grundsatzabteilung der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH). Von 1998–2008 war Kurt-Jürgen Maaß Generalsekretär des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) in Stuttgart. Maaß gründete den Initiativkreis interkulturelle Stadt Stuttgart(IKIS), war Vorsitzender des Kuratoriums des Forum der Kulturen und Mitglied im Kuratorium des Deutsch-Türkischen Forums. Maaß ist Honorarprofessor an der Universität Tübingen.