Ein Observatorium, ein Laboratorium, eine Lernumgebung



Für Peter Weibel, Vorstand des ZKM in Karlsruhe, ist das Museum nicht nur ein Ort der Rezeption, sondern auch ein Ort der Produktion und eine Alternative zum Mainstream. Die Aufgabe des Museums besteht darin, dem Publikum das Denken beizubringen.

Außenansicht des ZKM, Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Außenansicht des ZKM, Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Achim Mende

ifa: Wie geht es dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) seit und in der Corona-Krise? Wie verändert die aktuelle Situation die Arbeit Ihres Museums und seine Konzeption?

Peter Weibel: In der Corona-Krise geht es dem ZKM nicht gut. Aufgrund der im Museum angebrachten Verordnungen, Anweisungen und Regeln (Abstand halten, Maske tragen, Desinfizieren etc.) macht das Museum eher einen abweisenden und keinen einladenden Eindruck. Wegen der wesentlich geringeren Besucherzahlen ist auch das ZKM-Restaurant geschlossen und dadurch gibt es keine Sitz- und Gesprächsmöglichkeiten. Wir können die Situation aber leider nicht ändern.

ifa: Wie sprechen Sie unter den veränderten Bedingungen Ihr Publikum an? Welches Publikum erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrem Publikum?

Weibel: Die Corona-Krise ist der Anlass, über die Funktion und Art des Publikums nachzudenken, was ich schon lange für die Museen fordere. Grosso modo ist das Museum ein Drei-Parteien-Problem: Presse, Publikum, Politik. In der Regel hält sich die Politik aus dem Museumsbetrieb heraus, solange die Besucherzahlen und die Presse gut sind. Die Presse ist seit dem Auftauchen der sozialen Medien in der Defensive. Sie ist nicht mehr die alleinige vierte Macht im Staate. Sie wird relativiert durch die fünfte Macht der (a-)sozialen Medien. Der von Jürgen Habermas beobachtete "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962) hat sich im digitalen Zeitalter verschärft. Daher spielen Presse und Publikum eine neue Rolle. Der große Dom der Öffentlichkeit, der von der Presse scheinbar aufgebaut worden ist und in dem alle alles diskutierten, ist kollabiert und in kleine Nischen beziehungsweise Kapellen zerfallen, in denen Minderheitsprobleme verhandelt werden. Das heißt das Band zwischen Publikum und Presse ist zerrissen.

Das ZKM macht Ausstellungen, die von der Presse nicht besprochen werden, aber dennoch pro Monat ca. 15.000 Besucherinnen und Besucher haben. Ebenso gibt es Ausstellungen, die die Presse hymnisch feiert, weil es sich um marktgängige Stars handelt, die aber nur 2.000 Besucherinnen und Besucher im Monat haben. Die Besucherinnen und Besucher informieren sich nicht mehr über die Presse und vertrauen auch nicht mehr dem Urteil der Presse. Sie informieren sich über Mund-zu-Mund-Propaganda und direkt über das Internet. Digitale Technologien sind die neuen Medien der Publizität und des Publikums. Das hat die Corona-Krise ein für alle Mal klargemacht. Daher wird das ZKM seine digitale Initiativen ausbauen und mehr und mehr zu einem Sender werden, der sich nicht nur an lokale Besucherinnen und Besucher, sondern auch an nicht-lokale Besucherinnen und Besucher adressiert.

Das ZKM kennt ebenso wenig Schwellenangst wie die Besucherinnen und Besucher. Es spricht auch nicht geringschätzig von seinem Publikum in Äußerungen wie "Man muss das Publikum abholen", dort wo es sich angeblich befindet, sondern das ZKM stellt an sich und das Publikum die gleich hohen Ansprüche – mit Erfolg. Denn im Jahre 2019 hatte das ZKM 260.000 Besucherinnen und Besucher in einer Stadt mit ca. 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

ifa: Was betrachten Sie als die vorrangigen gesellschaftlichen Aufgaben Ihres Museums?

Weibel: In einem Zeitalter, in dem das allgemein akzeptierte und beliebte Trash-TV in den USA einen Trash-Präsidenten hervorbrachte und wir schon lange in der Post-Truth-Ära leben, scheint mir die Aufgabe des Museums darin zu bestehen, dem Publikum nicht wie bisher Sehen beizubringen, sondern Denken. Das ZKM ist also ein Observatorium, ein Laboratorium, eine Lernumgebung und gleichzeitig auch ein "Club Méditerranée".

ifa: Welche Konzepte verfolgen Sie hinsichtlich der Zugänglichkeit und Partizipation zu Beständen, zu Wissen und zu Lesarten?

Weibel: In einer Zeit, in der die Verehrung der Massenkultur und der Popkultur unvorstellbare Ausmaße angenommen hat – Magazine, wie z.B. "Die Zeit" preisen ein Trash-Video von Beyoncé und Jay-Z als das beste Kunstwerk des Jahres. Das Magazin "Der Spiegel" hat sich von einem investigativen Nachrichtenmagazin in eine Pop-Postille verwandelt, das jungen deutschsprachigen Musikgruppen aller Art ein Karriereforum bieten zu müssen glaubt – kann es die Aufgabe des Museums nur sein, dem Aufruf des großen deutschen Mathematikers David Hilbert (1862-1943) zu folgen, auf dessen Grab in Göttingen steht: "Wir müssen wissen, wir werden wissen". Daher wird sich das ZKM in Zukunft auch in eine Lernumgebung verwandeln, die Künstliche Intelligenz in Partizipation mit dem Publikum einsetzen wird.

ifa: Verstehen Sie Ihr Museum dabei als Ort des politischen Diskurses?

Weibel: Im Jahre 2005 zeigte das ZKM die Ausstellung "Making Things Public", eine Übersetzung von res publica, von dem wiederum der Begriff Republik abgeleitet wird. Wie werden Dinge öffentlich gemacht?  Nachdem die Massenmedien (Fernsehen, Radio, Zeitung) immer weniger öffentlich machen, wie, was und warum sie etwas öffentlich machen und damit der republikanische Diskurs verkümmert, ist es eine neue Aufgabe des Museums, sich gerade darum zu kümmern und zu fragen: Wie werden Dinge öffentlich gemacht, wie wird Öffentlichkeit hergestellt, was kommt in der Öffentlichkeit an, was ist Öffentlichkeit? Was ist wichtig für die Öffentlichkeit?

ifa: Museen übernehmen heutzutage sehr viele und unterschiedliche Funktionen. Wie würden Sie definieren, was das Museums heute ist oder sein sollte?

Weibel: Das Museum ist ein Ort der Sammlung, das heißt es sorgt dafür, dass Werke nicht verschwinden. Diese Werke konstruieren die Geschichte. Das Museum hat also einen Vertrag mit den vorhergehenden Generationen. Das Museum hat aber auch einen Vertrag mit der gegenwärtigen Generation von Künstlerinnen und Künstlern. Deshalb präsentiert es in seinen Ausstellungen Werke der Gegenwart. Diese Werke konstruieren die Zukunft. Das Museum sorgt also dafür, dass geschaffene Werke gesehen werden und geschaffene Werke nicht verschwinden.

Das ZKM ist ein Museum, aber auch weit mehr als ein Museum. Denn durch sein Programm von Gastkünstlerinnen und -künstlern und durch die Kompetenzen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird im ZKM auch geforscht, entwickelt und werden neuartige, innovative Werke produziert, die dann weltweit in Ausstellungshäusern und Festivals präsentiert werden. Das Museum sollte also nicht nur ein Ort der Rezeption, sondern auch ein Ort der Produktion sein, eine Alternative, eine Heterotopie. Im digitalen Zeitalter muss das Museum sich auch an nicht-lokale Besucherinnen und Besucher adressieren, das heißt mit digitalen Künstlerinnen und Künstlern digitale Kunstwerke für virtuelle Welten / Online-Welten erzeugen. Das Museum wird somit zu einem Sender. Das ZKM ist bereits das bessere ZDF.


Peter Weibel ist Medientheoretiker, Kurator und Vorstand des ZKM in Karlsruhe

MuseumsNow

Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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