"Wir müssen lernen, die unauflösbaren Wider­sprüche auszuhalten"



Welche Rolle spielen Religionsgemeinschaften in der Pandemie? Diese Frage steht im Zentrum einer Studie des ifa-Forschungsprogramms "Kultur und Außenpolitik". Ein Gespräch über Religion, Verschwörungsideologien und ihren Aufschwung in Krisenzeiten.

Eine kleine weise Feder schwimmt auf dem Wasser
Foto: Andraz Lazic via Unsplash

ifa: Herr Yendell, Herr Hidalgo, Frau Hillenbrand, Sie untersuchen im Auftrag des ifa die Rolle von Religionsgemeinschaften in der Covid-19-Pandemie. Warum ist es wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Alexander Yendell: Religionsgemeinschaften sind Betroffene, aber auch zentrale Akteure der Krise. Religionsgemeinschaften können dazu beitragen, das Leid für die Opfer zu lindern und sie können die Pandemie eindämmen, indem sie für das Virus sensibilisieren. Sie können die Krise aber auch verschärfen, wenn physische Gottesdienste zum Superspreading-Ereignis werden oder Konflikte durch die Verbreitung von religiös konnotierten Verschwörungstheorien entstehen.

Oliver Hidalgo: Einige behaupten, Religionsgemeinschaften seien die großen Verlierer der Pandemie, weil sich das, was sie normalerweise in Gesellschaften übernehmen – den Menschen Halt und Orientierung zu geben –, auf die Wissenschaft verlagert. Aus unserer Sicht ist das eine eher oberflächliche, eurozentrische Sichtweise. Uns geht es vor allem darum, einen differenzierten Blick auf die Rolle von Religionsgemeinschaften in unterschiedlichen Gesellschaften zu werfen.

ifa: Welche Länder und Religionen haben Sie für Ihre Studie untersucht?

Carolin Hillenbrand: Wir haben keine bestimmten geografischen oder religiösen Schwerpunkte gesetzt. In unserer Studie geht es darum, anhand von empirischen Beispielen Typologien auf einer allgemeinen Ebene zu entwickeln und Handlungsempfehlungen für Regierungen, Religionsgemeinschaften, zivilgesellschaftliche Akteure und die Bevölkerung abzuleiten, damit sie bestmöglich zur Bewältigung der Krise beitragen können. Hierfür haben wir zunächst Kriterien für "Best"- und "Worst"-Practice-Beispiele entwickelt und uns damit bislang die Länder Deutschland, Brasilien, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, Russland und Südkorea angeschaut.

ifa: Haben Sie ein konkretes Beispiel für "Best Practice"?

Yendell: Eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Pandemie spielen beispielsweise die religiösen Führerinnen und Führer. Sie genießen das Vertrauen der Mitglieder und tragen damit eine enorme Verantwortung. Von einer muslimischen Gemeinde in Deutschland wissen wir, dass dort frühzeitig virtuelle Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten aus der eigenen Gemeinschaft organisiert wurden. Wenn religiöse Führerinnen und Führer, wie in diesem Fall der Imam, medizinisches Personal mit ins Boot holen, stärkt das das Vertrauen in die Maßnahmen und trägt zur Eindämmung der Pandemie bei.

Verschwörungstheorien und Religiosität

ifa: Frau Hillenbrand, Sie sind Politikwissenschaftlerin und Theologin. Seit Juli 2020 leiten Sie eine nicht repräsentative Online-Umfrage am Exzellenzcluster Politik und Religion der Universität Münster, deren Ergebnisse in die ifa-Studie einfließen. Darin geht es auch um den Zusammenhang von Religiosität und Verschwörungstheorien. Sind Verschwörungstheorien in bestimmten Religionen stärker ausgeprägt als in anderen?

Hillenbrand: Verschwörungstheorien sind nicht in erster Linie ein religionsspezifisches Phänomen. Es gibt in jeder Religion Gruppen mit einer Affinität zu autoritären Strukturen und Verschwörungstheorien. Die Verknüpfung von Religiosität und Verschwörungstheorien ist vor allem in den fundamentalistischen Spektren ausgeprägt. Hier finden wir häufiger ein exklusives Glaubensverständnis, das sich negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirkt. Die eigene Religion wird gegenüber anderen Religionen oder der Wissenschaft überhöht. Entscheidend sind auch die Gottesbilder: Menschen, die die Pandemie als Bestrafung Gottes für eine angeblich sündhafte, dekadente, meist progressive säkulare Gesellschaft sehen, neigen eher zu Verschwörungstheorien.

ifa: Was genau ist eigentlich eine Verschwörungstheorie beziehungsweise -ideologie?

Hillenbrand: Laut dem Verschwörungsforscher Michael Butter beinhalten Verschwörungstheorien drei Komponenten: Die Vorstellung, dass erstens nichts durch Zufall geschieht, zweitens nichts ist, wie es scheint und dass drittens alles miteinander verbunden ist. Es geht also immer um verborgene geheime Mächte, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Eine bekannte Verschwörungstheorie ist, dass Bill Gates hinter der Corona-Pandemie stecke.

ifa: Sie haben vom möglichen negativen Zusammenhang von Religiosität und Verschwörungstheorien gesprochen. Kann ein religiöser Glaube auch dagegen immunisieren?

Hillenbrand: Ja. Interessanterweise geht eine ausgeprägte soziale religiöse Praxis, also die häufige Teilnahme an Gottesdiensten und ein aktives Engagement in Gemeinden, mit einer geringeren Neigung zu Verschwörungstheorien einher. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass diese Menschen häufiger auf Menschen mit einem anderem Status und anderen Wertvorstellungen treffen. Wer mit anderen in Kontakt bleibt und sich austauscht, dessen Weltbild ist weniger dogmatisch.

Yendell: Wir stellen auch in anderen Studien fest, dass gemeinschaftlich engagierte religiöse Menschen tendenziell toleranter gegenüber anderen Religionsgemeinschaften sind. Ihre Religiosität immunisiert gegen Verschwörungstheorien.

Andersgläubige als Sündenböcke

ifa: Religion spielt auch im Rechtspopulismus eine Rolle. Was macht Religionen für Rechtspopulisten so attraktiv?

Yendell: Sie legitimieren damit ihre Ungleichwertigkeitsvorstellungen. Sie teilen die Welt in "Gut" und "Böse", "Schwarz" und "Weiß". Es geht um das "Wir" und die "Anderen". Fast alle Rechtspopulisten in Europa beziehen sich auf das christliche Abendland. Dabei geht es weniger um religiöse Inhalte als um eine Abwertung des Islam und der Muslime. Auch Antisemitismus spielt eine große Rolle in Verschwörungstheorien. All das ist Teil eines autoritären Syndroms, bei dem Projektionen auf Sündenböcke wesentlich sind.

ifa: Was bedeutet das?

Yendell: Der Autoritäre ist innerlich schwach, verleugnet das aber und ist zur Stabilisierung seines fragilen Selbstwerts aggressiv gegenüber Schwachen, die in seiner Logik das Böse verkörpern. Theodor Adorno hat das als eine Ich-Schwäche bezeichnet. Eine autoritäre Person neigt, wenn sie überhaupt religiös ist, eher zu religiösem Fanatismus und Intoleranz. Es fällt diesen Menschen schwer, Krisensituationen anzunehmen, wie sie sind.

Hidalgo: Diese mangelnde Fähigkeit, unauflösbare Widersprüche und Krisen auszuhalten, finden wir übrigens bei Anhängern aller Glaubensrichtungen, auch unter denjenigen, die angeben, keinen religiösen Glauben zu besitzen.

"Ersatzreligion" Verschwörungstheorie

ifa: Herr Hidalgo, das Verhältnis von Politik und Religion, insbesondere Säkularisierung, ist einer Ihrer Forschungsschwerpunkte. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Säkularisierung einer Gesellschaft und der Ausprägung von Verschwörungstheorien?

Hidalgo: Es gibt die These, dass gerade die Säkularisierung ein intellektuelles und emotionales Vakuum schafft, in dem Vorurteile und Verschwörungstheorien prächtig gedeihen. Sie dienen quasi als Ersatzreligionen, die bei all der Komplexität und Undurchsichtigkeit der realen Zusammenhänge einfache Antworten auf die vielen offenen Fragen geben – besonders in einer Krise wie der Covid-19-Pandemie. Allerdings halte ich Verschwörungstheorien ebenso wie Vorurteile für ein konstantes Phänomen in religiösen wie auch in säkularen Gesellschaften.

ifa: Sie haben von "Ersatzreligion" gesprochen, also davon, dass Verschwörungsideologien möglicherweise eine ähnliche Funktion erfüllen wie Religionen. Welche Gemeinsamkeiten gibt es noch?

Hidalgo: Religionen sprechen wie Verschwörungsnarrative vor allem die Gefühlsebene an. Sie bauen auf bestimmten Inhalten auf, die empirisch nicht nachweisbar sind, aber zumindest subjektiv auf echten Überzeugungen beruhen. Verschwörungstheorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie einzelne erfahrungsgestützte Aspekte in einen übergeordneten, meist absurden Zusammenhang stellen, der für manche überzeugend wirkt, eben weil die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Wenn beispielsweise behauptet wird, dass in der Bekämpfung der Pandemie auch Interessen von Pharmafirmen zum Tragen kommen oder dass die Feinstaubbelastung bei der Gefährlichkeit des Virus eine Rolle spielt, dann sind diese Punkte nicht völlig von der Hand zu weisen. Eine Verschwörungstheorie führt alles auf einen Nenner zurück, auf eine einzige Wahrheit, die nur von Eingeweihten zu verstehen ist.

Yendell: Es geht bei beidem um Komplexitätsreduktion und darum, etwas Ungewisses scheinbar kontrollieren zu können. Das ist bei Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern ein wichtiges Motiv. In Zeiten von großer Unsicherheit versuchen sie mit ihren Erklärungen etwas unter Kontrolle zu bringen, das gar nicht oder zumindest nicht einfach unter Kontrolle zu bringen ist.

ifa: Unter welchen Umständen und persönlichen Voraussetzungen sind Menschen geneigt, Verschwörungstheorien zu glauben?

Yendell: In Krisensituationen – das kann eine wirtschaftliche Rezession sein, die Globalisierung oder die derzeitige Pandemie –, entwickeln sich ganze Gruppen der Gesellschaft auf einen unreiferen, man könnte fast sagen kindlichen Zustand zurück. Psychoanalytikerinnen und -analytiker nennen das "soziale Regression". Diese Gruppen können Konflikte nicht mehr auf eine erwachsene, reife Art und Weise lösen. Menschen, die vorher schon radikale und autoritäre Einstellungen hatten, werden noch radikaler oder gewaltbereiter. Oft sind Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, besonders ängstlich oder haben narzisstische Persönlichkeitsmerkmale.
Im Gespräch bleiben – aber wie?

ifa: Verschwörungsglaube geht oft mit Misstrauen in die Demokratie einher, auch mit einem Rückzug aus dem demokratischen Diskurs. Wie kann es uns gelingen, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die leugnen, dass es das Virus gibt?

Yendell: Wir übersehen oft, dass man mit Menschen mit autoritären Einstellungsmustern – was bei den meisten Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern der Fall ist – meist nicht mehr diskutieren kann. Wer unter Angst steht, reagiert mit dem limbischen System, also emotional, und kann nicht oder nur eingeschränkt eine sachliche Diskussion führen. Das ist ein großes Problem, weil mit diesen Menschen ein gesellschaftlicher Diskurs im Grunde überhaupt nicht möglich ist.

Hidalgo: Natürlich gibt es einen nicht marginalen Prozentsatz von Menschen, mit denen jede Diskussion überflüssig ist. Andererseits braucht es dringend einen weniger polarisierten öffentlichen Diskurs über Maßnahmen wie den Lockdown oder die Einschränkung von Grundrechten. Das ist aus meiner Sicht zu wenig passiert – und zwar auf beiden Seiten: bei denjenigen, die Kritikerinnen und Kritiker ohne die notwendigen Differenzierungen als "Covidioten" und Corona-Leugnerinnen und -Leugner diffamiert haben, aber auch bei denjenigen, die sich als Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer gegen eine angebliche Unterwanderung der Demokratie inszenieren und völlig geschichtsvergessen ihre Vergleiche ziehen.

ifa: Was hätte stattdessen passieren sollen?

Hidalgo: Die Politik hätte sich eigene Fehler früher eingestehen müssen. Viele sind mittlerweile auch deswegen verunsichert, weil ihnen Widersprüche in der Corona-Politik auffallen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Maskenpflicht. Man hätte die Kritik sachlich und argumentativ entkräften müssen. Für eine Verschwörungstheoretikerin oder einen Verschwörungstheoretiker ist es ein gefundenes Fressen, wenn beispielsweise YouTube-Kanäle gelöscht werden. Das stützt das Argument der Zensur.

Yendell: Dem würde ich zum Teil widersprechen, weil wir es mit einem Dilemma zu tun haben. Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker werden immer behaupten, dass man sie zensiert und unterdrückt. Es handelt sich bei uns ja nicht um Meinungsdiktaturen, wie diese Menschen es absurderweise behaupten. Ich finde auch, dass man auf ihre Argumente reagieren sollte, aber es ist wichtig, dass der Staat nicht toleriert, wenn Grenzen beispielsweise durch die Verbreitung von Fake News oder das Schüren von Gewaltkonflikten überschritten werden. Karl Popper hat es einmal so formuliert: "Im Namen der Toleranz sollten wir das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren."

ifa: Was heißt das im Umkehrschluss für den Diskurs – wie gehen wir mit diesem Dilemma um?

Hidalgo: Jeder muss sich selbst hinterfragen, Politikerinnen und Politiker, Medien, Stiftungen, auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir alle müssen lernen zu akzeptieren, dass wir viele Fragen zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten können. Dass es widersprüchliche Antworten gibt, auch in der Wissenschaft. Dass man unterschiedlicher Meinung sein darf, gerade in einer so schwierigen und gesellschaftlich herausfordernden Situation wie der derzeitigen Pandemie. Wir müssen lernen, die unauflösbaren Widersprüche und Mehrdeutigkeiten in einer Ausnahmesituation, für die es keine Präzedenzfälle gibt, auszuhalten.

Interview von Juliane Pfordte

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