Die Illustration zeigt den Ausschnitt eines Fußballspielers, der einen Eckball schießt

Quelle der Hoffnung

Sport ist eine Kultur, er ist eine Sprache, die Nationen, Städten, Communitys und Individuen hilft, miteinander zu kommunizieren. Seine Popularität macht ihn zu einem begehrten Medium, um Botschaften zu vermitteln. Wie kann er seine Schlagkraft als Werkzeug der Integration entfalten?

Sport als Komponente der Gesellschaft bietet einzelnen Menschen Erholung und trägt zum sozialen Zusammenhalt bei. Er kann sich positiv auf Communitys auswirken, Barrieren zwischen Bevölkerungen niederreißen und Individuen über den ganzen Globus hinweg verbinden. Sport kann bei der Wiederherstellung von Menschen und Orten, bei der Versöhnung in Beziehungen sowie bei der Lösung schwieriger Themen und Feindseligkeiten eine Rolle spielen. Zudem kann er die Grundlagen für Hoffnung schaffen, damit ein nachhaltiger Wandel möglich wird.

In Europas kultureller Landschaft wird Sport als kulturelle Komponente immer wieder übersehen. Anderen Faktoren, die einen Beitrag zu Europas reichhaltiger Kultur leisten, wird oftmals eine größere Priorität eingeräumt. Kunst, Sprache und Arbeitsmethoden werden zum Beispiel regelmäßig als Plattformen für sozialen Wandel betrachtet. Es ist auch seit langem anerkannt, dass sie für die Gesellschaft eine integrative Funktion übernehmen. Verblüffend ist: Selbst wenn über die Rolle des Sports in gleicher Weise gesprochen wird, ist dies irgendwie überschattet. Oft wird der Sport als kleinerer Beitrag zur europäischen Kultur und zum sozialen Zusammenhalt betrachtet. Das muss aber nicht so sein. Diejenigen, die versuchen, einen positiven sozialen Wandel herbeizuführen, verpassen viel, wenn sie übersehen, welche Rolle Sport als Ressource für den sozialen Zusammenhalt und für positive Kulturbeziehungen spielen kann.

Ein Moment Normalität

Einer der Autoren des EUNIC-Jahrbuchs behauptete vor nicht allzu langer Zeit, dass „Künstler nicht mehr als Fußballer daran glauben, dass sie den Weltfrieden herbeiführen können“ oder globale Herausforderungen zu bewältigen wissen, aber das trifft nicht den Kern der Sache. Es gibt unterschiedlichste Fälle, in denen die Kunst und der Sport, oder sogar Kunst in Verbindung mit Sport, Anlass zu Optimismus geben können. Wir müssen verstehen, dass zahlreiche Plattformen gleichzeitig eine wichtige Rolle in den europäischen Kulturbeziehungen spielen können. Tatsächlich können wir es uns gar nicht leisten, einen Aspekt von Kultur zu übersehen.

Mindestens so sehr wie die Kunst schafft der Sport wertvolle Räume für Dialog. Regelmäßig bekräftigt man die Verbindung zwischen Sport und Themen, die aus sich wandelnden Haltungen und politischen Vorgehensweisen für die europäische Immigration und Integration entstehen. Doch ihr Potenzial wird weniger gut verstanden. Man erkennt zumindest an, dass Sport im schlimmsten Fall trennen, zu rassistischem Verhalten beitragen und ethnische Spannungen verschärfen kann, im besten Fall aber Momente der Normalität erzeugt, die wiederum andere Quellen der Hoffnung ins Spiel bringen können.

Wir wissen ziemlich viel über die Rolle des Sports im Leben von Asylbewerbern und Flüchtlingen. Das Potenzial des Sports als Form der Kommunikation haben viele erkannt. Michel Platini, der Präsident der UEFA, erklärte vor kurzem, dass junge Immigranten oftmals erst lernen, einen Fußball zu kicken, bevor sie die Sprache ihres Gastlands lernen. Dies ist ein Beispiel für die Möglichkeit, „das politische Potenzial des Sports zu nutzen“ und Verständnis dafür zu entwickeln, wie er sich positiv auf das Leben von Menschen auswirken kann. Und was die Einwanderung angeht: Die internationale Präsenz des Fußballs überschreitet Grenzen und könnte sicherlich die Grundlage für andere, noch notwendigere Grundsteine oder Ressourcen sein, die dazu beitragen, Kapazitäten (zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit und Bildung) aufzubauen.

Sinnvolle Sportinterventionen

Um den praktischen Nutzen des Sports im Sinne der George-Soros-Stiftung zu veranschaulichen, begann sich die UEFA an einem Projekt zu beteiligen, das die Integration der Roma verbessern soll. Laut William Gaillard, einem Spezialberater der UEFA, kommt es selten vor, dass ein Mensch mit Roma-Hintergrund in Osteuropa Fußball spielt, ohne dabei gewalttätigen Angriffen ausgesetzt zu sein. Fußball ist jedoch ein Teil der Kultur der Roma – historisch und heute. Er ist ein demografischer Faktor im Fußball (Andre Pirlo, Juventus-Spieler und Italiens Star bei der Weltmeisterschaft 2014 hat einen Roma Hintergrund).

Aufgrund der anhaltenden Diskriminierung können Roma-Communitys aber oftmals keine sozialen Vorteile aus dem Sport ziehen. Fußballentwicklungsprogramme in diesen Communitys verfolgen das Ziel, die Mitwirkung zu stärken. Indem die UEFA den Fußball nutzt, um sich kulturelle Praktiken „zu Nutze zu machen“, wird er zu einer Quelle der Hoffnung, die Roma-Communitys und den Gesellschaften, mit denen sie es zu tun haben, dabei hilft, friedlicher zusammenzuleben.

In diesem Beispiel spielt Fußball sicher deshalb eine Rolle, weil er Menschen miteinander in Kontakt bringt. Fußball alleine wird aber das Problem der Diskriminierung gegen ethnische Minderheitengruppen nicht lösen. Wenn Sport jedoch dabei helfen kann, einen gewissen Grad an Normalität herzustellen, auf deren Grundlage sich wiederum andere Ressourcen aufbauen lassen, dann sollten sich alle aufgrund der Tatsache, dass Sport nicht nur soziale, menschliche und wirtschaftliche Fähigkeiten fördert, sondern auch kulturelles Kapital, für ihn engagieren.

Sinnvolle Interventionen über Sport funktionieren am besten, wenn der Sport Teil eines größeren Zusammenhangs ist und eine zentrale Rolle als Fortschrittsbeschleuniger spielen kann. Der eifrigste Kulturskeptiker muss zugeben, dass Sport in zahlreichen Fällen bereits als Form der Intervention und/oder des Beziehungsaufbaus gedient hat.

„Peace Beyond Borders“ nutzt Sport als Mittel, um Frieden und Konfliktlösungen in den Grenzgebieten um Kenia, Südsudan und Uganda zu fördern. Der kanadische Dokumentarfilm „The Boxing Girls of Kabul“ über die Boxerinnen von Kabul erzählt die Geschichte von drei Mädchen, die professionell zu boxen beginnen und entschlossen sind, sich in den internationalen Boxring zu kämpfen. Damit stellen sie die Überzeugungen der Taliban zu Sport und insbesondere zu Frauen und Boxsport in Frage. Didier Drogba nutzte seine Position als internationaler Fußballer, um offen über den Konflikt an der Elfenbeinküste zu sprechen – was unter dem Namen Drogba-Diplomatie bekannt wurde. Bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 liefen Nord- und Südkorea unter derselben Flagge der koreanischen Halbinsel. Ein anderes Beispiel ist „Football 4 Peace“, ein Sportprojekt für jüdische und arabische Kinder im nördlichen Galiläa. Hier wird Fußball als Basis für Konfliktlösungstraining genutzt.

Sport kann also Menschen miteinander in Kontakt bringen. Doch wie gesagt: Sport allein löst das Problem der Diskriminierung gegen ethnische Minderheitengruppen nicht. Er muss in mehrdimensionale Entwicklungsprogramme eingebettet werden. Dort kann Sport neben anderen Dingen dabei helfen, Flüchtlingen und Asylsuchenden ein gewisses Maß an Normalität zu bieten. Sinnvolle Sportinterventionen funktionieren am besten, wenn der Sport Teil eines größeren Zusammenhangs ist, in dem Menschen sich durch den Sport weiterentwickeln. So kann er zu einem Instrument des Wandels werden.

Junge Immigranten lernen oftmals erst, einen Fußball zu kicken, bevor sie die Sprache ihres Gastlands lernen.

Abschließend soll hier noch ein letzter Aspekt erwähnt werden. Es ist äußerst wichtig zu verstehen, dass ein Weg nicht für alle passt. Kulturdiplomaten, Staatsdiener, Menschen, die europäische Kulturpolitik beeinflussen sowie viele andere wichtige Amtsträger müssen die Vorstellung begrüßen, dass Sport tatsächlich ein wertvolles Werkzeug ist – wenn wir differenzierter und informierter damit umgehen, was wo und wann funktioniert und unter welchen Umständen. Zweifellos helfen Sportarten, Leben zu verändern.

Nelson Mandela hat es so auf den Punkt gebracht: „Sport hat die Macht, die Welt zu verändern, er hat die Macht zu inspirieren. Er hat die Macht, Menschen zu verbinden, wie wenig anderes dies vermag. Er spricht mit der Jugend in einer Sprache, die sie versteht. Sport kann Hoffnungen schaffen, wo vorher nur Verzweiflung war. Er ist mächtiger als die Regierung, wenn es darum geht, herkunftsbedingte Barrieren einzureißen.“ Dieser Glaube an den Sport verlangt von uns, über unser momentanes Verständnis seiner Position in der Kultur und seiner Rolle bei der Realisierung einer besseren Welt hinauszudenken. Wir müssen unsere Energien neu einsetzen, um zu verstehen, wie wir Sport wirkungs- und verantwortungsvoll nutzen können, um Wandel herbeizuführen.

Potenziale des Sports

Wie zuvor betont, gibt es zahllose Beispiele dafür, wie Sport etwas zum Besseren verändert. Doch es gibt auch Beispiele für Sport und Sportorganisationen, die zu einer negativen, extrem wettbewerbsorientierten, hypermaskulinen und exklusiven Kultur beitragen. Das Internationale Olympische Komitee ist beispielsweise im Hinblick auf die Art und Weise, wie es seine olympischen Athleten unter Gender-Gesichtspunkten testet und gruppiert, stark unter Druck geraten. In den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens gibt es zahlreiche Gender-Kategorisierungen, nicht einfach nur männlich und weiblich. Das IOC kategorisiert die Athleten nur als männlich oder weiblich und schließt große Teile der Weltbevölkerung unmittelbar aus. An diesem Beispiel versteht man, dass Sport sensibel genutzt werden muss, um Exklusivität und die Verschärfung gesellschaftlicher Probleme zu verhindern.

Sport hat die Macht, die Welt zu verändern, er hat die Macht zu inspirieren. Er hat die Macht, Menschen zu verbinden, wie wenig anderes dies vermag. Er spricht mit der Jugend in einer Sprache, die sie versteht. Sport kann Hoffnungen schaffen, wo vorher nur Verzweiflung war. Er ist mächtiger als die Regierung, wenn es darum geht, herkunftsbedingte Barrieren einzureißen.

Nelson Mandela

Ein anderes Potenzial des Sports ist der mögliche wirtschaftliche Nutzen. Im Vereinigten Königreich beleuchtete kürzlich eine Story den gemeinsamem 5,1 Milliarden Pfund schweren Sky/BT-Sponsorenvertrag des englischen Premier-League-Fußballs. 2010 wies die UNESCO darauf hin, dass eine Abgabe von 0,4 Prozent der durch Fußball erzielten Einkünfte von Europas Top-Ligen – England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich – das bestehende internationale Hilfsbudget für die Grundausbildung in Niedriglohnländern verdoppeln würde. Es gibt viele kreative Initiativen, wobei die Umverteilung des durch Sport eingenommenen Geldes genutzt wird, um menschliche, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Fähigkeiten zu entwickeln. Durch die Anerkennung des Sports als Mittel, um große Geldsummen zu generieren und seine positive Rolle, die er in der Gesellschaft spielen kann, ist es doppelt wichtig, sich mit seinem wirtschaftlichen Potenzial zu beschäftigen.

Betrachten wir nun ein anderes Beispiel, dieses Mal außerhalb Europas. Kenianische Läufer sind oft für ihre Überlegenheit bei verschiedenen athletischen Distanzen anerkannt worden. Häufig werden die beträchtlichen Gewinne aus der athletischen Grand-Prix-Strecke in den Dörfern und Communitys der kenianischen Seite des Rift Valley verteilt. 2010 gewannen kenianische Frauen mehr als drei Millionen Pfund. Die Fähigkeiten von Läuferinnen auszubauen, fördert also Freiheit in anderen Gebieten. Dies geschieht durch mindestens zwei Kanäle.

Der erste ist die Sichtbarkeit der Läufer, die globale Ressourcen erhalten, weltweiten athletischen Erfolg erzielen und dann Einkommen direkt in der lokalen Wirtschaft investieren. Der zweite Weg ist die subjektive Wahrnehmung, dass eine weibliche Athletin immer ein großzügiger Geldgeber und verlässlicher Investor ist. Dieser Glaube stützt sich teils auf Tatsachen. Mehrere von Läuferinnen finanzierte Community-Projekte zeigen, dass die Athletinnen ihren Reichtum nicht nur großzügig in ihrer weitläufigen Familie, sondern auch in der größeren Community verteilten. In anderen Worten: Nichtläufer glauben, dass ein durch athletischen Erfolg erzieltes Einkommen einer Frau sicher ein größeres Netzwerk von Menschen erreicht, dass der Laufsport der Frauen sehr unterstützt und auch ihre Töchter dazu ermutigt werden sollten.

Die beiden Beispiele – Fußball in der Kultur der Roma und Laufsport in Kenia – belegen und bestärken, dass Sport in einer Reihe kulturell spezifischer Situationen etwas verändern kann. Es zeigt auch, dass wir uns gegen die alles bestimmende Logik verwahren sollten, dass Sport als Form der Kultur ein universales Ding ist oder eben nicht. Wie zuvor erwähnt, müssen diejenigen, die sich die Macht des Sports zunutze machen wollen, genauer verstehen, was wo funktioniert und unter welchen Umständen. Abgesehen davon gibt es die bedeutende Ressource Hoffnung, aber wir dürfen Kultur nicht zu eng definieren. Sport ist eine Kultur, die einen Beitrag zu ganzen Kulturen leistet. Zu ihm finden viele Gespräche statt.

Sogenannte „imagined communities“ werden durch Sport präsentiert; über Sportkontakte werden Geschäfte gemacht. Er ist eine Sprache, die Nationen, Städten, Communitys und Individuen hilft, miteinander zu kommunizieren. Seine Popularität macht ihn zu einem begehrten Medium, um Botschaften zu vermitteln. Nationen entwerfen ihre Soft-Power-Strategien um den Sport herum; Unionen wie die Europäische Union erkennen, dass Sport einen Anteil an den Kulturbeziehungen hat. Seit 2003 haben die Vereinten Nationen ihn auch zunehmend als Instrument für Entwicklung genutzt. Sportikonen sind gefragt für eine Prominentendiplomatie. Und schließlich sorgt der Sport für eine spezifische Form von Handel und Arbeitsmigration, da im Sportbereich Beschäftigte von Land zu Land ziehen.

Sport [muss] sensibel genutzt werden, um Exklusivität und die Verschärfung gesellschaftlicher Probleme zu verhindern.

Wer sich für die europäischen Kulturbeziehungen interessiert, kann es sich einfach nicht leisten, all das zu ignorieren, was Menschen dabei hilft, mit ihrem Leben zurechtzukommen. In diesem Sinn bringt Sport Hoffnung mit sich. Es gibt keinen einzelnen Akteur, keine einzelne Gruppe, Organisation oder kulturelle Plattform, auf der die Hoffnungen der Menschheit liegen, aber es gibt viele Möglichkeiten für Engagement. Wenn diese echten Anlass zu Optimismus bieten, können wir es uns dann leisten, sie zu ignorieren? Können es sich die europäischen Kulturbeziehungen, kann es sich Immigrationspolitik in Europa leisten, den Sport zu ignorieren?

Sport hat das Potenzial, verschiedene Sichtweisen auf die Welt zu formen, vielleicht basierend auf kulturellen Praktiken, Entdeckungen, Forschung und Lehre, aber auch basierend auf den Gelegenheiten, Momente der Normalität zu fördern, Leistungsfähigkeit, Vertrauen, Verpflichtungen, Umverteilung und Respekt in einem menschlicheren Europa. Durch und mit dem Sport.

Über die Autoren
Grant Jarvie
Professor für Sport an der Universität von Edinburgh

Grant Jarvie (Honorarprofessor) ist Lehrstuhlinhaber für Sport, Gründungsdirektor der Academy of Sport an der Universität Edinburgh und Gastforschungsprofessor an der Universität von Toronto. Seine Forschungsschwerpunkte umfasse die Sportdiplomatie, Sportpolitik und das Engagement von Fußballfans. Zusammen mit Hector Mackie ist er Autor des Buchs „Sport, Culture and Society”, das 2016 von Routledge veröffentlicht wurde.

Hector Mackie
Dozent an der University of Bolton

Hector Mackie ist Dozent an der University of Bolton. Seinen Doktortitel erhielt er von der University of Toronto, wo er sich auf die Rekonstruktion von Sport und körperlichen Aktivitäten zur Bekämpfung gesellschaftlicher Ungleichheiten konzentrierte. Er ist ein ehemaliger Profi-Fußballer.

Kulturreport Fortschritt Europa

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