Freundschaft über Grenzen hinweg



Die eine lebt in Polen, die andere in Russland: Vanessa Patola und Elizaveta Timashkova sind aktive Vertreterinnen der deutschen Minderheiten in ihren Heimatländern – vor allem aber sind die beiden jungen Frauen Freundinnen, die sich über das Social-Media-Reisestipendium des ifa gefunden haben.

 

 

Die Abteilung Integration & Medien des ifa gibt jungen Menschen aus den deutschen Minderheiten in Südosteuropa und den Staaten der GUS jedes Jahr die Chance, als multimediale Reporter:innen für das soziale Netzwerk "Mind_Netz" über ihre Erfahrungen, ihre Heimat und Hoffnungen zu berichten.

Elizaveta Timashkova und Vanessa Patola waren 2021 Social-Media-Reisestipendiatinnen und haben aus ihren jeweils eigenen Perspektiven über ihre Identität zwischen Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft berichtet. Im Rahmen dieses Stipendiums haben die beiden sich kennen- und schätzen gelernt. Obwohl zwischen ihnen mehr als 3000 Kilometer liegen, verbindet sie die Suche nach der eigenen Identität im hybriden Kontext ihrer Heimat: Was bedeutet es, Teil der deutschen Minderheit zu sein? Welche Werte und Traditionen sind für sie wichtig? Wie verorten sie sich im Kontext der Mehrheitsgesellschaft?

Über all das haben Elizaveta Timashkova und Vanessa Patola, die seit dem Stipendium fast täglich miteinander in Kontakt sind, mit der Journalistin Jacqueline Vieth gesprochen. Der hier dargestellte Chatverlauf wurde auf Basis dieses Gesprächs in Absprache mit den beiden Protagonistinnen erstellt. Er soll die Alltagskommunikation zwischen ihnen einfangen und so auf niederschwellige Weise einen Einblick in die Fragen und Themen geben, denen junge Menschen der deutschen Minderheiten sich auf der Suche nach der eigenen Identität stellen.

Ein Chat-Protokoll über das Christkind, interkulturellen Austausch und hybride Identitäten

© ifa

Vanessa: Hi ☺️ Ich bin ein bisschen müde, aber sonst alles gut. Und bei dir?
Elizaveta: Mir gehts  auch gut! Ich musste gerade daran denken, wie wir uns kennen gelernt haben. Unser Internet ist vorhin kurz ausgefallen, das hat mich daran erinnert, wie wir beim ifa-Social-Media-Workshop im Sommer geschrieben haben, weil dein Internet nicht ging. 😄
Vanessa: Ja, das war echt blöd. Gut, dass du mir aushelfen konntest. 😃 Ich habe mich so geärgert, weil ich mich darauf gefreut hatte, beim Workshop über die Themen zu sprechen, die mir wichtig sind!

Elizaveta: Ich war auch gespannt, über meine Identität als Russlanddeutsche zu sprechen und andere Leute kennen zu lernen, denen es so geht wie mir! Ich habe gerade heute wieder festgestellt, dass nicht alle in meinem Alter das Thema Identität interessant finden.
Vanessa: Das geht mir ähnlich. Was bedeutet Identität denn für dich?

Was bedeutet Identität?

Elizaveta: Ich würde sagen, meine Identität ist das, worauf ich stolz bin: Ich bin gleichzeitig stolz auf die Geschichte meiner Familie und auf die Geschichte der Russlanddeutschen. Das gehört für mich zusammen.
Vanessa: Was meinst du damit genau?
Elizaveta: Ich habe das Gefühl, dass meine Identität als Russlanddeutsche aus ganz vielen Teilen besteht. Aus der Geschichte meiner Familie und den Erinnerungen und Erfahrungen der ganzen Gruppe, die für mich wie eine große Familie ist.
Vanessa: Und kannst du die Teile für dich gut zusammensetzen?
Elizaveta: Inzwischen schon – vor allem dank der vielen Projekte, die ich mit den Menschen der deutschen Minderheit hier mache. So kenne ich meine Geschichte und kann sie noch besser erzählen. Aus den Puzzleteilen ergibt sich so ein ganzes Bild.
Vanessa: Das hast du schön gesagt! 💖 Das erinnert mich an das Social-Media-Reisestipendium, weißt du noch? Wir haben auf dem ifa-Social-Media-Kanal "Mind_Netz" eine Woche lang die Berichterstattung übernommen – und das Thema war "Identität".
Elizaveta: Du hast damals doch unter anderem mit Rafał Bartek gesprochen. Er ist Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen in Oppeln, oder? Das Gespräch hat mich beeindruckt.
Vanessa: Genau. Für ihn ist vor allem die Sprache – also die schlesische Mundart – prägend für seine Identität als Teil der deutschen Minderheit in Oberschlesien.
Elizaveta: Aus ähnlichen Gründen habe ich auf Mind_Netz über meine Schule berichtet. Sie ist für deutsche Familien in Komi zentral, denn hier können Kinder von Russlanddeutschen auf gutem Niveau Deutsch lernen.

Die deutsche Sprache als Bindeglied

Vanessa: Weihnachten ist in Russland sowieso ganz anders als in Deutschland oder Polen oder?
Elizaveta:In Russland feiern wir orthodoxe Weihnachten am 07. Januar. Auch Neujahr feiern wir zweimal: am 01. Januar und dann am 14. Januar das "Alte Neujahr".
Vanessa: Ahh! 🌟 Dann feierst du ja quasi zweimal Silvester. Einmal als Russin und einmal als Russlanddeutsche. Ist doch super!

Interkultureller Austausch: Geborgenheit und Spaß

Elizaveta: Das stimmt. Ich bin oft auch stolz darauf, Russin und Russlanddeutsche zu gleichen Teilen zu sein. Aber manchmal ist das auch nicht so einfach.
Vanessa: Was meinst du?
Elizaveta: Einmal waren wir im "Kinderland", einem Ferienlager für Kinder. Das war im Süden Russlands am Schwarzen Meer. Dort haben wir Traditionen und die Geschichte von Russlanddeutschen kennengelernt. Wir haben Musik gehört und Tänze aufgeführt. Da gab es jedoch Menschen, die nicht verstanden haben, warum wir auf Deutsch singen. Oder überhaupt deutsch sprechen.
Vanessa: Warum denn?
Elizaveta: Das hängt mit der Geschichte zusammen. Manche Leute wissen nicht, wer die Russlanddeutschen sind... Ich konnte das nicht verstehen. Wie können die Leute dann überhaupt etwas über unsere Nationalität sagen?
Vanessa: Das tut mir leid 🙁 So etwas habe ich nicht erlebt. Ich glaube, das liegt daran, weil in Oberschlesien mehr Deutsche oder Menschen wohnen, die zwei Identitäten haben, als in anderen Regionen.
Elizaveta: Später haben uns unsere Lehrerinnen und Lehrer aufgeklärt, dass wir anderen oft erklären müssen, wer die Russlanddeutschen sind. Warum sie auf Deutsch sprechen, wieso sie diese Kultur und diese Geschichte weitertragen. Und warum es super ist, in der Community zu sein. Dadurch werden sie uns hoffentlich verstehen und akzeptieren. Auf Mind_Netz habe ich deshalb versucht, Projekte der deutschen Minderheit in Komi vorzustellen.
Vanessa: Es ist wichtig, miteinander zu sprechen und sich untereinander auszutauschen! Ich kann so viel von anderen lernen. Das ist das Wichtigste, was wir tun können.
Elizaveta: Stereotype und Klischees auszuräumen! Es ist toll, wenn man Neues über andere Nationalitäten und Traditionen lernt und in diese Kultur eintauchen und Freundschaften schließen kann. Ich fühle mich so geborgen und wohl, wenn ich auf Deutsch mit Leuten aus anderen Ländern reden kann!
Vanessa: ❤️

Über die Freundinnen

Elizaveta Timashkova

ist 18 Jahre alt und lebt in der russischen Stadt Syktyvkar. Sie ist Russlanddeutsche und spricht mit ihren Eltern Russisch und Deutsch. Bis zu ihrem Abschluss besuchte sie eine Schule mit erweitertem Deutschunterricht, mit 16 war sie zum ersten Mal in Deutschland. Sie ist in der Jugendorganisation der Russlanddeutschen in der Republik Komi "WIR" aktiv.

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Vanessa Patola

lebt in einem kleinem Dorf in der Woiwodschaft Oppeln (Polen) und studiert Germanistik. Die Heimat der 21-Jährigen ist die Region Oberschlesien, in der viele Menschen Deutsch sprechen. Hier lebt der größte Teil der deutschen Minderheit in Polen. Vanessa ist im Vorstand des DFK Nakel, der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien.

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