Eine Gruppe von Menschen in Kuba posiert lachend vor einem türkisblauen Haus für ein Gruppenfoto.
Die ehemalige ifa-Stipendiatin Greta Tilán (vorne links) im Rahmen von "Azul Emprende", einem Projekt, das der ländlichen Bevölkerung Kubas mit nachhaltiger Ölproduktion zu neuen Kollaborationsmöglichkeiten verhilft.

Nachhaltigkeit made in Kuba

CCP Fellow Greta Tilán verwandelt Pflanzenkraft in Kreislaufwirtschaft

Mit der Produktion von Pflanzenölen will ifa-Stipendiatin Greta Tilán aus Kuba nicht nur die Kreislaufwirtschaft in ihrem Heimatland fördern, sondern auch Menschen aus ländlichen Regionen unterstützen. Aufgrund ihrer Begeisterung für die Natur und Liebe zu Kuba, gründete sie ihr eigenes "grünes" Unternehmen und stärkt so auch zivilgesellschaftliches Engagement für Nachhaltigkeit.

Mit Pflanzen sprechen, das konnte Greta Tilán schon als kleines Kind. Fasziniert beobachtete sie damals die Pflanzenwelt und ihre natürlichen chemischen Prozesse. Ihre Heimatstadt Calimete liegt im Nordwesten Kubas und ist bekannt für Landwirtschaft. Es wird angenommen, dass der Name "Calimete" indigenen Taíno-Ursprungs ist und "fruchtbares" oder "großes Land" bedeutet, obwohl die genaue Herkunft nicht eindeutig dokumentiert ist.

Hier war Greta umgeben vom Grün der Zuckerrohrplantagen und anderer Pflanzen, durch das sie als Kind streifte. "Das erklärt auch meine Freude und extreme Neugier, als ich das erste Mal Kokosöl selbst herstellte", meint Greta.

Vom ersten Kokosöl zum Start von Tilán

Die Begeisterung für die Nutzung von Pflanzen führte zur Gründung von "Tilán", Gretas eigenem kleinen Unternehmen, das Pflanzenöle in Kuba herstellt. Schon als Kind habe sie ein großes Umweltbewusstsein gehabt, erzählt Greta. Es war ihr wichtig, etwas zu tun, das den Erhalt des Planeten fördert. Ihr Studium der Philosophie schloss sie mit einer Arbeit über Bioethik ab, einem Bereich, den sie unbedingt in ihr Unternehmen einbinden wollte.

Tilán gründete die junge Kubanerin schon während ihres Studiums. "Ich habe damals Lösungen erdacht, bei denen ich später feststellte, dass sie schon existierten und Kreislaufwirtschaft genannt wurden", erzählt sie lachend. "Für mich ist Nachhaltigkeit nicht nur eine Notwendigkeit, sondern eine Möglichkeit zu überdenken, wie wir mit unserem Planeten und uns selbst umgehen. (…) Dies beinhaltet Balance und Ausdauerfähigkeit."

Greta sieht die Dringlichkeit sich auf nachhaltige Prozesse zu fokussieren, denn "wenn wir diese nicht entwickeln, werden wir uns letztendlich selbst nicht weiter entwickeln können, nicht nur auf ökonomischer Ebene, sondern auch im Leben, wie wir es heute kennen." An das Umweltbewusstsein großer Unternehmen glaubt sie nicht. Kreislaufwirtschaft ermögliche es aber auch kleineren Unternehmen Kosten zu reduzieren, Einnahmen zu verbessern und im Gleichgewicht mit der Umwelt zu wachsen. 

Eine Frau mit bunter, gelber Kleidung sitzt auf einem Sofa und präsentiert Ölprodukte.
Mit ihrem Unternehmen "Tilán" produziert die ehemalige ifa-Stipendiatin Greta nachhaltige Pflanzenöle aus Kuba.

Für mich ist Nachhaltigkeit nicht nur eine Notwendigkeit, sondern eine Möglichkeit zu überdenken, wie wir mit unserem Planeten und uns selbst umgehen.

Greta Tilán, Gründerin von Tilán und CCP Alumna

Diskriminierung, Ressourcenmangel und die Liebe zur Natur

Als Schwarze Frau ein eigenes Unternehmen aufzubauen sei herausfordernd gewesen, erzählt Greta. Besonders der begrenzte Zugang zu Ressourcen, aber auch sexistische und rassistische Diskriminierung, die sie erleben musste, stellten große Hürden da. Aber diese Herausforderungen hätten sie auch gestärkt, und ihr die Hoffnung gegeben, dass sie mit Tilán Menschen aus ländlichen Regionen unterstützen und ihre eigenen Wurzeln wertschätzen kann.

Empathie, Respekt und Beständigkeit seien ihr daher im Umgang mit ihren Mitarbeitenden sehr wichtig. Trotz Krisen und dem Wegzug vieler Kubaner:innen, sei die Unterstützung durch Freund:innen und Kooperationspartner:innen dauerhaft und helfe ihr sehr in der Entwicklung ihres Unternehmens. Und Gretas Liebe zu ihrem Heimatland und der Natur. 

Kuba habe einen großen natürlichen, weitgehend unberührten Reichtum, schwärmt Greta. "Früchte und Gemüse wachsen fast rund ums Jahr und haben ihren ganz besonderen Geschmack. (…) Mit Tilán zeige ich die Kraft unserer Pflanzen und verteidige unsere Traditionen."

Armut und Auswanderung: Kuba im Wandel

Die größte Herausforderung in Kuba sieht Greta in der Armut, zusammen mit fehlenden Ressourcen und Zukunftschancen, die viele dazu bewegen, auszuwandern. Das derzeitige Durchschnittseinkommen in Kuba beträgt monatlich etwa 2.200 kubanische Pesos (ca. 80 Euro). Das reicht den meisten Menschen kaum zum Leben, auch aufgrund der Inflation. In den letzten Jahren sollen über 1,2 Millionen Menschen, etwa 10 Prozent der Bevölkerung, die Insel verlassen haben. Vor allem junge, gut ausgebildete Menschen verlassen das Land, um Arbeit zu finden und sich ein neues Leben aufzubauen.

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl vor einem Kamerateam in ländlicher Umgebung.
Um der Auswanderung junger Kubaner:innen entgegenzuwirken und den Menschen in ländlichen Gebieten neue Zukunftschancen zu bieten, gründete Greta ihr nachhaltiges Unternehmen "Tilán". Ihre Geschichte inspiriert über Grenzen hinweg.

Die koloniale Vergangenheit sowie den Einfluss von Großmächten wie den USA sieht Greta zusätzlich als Herausforderung für nachhaltige Entwicklung in Kuba. Das Land hat nur begrenzt Internetzugang und steht zudem seit den 1960er Jahren unter einem Handelsembargo durch die USA, das durch den derzeitigen US-Präsident Donald Trump noch verschärft wurde. Trump blockierte zuletzt Öllieferungen aus Nachbarstaaten nach Kuba. Dieses Vorgehen führt verstärkt zu Stromausfällen und einer Verschlechterung der humanitären Krise.

Greta berichtet, dass Menschen auf dem Land teilweise bis zu fünf Tage keinen Strom haben und wenn dann nur für etwa zwei Stunden. Sie selbst habe mit materiellen und finanziellen Herausforderungen zu kämpfen: "Ohne Geld und andere Ressourcen kann ich nicht viel mehr tun, als die Frauen (und auch Männer), die mich um Hilfe bitten, mit Kontakten und Beratung zu unterstützen. Ich habe zudem Spenden für ländliche Regionen organisiert, unter anderem Medikamente, Nahrungsmittel, Kleidung und Spielzeug für Kinder."

Internationale Unterstützung ist nicht bloß ein Gefallen, sondern vielmehr eine menschliche Pflicht. Schließlich leben wir alle auf demselben Planeten.

Greta Tilán, Gründerin von Tilán und CCP Alumna

Greta wünscht sich mehr Unterstützung durch internationale Regierungen und transparente, ethische Regierungsführung. "Internationale Unterstützung ist nicht bloß ein Gefallen, sondern vielmehr eine menschliche Pflicht. Schließlich leben wir alle auf demselben Planeten."

Sie selbst trägt dazu nicht nur mit nachhaltigen Produkten bei: Ihr Kreislaufwirtschaftsunternehmen produziert auch Jobs. Diese entstehen einerseits durch Vernetzung bei der Produktion, als auch durch die direkte Zusammenarbeit mit Landwirt:innen. Im Rahmen von Tilán wurde das Projekt "Azul Emprende" entwickelt, das sich direkt an die ländliche Bevölkerung wendet und zu neuen Möglichkeiten der Kollaboration verhelfen soll. So werden die Samen der Mamey-Frucht, die in Lateinamerika verbreitet ist, genutzt, um Öl zu produzieren. Mit Erdnuss- und Sesammehl führten Greta und ihr Unternehmen neue Produkte in Kuba ein, die lokal produziert werden können.

Eine lachende Gruppe von Menschen posiert unter blauem Himmel für ein Gruppenfoto.
Gretas Projekt "Azul Emprende" wendet sich direkt an die ländliche Bevölkerung und soll zu neuen Möglichkeiten der Kollaboration verhelfen.

Handwerkskunst als Wohlfühloase

Für die Zukunft wünscht sich Greta, dass sie ein vollumfängliches Kreislaufmodell für all ihre Produkte entwickeln kann. Ihr ist es zudem wichtig, Kubas landwirtschaftlichen Wurzeln und der handwerklichen Produktion treu zu bleiben. "In unserer heutigen technologiegetriebenen Welt bieten uns Handwerkskunst und die Sorgfalt, die traditionellen Fertigungsprozessen innewohnt, eine einzigartige Oase des Wohlbefindens", erläutert sie.

Drei Frauen sitzen lächelnd an einem Tisch mit Produkten aus Pflanzenöl und Verpackungen.
Mit Handwerkskunst will Greta ihrer Heimat und deren landwirtschaftlichen Wurzeln treu bleiben.

Angehenden Entrepreneur:innen empfiehlt Greta: "Stärke dich durch die Verbesserung deiner Selbst, Weiterbildung und persönliches Wachstum. Umgib dich mit Menschen, die deine Träume wertschätzen und dich unterstützen. Gehe deinen Weg mit Zuversicht und unerschütterlicher Entschlossenheit, ohne jemals deine Wurzeln zu vergessen."

Dass ihre Begeisterung für Pflanzen sie eines Tages so weit bringen würde, hätte Greta nicht gedacht, doch es bestärkt sie darin, an Ideen zu glauben und festzuhalten, scheinen sie noch so verrückt. 

Über die CCP Alumna
Foto von Greta Tilán
Greta Tilán
Gründerin und CEO von Tilán

Greta Tilán gründete ihr ökologisches Unternehmen Tilán 2017, in dem sie aus einheimischen kubanischen Pflanzen pflanzliche Erzeugnisse wie Öle und Mehl herstellt. Sie hat einen Master-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre und einen Bachelorabschluss in Philosophie und Bioethik. 2024 nahm sie am CrossCulture Programm des ifa teil und absolvierte ihr Stipendium bei IGLU gUG in Köln.

CrossCulture Programm

Das CrossCulture Programm (CCP) ermöglicht Berufstätigen und freiwillig Engagierten einen Blick über den kulturellen Tellerrand! Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sammeln in Gastorganisationen in Deutschland oder in einem der über 40 Partnerländer professionelle Erfahrungen. Ziel der berufsbezogenen Aufenthalte ist es, zivilgesellschaftliche Netzwerke zwischen Deutschland und der Welt nachhaltig zu stärken.

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