Jüdisches Leben, jenseits der Shoah



Jüdisches Leben in Deutschland blickt auf eine 1700-jährige Geschichte, was seit 2021 mit einem bundesweiten Jubiläum begangen wird. Andrei Kovacs leitet den dafür gegründeten Jubiläumsverein. Im Interview spricht er über die Ziele des Festjahrs, die Umsetzung und seine persönliche Motivation, das Verhältnis von jüdischen und nichtjüdischen Menschen zu entkrampfen.

Jüdisches Laubhüttenfest "Sukkot XXL" Yuriy Kandnykov, der Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, hängt beim Aufbau der traditionellen Laubhütte Früchte unter das Dach. Die jüdische Gemeinde startete im September 2021 die Veranstaltungsreihe Sukkot XXL anlässlich des jüdischen Laubhüttenfestes. © picture alliance/dpa/dpa Zentralbild / Jens Büttner

Herr Kovacs, Sie sind leitender Geschäftsführer des Jubiläumsvereins "2021 – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Was ist das Ziel dieses Vereins und des damit verbundenen Festjahres, das noch bis Sommer 2022 in Deutschland stattfindet?

Wir wollen einerseits zeigen, dass jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands eine lange Tradition hat. Das Festjahr bezieht sich ja auf ein Dekret von Kaiser Konstantin aus dem Jahr 321 an den Kölner Stadtrat, das es den Kurien erstmals erlaubte, Juden in die Kurie zu berufen. Es gilt als früheste Urkunde zur Existenz von Jüd:innen in Mittel- und Nordeuropa. Wir wollen aber auch zeigen, dass jüdisches Leben in Deutschland heute bunt, vielfältig und postmigrantisch ist. Mehr als 95 Prozent der hier lebenden Jüd:innen sind russischsprachig, was mit der jüdischen Zuwanderung nach 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion zusammenhängt. Vor allem aber wollen wir jüdisches Leben jenseits der Shoah sichtbar machen. In den letzten 77 Jahren haben wir uns in Deutschland sehr stark darauf konzentriert. Wir brauchen eine zukunftsorientierte Gedenkkultur, denn es ist vielen jungen Jüd:innen wichtig, den Blick auch auf das Heute und die Zukunft zu richten.

Sonderbriefmarke – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Eine große Visualisierung einer Briefmarke mit der Aufschrift "Chai - auf das Leben - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" © picture alliance/dpa/Marcel Kusch

Das klingt nach einem ambitionierten Programm für ein einziges Festjahr. Wie haben Sie das konkret umgesetzt?

Seit Anfang 2021 haben über 2.200 Veranstaltungen stattgefunden, darunter Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Straßenfeste, und vieles mehr. Pandemiebedingt mussten wir einiges verschieben, weshalb Veranstaltungen noch bis Sommer 2022 stattfinden werden. Uns war es wichtig, jüdisches Leben erlebbar zu machen und es vor allem aus der Perspektive jüdischer Menschen zu erzählen. Das haben wir zum Beispiel in einer Onlineausstellung und in einem Podcast umgesetzt. Darin erzählen Jüdinnen und Juden, was es für sie ganz persönlich heißt, jüdisch zu sein. Es geht immer um individuelle Biografien, daher kann es auch nur viele verschiedene jüdische Perspektiven geben. Wir haben natürlich auch die Religion thematisiert, die Traditionen und Feiertage. Mit "Sukkot XXL" haben wir das jüdische Laubhüttenfest aus den Gemeinden auf die Straße gebracht und deutschlandweit in mehreren Städten zusammen mit nichtjüdischen Menschen gefeiert.

Mehr Empathie, weniger Berührungsängste

Sie sind eigentlich Unternehmer und Musiker. Was hat Sie persönlich motiviert, sich als leitender Geschäftsführer des Vereins zu engagieren?

Ich selbst komme aus einer jüdisch-ungarischen Familie, wurde in Rumänien geboren und bin in Deutschland aufgewachsen. Ich habe aber auch in Frankreich, in den Niederlanden und in England gelebt. Heute merke ich, wie problematisch der Umgang zwischen Juden und Nichtjuden gerade in Deutschland ist. Man spürt einfach, dass wir im Land der Erfinder des Holocaust leben. Daraus entsteht eine Spannung. Es war mir von Anfang an ein persönliches Anliegen, das Verhältnis von Juden und Nichtjuden zu entkrampfen und Empathie zu schaffen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unangenehm es ist, wenn Menschen plötzlich erstarren oder in Sprachlosigkeit verfallen, wenn sie hören, dass ich Jude bin.

Der nicht ganz unverkrampfte Umgang mit jüdischem Leben in Deutschland ist auch Thema des Kurzfilms "Masel Tov Cocktail", der 2021 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Darin begegnet der Protagonist immer wieder Menschen, die eine bestimmte Haltung zum Judentum haben, meist mit Bezug zum Holocaust. Wie kann es gelingen, für jüdisches Leben jenseits der Shoah zu sensibilisieren, auch über Festjahre hinaus?

Das ist eine gute Frage. Persönliche Begegnungen sind wichtig, aber man muss ja auch sehen, dass die Wahrscheinlichkeit einem Juden zu begegnen, statistisch eher gering ist, bei schätzungsweise 150.000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Das macht es umso schwieriger. Es gibt erfolgreiche Initiativen wie "Meet a Jew", aber diese sprechen nur einen bereits interessierten Kreis an. Die Auseinandersetzung mit heutigem jüdischem Leben muss nach dem Festjahr weitergehen und in bestehende Prozesse einfließen, zum Beispiel im Bildungsbereich. Natürlich muss man auch über den Holocaust reden, aber wir brauchen zusätzlich zukunftsgewandte Erinnerungsbildung – in den Schulen, in den Universitäten, in der politischen Bildung und auch in den Medien. In dem von Ihnen angesprochenen Kurzfilm heißt es auch: "There is no business like Shoah business", und leider stimmt das.

Inwiefern?

Wenn Sie im Fernsehen über die "Shoah" sprechen wollen, sind Ihnen Sendeplatz und Einschaltquoten garantiert. Beim Thema "Jüdisches Leben" hört das Interesse meist auf. Wir brauchen feste Medienformate, über Jubiläen und Festakte hinaus. Und ich denke, es ist wichtig, Tabus zu brechen und sich auch mal einen Witz zu erlauben. Ich war da von Anfang sehr direkt und habe bei der Organisation des Festjahres gesagt: Wir wollen nicht nur Friedhöfe und Grabsteine zeigen, sondern nur lebende Juden. Das hat manche schockiert, andere wiederum waren erleichtert und sogar ergriffen. Wir dürfen nicht vergessen, aber wir wollen nicht ständig nur an die Vergangenheit erinnert werden. Wir wollen über das Leben heute nachdenken und über eine gemeinsame Zukunft.

Länderübergreifenden Austausch fördern

Das Festjahr war auch Hintergrund Ihrer Reise nach Frankreich und einer Diskussion, an der Sie im Oktober 2021 für das Vortragsprogramm der Bundesregierung teilgenommen haben. Wie waren die Reaktionen dort auf das hiesige Jubiläumsjahr? 

Was mich überrascht hat, war die enorme Neugierde. Die Teilnehmer, darunter Vertreter der jüdischen, protestantischen, katholischen und muslimischen Religion, haben sehr viele Fragen gestellt. Es ging dabei um ganz alltägliche Dinge wie die institutionelle Organisation bis hin zur Frage, wie in Deutschland die Gemeindesteuern eingetrieben werden. Das hat mir auch gezeigt, wie wenig wir eigentlich voneinander wissen. Dabei habe ich selbst sechs Jahre in Frankreich gelebt!

Andrei Kovacs, leitender Geschäftsführer des Vereins "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.", spricht vor einer Vertragsunterzeichnung im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung. Anlässlich des Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" hatte Niedersachsens Ministerpräsident Weil einen Kooperationsvertrag mit dem organisierenden Verein unterschrieben. © picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich

Also gibt es zu wenig Austausch zwischen den Gemeinden über Ländergrenzen hinweg?

Genau das war mein Fazit. Es wäre doch eine gute Idee, eine Art "European Cultural Benchmarking" zu betreiben, in Form von Vernetzungsaktivitäten. Man könnte den Umgang mit bestimmten Themen vergleichen und so voneinander lernen, auch über den Umgang mit Herausforderungen. Antisemitismus und Rassismus existieren ja nicht nur in Deutschland. Ein solcher Austausch müsste aber nicht nur zwischen den jüdischen Gemeinden stattfinden, sondern beispielsweise auch zwischen den Regierungsstellen, die für Schule, politische Bildung, Kultur, Gedenken und Erinnerungskultur zuständig sind – um nur einige Beispiele zu nennen. In Frankreich zum Beispiel scheinen Rassismus und Antisemitismus viel stärker zusammengedacht zu werden, während wir uns in Deutschland noch immer zu sehr auf Antisemitismus konzentrieren. Aber beides gehört zusammen. Das war auch Tenor in der Diskussion in Toulouse: Ob Islamophobie oder Antisemitismus – gemein ist ihnen Rassismus und der geht alle etwas an.

Wir dürfen uns nicht einbuddeln

Welche Begegnung aus dem Jubiläumsjahr wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben? 

Eine Gemeindevorsitzende erzählte mir, dass sie sich seit 75 Jahren zum ersten Mal getraut hätten, ein Fest im öffentlichen Raum zu veranstalten. Das hat mich sehr berührt und auch ein wenig stolz gemacht, denn genau das wollten wir erreichen. Die fehlende Sichtbarkeit hängt oft auch mit Sicherheitsbedenken zusammen, und das ist verständlich, aber wir dürfen uns nicht einbuddeln. Es ist wichtig, dass wir uns zeigen und deutlich machen, dass jüdisches Leben nicht nur hinter vermeintlich verschlossenen Türen stattfindet.

Über Andrei Kovacs

Andrei Kovacs

Andrei Kovacs, geboren 1974, stammt aus einer jüdisch-ungarischen Familie. Er ist Musiker und Unternehmensgründer, spricht fünf Sprachen und lebt heute mit seiner Familie in Köln. Als leitender Geschäftsführer des Vereins "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V." verantwortet er das gleichnamige Festjahr (#2021JLID), das unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten deutschlandweit veranstaltet wird.

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