Willkommenskultur hin, Willkommenskultur her: Integration ist weit mehr als ein politisches Schlagwort. Es bedeutet, Migranten eine neue Heimat zu geben und, dass Migranten eine neue Heimat finden. Doch was fördert echte Integration und was behindert sie? Ein Blick auf die Herausforderungen und Lösungen.
Zu den beliebtesten Wörtern in Deutschland im Zusammenhang mit Einwanderung und Integration gehört das Wort „Willkommenskultur“. So wie es bei den Vornamen für Kinder Konjunkturen gibt, gibt es sie auch bei den politischen Begriffen. Bei den Vornamen stehen heute Maximilian und Sophie ganz oben; bei den politischen Begriffen ist es die „Willkommenskultur“. Sie ist derzeit überall.
Die Willkommenskultur ist landauf und landab Thema von Tagungen, sie ist in Politikerreden ungeheuer beliebt; und als Zeichen der neuen Willkommenskultur werden überall Einbürgerungsfeiern veranstaltet. Es ist, als solle mit dem möglichst häufigen, geradezu genießerischen Gebrauch dieses Worts das ganze Elend der Ausländer- und Asylpolitik der vergangenen Jahrzehnte weggelutscht, als sollten die furchtbaren Ausschreitungen, die es gab – in Rostock, Solingen, Hoyerswerda – vergessen gemacht werden.
Rhetorik reicht nicht
Rhetorik reicht freilich nicht – zumal dann nicht, wenn diese Begrüßungs- und Willkommensrhetorik (wie das im politischen Alltag des Jahres 2014 der Fall war) nur wie Schnittlauch auf einer Suppe von Vorurteilen schwimmt. Es gibt offensichtlich ein institutionalisiertes Misstrauen gegenüber Menschen aus Osteuropa – nicht nur im Flüchtlingsrecht, auch im allgemeinen Zuwanderungs- und Arbeitsrecht. Man unterstellt den Arbeitsmigranten aus Rumänien und Bulgarien oft, dass sie nur deswegen nach Deutschland kommen, um dort Hartz IV und sonstige Sozialleistungen abzukassieren.
Die konservative bayerische CSU hat zum Jahreswechsel 2013/2014 eine solche Kampagne in die Politik eingebracht. Zu den Kennzeichen der CSU gehört es, dass sie viel Wert auf Tradition legt. Es gehört aber zu den schlechten Traditionen, Menschen als „Missbraucher“ zu deklarieren: als Asylmissbraucher, als Sozialmissbraucher, als Rechtsmissbraucher. Die meiste Zeit galten der CSU Flüchtlinge als Missbraucher, die in Wahlkämpfen auch gern als „Asylbetrüger“ bezeichnet wurden. Seit einem Jahr hat die Politik neue Opfer für solche Kampagnen gefunden: die Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien. „Wer betrügt, der fliegt“ so hatte die CSU ihre Attacke gegen die Zuwanderung von Rumänen und Bulgaren in einen Slogan gepackt. Leider beteiligte sich dann die ganze Bundesregierung mit einem Gesetzespaket an dieser Kampagne: Im November 2014 wurden die neuen Regelungen im Deutschen Bundestag verabschiedet.
Man unterstellt den Arbeitsmigranten aus Rumänien und Bulgarien oft, dass sie nur deswegen nach Deutschland kommen, um dort Hartz IV und sonstige Sozialleistungen abzukassieren.
Den EU-Migranten wird die Wiedereinreise im Fall von angeblichem Rechtsmissbrauch oder angeblichem Betrug befristet verboten. Doppelter Bezug von Kindergeld soll dadurch verhindert werden, dass eine Steuernummer vorgeschrieben wird. „Sozialmissbrauch“ soll so verhindert werden. Die Freizügigkeit für Arbeitnehmer innerhalb der Europäischen Union wird dadurch drastisch beschnitten. Betroffen von den neuen Regelungen sind vor allem Migranten aus den ärmsten EU-Staaten, denen die Regierung soziale Rechte und Sozialleistungen streicht, und die dadurch Ausbeutung, Lohndumping und Mietwucher noch stärker als bisher ausgeliefert sein werden.
Mein Redaktionskollege bei der „Süddeutschen Zeitung” Roland Preuß hat sich zum Jahresende 2013, als die Kampagne über die Armutszuwanderung besonders hoch schwappte, für diese Kampagne wie folgt entschuldigt: „Man möchte in diesen Tagen dem rumänischen oder bulgarischen Kollegen, wenn es ihn denn gäbe, die Hand geben und ihn nochmal willkommen heißen. Man könnte ihm bei der Gelegenheit sagen, dass man nicht glaubt, er arbeite in Deutschland wegen des Kindergeldes, sondern weil er gute Arbeit suche. Das wäre nur fair. Denn die jetzige Debatte verstellt den Blick auf diese Menschen, auf das Gute, das ihr Recht auf Freizügigkeit mit sich bringt.“
Man musste das laut sagen, bevor man über die Probleme sprach: Denn fernab des Getöses über Niedriglöhne und angebliche Sozialbetrüger blieb und bleibt ein Kern an Schwierigkeiten, welche die Freizügigkeit mit sich bringt – und die in Städten wie Duisburg, Dortmund oder Berlin-Neukölln unübersehbar sind, wo sich Scheinselbständige als Tagelöhner verkaufen. Andere versuchen, als Bettler oder mit dem Kindergeld durchzukommen. Es hat dort ein Verdrängungswettbewerb nach unten eingesetzt – um die Plätze im Obdachlosenheim, um Wohnraum, um den Termin beim medizinischen Notdienst.
Die Anti-Osteuropäer-Kampagne
Die Anti-Osteuropäer-Kampagne unterstellte und unterstellt den Arbeitsmigranten aus Osteuropa ziemlich pauschal, dass sie nur deswegen nach Deutschland kommen, um dort Hartz-IV-Leistungen (also Geld vom Sozialamt) und sonstige Sozialleistungen zu kassieren. Das freilich stimmt hinten und vorne nicht und ist nicht durch Zahlen, sondern allein durch Vorurteile belegt. Es ist im Gegenteil so, dass die Bulgaren und Rumänen in Deutschland prozentual weniger Sozialleistungen beantragen als andere Ausländer in Deutschland. Nur jeder zehnte Rumäne und Bulgare in Deutschland bezieht Hartz-IV-Leistungen; in den meisten Fällen handelt es sich um Aufstocker, die von ihren Arbeitgebern miserabel bezahlt werden.
Das ist das eigentliche Problem, nicht der angebliche Missbrauch von Sozialleistungen: Die Not armer Zuwanderer wird schamlos ausgenutzt. Rumänische Zimmermädchen und bulgarische Hilfsarbeiter schuften nicht selten für einen Hungerlohn; und sie werden von ihren Arbeitsvermittlern oft auch noch für die Unterkunft in Schrottimmobilien unverschämt abkassiert. Die allermeisten Arbeitskräfte aus Osteuropa sind ganz gewiss keine „Missbraucher“; aber nicht wenige werden missbraucht: zum einen von Arbeitsvermittlern, Subunternehmern und Arbeitgebern; zum anderen von einer Politik, die den missbrauchten Arbeitskräften daraus auch noch einen Strick dreht.
Die miese Behandlung von armen Migranten ist nicht allein die Schuld von gewissenlosen Ausbeutern; sie liegt leider auch an den Rahmenbedingungen einer Politik des Lohndumpings, die „uns“ zwar zum Exportweltmeister macht, aber ungut ist für die Wirtschaft Europas – und Verhältnisse schafft und verstetigt, die Armutsmigration hervorbringt. Zuwanderung darf nicht dazu dienen, die Löhne für die Pflegekräfte zum Beispiel in den Alters- und Pflegeheimen niedrig zu halten. Zuwanderung darf auch nicht dazu dienen, die Aus- und Weiterbildungskosten für das gewünschte Spezialwissen zu drücken. Einwanderung darf nicht dem Lohndumping dienen. Sie darf nicht dazu führen, dass man an Ausbildung hierzulande spart und die Kosten dafür in die Herkunftsländer verlagert.
Migrationsfreundliches Argument
Darum ist das migrationsfreundliche Argument vom Fachkräftemangel, das oft aus der Wirtschaft zu hören ist, mit gewisser Vorsicht zu genießen. Das DIW (Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung) rät zu einer besonderen Achtsamkeit im Umgang mit Informationen zum Fachkräftemangel und hält fest: „Es ist unter Experten unumstritten, dass in Deutschland derzeit kein flächendeckender Fachkräftemangel herrscht und sich lediglich in einigen speziellen Berufen Engpässe abzeichnen.“
Die allermeisten Arbeitskräfte aus Osteuropa sind ganz gewiss keine „Missbraucher“; aber nicht wenige werden missbraucht.
Der deutsche Arbeitsmarktexperte Karl Brenke merkt zum vielbeschworenen Mangel an Ingenieuren an: „Wir haben ja auch keinen Benzinmangel, weil wir den Liter nicht für einen Euro kriegen.“ Firmen bekommen eben dann keine Ingenieure, wenn sie ihnen nichts bieten. Der Versuch, ausländische Ingenieure per Blue Card zu einem Mindestgehalt von 33.000 Euro nach Deutschland zu locken, wäre der untaugliche Versuch, Sprit für einen Euro zu tanken.
Mythos Sozialtourismus
Das Gesetz gegen die sogenannte Armutszuwanderung, das vergangenen November im Deutschen Bundestag verabschiedet wurde, ist nicht so drakonisch ausgefallen, wie es die Kampagne gefordert hatte; es handelt sich eher um eine Zuspitzung und Aufrüstung schon existierender Paragrafen. Aber auch das ist schlimm genug, weil die Bundesregierung damit Vorurteile gegen die Arbeitskräfte aus Osteuropa nobilitiert – und weil die große Koalition der Kampagne damit in Stoßrichtung und Ergebnis, wenn auch nicht im Detail, recht gibt. Das ist, so fürchte ich, ziemlich verheerend. Rumänien und Bulgarien sind seit 2007 EU-Mitglied, aber erst nach langer Übergangszeit, seit Anfang 2014, gilt die Freizügigkeit. Über die Menschen, die diese Freizügigkeit in Anspruch nehmen, wird jetzt der Kübel eines Missbrauchsgesetzes ausgeschüttet. Das ist nicht gut. Das diskreditiert die Arbeitsmigration; so wird Arbeitsmigration, die zu den Essentialia der EU gehört, zum Sozialtourismus. Das ist antieuropäisch.
Angehörige der Sinti und Roma demonstrieren am 3. Juni 2016 in Berlin gegen die Diskriminierung von Nomadenvölkern, Foto: Markus Heine via NurPhoto/picture alliance.
Den Sozialtourismus gibt es nur gefühlt. Der Anteil der EU-Migranten an den Sozialleistungsempfängern bewegt sich nach einer EU-Studie in den untersuchten Staaten im tiefen einstelligen Prozentbereich. Über zwei Drittel der EU-Migranten gehen in ihrem Zielland einer Arbeit nach. Der Großteil der Nichterwerbstätigen sind Pensionäre und Rentner. So ist das. Der Sozialtourismus ist kein Faktum, sondern ein Mythos.
Vor kurzem ist im Flüchtlingsrecht das Gesetz über die angeblich sicheren Herkunftsländer verabschiedet worden. Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien haben praktisch kaum noch eine Chance, Asyl zu bekommen – weil die Staaten, aus denen sie kommen, als sicher gelten. Fast zur nämlichen Zeit, als dieses neue Gesetz gegen die Balkanflüchtlinge erlassen wurde, ist eine Studie publiziert worden, aus der sich ergibt: Von allen Minderheiten stößt die Minderheit der Sinti und Roma in Deutschland auf die schärfste Ablehnung. Die Rigidität, mit der sie schon jetzt, und künftig erst Recht, aus Deutschland in die Staaten des Balkan abgeschoben werden, gehört in dieses Muster.
Es wäre notwendig, einem vergessenen Volk eine Zukunft zu geben. Man hat dieses vergessene Volk gern als „fahrendes Volk“ bezeichnet, als läge ihm das Migrieren im Blut. Lustig ist das unstete „Zigeunerleben“ aber nie gewesen. Denn das fahrende Volk ist bis heute auf Wanderschaft, weil es in und aus allen Ländern in Europa vertrieben wird: In den Balkanstaaten durch bittere Armut, Pogrome und tägliche Gewalt, hierzulande durch rigide Abschiebungsgesetze. Die Zukunft dieses Volkes liegt nicht im Asyl. Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung, dass Europa gerade den Sinti und Roma Heimat werden kann. Das neue Gesetz über die sicheren Herkunftsstaaten wird zu dieser Zukunft nicht beitragen.
Den Sozialtourismus gibt es nur gefühlt. Der Anteil der EU-Migranten an den Sozialleistungsempfängern bewegt sich nach einer EU-Studie in den untersuchten Staaten im tiefen einstelligen Prozentbereich.
Früher holte man auf dem Land die Wäsche von der Leine, wenn die „Zigeuner“ kamen. Heute stopft man auch dort die Wäsche in den Trockner. Aber die Vorurteile gegen Sinti und Roma sind überall geblieben – in ganz Deutschland, in ganz Europa. Die zitierte Studie ergab, dass die Sinti und Roma in Deutschland noch schärfer abgelehnt werden als die Asylbewerber allgemein, noch schärfer auch als die Muslime.
Allgemeines Lamento
Man kann über die Persistenz, über die Hartnäckigkeit und über die Dynamik von Vorurteilen klagen. Aber so ein allgemeines Lamento ändert auch nichts daran, dass die Sinti und Roma die Minderheit in Europa ist, der es am dreckigsten geht: Sie sind, wie bereits ausgeführt, Europas vergessenes Volk. Aber dessen grausame Verfolgung durch die Nationalsozialisten ist weitgehend vergessen; daran hat die Rede des Holocaust-Überlebenden Zoni Weisz im Deutschen Bundestag 2010, daran hat die Einweihung des Denkmals für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma 2012 in Berlin nichts geändert. Die Politik in ganz Europa behandelt die Angehörigen dieser Minderheit wie Paria: Der Umgang ist von Schikane geprägt. Die Rigidität, mit der sie abgeschoben werden, gehört in dieses Muster: Man will mit ihnen nichts zu tun haben. Die Umfrage spiegelt das nur wider.
Die toten Sinti und Roma haben jetzt ein Denkmal; am 24. Oktober 2012 ist es in Berlin eingeweiht worden. Die lebenden Sinti und Roma haben fast nichts; sie haben keine Arbeit, keine Wohnung, keinen Schutz und keine Hilfe. In Südosteuropa werden sie schikaniert und verfolgt, in Deutschland und Frankreich kaserniert und abgeschoben – dorthin, wo sie wieder schikaniert und verfolgt werden. Das ist kein Ruhmesblatt für Europa.
Zoni Weisz, der Holocaust-Überlebende, hat in seiner schon zitierten Rede im Bundestag klar gemacht, dass es nicht um ein nationales Problem geht – sondern um ein europäisches. „Wir sind doch Europäer“, hat er gesagt. Es gilt, einem noch immer verfolgten Volk eine Zukunft zu geben – dadurch, dass man es in seiner Besonderheit respektiert, dadurch, dass man nicht auf einer Integration nach landläufigen Vorstellungen beharrt. Der französische Mittelmeerhistoriker Fernand Braudel hat die Migration einmal eine zivilisatorische „Unentbehrlichkeit“ genannt. Im Idealfall ist es so: Wer migriert, erwirbt Flexibilität und Spontaneität, enorme Vorteile in der globalisierten Welt.
International tätige Unternehmen haben die Chance erkannt. Bei einer Umfrage der Hays AG, einem weltweit führenden Unternehmen für die Rekrutierung von Spezialisten, gab die überwiegende Mehrheit der befragten Unternehmer als Grund, warum man Ausländer beschäftige, folgendes an: „Wir benötigen für unsere Geschäfte interkulturelle Kompetenz“. Kosteneinsparung spiele nur eine Nebenrolle. Migranten haben, wenn sie denn einmal in ihrem Gastland arbeiten, den Ruf, beweglich, intelligent, offen, widerstandsfähig, risikobereit und sprachgewandt zu sein.
Es wird auch darauf hingewiesen, dass Migranten Vermittler sozialen Fortschritts in ihren Herkunftsländern sein können. Kehren Migranten mit gewonnenen Erfahrungen in die alte Heimat zurück, kann sich für diese der ursprüngliche Brain-Drain in einen Brain-Gain verkehren, in einen Zuwachs an Erfahrung, Wissen und Geld.
Gebildete Migranten
Das ist ein schöner Hinweis – aber eine Politik, die die zirkuläre Migration zur Grundlage ihrer Einwanderungspolitik macht, ist heikel, wenn sie, weil sie auf zirkuläre Migration, also auf Rückwanderung setzt, die Integration schleifen lässt.
Kürzlich hat eine Studie des Auswärtigen Amts – jetzt verlasse ich den Bereich der europäischen Binnenmigration – belegt, dass die meisten Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten der gebildeten Mittelschicht entstammen. Und zunehmend sind Einwanderer sogar besser qualifiziert als Einheimische. In Deutschland sind 29 Prozent der Migranten Akademiker, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 19 Prozent.
Schon lange plädieren globale Wirtschaftsinstitute daher dafür, Migration und Mobilität nicht mehr als Problem zu sehen, sondern als Chance. Und zwar nicht, weil sie die billigeren Arbeitskräfte sind. Dilip Ratha, Leiter der Einwanderungsabteilung der Weltbank, sagte am Rande der Frühjahrstagung 2014 zum Ersten Deutschen Fernsehen, Migranten gehörten zu den „wichtigsten Investoren unserer Zeit, weil sie etwas aufbauen wollen“.
Zunehmend sind Einwanderer sogar besser qualifiziert als Einheimische. In Deutschland sind 29 Prozent der Migranten Akademiker, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 19 Prozent.
Sprachgewandt, interkulturell, mobil und aktiv – wunderbar! Die Türken sind dafür ein Paradebeispiel. Aus der Wanderung Hunderttausender in Richtung Mittel- und Nordeuropa seien, so sagt der deutsche Kulturwissenschaftler Claus Leggewie, „hochmobile Kohorten“ entstanden, „die sich zwischen der Türkei und Europa bewegen, ohne ihre nationale Identität ganz aufzugeben“. Gewiss ist es so, dass solche Kulturwandler nicht nur den Kulturbetrieb, sondern auch die Gesellschaften bereichern. Es ist daher Zeit, heißt es in den Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, in den Migranten nicht länger Tagelöhner zu sehen, sondern potenzielle Unternehmer. Und es wird empfohlen, nicht mehr von Migration zu reden, sondern von Mobilität.
Hochmobile Kohorten
Wenn ich diese schönen und gehaltvollen Analysen über den Wert der Mobilität lese, kommt mir ein Bild, eine Karikatur in den Sinn, die im Flur meiner Wohnung hängt: Da sieht man Flüchtlinge, deren Boot abgesoffen ist, hilflos im Mittelmeer treiben. Ein Rettungsschiff nähert sich und jemand ruft den Schiffbrüchigen fragend zu: „IT-Spezialisten oder Ingenieure dabei?“ Es ist dies ein bitteres Bild der europäischen Realität jenseits der schönen Worte und Analysen. Die EU schottet sich ungeachtet all der schön geschilderten Erkenntnisse ab. Im Mittelmeer erreicht diese Abschottung eine grausame Potenz. Diese Frontex- und Eurodac-gestützte Abschottung wird dem Migrationsdruck mittelfristig ohnehin nicht standhalten können.
Die Geschichte zeigt: Wenn und wo es Migrationsgründe gibt, werden Menschen migrieren – und gerade in Afrika und Asien gibt es ausreichend Gründe zur Auswanderung, von denen nicht wenige in der Handelspolitik der Industriestaaten ihren Ursprung haben. Die reichen Länder beschränken sich jedoch darauf, Geld in Form von Entwicklungshilfe in den Süden zu pumpen – die in dieser paternalistisch verabreichten Form immer weniger willkommen ist.
Es gäbe schon ein Mittel, um die Verhältnisse in den Herkunftsländern zu verbessern: gerechten Handel. Solange europäische Butter in Marokko billiger ist als die einheimische, solange französisches Geflügel in Niger weniger kostet als das dortige, solange schwimmende Fischfabriken alles wegfangen, was zappelt – so lange muss man sich etwa über den Exodus aus Afrika nicht wundern. Die EU-Subventionspolitik ist auch eine Politik, die Fluchtursachen schafft.
Es gäbe schon ein Mittel, um die Verhältnisse in den Herkunftsländern zu verbessern: gerechten Handel.
Sie sorgt für die schmutzigen Flecken auf der Weste der Friedensnobelpreisträger-Union. Gegen eine falsche Politik helfen keine neuen Mauern und keine Flüchtlingsauffanglager an den Küsten. Solche Versuche fördern nur die Illusion, europäische Exportlebensmittel weiter subventionieren zu können und den europäischen Reichtum nicht teilen zu müssen. Der Kaiser, der in Max Frischs gleichnamigem Stück „Die chinesische Mauer“ bauen lässt, tut dies, „um die Zukunft zu verhindern“. Dieser Kaiser hat in Europa seine Kommissare.
Wir propagieren die offene Gesellschaft, ich tue das auch. Nicht wenige in unserem Land erschrecken davor, sie empfinden sich als schutzlos, sie haben das Gefühl, die Kontrolle über das Schicksal zu verlieren. Welche Sicherheit braucht eine Gesellschaft, um Einwanderung akzeptieren zu können? Gefährlich wird es, wenn die Migration instrumentalisiert wird für eine Ordnungspolitik der Überwachung, die an die Stelle von Sozialpolitik tritt. Eine gute Integrationspolitik ist ein Teil der Sozialpolitik.
Integration verlangt nicht nur von den Neubürgern viel, sondern auch einiges von den Altbürgern. Integration stellt alte Gewissheiten in Frage. Einwanderung verändert die Gesellschaft: Die meisten Deutschen haben es sich bisher nicht bewusst gemacht, wie tief diese Änderung geht. Wir Altbürger haben, als uns klar geworden ist, dass viele Einwanderer, auch die aus der Türkei, nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren, mehr oder weniger fordernd auf deren Integration gewartet und geglaubt, wir erbrächten unsere eigene Integrationsleistung schon damit, dass wir Döner Kebab essen.
Hauptaufgabe der Sozialisation in einem Einwanderungsland Deutschland wird es sein müssen, Heterogenität als Normalität nicht nur zu ertragen, sondern zu akzeptieren und zu respektieren. Es geht nicht nur um Toleranz, es geht um Respekt voreinander. Ob man das Multikulturalität oder Buntheit oder sonst wie nennt, ist mir gleichgültig. Ich habe den Eindruck, dass das Bewusstsein dafür wächst, dass Einwanderung auch kulturellen Reichtum bringt.
Einwanderung bringt auch kulturellen Reichtum, schreibt Heribert Prantl. Heterogenität als Normalität anzuerkennen zeigt Respekt, Foto: Florian Paljak via SZPhoto/picture alliance.
Als ich Jura studiert habe und wir im strafrechtlichen Seminar die Probleme diskutiert haben, die sich in den Diebstahlsparagrafen im Strafgesetzbuch ergeben, da sagte mein Professor über einen Dieb, der Nahrungsmittel stiehlt und sie sofort verputzt, den schönen Satz: „Die Insichnahme ist die intensivste Form der Ansichnahme.“ Würde dieser Satz auch für die Einwanderungsgesellschaft gelten – dann wären wir schon erheblich weiter. Einwanderung darf nicht nur in Gaststätten und Einwohnermeldeämtern stattfinden. Aneignung von Einwanderung sieht anders aus: Sie findet an den Schulen statt, sie zeigt sich in den Lehrplänen aller Schularten, in den Schulbüchern, sie zeigt sich auf den Spielplänen der Theater und auch in der Art und Weise, wie wir über die Integration diskutieren.
Mehr als Addition der Dönerbuden
Der Umsatz der ausländischen Gaststätten in Deutschland ist kein Gradmesser für Integration. Integration ist viel mehr als die Addition der Dönerbuden in den deutschen Fußgängerzonen. Integration ist mehr als das In-sich-Hineinstopfen von Dingen, die einem schmecken, und sie ist mehr als die Annahme von Leistungen, die man gerade braucht. Integration bedeutet, Migranten eine neue Heimat zu geben und Integration bedeutet, dass Migranten eine neue Heimat finden. Der Migrant ist kein Einzelwesen, er ist kein Einzeller. Er hat womöglich Kinder, er hat Familie – er braucht das Gefühl, das Wissen, das Erleben und die Erfahrung, dass auch sie willkommen sind.
Wollen wir ein Europa, in dem allein die unbegrenzte Leistungsfähigkeit zählt und sonst nichts, in dem es nur um den Marktwert geht, in dem der Wert des Menschen nur am Lineal der Ökonomie gemessen wird? Das Menschenbild der modernen Ökonomie ist der homo faber mobilis. Der bloße homo faber ist Vergangenheit. Er war der Mensch der Moderne. In der Postmoderne reicht es angeblich nicht mehr, wenn der homo faber, wenn der Mensch einfach arbeitet. Er muss ein homo faber mobilis sein, er soll in höchstem Maß flexibel, mobil und anpassungsfähig sein.
An seiner Arbeitslosigkeit ist danach angeblich nicht zuletzt derjenige selbst schuld, der keine Arbeit hat – wäre er genügend mobil, flexibel und anpassungsfähig, wäre er also nicht zu bequem, dann hätte er ja Arbeit. Viele Wirtschaftsinstitute und Politiker verlangen daher den neuen Menschen, den von mir so genannten homo faber novus mobilis, den unglaublich mobilen, den unglaublich flexiblen, den unglaublich robusten und durch nichts zu irritierenden, unglaublich anpassungsfähigen Menschen, den Menschen also, der über seine Grenzen und Behinderungen hinauswächst. Das Menschenbild des modernen Ökonomen ist der homo faber novus mobilis.
Die Realität, im Nationalstaat wie in Europa, kennt da freilich gewisse Grenzen: Im Gegensatz zu den Schnecken trägt der Mensch seine Behausung nicht mit sich herum. Und er hat, auch deshalb, weil er auch im Gegensatz zu den Schalenweichtieren kein Zwitter ist, andere soziale Bedürfnisse, die sich unter anderem darin äußern, dass er einen Lebenspartner sucht, eine Familie gründet, im Sport- oder Gesangsverein aktiv ist, dass seine Kinder zur Schule gehen und Freunde haben.
Das setzt der ganz großen und der ganz unentwegten Mobilität, der unbegrenzten Einsetzbarkeit und Verfügbarkeit, gewisse Schranken. Wenn man über Migration redet, wenn man für eine offene Gesellschaft wirbt – dann kann und darf man nicht davon ausgehen, dass es da um Menschen ohne Kinder, ohne Familie und ohne soziale Beziehungen geht.
Migration darf nicht zu andauernder Entwurzelung führen, nicht zur Heimatlosigkeit. Bei aller Wertschätzung von Migration darf das Bedürfnis nach Beheimatung, nach Sesshaftigkeit, nach Kontinuität nicht vergessen werden. Anders gesagt: Europa sollte kein Kontinent von Flachwurzlern werden. Flexibilität und Mobilität sind nicht Selbstzweck. Greencards und Bluecards können wichtig sein; der Abbau von bürokratischen Hürden, die die Migration erschweren, ist wichtig. Die unkomplizierte Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen ist auch wichtig. Aber: Lebens“lauf“ sollte nicht zum Synonym für ein neues Nomadentum werden. Der Mensch braucht Heimat auch in flüchtigen Zeiten. Das ist der Sinn und das Ziel von Integration.
Ein Haus mit vielen Türen
Der Schriftsteller Joseph Roth, der die untergegangene Donaumonarchie, den Vielvölkerstaat betrauerte, schrieb vor über 80 Jahren: „Die Völker suchen vergeblich nach den sogenannten Nationaltugenden, die noch fraglicher sind als die individuellen. Deshalb hasse ich Nationen und Nationalstaaten. Meine alte Heimat war ein großes Haus mit vielen Türen. Mit vielen Türen und Zimmern, für viele Arten von Menschen, und dieses mein Haus ist zerteilt, gespalten und zertrümmert. Ich habe dort nichts mehr zu suchen. Ich bin gewohnt in einem Haus zu leben und nicht in Kabinen.“
Und es ist schon merkwürdig: In einer Zeit, in der das Haus Europa hergestellt wird und die Regierungschefs der Europäischen Union in ihren Konferenzen über die Innenarchitektur dieses Hauses verhandeln, wird in Wahlkämpfen von immer mehr Parteien in Frankreich, Ungarn, Tschechien, Belgien, in Holland, in Italien, auch in Deutschland, der Stolz auf die alten Kabinen hochgehalten und der Dünkel, ein Kabinenbewohner zu sein, wird wieder gepflegt. Europa soll ein großes Haus sein, ein Haus für verschiedene Völker, verschiedene Religionen, verschiedene Kulturen, ein Haus, in dem eine gewaltige Geschichte ihren Platz hat – und in dem diese Geschichte auch Mahnung ist.
Migration darf nicht zu andauernder Entwurzelung führen, nicht zur Heimatlosigkeit. Bei aller Wertschätzung von Migration darf das Bedürfnis nach Beheimatung, nach Sesshaftigkeit, nach Kontinuität nicht vergessen werden.
Kurz vor seinem Tod im Jahr 2004 habe ich mit dem alten, weisen Wiener Kardinal Franz König gesprochen – es war damals eine Zeit, in der in österreichischen Wahlkämpfen besonders heftig gegen Ausländer und Einwanderer gehetzt wurde. Kardinal König sagte in diesem Interview einen europäisch-programmatischen Satz: “Wir haben so viele verschiedene Kulturen auf heimatlichem Boden. Dieser Reichtum darf nicht nivelliert werden; er muss das vereinte Europa prägen“.
Bisweilen hat auch ein Kardinal vollkommen und unbedingt und ohne jede Abstriche recht. Genau so ist es. Der Reichtum der Sprachen, der Kulturen, der Traditionen, der Religionen und der Menschen – er muss hineingenommen werden in unser Deutschland und in die Europäische Union. Das ist Willkommenskultur. Das ist moderne Demokratie. Das ist Europa. Das bringt Frieden und Wohlstand. Das schafft die Heimat Europa.
Über den Autor
Heribert Prantl
Journalist und Autor
Heribert Prantl ist Journalist und Autor. Er war Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung (SZ), Leiter des Ressorts Meinung und bis 2019 acht Jahre lang Mitglied der Chefredaktion. Prantl lehrt Rechtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Bis 1988 arbeitete er als Richter und Staatsanwalt in Bayern.
Bücher (Auswahl):
Himmel, Hölle, Fegefeuer. Eine politische Pfadfinderei in unsicheren Zeiten. LMV, München 2021
Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste. Mit Bernd Mesovic, Rolf Gössner, Heinrich Bedford-Strohm. Hirnkost, Berlin 2019
Die Kraft der Hoffnung: Denkanstöße in schwierigen Zeiten. Süddeutsche Zeitung, München 2017
Denkanstöße von Heribert Prantl: Der Zorn Gottes | Alt.Amen.Anfang. | Kindheit. Erste Heimat. Süddeutsche Zeitung, München 2015
Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge! (Streitschrift). Ullstein eBooks, Berlin 2015
Kulturreport Fortschritt Europa
Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.