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Multikulturalismus à la Kanada

Kanada gilt als Vorreiter des Multikulturalismus – mit einer Politik, die Vielfalt betont und Einwanderung über ein Punktesystem steuert. Doch hinter dem positiven Image zeigen sich alte Diskriminierungsmuster und neue Herausforderungen. Kann dieses Modell auch für Europa wegweisend sein?

„Der Multikulturalismus ist tot”, verkündete der britische Premierminister David Cameron 2010 wie viele seiner europäischen Kollegen, insbesondere die Staatsoberhäupter der Niederlande und Deutschland, die diese Politik öffentlich zurückgewiesen hatten. Worauf genau hat er sich dabei bezogen?

Das Missverstehen dessen, was Multikulturalismus ist, führt oftmals dazu, dass Journalisten und Kommentatoren in Sophisterei verfallen. Multikulturalismus wird manchmal als Synonym gebraucht für religiöse, ethnische oder kulturelle Vielfalt. Das Adjektiv multikulturell kann zum Beispiel genutzt werden, um die kanadische Gesellschaft zu beschreiben, bedenkt man, dass mehr als 40 Prozent der Bevölkerung Kanadas zu keiner der zwei größten historischen Gruppierungen, den Nachfahren französischer britischer Einwanderer, gehören. Wichtig ist jedoch, dieses Konzept des Multikulturalismus als soziologische Tatsache von der gleichlautenden politischen Ideologie zu unterscheiden.

Multikulturalismus in seiner politischen Bedeutung bezieht sich auf eine bestimmte Form des Pluralismus. Von der Assimilierung bis zum Schmelztiegel gibt es unterschiedliche Wege für ein Land, die eigene kulturelle Vielfalt zu organisieren; eine von diesen ist der Pluralismus. Die Idee hinter dem Pluralismus ist, Einwanderer aus verschiedenen Kulturen anzunehmen und ihnen zu erlauben, manche ihrer Besonderheiten beizubehalten.

Wichtig ist jedoch, dieses Konzept des Multikulturalismus als soziologische Tatsache von der gleichlautenden politischen Ideologie zu unterscheiden.

Befürworter des Multikulturalismus meinen, er helfe bei der Integration von Einwanderern und Minderheiten, entferne Barrieren für deren politische Teilhabe und lasse sie willkommener fühlen, was wiederum ein stärkeres Gefühl von Zugehörigkeit zum Gastland hervorrufe. Kritiker dagegen sagen, dass eine Politik des Multikulturalismus zwar anerkennt, dass sich ein Land aus verschiedenen kulturellen Gruppen zusammensetzt, aber nicht die Vielfalt innerhalb dieser Gruppen.

Vielfalt organisieren

Der britische Publizist Kenan Malik beschreibt Multikulturalismus als einen politischen Prozess, „dessen Ziel darin besteht, Vielfalt zu organisieren und zu institutionalisieren, indem Menschen in ethnische und kulturelle Schubladen gesteckt werden und entsprechend dieser Schubladen, in die sie gesteckt werden, individuelle Bedürfnisse und Rechte bestimmt werden, und diese Schubladen dann die Politik prägen“.

Unter anderem ist dem Multikulturalismus schon vorgeworfen worden, die Gettoisierung zu fördern, Stereotypen zu vermehren und zuzulassen, dass sich politischer Radikalismus und restriktives Verhalten unter Einwanderergruppen entwickeln.

Soweit die allgemeine Debatte. Aber Länder haben den Multikulturalismus auf verschiedene Weise verstanden und angewendet. Der kanadische Multikulturalismus zum Beispiel meint eine sehr spezielle Reihe politischer Maßnahmen in der kanadischen Gesellschaft.

Die kanadische Gesellschaft umfasst eine nationale Mehrheit (britischer Nachkommen), eine nationale Minderheit (französischer Nachkommen), viele verschiedene autochthone Gruppen wie auch ethnische Gruppen, die aus der Einwanderung hervorgingen. Also ist Kanada, in den Worten des kanadischen Politikwissenschaftlers und Philosophen Will Kymlicka, sowohl ein multinationales als auch ein multiethnisches Land. Wenn wir vom „kanadischen Multikulturalismus“ oder vom „kanadischen Beispiel“ sprechen, beziehen wir uns auf politische Maßnahmen, die von der kanadischen Regierung eingesetzt werden, um diese komplexe Vielfalt zu organisieren.

Kulturelle Vielfalt in Kanada wurde ursprünglich auf die französisch-englischen Beziehungen bezogen. Die Kanadische Konföderation (1867) ging aus Verhandlungen zwischen den britischen Eroberern und der französischen Minderheit hervor und dies bahnte den Weg zu einer bikulturellen Politik. Leider wurden dabei andere kulturelle Gruppen, beispielsweise die Ureinwohner, zum großen Teil übergangen.

Der kanadische Multikulturalismus […] meint eine sehr spezielle Reihe politischer Maßnahmen in der kanadischen Gesellschaft.

1971 kündigte die liberale Regierung von Premierminister Pierre Elliot Trudeau an, dass eine Politik der Zweisprachigkeit und des Multikulturalismus umgesetzt werden würde. Damit war Kanada das erste Land, das offiziell eine solche Politik verfolgte. Mit der Verfassung von 1982 wurde der Multikulturalismus gesetzlich anerkannt. Absatz 27 der Kanadischen Charta der Rechte und Freiheiten (Teil 1 des Verfassungsgesetzes von 1982), lautet: „Diese Charta sollte auf eine Art ausgelegt werden, die im Einklang ist mit dem Erhalt und der Aufwertung des multikulturellen Erbes der Kanadier.“

Inklusion und gegenseitiger Respekt

Darüber hinaus ist der Multikulturalismus gesetzlich festgeschrieben durch das Kanadische Multikulturalismusgesetz von 1988, das von Premierminister Brian Mulroney erlassen wurde. Dieses erkennt an: Kanadas multikulturelles Erbe, die Rechte der Ureinwohner, die Gleichberechtigung vor dem Gesetz unabhängig von Hautfarbe und Religion, die Rechte von Minderheiten, ihre Kulturen zu leben und die Tatsache, dass andere Sprachen als die zwei offiziellen genutzt werden können. Zudem bekräftigt das Rundfunkgesetz von 1991, dass das kanadische Rundfunksystem die Vielfalt der Kulturen des Landes widerspiegeln und den Rundfunk der Minderheiten miteinschließen sollte.

Die kanadische multikulturelle Politik, welche Gleichberechtigung, Inklusion und gegenseitigen Respekt betont, ist für Kanadier so wichtig geworden, dass viele diese für einen integralen Bestandteil kanadischer Kultur halten. Neben der landesweiten Politik haben alle zehn kanadischen Provinzen ihre eigene pluralistische Politik und Gesetzgebung. Während andere Provinzen sich für den Multikulturalismus entschieden, bemühte sich die Politik in Québec darum, den Interkulturalismus zu fördern.

2008 zog eine Konsultationskommission im Hinblick auf kulturelle Unterschiede unter dem Vorsitz des Soziologen Gérard Bouchard und dem Philosophen Charles Taylor die Schlussfolgerung, dass der Interkulturalismus besser den Bedingungen in Québec entspricht als das kanadische Modell des Multikulturalismus, weil es den Kontext der Mehrheitskultur mit einbezieht. Dies ist besonders wichtig für die Französisch sprechende Mehrheit der Provinz, denn landesweit betrachtet, stellt sie eine Minderheit dar. Québec hat beispielsweise eine Politik entwickelt, die sicherstellt, dass die Einwanderer sich in die französischsprachige Community der Provinz integrieren.

Ottawa betrachtet die eigene liberale Einwanderungspolitik als Teil seines Multikulturalismus. Kanada hat weltweit eine der höchsten Zuwanderungsraten und nimmt über einen von zehn Flüchtlingen weltweit auf. Wenn das Land also wahrheitsgemäß behaupten kann, offen für Einwanderung zu sein, bedeutet dies gleichwohl nicht, dass es jedermann zugänglich ist.

Von Punktesystem bis Diskriminierung

Seitdem das erste Einwanderungsgesetz 1867 in Kanada in Kraft trat, hat die Einwanderungspolitik sichergestellt, dass bestimmte Typen von Einwanderern (die Kriterien veränderten sich im Laufe der Jahre) nicht einwandern konnten. Anfänglich war die Einwanderungspolitik hauptsächlich ein Mittel, um zu verhindern, dass Krankheiten ins Land kommen. Später wurden dann zusätzlich Maßnahmen ergriffen, um Menschen, die man für Kriminelle oder Aktivisten hielt, die gegen die Regierungspolitik waren, draußen zu halten.

Nach einer Phase des Einwanderungsstopps während des Ersten Weltkriegs verabschiedete das Bundesparlament 1919 ein neues Einwanderungsgesetz, das eine Regel beinhaltete, die es der Regierung erlaubte, die Einreise unerwünschter Rassen und Nationalitäten (beispielsweise jene, die im Krieg gegen Kanada kämpften oder auch bestimmte religiöse Gruppen) zu begrenzen oder zu verbieten. Das Einwanderungsgesetz von 1952 wiederum behandelte bevorzugt Briten, französische Bürger, Amerikaner und Asiaten, die mit ihren Angehörigen in Kanada wieder zusammengeführt werden wollten.

Die Diskriminierungen auf der Grundlage von Rasse oder Herkunftsland wurden erst 1962 in den kanadischen Einwanderungsgesetzen aufgehoben. Stattdessen kam ein System, das hauptsächlich von der Wirtschaftspolitik bestimmt wird. Seit 1967 das Punktesystem eingeführt wurde, hängt die Auswahl von Einwanderern von sechs Faktoren ab: Französische und englische Sprachkenntnisse, Bildung, Erfahrung, Alter, eine geregelte Beschäftigung in Kanada und Anpassungsfähigkeit.

Vier neue Klassen „akzeptierter“ Einwanderer wurden 1967 festgelegt: Flüchtlinge, Familien, Verwandte und unabhängige Einwanderer. In den 1980er-Jahren kam noch die „Business“-Klasse dazu, deren Zielgruppe Menschen sind, die bedeutende finanzielle Ressourcen nach Kanada bringen können. Zu den „verbotenen Klassen“ wurden jene, bei denen die Gefahr besteht, Sozialleistungen oder das Gesundheitswesen zu strapazieren.

Das Einwanderungs- und Flüchtlingsschutzgesetz von 2001, welches das Gesetz von 1967 ersetzen sollte, beinhaltete einige Bestimmungen, die verhindern sollen, dass Terroristen und Kriminelle ins Land kommen. Es erschwerte auch, dass Menschen als Facharbeiter, Lohnarbeiter und sogar als Unternehmer nach dem Punktesystem einwandern.

Auch wenn die eigentliche Einwanderungspolitik nicht direkt von einer diskriminierenden Absicht motiviert ist, kann man schwerlich die Tatsache übersehen, dass sie eine indirekte Diskriminierung (willentlich oder nicht) darstellt. Die scheinbar neutralen Kriterien in Bezug auf das Herkunftsland produzieren tatsächlich eine statistisch messbare Ungleichbehandlung. Wenn man die Politik hinzunimmt, könnten manche sogar sagen, dass wir es mit einer systemischen Diskriminierung zu tun haben.

Die scheinbar neutralen Kriterien in Bezug auf das Herkunftsland produzieren tatsächlich eine statistisch messbare Ungleichbehandlung. Wenn man die Politik hinzunimmt, könnten manche sogar sagen, dass wir es mit einer systemischen Diskriminierung zu tun haben.

Ein anderes inhärentes Problem in Kanadas Einwanderungspraxis ist die Arbeitslosigkeit oder die geringfügige Beschäftigung von Einwanderern. 1997 wurde das „Foreign Credential Recognition“-Programm (FCR) eingeführt, das an Migranten auf der Grundlage ihrer Ausbildung Punkte vergab. Einerseits erweist es sich als schwierig für Migranten und insbesondere für Flüchtlinge, die Originalqualifikation zu erhalten, die sie brauchen, um sie der „Alliance of Credential Evaluation Services of Canada“ (ACESC) zur Verifizierung vorzulegen. Andererseits fallen einige Berufe in die Zuständigkeit von Berufsaufsichtsbehörden. Eine außerhalb Kanadas erworbene Zulassung, beispielsweise als Mediziner oder Ingenieur zu arbeiten, wird seltener als kanadischen Standards entsprechend anerkannt.

Stolz auf Vielfalt

In einer Untersuchungsreihe, die von der Abteilung für Multikulturalismus und Menschenrechte des Ministeriums für Kanadisches Kulturerbe 2008 in Auftrag gegeben wurde, evaluierten Wissenschaftler Kanada auf Grundlage verschiedener Aspekte der Einwanderung: die wirtschaftliche Integration in den Arbeitsmarkt, die politische Integration bei Wahlverfahren und anderen Formen politischer Teilhabe; die gesellschaftliche Integration in die Netzwerke und Räume der Zivilgesellschaft, von informellen Netzwerken aus Freunden und Nachbarn bis hin zur Mitgliedschaft in formellere Organisationen.

Der Autor der Studie Will Kymlicka berichtete: „Auf der einen Seite haben wir nicht nur immer mehr Belege für Kanadas vergleichsweisen Vorteil bei der Integration von Einwanderern gesehen, sondern auch immer mehr Belege dafür, dass die Politik des Multikulturalismus bei diesem relativen Erfolg eine wichtige Rolle gespielt hat.“

Die Untersuchung zeigte auch, dass Kanadier eher sagen, dass Einwanderung nützlich ist und eher nicht glauben, dass Einwanderer anfällig für Kriminalität sind; sie unterstützen eher den Multikulturalismus und sind stolz darauf.

Die Untersuchung zeigte auch, dass Kanadier eher sagen, dass Einwanderung nützlich ist und eher nicht glauben, dass Einwanderer anfällig für Kriminalität sind.

Die jüngsten terroristischen Ereignisse in Kanada, die man als isolierte Vorkommnisse betrachten sollte, haben daran nichts verändert. Kanadas politische Vorgehensweisen sollten immer noch als „gute Beispiele“ gesehen werden. Natürlich passt nicht jede Politik zu jeder Situation und sicherlich hat der kanadische Multikulturalismus seine Mängel. Die europäischen Kritiker dieses Modells etwa haben darauf verwiesen, dass es Bedarf nach einer Erneuerung der Politik gibt. Multikulturalismus bedeutet nicht nur, kulturelle Vielfalt zu begrüßen und zu feiern. Einwanderungs- und Integrationspolitik müssen zusammenarbeiten, um ethnischen Minderheiten die Möglichkeit zu geben, gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Über die Autorin
Stéfanie Lévesque
Forscherin, Quebec Institute of High International Studies

Stéfanie Lévesque ist Absolventin des „Quebec Institute of High International Studies“. Zu den wichtigsten Schwerpunkten ihrer Forschung zählen Minderheitenrechte, Kulturdiplomatie und kulturelle Rechte. Sie ist Mitglied des Interdisziplinären kanadischen Forschungszentrums für Diversität und Demokratie (CRIDAQ).

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