"Vielfalt ist eine Bereicherung, keine Bedrohung"

Interview mit Ins A Krominga über die Situation intergeschlechtlicher Menschen in Deutschland

Sprachlich sieht Ins A Kromminga für intergeschlechtliche Menschen in Deutschland einen Fortschritt, jedoch gibt es in Politik und Medizin noch viel zu tun. Mit der Organisation Intersex International (OII) setzt sich Kromminga für die Rechte von Inter* weltweit ein.

ifa: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen" – mit diesem Satz des Komikers Karl Valentin beginnt eine Publikation über "Inter* & Sprache", die Sie verfasst haben. Zwar haben sich intergeschlechtliche Menschen in den letzten zwanzig Jahren mehr Gehör verschafft, aber in unserer Sprache – und damit in unserer Realität – sind sie noch immer so gut wie unsichtbar. Haben wir für diese Realität noch keine Worte?

Ins A Kromminga: Das hätte ich vielleicht vor zehn Jahren gesagt, aber inzwischen haben wir im deutschsprachigen Kontext ausreichend Worte dafür – eine Sprache, die weniger medikalisiert. Früher hieß es zum Beispiel "Menschen mit Intersexualität". Das hört sich an wie eine Krankheit und letztlich beeinflusst diese Vorstellung, dass man ein Syndrom oder eine Störung hat, auch die eigene Wahrnehmung. Wir sprechen heute von Inter* oder intergeschlechtlichen Menschen. Am besten ist es, die Menschen zu fragen, wie sie angesprochen werden wollen, denn es gibt auch intergeschlechtliche Menschen, die sich als weiblich oder männlich definieren. In meinem Fall ist es weder noch. Ich würde mich als "non-binary" bezeichnen. Für meine Anrede bevorzuge ich den Vor- und Nachnamen oder den Titel "Künstler*in". In der Schriftsprache den Unterstrich oder Stern.

ifa: Seit dem 1. Januar 2019 ist es in Deutschland möglich, beim Eintrag ins Personenstandsregister neben "männlich" und "weiblich" auch die Option "divers" zu wählen – ein Meilenstein auf dem Weg zur Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt?

Kromminga: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht genug. Noch haben wir uns nicht von den medizinischen Bevormundungen befreit. Für diese Eintragung ist nach wie vor ein Nachweis durch eine ärztliche Autorität erforderlich. Für Inter* bedeutet das eine erneute Pathologisierung. Positiv ist, dass der Eintrag und die Debatte darum Sichtbarkeit erzeugt haben.

ifa: Intergeschlechtlichkeit wird häufig zusammen mit LGBTQ, also Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer genannt. Können Sie kurz erläutern, was genau Intergeschlechtlichkeit ist – insbesondere im Unterschied zu Transsexualität?

Kromminga: Intergeschlechtlichkeit beschreibt Menschen, die mit Variationen der Geschlechtsmerkmale geboren sind, die den normativen Vorstellungen von männlich und weiblich nicht entsprechen. Das kann bei der Geburt ersichtlich sein, aber auch erst im Laufe des Lebens in Erscheinung treten oder auch gar nicht. Trans*-Personen haben hingegen eine Geschlechtsidentität, die sich von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht unterscheidet. Bei Inter* werden geschlechtsverändernde Eingriffe wie Operationen meist schon im Kindesalter vorgenommen, bei Trans* wiederum können körpermodifizierende Eingriffe gewünscht sein, sind aber mit großen Hürden verbunden.

"Kunst macht nicht Sagbares sichtbar."

ifa: Sie sind selbst bekennende Inter*Aktivist_in und verarbeiten das Thema auch künstlerisch. Welche Rolle spielt Kunst für Sie – welche kann sie für andere LGBTIQ-Menschen spielen?

Kromminga: Kunst ermöglicht einen Raum frei von Zuschreibungen. Sie macht sichtbar, was vielleicht noch nicht für jeden sagbar ist. Ich weiß natürlich, dass manche Inter*Personen durch meine Zeichnungen getriggert werden, wenn sie sich darin wiederfinden, aber selbst noch keinen Umgang damit gefunden haben. Wenn sie aber sehen, dass Themen, die sie selbst betreffen, einen öffentlichen Raum bekommen, empowert sie das. Als ich herausfand, dass ich Inter* bin, gab es niemanden, an dem ich mich hätte orientieren können. Insofern möchte ich auch Ansporn sein und andere Inter* motivieren, zu sich zu stehen und sich für ihre Rechte einzusetzen.

ifa: Am 26. Oktober wird weltweit der "Intersex Awareness Day" begangen. Er erinnert an die ersten Proteste von intergeschlechtlichen Menschen, die 1996 in Boston gegen die medizinische Behandlungspraxis von Inter* demonstrierten. Was bedeutet es heute, als intergeschlechtlicher Mensch bzw. als LGBTQ zu leben?

Kromminga: Weltweit sind wir mit Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierungen und Pathologisierungen aufgrund unserer Geschlechtsmerkmale konfrontiert. Aber wir sind keine homogene Gruppe, demnach sind auch die Erfahrungen unterschiedlich. Bei Inter* ist das Problem, dass jene, die bei Geburt oder in der Kindheit als intergeschlechtlich auffallen, mittels chirurgischer und medikamentöser Eingriffe unsichtbar gemacht und an die Erscheinungsformen "männlich" und "weiblich" angepasst werden – ohne ihre Einwilligung. Seit den 50er-Jahren und der verbreiteten Gendertheorie von John Money passiert das systematisch. Money vertrat die Auffassung, dass Männlichkeit und Weiblichkeit beliebig seien und man so früh wie möglich körperliche Veränderungen vornehmen müsse, damit sich die Person dann mit dem zugewiesenen Geschlecht identifiziert. So einfach funktioniert das natürlich nicht. Geschlechtsverändernde Operationen finden auch in Indien oder in afrikanischen Ländern statt, aber dort haben sie eine ganz andere Bedeutung, weil nicht jeder Zugang zu medizinischer Versorgung hat. In einigen afrikanischen Ländern kann eine Medikalisierung vor Kindsmord bewahren und somit Leben retten. Das ist eine andere Strategie, aber natürlich nicht die Lösung.

ifa: Die Natur ist vielfältig, erst die Kultur kategorisiert, schränkt ein und schließt aus. Wie unterscheidet sich die europäische von anderen Geschlechterkulturen? Welche Potenziale birgt eine transkulturelle Perspektive?

Kromminga: Grundsätzlich ist das Geschlechterbild in Europa dual geprägt, aber es gibt auch Beispiele europäischer Kulturen, in denen Geschlecht nicht immer binär verstanden wurde. Es gibt alternative Modelle aus diversen Kulturen in der ganzen Welt, von den amerikanischen indigenen Kulturen bis hin zu denen in Ozeanien. Und in Südasien gibt es zum Beispiel die jahrtausendealte Kultur und Tradition der Hijra. Ich finde es allerdings wichtig, andere Kulturen und ihren Umgang mit Geschlecht nicht zu glorifizieren. Jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen und Grenzen. In der europäischen Geschichte wurden Menschen, die nicht in unsere Mehrheitsgesellschaften passten, schon immer reguliert und angepasst. Es gibt Rechtsprechungen aus dem 16. Jahrhundert, die belegen, dass Menschen per Gesetz ein Geschlecht auferlegt wurde.

"Geschlechtervielfalt sollte Schulbildung sein"

ifa: Sie sind als Awareness Raising & Campaigns Officer für die Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen Europa e.V. tätig (Organisation Intersex International Europe – OII). Welche Ziele verfolgt OII?

Kromminga: Wir setzen uns für den Schutz und die volle Durchsetzung der Menschenrechte intergeschlechtlicher Menschen in Europa und weltweit ein. Wir fordern, dass sie befähigt und bestärkt werden, die Entscheidungen selbst zu treffen, die ihre körperliche Unversehrtheit, Autonomie und Selbstbestimmung betreffen. Eine unserer Arbeitsgrundlagen ist die „Deklaration von Malta“ des dritten Internationalen Intersex Forums 2013. An deren Formulierung haben über 30 Inter*-geleitete Organisationen weltweit mitgearbeitet. Wir möchten aber auch die interessierte Allgemeinbevölkerung für die Thematik sensibilisieren. Ich persönlich finde, dass Geschlechtervielfalt Schulbildung sein sollte.

ifa: Mit welchen Methoden rückt OII intergeschlechtliche Menschen und ihre Rechte in den Fokus entscheidender Akteure, zum Beispiel in Politik, Medien und Bildung?

Kromminga: Wir bieten Trainings und Informationen zur Lebenssituation von intergeschlechtlichen Menschen und den an ihnen begangenen Menschenrechtsverletzungen und beraten EU- und UN-Institutionen in Bezug auf die Verletzung von Menschenrechten. Außerdem sind unsere Mitglieder in relevanten Arbeitsgruppen vertreten. Wir nehmen regelmäßig Stellung zu aktuellen politischen Entscheidungen und erarbeiten Kampagnen wie #MyIntersexStory. Dazu haben wir ein Buch mit 15 Geschichten veröffentlicht, die zeigen, wie der Alltag vieler Inter* in Europa aussieht.

ifa: Das Netzwerktreffen des ifa bringt LGBTIQ-Personen aus Deutschland und Ländern der MENA-Region sowie aus Zentral- und Südasien zusammen. Welche konkreten Ideen nehmen Sie mit für Ihre Arbeit bei OII?

Kromminga: Ich bin angesprochen worden, gewisse Informationen und Materialien in andere Sprachen zu übersetzen, vor allem ins Arabische. Wir fokussieren unsere Arbeit zwar auf den europäischen Kontext, aber andere Sprachräume sind enorm wichtig, auch weil es in Deutschland inzwischen eine große Arabisch sprechende Community gibt.

"Für Inter* gibt es oft keine eigene Community"

ifa: Seit 2019 ist OII selbst als Gastorganisation im CrossCulture Programm vertreten. Was hat Sie motiviert teilzunehmen?

Kromminga: Wir bekommen über diesen Austausch einen anderen Zugang zu Themen. Von unserer derzeitigen Stipendiatin aus Ägypten wissen wir, dass die Situation von Inter* und Trans* dort eine ganz andere ist. Es wird zum Beispiel kaum zwischen ihnen unterschieden. Viele Menschen der Trans*-Community sind eigentlich Inter*, aber für letztere gibt es keine eigene Community. Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir bei diesem Austausch die eigene Wertvorstellung nicht auf andere Kulturen übertragen. Wir sollten bedenken, dass unsere Sprache in den westlichen Konzepten von Schubladen funktioniert. Wenn es in den Kulturen Begriffe gibt, die in den jeweiligen Communities entwickelt wurden, sollten wir diese respektieren.

ifa: Und zum Schluss: Welche Botschaft geben Sie anderen LGBTIQ-Aktivist*innen mit auf den Weg?

Kromminga: Wir sind schon längst Teil eurer Communities. Bezieht uns ein! Wenn ihr zu Inter*-Themen arbeiten wollt, fragt uns, ob wir mitmachen wollen oder sprecht Inter*-Organisationen wie OII an. Unterstützt uns und unsere Forderungen. "Nothing about us without us".


Interview von Juliane Pfordte

Zum englischen Blogbeitrag

Über Ins A Kromminga

Ins A Kromminga ist intergeschlechtlich*er Menschenrechtsaktivist*in und Künstler*in und arbeitet für die Organisation Intersex International (OII) Europe, die für die Rechte intergeschlechtlicher Menschen kämpft. Krommingas künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erfahrungen von Inter*; sie soll Fragen provozieren und das Interesse des Beobachters wecken.

"LGBTQ sind unsere Ärzt*innen, Freund*innen und Nachbar*innen"

Interview mit Asma Abidi über die Darstellung von LSBTTIQ* in den tunesischen Medien

Nach der Revolution in Tunesien im Jahr 2010 nahmen Zensur und Drohungen gegenüber gesellschaftskritischen Stimmen ab. Infolgedessen wurde auch die LSBTTIQ*-Bewegung sichtbarer. "Trotzdem gibt es in der tunesischen Gesellschaft weiterhin viele Vorurteile", sagt Asma Abidi. Eine Möglichkeit, diese zu überwinden, sei die bewusste und vorurteilsfreie Berichterstattung in den Medien.

ifa: Asma, ursprünglich hast du Ingenieurswesen am Nationalen Institut für Angewandte Wissenschaften und Technologie in Tunis studiert. Wie kam es dazu, dass du nun im Medienbereich arbeitest und dich speziell mit dem Thema des CCP-Workshops, "Gender & Diversity" beschäftigst?

Asma Abidi: In meinem derzeitigen Beruf im Bereich Medien und Journalismus arbeite ich seit 2010/11, also kurz nach der Revolution in Tunesien. Ich beschreibe mich selbst übrigens nicht als LGBTQ1-Aktivistin, sondern als eine Verbündete. Ich beschäftige mich mit den medialen Herausforderungen dieses Themas und mich interessiert die Art und Weise, wie die Medien die Diskussion um nicht-normative Sexualitäten gestalten.

Außerdem bin ich Feministin und habe als Menschenrechtsaktivistin auch noch viele Jahre nach der Revolution die Straßen Tunesiens besetzt. Ich kämpfe ganz grundsätzlich für Menschenrechte und beschäftige mich in diesem Zusammenhang mit der Öffentlichkeit, der Überwachung durch die Regierung und Korruption. Ich identifiziere mich mit der Idee des Panafrikanismus und sehe mich als Weltbürgerin, auch wenn ich diesen Begriff kritisch sehe. Wir haben mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit zu kämpfen, online und offline, nicht nur als Aktivist*innen und Journalist*inenn, sondern allgemein als Bürger*innen.

"Es ist ein sehr emotionales Thema."

ifa: Wie würdest du die Berichterstattung über Geschlechtervielfalt in den tunesischen Medien beurteilen?

Abidi: Ich habe das Gefühl, dass die intensive Medienberichterstattung über Homosexualität und über den Kampf Homosexueller für ihre Rechte und gegen diskriminierende Gesetze tatsächlich kontraproduktiv ist. Die Menschen denken: "Oh mein Gott! Was ist diese Homosexualität, von der alle sprechen?" Es gibt auch Menschen, die empfinden das als direkte Bedrohung. Ich stelle mir da andere, nützlichere Strategien für die Berichterstattung in den Medien vor. In Tunesien sprechen die Medien nur über Homosexuelle und machen keinen Unterschied zwischen Bisexuellen, Schwulen, Lesben oder asexuellen Menschen. Das liegt vermutlich daran, dass viele Journalist*innen selbst nicht über genügend Hintergrundinformationen verfügen. Da die Religion und die damit verbundenen Tabus eine starke Rolle spielen, ist es für viele Leute schwierig, diese Themen wirklich pragmatisch anzugehen. Es ist immer ein sehr emotionales Thema und die Medien tragen oft zu falschen Vorstellungen über Homosexualität bei.

"Aktivist*innen sind sichtbarer geworden."

ifa: Wie ist die Situation für LGBTQ-Aktivist*innen in Tunesien?

Abidi: In den letzten vier Jahren sind LGBTQ-Aktivist*innen und LGBTQ-Verbände sichtbarer geworden. Wir haben in Tunesien einige Organisationen, die offiziell registriert sind und deren Kampf jetzt auch als Aktivismus anerkannt wird. Es gibt viele Aktivist*innen, die sich online outen und Menschen, die sich mit ihnen verbünden und sich für LGBTQ einsetzen und sie verteidigen. Wir haben viele Facebook-Gruppen und unterstützende Communitys. In Tunesien gibt es eine große Gruppe, die sich für die #MeToo-Debatte stark macht und viele Menschen sprechen sich gegen Belästigung aus, sodass das Thema der sexuellen Belästigung seinen Tabu-Charakter verliert.

ifa: Das sogenannte Storytelling bietet ein enormes Potenzial, da Geschichten über Zahlen und Statistiken hinausgehen. Welche Formate sind notwendig, um zu einer ausgewogeneren Berichterstattung in den Medien über Geschlecht und sexuelle Minderheiten beizutragen?

Abidi: Ich denke, wir sollten von der Art Berichterstattung abrücken, die LGBTQ als außergewöhnlich darstellt. Ich sehe diese Darstellung kritisch, denn LGBTQ sind normale Mitglieder der Gesellschaft. Sie sind unsere Ärzt*innen, Freund*innen und Nachbar*innen!

Längere Dokumentationen, die die Menschen und ihre Anstrengungen, auch durch tiefgründige Interviews, begleiten, sind gute Storytelling-Formate. Wir brauchen umfangreichere Geschichten, mehr Analysen und Beiträge von Expert*innen. Wir sollten nach Nischenmedien, die bestimmte Leute und Gemeinschaften ansprechen, Ausschau halten. Dazu gehören etwa Podcasts. Zu den beliebtesten Podcasts gehören Produktionen von People of Colour in den USA oder von Homosexuellen in Kenia. In Tunesien haben wir jetzt das erste Webradio für Homosexuelle. Das Audioformat ist ein wachsendes Medium, wenn es ums Geschichtenerzählen geht.

"Sollten wir unsere eigenen Narrative erschaffen?"

ifa: Wie stark spielt inklusive Sprache eine Rolle in deiner Arbeit? Wie gehst du mit dem Thema um?

Abidi: In bin in verschiedenen Online- und Offline-Communitys aktiv. Eine davon, sie nennt sich "Shaml", ist ein Kollektiv von Frauen und von Menschen, die sich als Frauen identifizieren. In dieser Gruppe diskutieren wir über die Sprache, die Medien benutzen, um Personen einzurahmen oder zu bezeichnen. Und wir beobachten die Medien in Tunesien in Bezug auf Hate Speech und ihrer Terminologie. Momentan kommunizieren wir viel über das Gender-Konzept. Es ist wichtig, dass wir in unseren eigenen Regionen und Dialekten an unserer eigenen Sprache arbeiten. Im Arabischen gibt es verschiedene Möglichkeiten, Transfrauen oder Transmänner zu bezeichnen. Sollten wir bestimmte Begriffe oder Konzepte übernehmen oder sollten wir diese dekolonisieren und unsere eigenen Erzählungen erschaffen? Sogar diejenigen, die sich nicht direkt mit LGBTQ identifizieren, die cis2 oder heterosexuell sind, tragen zu der Diskussion bei, denn sie glauben an die grundlegenden Menschenrechte.

ifa: In welchem Maße beeinflusst der Sicherheitsaspekt deine Arbeit?

Abidi: Nach 2010 nahmen die Bedrohungen und die Zensur gegen Aktivist*innen und Journalist*innen ab. Bis zu einem gewissen Grad haben wir in Tunesien Meinungsfreiheit. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir vor Bedrohungen, Angriffen und Überwachung sicher sind. Ich habe das Gefühl, dass die Sicherheitsmaßnahmen für Journalistinnen und Journalisten wie für Aktivist*innen nicht sehr weit entwickelt sind. Die neu gewonnene Freiheit vermittelt den meisten Menschen den Eindruck, dass sie sich über dieses Thema keine Sorgen mehr machen müssen. Mein nächster Schritt wäre also, das Wissen und das Bewusstsein der Menschen über digitale Sicherheit zu verbessern. Wir haben Organisationen vor Ort, die Workshops geben und Journalist*innen die die Grundlagen der doppelten Identifizierung von Passwörtern befolgen; aber diese Bemühungen sind noch nicht so weit fortgeschritten. Digitale Sicherheit ist keine höhere Mathematik, aber wir sind manchmal einfach zu gleichgültig. Wir glauben, dass wir sicher sind, aber das sind wir absolut nicht.


Interview von Juliane Pfordte
Übersetzt aus dem Englischen von Sarah Leierseder

Zum englischen Blogbeitrag

Über Asma Abidi

Asma Abidi aus Tunesien war 2014 CCP Stipendiatin bei der deutschen NGO Media in Cooperation and Transition (MiCT International). Sie erhielt ihren Masterabschluss in International Media Studies an der Deutschen Welle Akademie / Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Bonn. Asma arbeitete als Trainerin für digitale Medien beim International Centre for Journalists, um die digitale Kompetenz von Journalistinnen und Journalisten in ihrer Heimat zu verbessern und sie mit Storytelling-Tools auszustatten. Derzeit ist sie Stipendiatin des European Journalism Observatory an der Freien Universität Berlin.


 

1 LGBT, LGBTI+ oder LSBTTIQ - es gibt so viele verschiedene Arten, die queere Gemeinschaft weltweit zu bezeichnen, wie es Identitäten in ihr gibt. LGBT steht für lesbisch, schwul, bisexuell und transgender, aber je mehr sich die Gemeinschaft und das Verständnis für ihre Vielfalt entwickelten, desto komplexer wurde es, ihr ein Etikett aufzusetzen. Das CCP-Team möchte den verschiedenen Bezeichnungen, die die Autorinnen und Autoren für sich selbst wählen Raum geben. Das CCP-Team selbst verwendet das Akronym "LSBTTIQ*": Die einzelnen Buchstaben stehen gegenwärtig für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer oder questioning (fragend).

2 cis oder cisgender ist ein Begriff für Menschen, deren geschlechtliche Identität mit dem Geschlecht übereinstimmt, mit dem sie geboren wurden.

"Es gibt ein stilles Vertrauen, das die LGBT-Community vereint."

Interview mit Omar über die schwierige Lage von LSBTTIQ* in Ägypten und das Thema Cybersicherheit

Online-Zensur und Verfolgung von LSBTTIQ* sind in Ägypten alltäglich. Lokale Organisationen und Aktivistinnen und Aktivisten wie Omar (Name von der Redaktion geändert) versuchen, den Betroffenen zu helfen, indem sie sie über digitale und persönliche Sicherheitsmaßnahmen informieren.

ifa: Dieser Workshop bringt CCP-Alumni und Organisationen zusammen, die sich mit den Themen digitale Inklusion und digitale Sicherheit befassen. Was bedeutet digitale Sicherheit für dich persönlich?

Omar: Das ist schwer zu sagen, da es weder in Ägypten noch in irgendeinem anderen Land der Welt so etwas wie digitale Sicherheit gibt. Ob Regierungen oder Unternehmen – beide wissen, was wir kaufen, wo wir sind, worüber wir reden. Digitale Sicherheit sollte es uns ermöglichen, selbst zu entscheiden, welche Informationen wir mit anderen teilen und welche nicht. In Ägypten werden wir von der Regierung ins Visier genommen. Das Regime hat kein Interesse daran, das Internet zu einem sicheren Ort zu machen.

ifa: Im August 2018 verabschiedete Präsident Abdel Fattah al-Sisi ein sogenanntes Cyberkriminalitätsgesetz, welches Internetaktivitäten umfassend reguliert und im Grunde Zensur legalisiert. Was sind die größten Sicherheitsbedrohungen, denen Menschenrechtsaktivist*innen online begegnen?

Omar: Das Gesetz räumt der Regierung mehr Autorität für die Onlineüberwachung ein, was häufig zu Verhaftungen und Inhaftierungen führt, wenn jemand etwas sagt, das dem Regime nicht gefällt. Das kann ein kritischer Post auf Facebook sein, ein Bild von einer Regenbogenfahne oder irgendetwas anderes, das die "gesellschaftlichen Werte" oder die "nationale Sicherheit" gefährdet. Bereits marginalisierte Menschen wie LGBT1  sind noch anfälliger für solche Bedrohungen. Wenn zum Beispiel jemand deinen Computer hackt und Zugang zu sensiblen Daten wie deiner sexuellen Orientierung erhält, wird diese Information an Journalist*innen oder an die Polizei weitergebgeben, die dich damit erpressen. Falls sie diese Information dazu nutzen, dich öffentlich zu outen, ist dein Leben ruiniert. Du könntest ins Gefängnis kommen, deinen Job verlieren und deine Familie wird wahrscheinlich nicht mehr mit dir sprechen. Das ist vielen meiner Freunde passiert. Sicherheitskräfte haben außerdem damit begonnen, gefälschte Profile auf Dating-Apps wie Grindr zu erstellen, um LGBT zu finden und festzunehmen.

ifa: Nach einem Konzert der libanesischen Band Mashrou‘ Leila in Kairo im September 2017 – deren Sänger offen schwul ist – wurden etwa 75 Menschen festgenommen, weil einige Aktivist*innen Regenbogenfahnen geschwenkt haben. Wie wurde dieses Vorgehen gerechtfertigt?

Omar: Menschen wurden festgenommen und verurteilt, weil sie laut Gesetz Nr. 10 von 1961 "Verkommenheit und Prostitution unterstützt" und zur "Sittenlosigkeit angestiftet" haben. De jure ist Homosexualität in Ägypten nicht illegal, de facto nutzt das Regime aber vage Gesetze, um Menschen trotzdem strafrechtlich zu verfolgen. Wenn man beispielsweise von der Polizei kontrolliert wird und ein Kondom oder mehr als 200 ägyptische Pfund in bar bei sich tragen – was nicht mehr als 10 Euro sind – kann das als Beweis vor Gericht verwendet werden. Sie werden behaupten, dass man das Geld durch Sexarbeit erlangt hat.

"Daten zu verlieren ist besser als im Gefängnis zu landen."

ifa: Im Jahr 2017 hast du am CrossCulture Programm des ifa teilgenommen und mit dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) zusammengearbeitet. Welcher Moment während dieses Stipendiums war für dich am eindrucksvollsten?

Omar: Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich zum ersten Mal die Regenbogenfahne vor dem historischen Rathaus in Köln wehen sah. Es war im September 2017, kurz nach meiner Ankunft in Deutschland und nach dem Mashrou` Leila-Konzert in Kairo. Ich dachte an die Freundinnen und Freunde in Ägypten, die verhaftet worden waren, nur, weil sie eine ähnliche Flagge geschwenkt hatten.

ifa: Du arbeitest für eine Organisation, die beabsichtigt, die LGBT-Community in Ägypten zu stärken und deren Onlinesicherheit und persönliche Sicherheit zu fördern. Was sind deine vier wichtigsten Empfehlungen für digitale Sicherheit?

Omar: In meinen Workshops empfehle ich normalerweise, ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) zu nutzen, um die eigene IP-Adresse und den Standort vor der Regierung zu verbergen. Messenger-Dienste wie Signal, die End-zu-End-Verschlüsselung nutzen, sind ebenfalls nützlich; und natürlich sichere Passwörter und Hilfsmittel wie der Kennwortmanager KeePass. All diese Programme sind kostenlos verfügbar. Außerdem empfehle ich, Notfallprogramme zu installieren, denn seit al-Sisi 2017 einen nationalen Ausnahmezustand ausgerufen hat, können Sicherheitskräfte jederzeit die Mobiltelefone der Menschen überprüfen. Sie zwingen die Menschen meistens dazu, ihren Facebook-Account zu öffnen oder sie konfiszieren deren Geräte auf der Stelle. Die Notfall-App löscht und formatiert die eigenen Daten sofort. Natürlich verlieren man dann alle Daten, aber das ist besser, als zehn Jahre im Gefängnis zu verbringen. Außerdem empfehle ich ein Programm, das Fotos in einem Ordner abspeichert, der weniger offensichtlich benannt ist als "Galerie", oder "Bilder". Es verschlüsselt die Fotos und speichert sie in einem gefälschten Ordner wie "Einstellungen".

ifa: Wie erreichst du die Community und ermutigst die Menschen, an diesen Workshops teilzunehmen?

Omar: Im Laufe der Jahre haben wir eine Vorgehensweise entwickelt, wie wir relevante Mitglieder der LGBT-Community auswählen und finden können. Wir versuchen, Influencer*innen oder Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zu identifizieren, denen die Menschen vertrauen. Wenn wir sie nicht persönlich kennen, kontaktieren wir diese Personen über Signal und schulen sie in digitaler Sicherheit. Im Gegenzug versprechen sie, ihr Wissen zu teilen und anderen LGBT-Menschen beizubringen, was sie gelernt haben.

ifa: Im Jahr 2019 ratifizierte al-Sisi ein Gesetz, das die Aktivitäten von zivilgesellschaftlichen Organisationen (CSOs) reguliert. Auch wenn es das umstrittene NGO-Gesetz von 2017 ersetzt, gewährt es den Behörden immer noch weitreichende Befugnisse, NGOs aufzulösen oder sie unter sehr vagen Anklagen strafrechtlich zu verfolgen. Wie geht deine Organisation mit diesen Einschränkungen um?

Omar: Jede nationale oder ausländische NGO in Ägypten, die sich mit LGBT-Rechten befasst, ist illegal, weil sie die "öffentliche Moral" bedroht. Unsere Organisation leiten Personen, die in einem anderen Land ansässig sind. Die Daten werden im Ausland gespeichert. Unsere Identität wird vor der Regierung versteckt, sodass sie nicht wissen, wer hinter der Organisation steckt. Normalerweise kündigen wir unsere Workshops unter falschen Namen an, aber es ist immer noch schwierig, Institutionen zu finden, die unsere Veranstaltungen ausrichten. Um es einfach auszudrücken: Das von dir angesprochene Gesetz blockiert die Arbeit jeder NGO in Ägypten. Wenn ich beispielsweise Gelder von Ägypterinnen und Ägyptern oder aus dem Ausland erhalte, selbst wenn es nur 100 ägyptische Pfund sind, bin ich dazu verpflichtet, das dem Ministerium für soziale Solidarität (Ministry of Social Solidarity) zu melden. Sie haben sechzig Tage Zeit, diese Spende zu genehmigen. Wenn sie nicht innerhalb von sechzig Tagen antworten, gilt das als Ablehnung. Es ist lächerlich.

"Manche glauben, dass sie nichts zu verlieren haben."

ifa: Welchen anderen Hindernissen begegnest du bei deiner Arbeit?

Omar: Eine der größten Herausforderungen besteht darin, die Menschen zur Wachsamkeit und Vorsicht in Bezug auf ihre digitale Sicherheit anzuhalten. Sie werden nach einem Schulungskurs oder einem bedeutenden Vorfall wie den Verhaftungen nach dem Mashrou` Leila-Konzert vorsichtig sein. Aber zwei oder drei Monate später werden sie wieder nachlässig. Die Menschen müssen verstehen, dass Onlinesicherheit ein fortwährender Prozess ist, und dass sie sich immer selbst schützen müssen. Jeder und jede muss sich der Risiken bewusst sein, für die jeder und jede Einzelne verantwortlich ist.

ifa: Hast du als politischer Aktivist und LGBT-Aktivist persönlich Angriffe erlitten?

Omar: Ich wurde einige Male aufgrund meines politischen Aktivismus belästigt, aber sie haben nicht herausgefunden, dass ich schwul bin. Ich wurde mehrmals vom ägyptischen Geheimdienst vorgeladen. Dort haben sie Druck auf mich ausgeübt, aber ich musste keine physischen Angriffe erleiden. Jetzt, da ich in Deutschland bin, fühle ich mich sicher. Aber ich teile auf Facebook immer noch nichts, was mich entlarven könnte. Ich hasse es, aber immerhin führe ich kein Doppelleben wie viele LGBT in Ägypten. Sie haben zwei Facebook-Konten, zwei Mobiltelefone, zwei Identitäten. Nur sehr wenige leben offen als LGBT. Manche werden durch große Familien geschützt. Andere glauben, dass sie nichts zu verlieren zu haben, also leben sie das Leben, das sie wollen, bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen. Und dann gibt es diejenigen, die von der Regierung oder von anderen geoutet wurden und deren Leben zerstört ist. Meine Freunde, zumindest einige von ihnen, wissen, dass ich schwul bin. Sie würden im Internet nichts darüber verraten. Es gibt ein stilles Vertrauen, das die LGBT-Community online vereint.


Ein Interview von Juliane Pfordte
Übersetzt aus dem Englischen von Sarah Leierseder

Zum englischen Blogbeitrag


 

1 LGBT, LGBTI+ oder LSBTTIQ - es gibt so viele verschiedene Arten, die queere Gemeinschaft weltweit zu bezeichnen, wie es Identitäten in ihr gibt. LGBT steht für lesbisch, schwul, bisexuell und transgender, aber je mehr sich die Gemeinschaft und das Verständnis für ihre Vielfalt entwickelten, desto komplexer wurde es, ihr ein Etikett aufzusetzen. Das CCP-Team möchte den verschiedenen Bezeichnungen, die die Autorinnen und Autoren für sich selbst wählen Raum geben. Das CCP-Team selbst verwendet das Akronym "LSBTTIQ*": Die einzelnen Buchstaben stehen gegenwärtig für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer oder questioning (fragend).