In der Kunst geht es um Atmosphäre



In der Millî Reasürans Sanat Galerie in Istanbul ist das Personal damit beschäftigt, sich eine Reihe neuer Online-Ressourcen zu erschließen. Doch für Ayşe Gür, Leiterin der Galerie, bleiben der physische Raum und der Kontakt weiterhin die Essenz der Kunst.

Millî Reasürans Sanat Gallery
Millî Reasürans Sanat Gallery; Photo: Michael Lapuks; © ifa

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihrer Galerie und ihr Konzept verändert?

Ayşe Gür: Als die Phase der Pandemie und die Beschränkungen in den großen Städten begannen, waren wir gerade dabei, unsere Ausstellung von Gül Ilgaz zu eröffnen, das letzte Projekt der Saison. Die Eröffnung sollte Anfang April stattfinden, aber wir mussten sie auf das frühestmögliche Datum verschieben, was zu diesem Zeitpunkt nicht genau vorherzusagen war. Wir schlossen die Türen der Galerie direkt für Besucherinnen und Besucher, was auch die meisten Galerien Istanbuls innerhalb derselben Woche taten. Die Regierung verbot bis auf Weiteres alle Eröffnungen und Veranstaltungen. Ende Juni wurden einige Lockerungen mit vielen Einschränkungen angekündigt.

Das Management von Millî Reasürans traf die notwendigen Entscheidungen für uns, um unsere Arbeit fortsetzen zu können: Viele Abteilungen verlegten sich auf Online-Büroarbeit. Parallel dazu begannen auch wir als Galerie, online zu arbeiten und kehrten nicht vor Ende Mai ins Büro zurück. Im gesamten Kunstsektor gab es das gleiche Muster: Alle Galerien waren zwischen März und Juni geschlossen. Anfang Juni eröffneten einige kommerzielle Galerien mit strengen Auflagen: Nur vier oder fünf Besucherinnen und Besucher gleichzeitig, Öffnung nur während vier Tagen in der Woche und nur an den Nachmittagen. Bis Juni begannen wir dann gelegentlich wieder das Büro zu nutzen, wobei wir die meiste Zeit immer noch online arbeiteten. Wir entschieden uns dafür, mit Beginn der nächsten Ausstellungssaison Anfang Oktober wieder für Besucherinnen und Besucher zu öffnen.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Gür: Wir haben einige Entscheidungen getroffen, um uns an die jeweiligen Umstände anzupassen. Wir arbeiten intensiv an einer neuen Webseite, die wir vor Beginn des neuen Jahres starten wollen. Die Erreichbarkeit online ist viel wichtiger geworden. Mit der neuen Webseite planen wir einen 360°-Überblick über unsere Ausstellungen, mit digitalen Versionen aller gedruckten Materialien und detaillierten visuellen und schriftlichen Ressourcen der Ausstellungen. Wir erwarten, dass Kunstbetrachterinnen und Kunstbetrachter mehr Informationen online erhalten und eine allgemeine Verlagerung von physischen Besuchen hin zu Online-Besuchen, zumindest für die nähere Zukunft.

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihrer Galerie?

Gür: Wir sind eine Galerie, die auf sozialer Verantwortung basiert und unser wichtigstes Ziel besteht darin, ein künstlerisches Klima zu schaffen, in dem die Öffentlichkeit einen Raum findet, um als Gemeinschaft mental und spirituell aufzutanken.

ifa: Sehen Sie Ihre Galerie als einen Ort für politischen Diskurs?

Gür: Nein.

ifa: Wie können Kulturinstitutionen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten?

Gür: Unsere Intention ging immer in die gleiche Richtung. Wir glauben, dass wir in dieser Ära ausgedehnter Kommunikation und Globalisierung eine Welt sind, in der ständig miteinander interagiert wird. Wie die Epidemie auf dramatische Weise deutlich gemacht hat, kann niemand von uns unabhängig vom Rest leben. Wir sind völlig miteinander verbunden. Wir glauben, dass die internationale Kommunikation für alle Aspekte des Lebens sogar noch an Bedeutung gewinnen wird.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Gür: Museen und alle Kunstinstitutionen werden eine wichtige Rolle dabei spielen, die Sozialpsychologie zu beeinflussen und gesellschaftliche Daten über neue und aufkommende Themen zu sammeln. Die Kunst ist einer der führenden Bereiche, die sich nicht alleine auf Online-Verbindungen verlassen können, denn Kunst ist immer eine interaktive und menschliche Erfahrung. Die Menschen brauchen den direkten Kontakt miteinander und eine physische Verbindung mit dem Kunstwerk. Es ist eine Erfahrung von Aura, von Atmosphäre. Kunst ist ein menschliches Bedürfnis. Kunstinstitutionen und Museen werden also Orte sein, an denen man tief durchatmen und sich angesichts von Stress und den deprimierenden Bedingungen des Lebens neu sammeln kann.


Ayşe Gür ist Leiterin der Millî Reasürans Sanat Galerie in Istanbul.

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Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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