Dezemberkids: Von einer friedlichen Revolution und Narben aus der Vergangenheit



Ein System verändern und gegen Ungerechtigkeit aufbegehren: Anhand einer Bolzplatzbesetzung bewundert Kaouther Adimi in ihrem Roman Dezemberkids den Mut und die Euphorie der jungen Generation Algeriens. Gleichzeitig gibt sie sehr vielschichtige Einblicke in vergangene Protestbewegungen und blutige Kämpfe.

Dezemberkids, Foto: Mike Dotta via shutterstock

Dely Brahim, Cité du 11-Décembre-1960, Algier: Eines Tages rollt eine schwarze Limousine in das Stadtviertel der algerischen Hauptstadt. Zwei Generäle steigen aus und besprechen die Baupläne ihrer Villen – genau auf dem Brachland, wo sich die Jugend des Viertels zum Fußballspielen trifft. Schnell ist für die jungen Menschen klar: "Der Bolzplatz ist Gemeingut. Hohe Militärs können sich nicht das ganze Land unter den Nagel reißen!" Es kommt zu einer Schlägerei zwischen den Generälen und mehreren Jugendlichen. Ein Szenario, das sich 2016 an diesem Ort tatsächlich so ähnlich ereignet hat, durch die Sozialen Medien ging und die Autorin zu diesem Roman inspirierte. Im Buch beginnt so der Kampf von Jugendlichen gegen die als ungerecht empfundenen Besitzverhältnisse.

Für eine gerechtere Verteilung von Ressourcen, für mehr politische Mitbestimmung und das Abdanken einer als korrupt erachteten politischen Elite – das sind auch Anliegen der Protestbewegung der algerischen Jugend, des "Hirak". Begonnen im Februar 2019, dauern die friedlichen Proteste bis heute – Frühjahr 2021 – an. Fast dreiviertel der Bewohnerinnen und Bewohner Algeriens sind jünger als 35 Jahre. Aufgrund fehlender Perspektiven – zu wenige Arbeitsplätze, eine marode Infrastruktur, Wohnungsmangel und steigende Lebensmittelpreise – suchen viele ihre Zukunft im Ausland.

Obwohl Adimi zu Beginn der algerischen Jugendproteste ihren vierten Roman Dezemberkids bereits fertiggestellt hatte, muss sie wohl den Drang nach Veränderung im Land gespürt haben. Sie kennt das Stadtviertel Dely Brahim gut, hat sie doch einige Jahre ihrer Kindheit dort verbracht. Nach längerer Zeit in Frankreich kehrte sie 1994 nach Algerien zurück – mitten in die Zeit des algerischen Bürgerkriegs. Seit 2009 lebt und arbeitet sie in Paris.

Die Vergangenheit und Gegenwart aus dem Blick mehrerer Hauptfiguren

Der Kampf um den Bolzplatz in Adimis Buch kann als Versinnbildlichung der aktuellen Jugendbewegung Algeriens gelesen werden. Gleichzeitig spannt Adimi immer wieder den Bogen in die Vergangenheit des nordafrikanischen Landes. Komplexe Zusammenhänge beleuchtet sie aus der Perspektive verschiedener Figuren und kreiert dadurch eine unglaublich facettenreiche Erzählung. Was nach einem wilden Potpourri aus Hauptpersonen und Erzählsträngen klingen mag, bringt die Autorin in ein verständliches und sehr übersichtliches Zusammenspiel. So macht sie politische Ereignisse im Land und deren Nachwirkungen auch für eine internationale Leserschaft verständlich und greifbar.

Wie aber geht nun die Geschichte um den Bolzplatz weiter? Drei elfjährige Kinder beschließen das Brachland zu besetzen und bringen damit ein Land in Aufruhr. Aus der ganzen Stadt kommen Menschen unterschiedlicher Couleur, um die Kinder zu unterstützen. Nicht einmal der nationale Sicherheitsdienst schafft es mit seinem Zensurapparat die Flut an Bildern und Informationen zu stoppen, die massenhaft in Sozialen Medien kursieren.

Drei starke Frauen, drei Generationen, drei Erfahrungswelten

Wer sind die drei engagierten Besetzer-Kinder im Buch? Im Fokus steht insbesondere das Fußballtalent Ines – Tochter einer alleinerziehenden Mutter und Enkelin von Adila, einer ehemaligen Unabhängigkeitskämpferin gegen die französische Kolonialherrschaft und nationale Ikone. In allen drei Figuren greift die Autorin die Situation von Frauen in Algerien auf.

Die Fußballerin Ines steht für eine junge aufstrebende Generation von Frauen, die ihren eigenen Weg gehen wollen. Oft gibt es wenig Verständnis für einen selbstbestimmten Lebensstil von Frauen, der von gesellschaftlich-dominierenden weiblichen Rollenvorstellungen abweicht. Das macht Adimi besonders an der Figur von Ines Mutter Yasmin deutlich: In ihrem Alltag ist sie viel mit Anfeindungen und Ausgrenzung seitens ihrer Kolleginnen konfrontiert. Letztendlich zerbricht sie an der Ohnmacht gegenüber versuchten sexuellen Übergriffen eines Kollegen.

Ines Großmutter Adila ist bis ins hohe Alter eine unbändige Widerstandskämpferin und Frauenrechtsaktivistin. Sie beteiligt sich mit Krücken an der Schlägerei mit den Generälen auf dem Bolzplatz. Ihre Tagebucheinträge sind eine Art Chronologie der algerischen Geschichte aus der Perspektive einer politischen Aktivistin. "Folter, Krieg, Unabhängigkeit" – drei Begriffe mit denen sie in ihren Aufschrieben die Vergangenheit betitelt, insbesondere die Zeit des "Schwarzen Jahrzehnts", des algerischen Bürgerkriegs von 1991 bis 2002.

Dschamil und Mahdi sind die anderen beiden Kinder, die mit Ines den Bolzplatz besetzt haben. Durch deren Familiengeschichten zeigt Adimi die Spuren auf, die der Bürgerkrieg in vielen algerischen Familien hinterlassen hat: invalide, von Gewalt gezeichnete Väter und verwitwete Haushalte.

Zwischen Privilegien und dem Wunsch nach Veränderung

Eine weitere Perspektive auf die Vergangenheit und Gegenwart Algeriens erhält die Leserschaft durch Mohammad: ein ehemaliger Militär, der sich heute in einer Oppositionspartei engagiert. An mehreren Stellen trauert er der Vergangenheit nach, besonders der Zeit der sozialistischen Aufbruchsstimmung im frisch unabhängigen Algerien der 1960er und 1970er.

In Mohammads Gedankengängen taucht immer wieder das Motiv der inneren Zerrissenheit auf: einerseits hat er als ehemaliger Militär Beziehungen zur politischen Elite des Landes und genießt dadurch einige Privilegien, andererseits brennt in ihm seit jeher der tiefe Wunsch, das politische System zu verändern. Dieses innere Spannungsfeld entlädt sich in einem Konflikt um den Vorfall auf dem Bolzplatz zwischen Mohammad und dessen Sohn Yussef.

Vergangenheitsbewältigung, nachhallende Traumata, Terrorismus, Korruption, die Situation algerischer Frauen: Auf sehr beeindruckende Weise macht die Autorin in Dezemberkids deutlich, wie Ereignisse und deren Erzählungen mit subjektiver Wahrnehmung, Emotionalität und politischen Interessen verknüpft sind. Dass das Innenleben der einzelnen Figuren im Roman eher an der Oberfläche bleibt, schadet der inhaltlichen Tiefe der Erzählung in keiner Weise. Dezemberkids ist ein außerordentlich gelungener und mitreisender Roman.

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