Wie ein Cartoonist neu zu zeichnen lernte



Ein Journalist schreibt einen kritischen Artikel über den Präsidenten und sitzt am nächsten Tag in Haft… Was für deutsche Ohren wie der Anfang eines Politthrillers klingen mag, ist in Mexiko fast schon Alltag. Wer dort, wo von Presse- und Meinungsfreiheit keine Rede sein kann, als Journalistin oder Journalist tätig ist, sieht sich mit Korruption, Inhaftierung, Entführung und Ermordung konfrontiert. Til Mette, ein deutscher Cartoonist, reiste 2018 für einen Vortrag nach Mexiko-Stadt. Was er dort erfuhr, veränderte nicht nur ihn, sondern auch seinen Zeichenstil.

Cartoon: Eine Kugel verfehlt vier Menschen, offenbar einflussreich, und trifft schließlich ein Kind
Til Mette, "Der Weg der Kugel", 2018; © Til Mette

Im Sommer 2018 lud mich das ifa zu einer Vortragsreise nach Mexiko-Stadt ein. Ich hatte die Gelegenheit, als deutscher Cartoonist an einem Vortragsprogramm der internationalen Cartoonistenorganisation "Cartooning for Peace" mit Sitz in Paris und des mexikanischen Cartoonistenverbands "Cartonclub" teilnehmen. Der Cartonclub ist der wichtigste lateinamerikanische Cartoonistenverband, organisiert regelmäßig Treffen und Ausstellungen internationaler Karikaturistinnen und Karikaturisten und gibt so gesellschaftspolitischen Herausforderungen in aller Welt einen Raum. Themen der diesjährigen Veranstaltungsreihe waren Migration und Meinungsfreiheit. Die geladenen Cartoonistinnen und Cartoonisten kamen aus den USA, Venezuela, Nicaragua, Kuba, Ecuador, Jordanien, Tunesien und natürlich Mexiko. Im Vorfeld der Reise sah ich mir die Facebook-Profile einiger eingeladener Kolleginnen und Kollegen an und war überrascht, dass auch zwei ausgesprochen konservative Unterstützer von Donald Trump aus den USA kommen würden. Für eine rege und kontroverse Diskussion war damit offensichtlich gesorgt.

Im Vorfeld der Reise wurden ich und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer von den Veranstaltern gebeten, eine Karikatur nach zwei Vorgaben anzufertigen. So hatten alle Zeichnerinnen und Zeichner dieselbe Bildunterschrift für ihre Arbeit zu verwenden: "The way of the Bullet", auf Deutsch "Der Weg der Kugel". Darüber hinaus sollten wir eine wie auch immer geführte Linie vom linken bis zum rechten Blattrand in die Zeichnung einarbeiten. Derart genaue Vorgaben sind sonst eher unüblich, weshalb ich ziemlich gespannt darauf war, welche Ideen die anderen Zeichnerinnen und Zeichner hatten und wie eine so streng kuratierte Ausstellung funktionieren würde.

Die Eröffnung der Ausstellung in der Eingangshalle der Tageszeitung "El Universal", die Sponsorin der Veranstaltung, trafen sich alle Beteiligten zum ersten Mal. Der Ausstellungsraum war so gestaltet, dass am Eingang ein großer aufgemalter Revolver die Besucherin und den Besucher empfing. Aus dessen Lauf zog sich eine rote Linie durch die gesamte Ausstellungshalle. Die ausgestellten Arbeiten waren alle auf eine Art und Weise präsentiert, dass die obligatorische Linie in der Zeichnung genau auf Höhe dieser roten Leitlinie hing. Dadurch waren alle Cartoons auf eine wunderbar groteske Art verbunden. Ich war überrascht und wirklich beeindruckt davon, wie gut die Ausstellung dank der stilistischen Vorgabe einer Linie im Blatt und der strikten Themenvorgabe funktionierte. Den Abschluss der roten Linie bildete am Ende des Raumes eine große gemalte Patrone. Stilistisch sind viele der lateinamerikanischen Cartoons in ihrer Bildsprache sehr pathetisch. Offensichtlich steht die Komik gerade bei vielen Karikaturistinnen und Karikaturisten angesichts der dramatischen politischen Lage nicht an erster Stelle. Da in Mexiko seit dem Jahr 2000 mehr als 103 Pressemitarbeiterinnen und -mitarbeiter ermordet wurden, und die Bedrohungslage für professionell Schreibende und Zeichnende extrem hoch ist, kann ich nachvollziehen, dass die Karikatur hier vor allem Protest und Widerspruch, aber auch Sehnsucht nach Freiheit und Frieden zeigt.

Cartoonisten diskutieren in Mexiko über Drogen, Trump und Digitalisierung

Die erste Diskussion zum Thema Migration, bei der zwei US-Cartoonisten, ein Cartoonist aus Mexiko und ich auf dem Podium saßen, war allerdings ziemlich enttäuschend. Der konservative Trump-Anhänger traute sich nicht aus der Deckung, der andere US-Cartoonist entschuldigte sich für seinen Präsidenten, der mexikanische Cartoonist beklagte sich über die mangelnde Aufmerksamkeit internationaler Medien angesichts der großen Probleme durch die Drogenkartelle im Land, und ich erzählte irgendetwas davon, wie sich in Deutschland die Medienlandschaft durch die Digitalisierung verändere. Mit dem Thema Migration hatte das alles wenig zu tun, was vielleicht auch daran lag, dass keiner der Podiumsteilnehmer unmittelbar betroffen war.

Am selben Tag war nachmittags ein Termin in der deutschen Botschaft angesetzt, für den ich als Cartoonist eingeladen war, um das Treffen zeichnerisch zu begleiten. Es sollte ein Hintergrundgespräch mit zehn Journalistinnen und Journalisten stattfinden, die in einem Schutzprogramm in Mexiko-Stadt leben, das vom damaligen deutschen Botschafter, Viktor Elbling, unterstützt wurde. Neben den Journalistinnen und Journalisten waren Botschaftsangehörige, eine Übersetzerin und der Pressesprecher der deutschen Botschaft anwesend – und natürlich ich, um zu zeichnen. Ich kenne meine Fähigkeiten gut und war daher von Anfang an nicht wirklich überzeugt, für diese Rolle eines zeichnenden Protokollanten die ideale Besetzung zu sein.

Folter und Verfolgung: Ein mexikanischer Journalist gerät ins Visier der Drogenbosse und lokalen Politiker

Was folgte, waren die grauenhaftesten Erzählungen von Folter, Scheinhinrichtungen und Psychoterror, die ich je aus dem Munde von Betroffenen gehört habe. Ich saß dabei, unfähig, auch nur einen Strich aufs Blatt zu bringen, hörte zu und machte Notizen. Die Geschichten waren so fürchterlich, dass am Ende des Treffens viele weinten. Neben mir am Tisch saß Luis Martinez, ein großgewachsener Journalist aus Acapulco mit einer weichen, leisen Stimme, Anfang vierzig, der als Letzter dieser Gruppe ins Schutzprogramm gekommen war. Er hatte jahrelang zu einem korrupten Bürgermeister sowie mehreren lokalen Politikerinnen und Politikern recherchiert, die gemeinsame Sache mit der örtlichen Polizei und dem Drogenkartell in der Region machten. Er wurde wie die anderen das Opfer seines Berufes. Seine Geschichte von Folter und Verfolgung war so schrecklich, dass ich völlig hilflos daneben saß und mich fragte, wie ein Mensch so viel Leid ertragen kann. Auf die Frage, warum er nach all dem immer noch gegen Drogenbosse und korrupte Politikerinnen und Politiker vorgehe, antwortete er, dass dies nun mal sein Beruf sei und er nichts Anderes gelernt habe. Man versinkt in Demut, wenn man aus dem sicheren Deutschland kommt und solch mutigen Menschen zuhört. Und dabei hat er wie alle anderen am Tisch das große Glück, noch am Leben zu sein, was für viele hunderte von Journalisten und Journalistinnen in Mexiko, die ähnliches gemacht haben, nicht gilt.

Ein Zeichenstil, der sich richtig anfühlt

Während ich zuhörte, wurde mir immer unklarer, was ich eigentlich als Cartoonist mit diesen Informationen machen sollte. Ich wusste, dass ich etwas zeichnen sollte, was ich aber während des Gespräches nicht vermochte, da ich viel zu schockiert war. Meine Hände zitterten vor Entsetzen und ich hatte Tränen in den Augen. Ein Wunsch wurde von allen in der Runde immer wieder ausgesprochen, den ich auch von Deniz Yücel in Erinnerung hatte, als er Anfang des Jahres in türkischer Haft saß: Man möge die Geschichten der politischen Gefangenen anhören, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Ich fertigte dann abends im Hotel eine kleine Zeichnung an, die ich Luis Martinez am nächsten Tag bei einer Podiumsdiskussion als bescheidene, hilflose Geste des Mitgefühls schenkte. Mir fiel auf, dass ich, nachdem ich all diese grauenhaften Geschichten gehört hatte, selbst in einen pathetischeren Zeichenstil verfallen war, dessen ich mich in Deutschland nie bedient hätte. Hier in Mexiko jedoch fühlte sich dieser Stil sehr richtig an.

Als es tags darauf im Gespräch mit Cartoonisten aus Nicaragua, Mexiko und Venezuela darum ging, wie groß das Risiko für Leib und Leben ist, wenn man sich in diesen Ländern für die Freiheit der Presse und die Meinungsfreiheit einsetzt, wurde mir schnell klar, dass ich in der Bundesrepublik Deutschland, in der ich aufgewachsen bin, nie sonderlich für irgendetwas hatte kämpfen müssen. Einerseits ist das für unsere Generation von Journalistinnen und Journalisten sowie Karikaturistinnen und Karikaturisten ein unglaubliches Geschenk, andererseits weiß ich nicht, ob ich jemals auch nur ansatzweise die Kraft und den Mut hätte, für meine Ideale einzustehen wie ein Luis Martinez. Hätte mich jemand nach meinen Erfahrungen mit Zensur in Deutschland befragt, hätte ich allenfalls davon berichten können, dass Facebook mal einen meiner Cartoons gelöscht hat. Zum Glück kam niemand auf diese Idee.


Über den Autor

Til Mette, geboren am 28. Oktober 1956 in Bielefeld, studierte von 1980 bis 1985 Geschichte und Kunst in Bremen. 1985 begründete er die "taz Bremen" mit. Später zog es ihn für viele Jahre nach New York und Montclair. Seit 1995 ist er als Cartoonist für das Magazin "stern" tätig. Er erhielt bereits einige renommierte Preise, darunter der deutsche Karikaturenpreis in Gold (2009) und der Deutsche Cartoonpreis (2013).

Über das Vortragsprogramm

Til Mette reiste 2018 für das Vortragsprogramm der Bundesregierung nach Mexiko-Stadt. Die Vermittlung eines aktuellen und vielschichtigen Deutschlandbildes im Ausland ist das Ziel des seit 1995 vom ifa umgesetzten Vortragsprogramms der Bundesregierung.
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