Die mutigen Frauen von Pune



Was hat die Geschichte der deutschen Frauenbewegung seit dem Mauerfall mit dem Leben von Frauen in Asien zu tun? Auf ihrer Vortragsreise nach Malaysia, Singapur und Indien hat Tanja Brandes gelernt: Sie sind sich viel näher, als sie dachte. Ein Bericht

Indische Frauen halten während einer Demonstration für eine Altersarmutsrente ihre nassen Saris zum Trocknen in die Sonne
Indische Frauen halten während einer Demonstration für eine Altersarmutsrente ihre nassen Saris zum Trocknen in die Sonne, Neu-Delhi, 2013; © picture alliance, AP Photo, Altaf Qadri

Ich soll über Deutschland reden. Über die 30 Jahre, die seit dem Fall der Berliner Mauer vergangen sind und über die Frauen aus der ehemaligen DDR, die das wiedervereinigte Deutschland geprägt und verändert haben. Wir haben ein Buch über das Thema geschrieben, mein Kollege Markus Decker und ich, und ich reise durch Malaysia, Singapur und Indien, um darüber zu sprechen. Über dieses Thema, von dem ich dachte, dass es ein sehr deutsches ist, in all seinen Facetten. Die DDR. Westdeutschland. Friedliche Revolution. Der Fall der Mauer und die damit verbundene Euphorie, die nicht lange nach der Wiedervereinigung bei vielen in Ernüchterung mündete. Die schwierigen Jahre der Annäherung.

Unterschiede im Selbstverständnis

"Ostfrauen verändern die Republik" heißt unser Buch. Wir erzählen darin von den Folgen der deutschen Geschichte. Von 40 Jahren in einem geteilten Deutschland, das die Entwicklung zweier unterschiedlicher Systeme bedeutete. Eines im Westen, wo die Frauen der Welt- und Nachkriegsgenerationen vorzugsweise Hausfrau und Mutter sein sollten – eine Rolle, die auch im Jahr des Mauerfalls im Westen noch die gängige war. Das andere im Osten, wo Frauen als Arbeitskräfte gebraucht wurden, um die noch junge sozialistische Republik mitaufzubauen. Und auch heute, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, unterscheidet sich das Selbstverständnis der Frauen in Ost und West.

Das alles ist weit weg von Asien, weit weg von Indien, Singapur, Malaysia. Es gibt dort andere Themen und Prioritäten, als sich mit diesem Teil der deutsch-deutschen Geschichte zu befassen. So dachte ich. Ich habe mich geirrt. An meinem ersten Abend sitzen vier Frauen mit mir auf der kleinen Bühne in der Residenz der deutschen Botschaft in Kuala Lumpur. Sie alle sind bekannt in Malaysia. Tehmina Kaoosji, die Journalistin, die als Moderatorin durch den Abend führt, muss sie eigentlich gar nicht vorstellen: Datin Paduka Marina Mahathir ist Frauenrechtlerin und außerdem die Tochter des Premierministers. Datuk Nicol David wiederum war bis vor Kurzem die erfolgreichste Squashspielerin der Welt. Pauline Fan ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Künstlerin. Sie alle setzen sich für gleiche Rechte und Chancen für Frauen ein. Was kann ich ihnen erzählen, von Deutschland, von den Frauen im Osten und im Westen, was ihnen relevant erscheinen wird?

Sichtbare und unsichtbare Barrieren

Laut einer Studie der Weltbank ist der alltägliche Sexismus der Grund, warum 500.000 qualifizierte Frauen in Malaysia nicht arbeiten. Weil ihre Männer auf eine "traditionelle" Arbeitsteilung bestehen. Weil es in der Regel die Frauen sind, die sich um die Kinder, die alten Eltern, den Haushalt kümmern. Weil Frauen oft immer noch als weniger geeignet angesehen werden, Führungspositionen auszufüllen. Marina Mahathir erzählt von ihrem Kampf gegen die Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen in Malaysia noch immer tagtäglich konfrontiert sind. Und mir wird klar, wie nah wir uns sind. Denn diesen alltäglichen Sexismus, es gibt ihn überall. Auch in Deutschland. Damals, zur Wendezeit vor 30 Jahren. Und auch heute noch.

Und es gibt die sichtbare oder unsichtbare Barriere, die Frauen daran hindert, annähernd die gleichen Chancen zu haben wie Männer, und deren Durchbrechen so unendlich viel Energie kostet, weil Frauen nicht nur anderen, sondern auch sich selbst ständig beweisen müssen, dass sie etwas erreichen können.

"Sie zweifeln weniger"

Drei Tage später, beim Writers Festival in Singapur, in dem wunderschönen Kolonialgebäude, einstiger Sitz des Parlaments, bei einer Diskussionsrunde mit dem Titel "Women, Economy and Power", werde ich das noch einmal wiederholen. Und auch, dass es das ist, was Frauen aus dem Osten Deutschlands den im Westen geborenen Frauen voraushaben: Sie zweifeln weniger. Weil sie als Arbeitskräfte gebraucht wurden, wurden Frauen zu DDR-Zeiten gefördert. Wurde ihnen die Berufstätigkeit so einfach wie möglich gemacht. Und daraus erwuchs eine (wirtschaftliche) Unabhängigkeit, ein Selbstbewusstsein, das über Generationen weitergetragen wurde; und mit dem die Ostfrauen in den letzten 30 Jahren das wiedervereinigte Deutschland geprägt haben.

Auf meiner Reise durch Malaysia, Singapur und Indien geht es oft um die Frage, wie Frauen wahrgenommen werden, welche Rollen ihnen zugeschrieben werden und in welcher Rolle sie sich selber sehen. Und egal, bei welchem Anlass, bei meinem Vortrag in der National Library in Singapur, bei der Lesung in der deutschen Schule in Kuala Lumpur, beim Vortrag am Goethe-Institut in Mumbai, beim Singapore Writers Festival: Ich bin erstaunt, wie sehr sich all die Frauen, die mir zuhören und mit denen ich diskutieren darf, mit einem Thema identifizieren, das ich für so deutsch gehalten habe.

Am größten ist meine Überraschung in Pune. Ich bin mit allerlei Erwartungen nach Indien gereist, in ein Land, das aus westlicher Sicht so klischeebehaftet ist. Das in den Medien oft nur wahrgenommen wird, wenn Wahlen anstehen oder es die Horrormeldung von einer Massenvergewaltigung in die Nachrichten schafft. Indien, so die allgemeine Ansicht, ist kein gutes Land für eine Frau.

Bevor ich an der Universität Pune über unser Buch spreche, führt mich Swati Acharya herum. Sie ist Professorin am Institut für Fremdsprachen. Ihr Deutsch ist akzentfrei. Ich lerne ihre Kolleginnen kennen, die Professorin für Russisch, die für Französisch und die für Englisch, und auch die Leiterin des Journalismusinstituts, bevor ich vor rund 50 Interessierten meinen Vortrag halte. Ich entdecke drei Männer unter ihnen.

Wir fortschrittlich sind wir wirklich?

Die jungen Frauen im Publikum fragen mich aus, über Deutschland, die Rolle der Frau. Sie kennen sich aus, und sie sind kritisch. Sie fragen nach dem Frauenanteil im deutschen Parlament und was aus dem Selbstbewusstsein der Ostfrauen geworden ist.

Am Nachmittag besuche ich Swadhar, eine Nichtregierungsorganisation, die sich in Pune um Straßenkinder kümmert. Deren Mütter arbeiten oft als Prostituierte, die Väter sind verschwunden, die Kinder sich selbst überlassen. Das Projekt wird nur von Frauen geleitet. "Wir sind ein Entwicklungsland, das so tut, als sei es fortschrittlich", sagt einen Tag später in Mumbai eine Frau aus dem Publikum zu mir. Wenn ich an die Professorinnen an der Universität Pune und an die mutigen Frauen von Swadhar denke, dann bin ich nicht sicher, ob sie Recht hat. Oder ob es stimmt und das Gleiche in vielerlei Hinsicht wohl auch für Deutschland gilt.

"Das Patriarchat ist allgegenwärtig", hat die Journalistin Tehmina Kaoosji an meinem ersten Abend in Kuala Lumpur gesagt. "Um es zu bekämpfen müssen Feminismus und das Ringen um Geschlechtergerechtigkeit ebenso allgegenwärtig werden."

Niemand von uns kann es allein erreichen. Aber zum Glück müssen wir das ja auch nicht.


Über die Autorin

Tanja Brandes wurde 1981 in Bonn geboren. Sie studierte Dramaturgie, Germanistik und Romanistik in München und Madrid. Brandes war Politikredakteurin beim Kölner Stadt-Anzeiger und beim General-Anzeiger in Bonn, seit 2017 ist sie Redakteurin bei der Berliner Zeitung. 2016 wurde sie für ihre Reportage "Mein fremdes Land" über die Flucht ihrer Mutter aus der DDR mit dem DuMont-Journalistenpreis ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin und Düsseldorf.

Über das Vortragsprogramm

Vom 5. bis 12. November 2019 reiste Tanja Brandes für das Vortragsprogramm der Bundesregierung nach Kuala Lumpur, Singapur und Mumbai. Die Vermittlung eines aktuellen und vielschichtigen Deutschlandbildes im Ausland ist das Ziel des seit 1995 vom ifa umgesetzten Vortragsprogramms der Bundesregierung.
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