Nähe und Community



Für Manuela Otero, Programmleiterin und Kuratorin der Fundación Proa in Buenos Aires, war der Lockdown eine einzigartige Möglichkeit, Communities zu unterstützen und neu zu schaffen – durch digitale Studienprogramme, lokale künstlerische Arbeit und Nachbarschaftsinitiativen.

Fundación Proa
Fundación Proa, © Fundación Proa

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihres Museums und das Konzept verändert?

Manuela Otero: In Argentinien sind im Lockdown kulturelle Räume ab dem 20. März geschlossen worden. Seitdem arbeitet Proa an der Idee, dass eine Kultureinrichtung, ein Raum für Kunst auch ein Raum der Weiterbildung ist und so haben wir unsere virtuellen Bildungstreffen intensiviert. Da es in unserem Land im Bereich Bildung Defizite gibt und da wir Archivmaterial unserer Aktivitäten auf unseren verschiedenen digitalen Kanälen (proatv, proaradio, proaeditorial etc.) zeigen, haben wir uns auf Fernbildung konzentriert. Nach drei Monaten mit kostenlosen Kursen für alle möglichen Arten von Publikum, die von der Bildungsabteilung, von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Akademikerinnen und Akademikern organisiert worden waren, haben wir ein spezielles Studienprogramm für zeitgenössische Kunst entwickelt. Das Programm ist seitdem gewachsen und auf eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit in Argentinien und in der ganzen Region gestoßen. Wir haben uns dazu entschlossen, diese Arbeit in der Zukunft weiter fortzuführen.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Otero: Als Erstes haben wir darüber nachgedacht, wie wir zwischen dem direkt anwesenden Publikum der Fundación Proa und der Vielfalt eines neuen aus der Ferne zugeschalteten Publikums, das wir so stark wie möglich beteiligen sollten, unterscheiden. Zu Beginn der Pandemie stellten alle großen Museen der Welt ihre bemerkenswerten Angebote online, was für unser Land ein wahres Geschenk war. Es war unmöglich, damit zu konkurrieren. Wir haben aber auch festgestellt, dass Museen ihre Archive passiv zur Verfügung stellten für stille, individuelle Betrachterinnen und Betrachter. Wir haben uns dafür entschieden, gegen die Isolation anzukämpfen, indem wir eine Community aufbauen. Für uns war es sehr wichtig, Ideen von Globalität und Nähe durch Zoom und andere virtuelle Begegnungsmöglichkeiten zu verbinden. Natürlich finden Kurse und Treffen mit einem Publikum statt; man versucht, über jede Aktivität zu sprechen und zu reflektieren. Es schien angemessen, eine Community zusammenzuführen, nicht das Schweigen. Diese virtuellen Aktivitäten eröffneten ein Publikum, das vorher keinen Zugang zu Proa hatte, entweder aufgrund der physischen Distanz oder aufgrund eines Mangels an Information, wie man sich unseren Raum und Content erschließt.

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihres Museums?

Otero: Die Fundación Proa liegt in La Boca, einem Viertel mit einer langen Geschichte, da es das historische Herz der Stadt Buenos Aires ist. Gebaut von den ersten Einwandernden hat das Viertel einen enormen kulturellen Reichtum, der sich ableitet von seiner historischen künstlerischen Szene, von Tango und Anarchismus. Die Immigration von Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikanern ist ein grundlegender Bestandteil des Viertels. Verschiedene soziale Schichten kommen in diesem Viertel zusammen und es gibt eine Spannung zwischen einer blühenden zeitgenössischen Kunstszene und sehr verletzlichen Communities. Seit dem obligatorischen Lockdown haben wir verschiedene Studienmaterialien für lokale Familien entwickelt und mit verschiedenen Bürgerorganisationen zusammengearbeitet, um unser Restaurant Café Proa dafür zu nutzen, jede Woche Essen für rund 500 einkommensschwache Familien im Viertel zuzubereiten.

ifa: Wie sollten Museen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Otero: Die Gegenwart verändert, wie wir von unserer Zeit erzählen oder Zeugnis ablegen. Das künstlerische Schaffen jeder Disziplin erfasst womöglich ein Zeitalter, trotz seiner Eigenschaft, sich von der chronologischen Zeit zu lösen. Aktuell ist die Betrachterin oder der Betrachter eine aktiv teilnehmende Person. Aufgrund der vorhandenen Hilfsmittel kann man Fotos machen, filmen, aufnehmen. Dies verändert die Art, wie wir Geschichten erzählen und über sie nachdenken. Wir bedenken mit, dass das Konzept eines Kunstwerks neu konzeptualisiert werden muss; und das anonyme Schaffen erhält einen Wert, der die Kategorien der Kunst infrage stellt.

ifa: Sehen Sie Ihr Museum als einen Ort für politischen Diskurs?

Otero: Wir betrachten Proa als einen Resonanzboden für politische und soziale Themen in unserer Umgebung. Themen wie Gender-Vielfalt, feministische Rechte und die speziellen Bedürfnisse unseres Viertels fließen in unsere Programmplanung ein und wir bewerten regelmäßig, wie präsent diese Themen in unseren Ausstellungen, Büchern, E-Books, Seminaren etc. sind. Proa bietet auch Aktivistengruppen einen Raum der Reflexion, um internationale und lokale Veränderungen zu analysieren.

ifa: Wie können Kulturinstitutionen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten?  

Otero: Angeregt durch die aktuelle Situation und angesichts der Unsicherheit, die mit der Organisation internationaler Ausstellungen einhergeht, haben wir neue Strategien entwickelt, um weiter mit der Welt zu kommunizieren. Eine besteht darin, zeitgenössische Ausstellungen zu veranstalten, in denen Videos, Kopien von Ausstellungen, Replika von Arbeiten und neue raumspezifische Werke es uns ermöglichen, die hervorragendste zeitgenössische Arbeit zu holen und zu zeigen. Wir haben einige internationale Projekte auf unserer Agenda überdacht und eine neue Perspektive, die sich auf die für den Raum spezifische lokale Produktion konzentriert. Wir halten es für wichtig, darüber nachzudenken, was in Museen sein sollte und sein kann, über die Arbeiten verschiedener Plattformen und Herstellungsarten zu reflektieren sowie über neue Standards für Besuche entsprechend der etablierten Verhaltensregeln.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Otero: Ich glaube, das Museum muss eng mit der Realität verbunden sein und sich selbst als Raum für Reflexion und Debatte zeigen, der es ermöglicht, dass soziale und strukturelle Themen die Wände der Institution durchdringen und einen permanenten Wandel in vielen Sichtweisen generieren. Kunst eröffnet neue Perspektiven auf das Bekannte und unsere Rolle besteht darin, der Öffentlichkeit diese Perspektiven näherzubringen. Heute stellen sowohl die physisch als auch die virtuell anwesende Öffentlichkeit eine Community dar, die ihre Aufmerksamkeit auf die Kunst richtet und spezifische Programme benötigt.


Manuela Otero ist Programmleiterin und Kuratorin der Fundación Proa in Buenos Aires.

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Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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