Digitale Begegnungen



Können digitale Museumsformate mehr Austausch über Institutionen hinweg ermöglichen? Mit einem reichhaltigem neuen Online-Content sieht das Multimedia Art Museum in Moskau Möglichkeiten für größere Offenheit, Zusammenarbeit und Publikumsbeteiligung.

Multimedia Art Museum in Moskau
Multimedia Art Museum in Moskau; © MAMM

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihrer Galerie und ihr Konzept verändert?

Diana Gurova: Moskaus Selbstisolationspolitik bedeutete, dass das Multimedia Art Museum Moskau (MAMM) alle Kunstausstellungen, die Teil der Photobiennale-2020 waren, nur zwölf Tage nach ihrer Eröffnung wieder schließen musste. Dies war sehr schmerzlich für das Museum, da wir sahen, auf welch großes Interesse sie in Öffentlichkeit und Presse gestoßen waren. Wir arbeiteten annähernd zehn bis zwölf Stunden, um alle Ausstellungsinhalte online zu stellen.  

Gleichzeitig erfanden wir neue Formate, die einen möglichst großen Online-Zugang zu allen anderen aktuellen Ausstellungen ermöglichen würden, damit unser Publikum Nahaufnahmen wie auch die komplette Installation sehen konnte. Dies war für uns sehr wichtig. Schließlich haben wir das Format "Schau in Stille" entwickelt. Wir haben auch verschiedene Führungen für jedes Projekt gefilmt, wobei wir dieselben Ausstellungsstücke durch die Augen der Künstlerinnen und Künstler selbst zeigten, aus der Sicht der Direktorin und künstlerischen Leiterin der Photobiennale und der Museumsangestellten. Darüber hinaus nahmen wir neue Konzerte auf, die einen Bezug zur gezeigten Kunst in den leeren Hallen des Museums hatten. Es waren Improvisationen zum Thema der Ausstellungen und auch spezifische Werke. Auf dem YouTube-Kanal unseres Museums organisierten wir Live-Übertragungen mit vor allem jungen Künstlerinnen und Künstlern, darunter Studierende von MAMMs Rodchenko Kunstschule für Photographie und Multimedia sowie Interviews mit Kunstkritikerinnen und -kritikern, Filmschaffenden wie Ilya Khrzhanovsky, Sammlerinnen und Sammlern und jedem, mit dem wir über die Krise und die vorübergehende Einstellung kreativer Arbeit diskutieren konnten. Alle neuen Formate werden stark nachgefragt und dies erlaubte es uns, das Publikum des MAMM zu vergrößern, selbst während der Krise.

Viele Ausstellungen waren in Planung, als die Krise zuschlug. Eine davon war "Unser Sieg – 75", die sich mit der 75. Jahresfeier des Großen Vaterländischen Kriegs beschäftigt. Sie sollte im April eröffnet werden. Wir haben nun alle Materialien online gestellt, auf eine speziell eingerichtete Seite des Fotografie-Portals unseres Museums zur Geschichte Russlands in der Fotografie. Seitdem das Projekt online gestellt wurde, konnten wir die Ressourcen vergrößern, um noch Clips einzufügen, die auf Materialien unserer Sammlung und Familienarchiven basieren sowie Videos über Kriegsfotografinnen und -fotografen. Der Reichtum des Materials ließ uns die Ausstellung in Kapitel aufteilen, die über neun Wochen sukzessive eröffnet werden, um so zu vermeiden, dass der Betrachter überwältigt wird. Jede Woche läutet ein neues Kapitel ein.

In der Selbstisolation waren wir sehr aktiv in den sozialen Netzwerken des Museums, auf seiner offiziellen Seite und im YouTube-Kanal. Insgesamt brachte uns dies mehr als 62 Millionen Besuche. Jeden Tag wuchs die Zahl der virtuellen Besucherinnen und Besucher und Abonnentinnen und Abonennten, nicht nur aus Moskau und der Moskauer Region, sondern auch aus anderen Teilen des Landes und sogar im Ausland. Wir überlegten uns, welche Online-Formate erhalten bleiben sollten und welches Material entwickelt und hinzugefügt werden könnte, zum Beispiel 3D-Präsentationen unserer Ausstellungen. Aktuell suchen wir nach Fördermitteln, damit das Portal "Russland in Fotografien" ins Englische übersetzt werden kann.

Der Austausch online ist noch wichtiger geworden und dies wird bestimmt auch nach der Epidemie der Fall sein. Wir werden weiter aktiv in dieser Richtung arbeiten, neue Spezialistinnen und Spezialisten und neue Möglichkeiten suchen. Die Arbeit der Rodchenko Art School für Fotografie und Multimedia ist auch in ein Online-Format übertragen worden. Das war nicht leicht, aber wir freuen uns, sagen zu können, dass die Arbeit der Schule genauso effektiv ist. Das gesamte Personal hat sich auf das Arbeiten über die Distanz eingestellt. Diese Erfahrung war trotz aller Schwierigkeiten für uns alle wertvoll.

Das Museum öffnete am 16. Juni wieder für Besucherinnen und Besucher und am 30. Juni schlossen wir für Renovierungsarbeiten, wie schon vorher geplant. Während der Aktivitäten nach der Quarantäne haben wir alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen für unsere Besucherinnen und Besucher ergriffen. Tickets konnten nur online erworben werden und am Eingang gab es kostenlos Schuhbedeckungen, Masken und Handschuhe. Alle zwei Stunden schlossen die Hallen für eine Desinfizierung. Die Zahl der Besucherinnen und Besucher wurde auf 300 bis 350 pro Tag beschränkt. Führungen wurden für Gruppen mit maximal fünf Menschen angeboten. Trotz alledem sahen wir, wie die Öffentlichkeit uns vermisst hatte und wie froh die Menschen waren, wieder zurückzukommen.

Wir wissen, dass das Virus immer noch im Umlauf ist; dass es Teil der neuen Realität ist und viele Einschränkungen für lange Zeit bestehen bleiben könnten. Wir hoffen auf das Beste, aber sollten immer auf das Schlechteste gefasst sein, und deshalb bleibt die Entwicklung von Online-Formaten eine Aufgabe von größter Priorität. 

Das MAMM plant, die neue Saison im September zu eröffnen. Die Schließung des Museums über fünf Monate tut uns sehr leid. Selbst während der umfassenden Renovierung, die viele Jahre dauerte, hatten wir jeden Tag geöffnet und das Museum operierte weiter, entwickelte neue Projekte und zeigte sie der Öffentlichkeit. Aufgrund der langen Schließzeit haben sich nun unsere Pläne verändert. Einige Ausstellungen sind auf 2021 verschoben worden, andere auf 2022. Aber wir versuchen, alles wie geplant durchzuführen. Wir müssen vielleicht die Dauer der Ausstellungen verkürzen, aber wenn wir unser Ziel erreichen und 3D- und vielleicht VR-Präsentationen unserer Projekte produzieren, sollte dies kein Problem sein. Online-Formate werden uns helfen, diese Ausstellungen einem größtmöglichen Publikum zu präsentieren.

Im Herbst 2021 wird das MAMM 25 Jahre alt, und wir hatten bereits damit begonnen, zu unserem Jubiläumsjahr zu arbeiten. Das Programm wird in Moskau gestartet von einem internationalen Triennium, "Art for the Future" ('Kunst für die Zukunft'). "Art for the Future" will die Kunst neuer Technologien und ihrer Reflexionen zeigen. Einerseits werden dies internationale und russische Offline-Projekte sein. Die Arbeit an den russischen Projekten übernehmen größtenteils Absolvierende unserer Rodchenko Schule. Andererseits wird "Art for the Future" als ständige Plattform dienen, um Kunst zu zeigen, die ausschließlich online geschaffen wird und existiert und über die Gesetze unseres Online-Lebens reflektiert. Diese Kunst gibt es schon und die Quarantäne hat gezeigt, dass online unsere neue Realität darstellt und es essenziell wichtig ist, zu sehen, wie Kunst innerhalb dieser Realität existiert und reagiert.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Gurova: Unter Quarantäne-Bedingungen war die Online-Kommunikation die einzig verfügbare Option. Live-Übertragungen und Zoom-Sitzungen haben gezeigt, dass die Menschen für diese Formate bereit waren, sie interessant finden und dass jeder sich ohne Schwierigkeit daran anpassen kann. Alle diese Kommunikationsmittel gab es schon vorher, aber dank der Quarantäne wurden sie noch beliebter und das wird in Zukunft so bleiben.

Das MAMM ist eines der meistbesuchten Museen in Russland. Wir haben ein absolut einzigartiges Publikum: 85 Prozent sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. Sie passen sich leicht an und nehmen neue Informationen auf, sie genießen es, zu lernen und an Diskussionen teilzunehmen, solange das Thema gut gewählt ist und relevante Themenbereiche berührt. Vor allem ist es wichtig, aufrichtig zu sein.

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihrer Galerie?

Gurova: Wir glauben, dass das Museum Menschen lehrt zu denken und zu fühlen. Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Welt komplex ist und unsere Beziehung zu ihr nicht festgelegt oder eindeutig sein kann.

Direkt vor der Quarantäne schlossen wir die Retrospektive der Arbeit von Lucio Fontana. Mit dieser Ausstellung wollten wir Betrachterinnen und Betrachter daran erinnern, dass Fontanas Schlitze und Löcher in der Leinwand uns dazu einladen, über das hinauszuschauen, was wir kennen, über die akzeptierten Algorithmen für Entscheidungsfindung, um den Kosmos zu sehen und zu fühlen und zu verstehen, welche Antworten unsere Äußerungen hervorbringen. Im Gegensatz zur Aussage des großen russischen Poeten Fjodor Tjutschev: "Es liegt nicht an uns, vorherzusagen, welches Echo unsere Worte hervorbringen werden."

Wir glauben, dass die Hauptaufgabe des Museums darin besteht, Menschen zu einer integrativen Wahrnehmung der Welt zu führen, die nun immer mehr verloren geht, wegen der stets zunehmenden Geschwindigkeit des Lebens und der Tatsache, dass große Mengen an Information mit einem einzigen Klick zur Verfügung stehen. Es gibt  einfach keine Zeit, ein komplettes Bild aus den Fragmenten dieser Information zusammenzusetzen. Am Ende möchten wir, dass jede Betrachterin und jeder Betrachter darüber nachdenkt, wie sein oder ihr Leben mit dem Leben vorheriger Generationen verbunden ist, und wie wir die Zukunft im Hinblick auf neue Generationen beeinflussen können. Wir wollen vermitteln, dass das Leben ein Segen ist und dass wir uns für jedes Wort und jede Tat verantwortlich fühlen sollten. Die Menschen sollten verstehen, dass Kreativität jedem zugänglich ist, dass wir uns kreativ auf das Leben beziehen sollen und dies nicht nur das Privileg jener ist, die traditionell als Fachleute im kreativen Bereich tätig sind.

ifa: Wie sollten Kunstinstitutionen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Gurova: Wir zeigen immer Ausstellungen, damit unser Publikum den historischen Kontext der Vergangenheit sieht und gleichzeitig versuchen wir unser Programm so zu entwickeln, dass die Menschen verstehen, dass heute jede Kunst relevant ist, egal, ob sie vor vielen Jahrhunderten geschaffen wurde oder in jüngerer Zeit, denn wir schauen auf die Geschichte, versuchen, unseren Platz darin zu verstehen und unsere Identität in der Gegenwart zu finden. Geschichte, auch die Geschichte von Kunst, hilft uns dabei, für die Zukunft zu planen.  

Das MAMM hat ein separates Programm über Geschichte, das eines der wichtigsten strategischen Programme des Museums darstellt – die Geschichte Russlands in der Fotografie. Ohne das Wissen über die Geschichte ist es unmöglich, heute zu leben und für die Zukunft zu planen. Der historische Content spielt eine enorme Rolle und wir versuchen, indem wir unsere Ausstellungspläne wählen und manchmal verändern, anzubieten, was immer im Einklang mit den Problemen von heute ist.

ifa: Sehen Sie Ihre Galerie als einen Ort für politischen Diskurs?

Gurova: Für jeden von uns ist Politik ein integraler Bestandteil unserer Existenz, egal, in welchem Land wir leben. Die Politik ist ein Teil der Geschichte und der aktuellen Geschichte, in der wir leben. Indem wir den historischen Kontext in unseren Projekten aufzeigen, berühren wir auch die Politik. Ich denke aber nicht, dass das Museum ein Ort für direkte politische Debatte ist. In der Sprache der Kunst nimmt der politische Diskurs andere Dimensionen an. Er verliert seinen flüchtigen Charakter, durchdringt die Vergangenheit, betrifft aktuelle Themen und gibt unserer Vision der Zukunft eine Perspektive. Wir leben in einer Welt, in der es rund um die Uhr Nachrichten gibt, wir verfolgen andauernd aktuelle politischen Programme. Die Kunst lässt uns die Realität aus einer anderen Perspektive wahrnehmen, so wie Breughels Perspektive von oben es uns erlaubt, verschiedene Charaktere zu sehen, die mit ihren eigenen profanen und oftmals sündhaften Aktivitäten beschäftigt sind.

ifa: Wie können Kulturinstitutionen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten? 

Gurova: Museen sollten sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene arbeiten. Anders geht es nicht. Kultur muss globalisiert werden und heute ist dies in der modernen globalisierten Welt immer offensichtlicher. Deshalb war und ist das Programm des MAMM exklusiv auf internationalem Content aufgebaut worden, wobei 50 bis 60 Prozent der Projekte aus dem Ausland stammen und 40 bis 50 Prozent russischen Ursprungs sind. Manchmal gibt es eine leichte Verschiebung mit einer Tendenz zu internationalen Projekten.

International zu arbeiten, wird wahrscheinlich nach der Pandemie, mit einem reduzierten Budget für Museen, schwieriger sein. Die Organisation solcher Projekte beinhaltet Transportkosten, Versicherung und manchmal Leihgebühren. Ich hoffe, der kulturelle Austausch kann aufrechterhalten werden und dass Museen flexibler werden in der Frage der Leihgebühren. Vielleicht können wir nach Wegen suchen, Transportkosten zu optimieren. In der letzten Zeit fanden russische Museen die Lage besonders schwierig auf der internationalen Ebene und zwar aufgrund geopolitischer und gesellschaftlicher Probleme. Nichtsdestotrotz werden wir unsere Aktivitäten fortführen. Ich denke, dass der Übergang der Museen zu Online-Formaten ein wichtiger Faktor unserer Offenheit füreinander sein kann, da Online-Kunst per definitionem keine Grenzen kennt.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Gurova: Museen sind Orte für offenen Dialog.

  1. Menschen, die sich mit Kunstwerken auseinandersetzen, setzen sich vor allem mit sich selbst auseinander.
  2. Das Museum ist ein Raum für Debatten über Kunst, während derer wir verschiedene Meinungen erfahren und lernen, sie in einem Geist der Toleranz zu verstehen. Das Schönste ist, dass Kunst nicht nur eine Interpretation zulässt und somit macht das Museum die Menschen toleranter für eine andere Sicht von der Welt.
  3. Das Museum bietet einen Raum für Kommunikation zwischen verschiedenen Communitys; das sind Menschen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Ansichten, verschiedenen Erfahrungen und Lebenssituationen.
  4. Das Museum ist eine zugängliche Umgebung, die Menschen mit Behinderungen willkommen heißt. Entsprechend achten alle Museen, auch das MAMM, auf inklusive Programme.
  5. Das Museum bietet eine Bildungsplattform für Aufklärung, nicht nur auf dem Gebiet von Kunst und Kultur, sondern auch für Wissenschaft, neue Technologien, Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft und andere Bereiche des Weltwissens.
  6. Das Museum ist ein interdisziplinäres Umfeld und Treffpunkt für bildende Kunst, Kunst in Verbindung mit neuen Technologien, Musik, Kino, Aufführungspraktiken etc.
  7. Vor allem soll das Museum freundlich und offen für alle sein; es sollte alle Mittel nutzen, um zur Teilnahme am Leben des Museums anzuregen. Das Museum ist die Betrachterin und der Betrachter. Es gibt einen andauernden Dialog. Menschen unterschiedlicher Generationen kommen hierher. Das MAMM entwickelt Programme für alle Generationen.

Das Museum ist eine vergleichsweise neue Einrichtung, eine sich ständig wandelnde Umgebung. Wenn es sich dem Wandel verschließt, wird es sterben.


Diana Gurova ist Ausstellungskuratorin im Multimedia Art Museum in Moskau.

MuseumsNow

Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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