Vertrauensvolle Zusammenarbeit braucht Zeit



Wie sehen erfolgreiche internationale Hochschulkooperationen der Zukunft aus? Diese Frage versucht Annika Hampel in einer Studie des ifa-Forschungsprogramms "Kultur und Außenpolitik" zu beantworten. Im Interview stellt Hampel klar: Eine gelungene Zusammenarbeit setzt einen Dialog auf Augenhöhe voraus.

Annika Hampel auf der Bühne
Annika Hampel, © Tourismusverband Linz

ifa: Von 2011 bis 2014 haben Sie am Institut für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim Ihre Dissertation zum Thema "Fair Cooperation" verfasst, für die Sie 2015 den ifa-Forschungspreis erhalten haben. Hierin haben Sie untersucht, wie gleichberechtigte Kooperation in der Auswärtigen Kulturpolitik gelingen kann. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

Annika Hampel: Das Thema hat mich schon während meines Studiums interessiert. In verschiedenen Praktika, unter anderem in den Goethe-Instituten in Bolivien und Ghana, konnte ich beobachten, wie Kooperation zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden in der Realität funktioniert. Als ich mich 2010 für die Promotion entschied, griff ich dieses Thema auf. Es gab sehr wenig Literatur dazu und schon nach den ersten Gesprächen mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Kulturschaffenden und Förderinnen und Förderern war klar: Mit der Frage nach gleichberechtigter Kooperation hatte ich etwas angesprochen, das bis dahin nicht offen thematisiert worden war und zu dem mehr Austausch unter den Akteurinnen und Akteuren gewünscht wurde.

ifa: Wie sähe gleichberechtigte Kooperation in der Praxis aus?

Hampel: Ein deutsch-indisches Kooperationsteam umschrieb es als "Guiding Light", als ein Ideal, das es anzustreben gilt. Eine Kooperation auf Augenhöhe setzt Vertrauen voraus – und vertrauensvolle Zusammenarbeit braucht Zeit. Das Ideal wäre erreicht, wenn beide Seiten gleichermaßen in die Kooperation investierten. Dies ist bislang kaum möglich, da unsere Partnerländer in Afrika, Lateinamerika und Asien nicht über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, daher muss Verantwortung anders verteilt werden. Auch die Finanzierungsmodelle müssen überdacht werden. Sinnvoll ist zum Beispiel eine Anschubfinanzierung, die das Erproben und Experimentieren einer Kooperationsidee möglich macht. So läge der Fokus auch mehr auf dem Kooperationsprozess als auf dem "Endprodukt" einer Partnerschaft.

ifa: Mit Kooperationen haben Sie sich auch in Ihrer jüngsten Forschungsarbeit im Rahmen des ifa-Forschungsprogramms mit dem Titel "Internationale Hochschulkooperationen der Zukunft" beschäftigt. Konkret geht es um Transnationale Bildungsangebote (TNB), insbesondere um von Deutschland initiierte binationale Universitäten, Graduiertenschulen und Forschungszentren im Ausland. Zu welchem zentralen Ergebnis sind Sie gekommen?

Hampel: Einerseits ist diese Form der Hochschulpartnerschaft sehr riskant, weil sie mit hohen Investitionen verbunden ist. Andererseits ist sie ein Gewinn für alle Projektpartnerinnen - und partner, weil sie große Sichtbarkeit erzeugt und das Potenzial hat, eine stabile, internationale Hochschulpartnerschaft langfristig zu etablieren – für eine nachhaltige Außenwissenschaftspolitik Deutschlands. Aber natürlich gibt es auch gewisse Fallstricke.

ifa: Zum Beispiel?

Hampel: Bislang beschränken sich deutsche TNB hauptsächlich auf Bachelorprogramme, weshalb viele Studierende ihren Master oder Doktor in Deutschland oder einem anderen Land des Globalen Nordens machen. Wenn wir auch im Bereich der internationalen Hochschulkooperationen von einem "Dialog auf Augenhöhe" sprechen wollen, müssen wir in den Ländern des Globalen Südens verstärkt in den Aufbau von Postgraduiertenprogrammen investieren – auch in die Forschungsinfrastruktur vor Ort, beispielweise in Bibliotheken, Labore und Wissenschaftsverlage.

ifa: Wie setzen Sie die Ergebnisse Ihrer Forschung in Ihrer eigenen Tätigkeit um? Von 2018 bis 2020 waren Sie wissenschaftliche Koordinatorin für das Maria Sibylla Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA) mit Sitz in Ghana. Zeitgleich haben Sie das Afrika-Zentrum für Transregionale Forschung (ACT) in Freiburg mit aufgebaut, dessen Geschäftsführerin Sie nun sind.

Hampel: Ich habe den Satz eines indischen Experten verinnerlicht, den ich für meine Dissertation interviewt habe: "Do your homework!". Oft wissen wir im Vergleich zu unseren Partnerinnen und Partnern viel zu wenig über die Kontexte, in denen wir arbeiten, über die führenden Akteurinnen und Akteure aus Kunst und Wissenschaft, die zentralen Netzwerke vor Ort und die Geschichte des Landes beziehungsweise der Region. Als ich anfing, für MIASA zu arbeiten, beschäftigte ich mich daher intensiv mit dem afrikanischen Kontinent und der deutsch-afrikanischen Kolonialgeschichte. MIASA als internationales Forschungskolleg mit Sitz in Accra ist außerdem ein gutes Beispiel, wie Asymmetrien in der Wissensgenerierung und -verbreitung abgebaut werden können. Dennoch ergibt sich durch die Finanzierung von deutscher Seite ein Missverhältnis, über das wir mit unseren Partnerinnen und Partnern und Förderinnen und Förderern immer wieder in einen Dialog treten. Das ist mühsam, aber eine kontinuierliche Debatte über Gleichberechtigung ist wichtig. Bis zur Kooperation auf Augenhöhe ist es noch ein langer Weg, aber es sind die kleinen Schritte, mit denen wir uns ihr annähern.


Interview von Juliane Pfordte

Über Annika Hampel

Annika Hampel studierte Angewandte Kulturwissenschaften an den Universitäten Lüneburg und Passau mit den Schwerpunkten internationales Kultur- und Projektmanagement. Für ihre Promotion zum Thema "Fair Cooperation. Partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Auswärtigen Kulturpolitik" erhielt sie 2015 den ifa-Forschungspreis Auswärtige Kulturpolitik

Zur Studie


Über das Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik"

Das Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik" bietet Expertinnen und Experten die Möglichkeit, zu aktuellen Fragestellungen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, kurz AKBP, zu forschen. Ziel des Programm ist es, internationale Kulturbeziehungen zu stärken und weiterzuentwickeln.

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