Foto von Lisa Russell vor dunklem Hintergrund, Foto: lisarussellfilms
Inklusive Politik durch Kunst gestalten, Foto: lisarussellfilms

Inklusive Politik durch Kunst gestalten

Wie können Künstler:innen-Koalitionen dazu beitragen, UN-Organisationen inklusiver zu gestalten? Lisa Russell betont das Potenzial durch pluralistische, künstlerische und junge Perspektiven in der Kulturpolitik Veränderungen herbeizuführen und auf diese Weise einen nachhaltigen sozialen Wandel zu fördern.

ifa: Sie sind Ko-Vorsitzende der ImpACT Coalition zu Kunst und Kultur, einer Arbeitsgruppe, die im Vorfeld des Zukunftsgipfels gegründet wurde. Wessen Interessen werden in der Gruppe vertreten? Welche Künstler:innen wollen Sie einbinden, und wer hat normalerweise Zugang zu internationalen Konferenzen und politischen Organisationen? 

Lisa Russell: Die Künstler:innen, mit denen ich zusammenarbeite, kommen oft aus der sogenannten „Arbeiterklasse“ oder dem informellen Kunstsektor. Diese Menschen sind tief in ihre Gemeinschaften eingebettet, die oft marginalisiert oder übersehen werden. Sie sind nicht die Künstler:innen, die typischerweise in etablierten Institutionen oder auf internationalen Plattformen vertreten sind.

ifa: Glauben Sie, dass diese Künstler:innen in internationalen Organisationen wie der UNO unterrepräsentiert sind? 

Russell: Obwohl die UNO im Laufe der Jahre, in denen ich Künstler:innen für hochrangige Veranstaltungen kuratierte, eine Vielzahl von Künstler:innen-Gruppen präsentiert hat, gibt es die Möglichkeit, die Vielfalt der vertretenen künstlerischen Ausdrucksformen zu erweitern. In der Vergangenheit lag der Schwerpunkt oft auf traditionelleren Kunstformen, die oft als exklusiv empfunden wurden. Obwohl ich die Arbeit der Künstler:innen, mit denen die UNO jetzt zusammenarbeitet, sehr schätze, glaube ich, dass es auch Raum für andere künstlerische Formate gibt, wie z. B. Poesie-Performances, Street Dance und Hip-Hop. Auf diese Weise können neue Perspektiven eingebracht werden und ein breiteres Spektrum an kulturellen Hintergründen. 

ifa: Wie würde eine inklusivere Vertretung von Künstler:innen innerhalb der UNO aussehen? 

Russell: Die Diskussion über Inklusion entwickelt sich weiter, und es wird zunehmend erkannt, dass die Repräsentation von BIPoC-Künstler:innen (Schwarze Künstler:innen, Indigene Künstler:innen und Künstler:innen of Colour) und Künstler:innen aus dem Globalen Süden über traditionelle Formen wie Museumsausstellungen oder Orchesteraufführungen hinausgehen sollte. Die urbane Kunst zum Beispiel bietet eine dynamische und wirkungsvolle Alternative, die ein breites Publikum anspricht. Ich arbeite eng mit sozial engagierten Künstler:innen zusammen, auch mit solchen aus Genres wie dem Hip-Hop, deren Arbeit die Kämpfe und Bestrebungen marginalisierter Gemeinschaften widerspiegelt. Es ist wichtig, ein Gleichgewicht zwischen der Anerkennung traditioneller Kunstformen und der Förderung von Innovationen zu finden, um einen umfassenderen Blick auf die globale Kunstlandschaft zu ermöglichen. 

Um den Stimmen der Jugend und der Künstler:innen wirklich Gehör zu verschaffen, müssen wir die Vielfalt der Künstler:innen, die wir engagieren, erweitern.

Um den Stimmen der Jugend und der Künstler:innen wirklich Gehör zu verschaffen, müssen wir die Vielfalt der Künstler:innen, die wir engagieren, erweitern. Ich denke, dass die Unterstützung einer von Künstler:innen geführten Bewegung dabei helfen würde, denn wir befinden uns in diesen Räumen und kennen vielleicht Künstler:innen, die nicht dem Mainstream angehören, die aus dem Raster fallen, aber eine starke Stimme für den Wandel haben. Auch junge Künstler:innen bringen neue, einzigartige Perspektiven ein, die die Kluft zwischen den Generationen überbrücken und den sozialen Wandel vorantreiben können. Ein inklusives und nachhaltiges Ökosystem für Künstler:innen ist nicht nur für die Förderung der globalen Solidarität wichtig, sondern auch dafür, dass die Künste bei der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung und des gesellschaftlichen Fortschritts relevant bleiben.

ifa: Wie können die Stimmen junger Menschen besser in den UN-Raum integriert werden? 

Russell: Junge Künstler:innen agieren oft außerhalb der traditionellen Strukturen. Sie sind vielleicht nicht so bekannt oder haben keine große Online-Präsenz, aber ihre Arbeit hat eine große Wirkung an der Basis. Sie sprechen eine andere Sprache, oft auf eine Weise, die nicht sofort sichtbar oder zugänglich ist. Um ihren Stimmen in der UNO Gehör zu verschaffen, müssen wir unsere Systeme überdenken und dafür sorgen, dass Künstler:innen mit unterschiedlichem Hintergrund einen besseren Zugang zu politischen Entscheidungsräumen erhalten. 

ifa: Sie betonen die Bedeutung von Künstler:innen, die in Gemeinschaften arbeiten. Wie unterscheiden sie sich von traditionellen Sozialarbeiter:innen, und warum müssen wir Künstler:innen in diesen hochspezialisierten Bereich integrieren? 

Russell: Künstler:innen und Sozialarbeiter:innen haben unterschiedliche Rollen, obwohl es einige Überschneidungen gibt. Künstler:innen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ganze Gemeinschaften inspirieren und einbeziehen. Während sie durch ihre Arbeit manchmal zur Heilung beitragen, liegt ihre Hauptstärke darin, gemeinsame Herausforderungen zum Ausdruck zu bringen und das Publikum zum Handeln zu mobilisieren. Sozialarbeiter:innen hingegen konzentrieren sich eher auf individuelle Bedürfnisse und verfolgen einen persönlicheren, tiefer gehenden Ansatz, um soziale Probleme anzugehen. Künstler:innen hingegen können ein größeres, vielfältigeres Publikum erreichen und dazu beitragen, einen weitreichenden sozialen Wandel anzustoßen. 

Kultur als globales öffentliches Gut

ifa: Sie setzen sich für die Verankerung der Kultur als globales öffentliches Gut in der UN-Agenda ein. Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie darin, Kultur zu einem eigenständigen Ziel zu machen?

Russell: Seit der Konferenz in Nairobi haben wir an virtuellen Konsultationen zum Pakt für die Zukunft teilgenommen, einem Schlüsseldokument, das schließlich auf dem Zukunftsgipfel verabschiedet wurde. Wir haben dafür gekämpft, dass die Künste mit einbezogen werden, und nach anfänglichen Erfolgen wurde die Kultur in den Überarbeitungen anerkannt - aber enttäuschenderweise ohne ausdrückliche Erwähnung der Künste. Diese Auslassung unterstreicht, dass wir unserer Gemeinschaft einen Bärendienst erwiesen haben. 

ifa: Was muss geschehen, damit die Künstler:innen in diesen Prozessen besser vertreten sind? 

Russell: Erstens brauchen wir Kanäle für künstlerisches Engagement in diesen Foren. Die Künste sollten als wesentlich für die Entwicklung angesehen werden – nicht als Luxus oder zweitrangiges Gut. Wir müssen Mechanismen schaffen, die Künstler:innen befähigen an politischen Diskussionen teilzunehmen. 

Die Künste sollten als wesentlich für die Entwicklung angesehen werden – nicht als Luxus oder zweitrangiges Gut.

Mit einer stärkeren Vertretung von Künstler:innen im politischen Entscheidungsprozess könnten wir die Umsetzung der SDGs deutlich verbessern. Politische Entscheidungen sind wirkungsvoller, wenn sie unter direkter Beteiligung derjenigen getroffen werden, deren Lebensgrundlagen davon betroffen sind.

Einen Fuß in die Tür bekommen

ifa: Warum ist es so schwierig, Kultur und Kunst als eigenständiges, prioritäres Ziel in internationalen Organisationen zu etablieren? 

Russell: Die Mitgliedsstaaten sehen Kunst und Kultur oft in Konkurrenz zu anderen dringenden Problemen, wie dem Zugang zu sauberem Wasser oder erschwinglichem Wohnraum. Außerdem fehlt es dem institutionellen Rahmen der UNO an jener soliden Vertretung, die Künstler:innen brauchen. Es gibt zwar einen UN-Sonderberichterstatter im Bereich der kulturellen Rechte und eine Abteilung für globale Kommunikation, aber keine beratende Arbeitsgruppe, die sich aus arbeitenden Künstler:innen und Kreativen zusammensetzt – also aus Personen, die wirklich über die Lebenswirklichkeit von Künstler:innen sprechen können.

ifa: Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn Künstler:innen von diesen institutionellen Räumen ausgeschlossen sind? 

Russell: Vielen Künstler:innen fehlen die Ressourcen oder das Verständnis dafür, wie sie sich in komplexen institutionellen Strukturen wie der UNO zurechtfinden können. Durch meine Arbeit mit Create2030 helfe ich Künstler:innen zu verstehen, wie sie sich effektiv in diese Räume einbringen können. Kulturelle Institutionen bevorzugen oft die Arbeit von Künstler:innen, aber die Art und Weise, wie diese Institutionen arbeiten, unterscheidet sich stark von der Art und Weise, wie Künstler:innen schaffen und ihren Lebensunterhalt verdienen. 

ifa: Welches Potenzial sehen Sie für Künstler:innen in Residenzprogrammen innerhalb internationaler Organisationen? 

Russell: Residenzprogramme können wertvoll sein, aber sie bergen auch die Gefahr, den oder die Künstler:in zu institutionalisieren und ihn oder sie zu zwingen, sich der Sprache und den Normen der UN oder anderer Organisationen anzupassen. Ich habe das aus erster Hand erlebt, zum Beispiel bei der UNEA (Umweltversammlung der Vereinten Nationen), wo zwei Hip-Hop-Künstler:innen eingeladen waren, aufzutreten, aber ihre Sprache wurde so formal und technisch, dass die Authentizität und Kraft ihrer Kunst verloren ging. 

ifa: Wie können diese Programme verbessert werden? 

Russell: Künstler:innen nehmen oft an diesen Programmen teil, weil sie sich auf solch prestigeträchtigen Plattformen Gehör verschaffen wollen. Sie können jedoch ihre künstlerische Integrität verlieren, wenn ihre Arbeit zu sehr formalisiert wird. Die größte Herausforderung besteht darin, die Künstler:innen für diese Plattformen angemessen zu kuratieren – sicherzustellen, dass ihre Arbeit relevant ist und gleichzeitig ihre Authentizität bewahrt wird. 

Die größte Herausforderung besteht darin, die Künstler:innen für diese Plattformen angemessen zu kuratieren – sicherzustellen, dass ihre Arbeit relevant ist und gleichzeitig ihre Authentizität bewahrt wird.

Künstler:innen sind gute Übersetzer:innen komplexer Sachverhalte, aber um in diesen Umgebungen wirklich erfolgreich zu sein, müssen sie die Sprache und die Regeln der Institutionen verstehen. Indem wir Künstler:innen in diese Räume einladen, können wir ihnen helfen zu lernen, wie sie innerhalb dieser Strukturen effektiv kommunizieren können. Wie Picasso sagte: „Lerne die Regeln wie ein Profi, damit du sie wie ein Künstler brechen kannst.“ 

Das Interview führte Christina Buck-Rieder.

Über Lisa Russell
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Lisa Russell
Filmemacherin, Gründerin von Create2030

Lisa Russell ist die globale Ko-Vorsitzende der ImpACT-Koalition zu Kunst und Kultur, einer Arbeitsgruppe, die im Vorfeld des UN-Zukunftsgipfels 2024 gebildet wurde. Sie ist außerdem eine mit dem Emmy ausgezeichnete Filmemacherin, Gründerin von Create2030 und eine kreative Praktikerin, die sich für nachhaltige Lösungen in der Kreativwirtschaft und die Umsetzung der SDGs einsetzt.