Die Macht der Gefühle



Welche Rolle spielen Gefühle in der Politik? Und welche Emotionen verbinden wir mit Europa? Darüber sprach die Europa-Aktivistin Daphne Büllesbach während ihrer Vortragsreise in die Republik Moldau im Oktober 2019. Anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft blickt sie zurück und erläutert, warum wir uns nicht auf das isolierende Gefühl der Angst, sondern auf gemeinsame Ziele besinnen sollten.

Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker von Dimitriy Vrubel auf dem Denkmal East Side Gallery in Berlin.
Denkmal East Side Gallery, Dimitrij Vrubel, Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker, Berlin; © picture alliance / imageBROKER, Foto: Marc Rasmus

Am Anfang eines Vortrags, vor allem wenn ich mein Publikum nicht kenne, stelle ich gerne eine einfache Frage. In Chişinău lautete sie: Welches ist das erste Gefühl, das wir als Mensch fühlen können? Die Antwort kam schnell: Hunger oder die Angst davor, hungrig zu bleiben. Überall auf der Welt wird es dieselbe Antwort sein. Angst ist ein Grundgefühl, das unseren ersten Blick auf die Welt prägt. Neben Geborgenheit und Liebe steht die Angst, all dies nicht zu erfahren.

Während meiner Vortragsreise eröffnete aus Anlass des 30-jährigen Mauerfalljubiläums im Kunstmuseum Chişinău die Ausstellung "Die Macht der Gefühle". Den Mauerfall erlebte ich als kleines Kind, das aus Westdeutschland gebannt auf die Fernsehbilder blickte. 30 Jahre später finde ich es interessant, durch das Raster der Gefühle auf politische Ereignisse zu schauen. Ist es naheliegend, hier mit dem Gefühl von Angst zu beginnen, anstatt mit dem Gefühl von Hoffnung?

Seit mehr als zehn Jahren bin ich in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisationen vernetzt. Die Organisation "European Alternatives" habe ich mitbegründet und in Deutschland Anfang der 2010er aufgebaut. Sie steht vor allem dafür, dass wir Demokratie, Gleichheit und Kultur jenseits von Nationalstaaten denken und umsetzen müssen. Die Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen – Klimawandel, Migration, Überwachung, Digitalisierung und nicht zuletzt Covid-19 – machen nicht an nationalen Grenzen halt.

Das mächtige Gefühl von Kontrollverlust

Die Komplexität der Lösungen für diese Herausforderungen steigt deutlich an. Das kann einerseits ein globales Verbundenheitsgefühl freisetzen, weil wir uns als Menschen, wenngleich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, einem globalen Problem stellen. Andererseits, und dies ist viel stärker zu beobachten, löst es Angst und das mächtige Gefühl von Kontrollverlust aus. Emblematisch dafür steht der rote Londoner Bus, den ich in meinem Vortrag zeigte. Während der Brexit-Kampagne fuhr dieser mit dem Slogan durch Großbritannien: "We send the EU 350 million pounds a week, let’s fund our NHS instead. Vote Leave". Für mich bildet er wie kein anderes Bild diese auf Lügen und Sündenböcken basierende politische Ansprache ab: "We take back control".

Das Zurückgewinnen von Kontrolle funktioniert als politischer Slogan, weil er auf der Tatsache beruht, dass wir in unserer Entscheidungsgewalt als Bürgerinnen und Bürger beeinträchtigt sind. Tatsächlich ist es so, dass die supranationalen Institutionen den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts noch nicht gewachsen und die nationalen Demokratien ihnen nicht mehr gewachsen sind. Wir sehen noch keine echte Verschiebung der Gestaltungsmacht auf die EU-Ebene.

Für eine Politik der Nähe

Als Bürgerinnen und Bürger müssen wir unsere Entscheidungsbefugnis auf supranationaler Ebene ausbauen. Das soll nicht heißen, dass wir Entscheidungen nur noch auf höherer Ebene treffen sollten, im Gegenteil: Wir müssen dringend eine methodische und sinnhafte Verbindung knüpfen zwischen dem lokalen Umfeld, wo eine "Politik der Nähe" und Begegnung reibungslos funktionieren, und der transnationalen Ebene, auf der eine Koordination immer dringlicher wird. Nur so können wir der Angst begegnen, die sich populistische Parteien zu eigen machen.

Das Konzept der "Politik der Nähe" wurde von der Bürgermeisterin Barcelonas Ada Colau geprägt. Es ging darum, die Institutionen der Stadt den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner anzupassen – nicht umgekehrt. Darauf baut das Netzwerk der "Solidarity Cities" auf. Städte verbinden sich europaweit, um eine Politik der Nähe lokal umzusetzen und transnational zu fördern. Einige haben sich entgegen der eher feindlichen Einstellung der Nationalstaaten bereiterklärt, Geflüchtete aufzunehmen. Das Netzwerk sucht die Lösung in der Förderung von Solidarität statt in der Abschottung.

Europa kann und sollte ein Experimentierfeld für diese Beteiligungsformate sein. Noch ist auch die Zivilgesellschaft in Europa häufig national organisiert. Es gibt aber Initiativen wie jüngst das Bündnis "Citizens take over Europe", das anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft an die Bundeskanzlerin appelliert, die geplante "Konferenz zur Zukunft Europas" nicht zu einer Scheinbeteiligung der Bürgerinnen und Bürger verkommen zu lassen, sondern echtes Mitspracherecht zu ermöglichen.

Deutschland kommt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle zu. Es ist wünschenswert, dass gerade jetzt, wo aufgrund von Covid-19 jegliche Finanzquellen in den Wirtschaftsaufbau gesteckt werden, der Blick für die Förderung von Demokratie, Kultur und bürgerschaftlichem Engagement nicht verlorengeht. Die Bürgerinnen und Bürger zu fördern, sich selbst zu organisieren und Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen, ist für die Demokratie mindestens ebenso wichtig wie der Erhalt des Arbeitsplatzes. Experimentierfreudigkeit ist gefragt, wenn wir neue Wege gehen wollen. Auch das hat uns diese Pandemie gezeigt: Der Austausch im digitalen Raum ist nicht perfekt, aber er ist möglich und er lässt Grenzen und Hierarchien einfacher durchbrechen als so manch analoge Konferenz.

Hoffnung verbindet

Was gibt uns Hoffnung auf diesem Weg? Am letzten Abend meiner Reise sprach ich mit Vertreterinnen und Vertretern von zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Region Transnistrien. Ich war zuvor gewarnt worden, dass es möglicherweise schwierig sein könnte und sich niemand trauen würde, Fragen zu stellen. Es kam anders. Ich wurde mit Fragen überrannt, nachdem ich eine Stunde über europäische zivilgesellschaftliche Initiativen gesprochen hatte, über die Krisen in der EU, über die mit dem Brexit verbundenen Emotionen, den xenophoben Nationalismus, die nicht anhaltende Katastrophe im Mittelmeer, der Unsicherheit vieler Menschen und der Hoffnung, die von neuen Bewegungen ausgeht.

Die Anwesenden hatten nicht erwartet, dass ich mich kritisch über Europa äußern würde. Wir fanden eine gemeinsame Austauschebene, und dass obwohl sie auf Russisch sprachen und ich vom Englischen übersetzt wurde. Viele Menschen in dieser kleinen Ortschaft fühlten sich in ihrer Arbeit gehemmt und in ihrem Engagement nicht ernst genommen. Gleichzeitig waren sie sich ihrer wichtigen Rolle als organisierte Zivilgesellschaft bewusst, als Anlaufstelle und als gemeinschaftsprägender Moment.

Hoffnung entsteht, wenn Menschen zusammenkommen und ein sozialer Mechanismus greift, wie ihn die Philosophin Martha Nussbaum in einem Gespräch über ihr Buch "Das Königreich der Angst" im Deutschlandfunk Kultur im April 2019 beschrieben hat: "Angst ist ein sehr isolierendes Gefühl. Aber was die Hoffnung betrifft, liegt ja auf der Hand, dass man sich zusammen mit anderen auf gemeinsame Ziele besinnt." Die gemeinsamen Ziele liegen vor allem darin begründet, dass wir eine historische Verantwortung haben, in Europa erfolgreicher zu sein als die Mauerbauer, Ausgrenzer und Autoritären.


Über Daphne Büllesbach

Daphne Büllesbach ist Geschäftsführerin der Humboldt-Viadrina Governance Platform in Berlin. Bis Ende 2019 war sie geschäftsführende Direktorin von European Alternatives und Kuratorin des Politik-, Kunst- und Kulturfestivals "Transeuropa". Sie ist Ko-Herausgeberin des Buches "Shifting Baselines of Europe: New Perspectives beyond Neoliberalism and Nationalism", das 2017 im transcript Verlag erschien. Sie studierte Sozial- und Politikwissenschaften in London, Paris und Cambridge.

Über das Vortragsprogramm

Im Oktober 2019 reiste Daphne Büllesbach für das Vortragsprogramm der Bundesregierung in die Republik Moldau. Die Vermittlung eines aktuellen und vielschichtigen Deutschlandbildes im Ausland ist das Ziel des seit 1995 vom ifa umgesetzten Vortragsprogramms der Bundesregierung.
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