Das Mapping der Kultur- und Kreativwirtschaft in Subsahara-Afrika



Im Laufe der letzten 20 Jahre hat die Kultur- und Kreativwirtschaft in Agenden für nachhaltige Entwicklung erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen, auch in Afrika südlich der Sahara. Wie sehen Auswirkungen und Hindernisse von EU-geförderten Initiativen aus? Eine Studie von Pedro Affonso Ivo Franco und Kimani Njogu analysiert Trends, Herausforderungen und Chancen für demokratisierte und dekolonisierte Förderprogramme.

Streetart in Johannesburg
Streetart in Johannesburg, Foto und ©: Guusje Weeber via Unsplash

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde das soziale und wirtschaftliche Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft immer stärker anerkannt. Dieses weite Feld umfasst physische, digitale und immaterielle Bereiche ebenso wie Vergangenheit und Gegenwart. Museen, Archive, Bibliotheken, Kunst und Fotografie, Archäologie, mündliche Überlieferungen, Festivals, Bräuche, Naturschutz sowie die kreativen Branchen einschließlich Werbung, Big Data, künstliche Intelligenz und Robotik, gehören alle zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Seit der Jahrtausendwende ist der Sektor wirtschaftlich beträchtlich gewachsen. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2018 hat sich der globale Markt für kulturelle und kreative Güter zwischen 2002 und 2015 mehr als verdoppelt, von 208 auf 509 Milliarden Dollar.

Ein Wachstumssektor in einer schnell wachsenden Region

Aufgrund dieser expansiven Reichweite und relativen Resilienz gegenüber dem wirtschaftlichen Abschwung hat die Kultur- und Kreativwirtschaft inzwischen einen festen Platz auf der Entwicklungsagenda. Sie wird in erster Linie als Mittel zum Aufbau unternehmerischer Kapazitäten und zur Schaffung formeller wie informeller Beschäftigung gesehen, aber auch als Weg zu einem gegenseitigen und interkulturellen Verständnis und zur Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaften, dem Privatsektor und Regierungsbehörden.

Bei einer aktuellen Bevölkerung von nahezu 1,8 Milliarden Menschen, einer wachsenden Mittelschicht, einer raschen Urbanisierung und einer großflächigen Internetanbindung bietet die Subsahararegion beträchtliche Möglichkeiten für das Wachstum und die sozioökonomische Auswirkung der Kultur- und Kreativwirtschaft – und für ein breites Spektrum sowohl traditioneller als auch innovativer kultureller Praktiken.

Die Afrikanische Union war eine der ersten kontinentalen Institutionen, die über das Entwicklungspotenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft diskutiert und Mechanismen für die Unterstützung des Sektors in Gang gesetzt hat: den "Dakar Plan of Action" aus dem Jahr 1992, den "Nairobi Plan of Action for Cultural Industries" 2005, sowie 2006 die "Charter for the African Cultural Renaissance". Ein Jahrzehnt später wurde die Verbindung zwischen Kultur und Entwicklung in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen weiter verankert.

In Einklang mit dieser stärkeren Betonung und dem wachsenden Bewusstsein hat sich die Entwicklungsförderung der Europäischen Union (EU) in Subsahara-Afrika ebenfalls auf Programme ausgerichtet, die die Kultur- und Kreativwirtschaft unterstützen. Im Fokus stehen Kenia, Nigeria, Senegal, Äthiopien, Südafrika und die Demokratische Republik Kongo, sei es durch offizielle EU-Gremien wie den Europäischen Entwicklungsfonds oder durch staatliche Institutionen der Mitgliedstaaten, die regelmäßig in der Region präsent sind.

Bislang haben diese Programme insbesondere die Sparten Film, Musik, darstellende Künste und Mode unterstützt. Schwerpunkte sind der Erwerb unternehmerischer Fähigkeiten, Finanzhilfen, Meinungsfreiheit und Förderung der Menschenrechte, Professionalisierung wie Vernetzung, Konferenzen, Alphabetisierung und der Aufbau von Zielgruppen, das Schaffen von Inhalten, Mobilität und Künstleraufenthalte.

Verbesserung von Zugangsmöglichkeiten und Eigentumsrechten

In der gesamten Region sieht sich die Kultur- und Kreativwirtschaft mit erheblichen Hindernissen und Einschränkungen konfrontiert, vom informellen Charakter der Unternehmen und dem unzureichenden Schutz geistigen Eigentums bis hin zu den Herausforderungen bei der Mobilität und digitaler wie physischer Infrastruktur. Unzureichende Politik und Gesetzgebung behindern die Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft zusätzlich.

Alle diese Aspekte können durch eine gezielte Förderung profitieren. Insbesondere eine verstärkte Unterstützung der grenzüberschreitenden und regionalen Politik und bessere Synergien zwischen Ministerien, Abteilungen und Behörden würden dazu beitragen, den regionalen Zusammenhalt in der Kultur- und Kreativwirtschaft auszubauen, vor allem in Fragen der Mobilität und des Handels. Ebenso könnten die Geldgeber der Ratifizierung und dem Schutz der Rechte an geistigem Eigentum in der Region Vorrang einräumen. Wenn eine Kooperation der Kultur- und Kreativwirtschaft Innovationen hervorbringt, werden die Rechte derzeit in der Regel außerhalb Subsahara-Afrikas registriert, nämlich in Europa.

Trotz des thematischen Schwerpunkts auf dem Verleihen einer neuen Bedeutung von kolonialer Infrastruktur zeigt sich diese eurozentrische Schieflage auch in weiteren strukturellen und organisatorischen Aspekten vieler Programme der Kultur- und Kreativwirtschaft. Aufgrund früherer kolonialer Einflüsse ist die Förderung weitgehend auf Länder mit einer frankophonen, englischsprachigen oder portugiesischsprachigen Bevölkerung ausgerichtet. Die meisten Institutionen und Einrichtungen verteilen Mittel auf der Grundlage eines formellen, schriftlichen Antrags, der in der Sprache des Gebers und in einem standardisierten europäischen Format eingereicht wird. Aufforderungen zum Einreichen von Vorschlägen werden in der Regel online veröffentlicht, ebenfalls in der Sprache des Gebers. Selbst unter denjenigen, die diese sprachlichen, bildungsbestimmten und digitalen Barrieren überwinden, geben viele Antragstellerinnen und Antragsteller aufgrund des Umfangs des Verfahrens und der Komplexität der Bedingungen und Kriterien auf.

Eine echte Demokratisierung und Dekolonisierung dieser Verfahren würde mehrsprachige Bewerbungswege und die Zulassung von Videobewerbungen umfassen, so dass Alphabetisierungshindernisse überwunden werden könnten. Außerdem eine verstärkte Arbeit mit ländlichen Gemeinden und Strukturen, die die Weitergabe und Verwaltung von Zuschüssen zwischen lokalen Organisationen ermöglichen. Bessere Möglichkeiten für Ko-Kreation und Ko-Kuration könnten sicherstellen, dass die Zugänglichkeit, die Gestaltung und die Umsetzung der Programme so weit wie möglich auf die lokale Agenda und die Bedürfnisse vor Ort zugeschnitten sind.

Programmatische und globale Nachhaltigkeit

Während die Unterstützung der Kultur- und Kreativwirtschaft zeitlich und finanziell notwendigerweise begrenzt ist, gibt es dennoch eine große Chance, die Lebensdauer der Programminhalte und -wirkungen zu verbessern. Insbesondere eine gezielte Unterstützung bei der Verbreitung von Inhalten, einschließlich der Online-Verbreitung, das Entwickeln einer Exit-Strategie und einer Ausstiegshilfe könnten es den am Programm Beteiligten erlauben, Initiativen nach dem Ende der Förderung aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass Ergebnisse und Nutzen über den Standardzeitrahmen von zwei bis vier Jahren hinausgehen.

Viele Programme könnten auch die ökologische Nachhaltigkeit sowohl hinsichtlich ihrer Botschaft als auch ihrer Praxis optimieren. Zwar ist die Kultur- und Kreativwirtschaft ausdrücklich in die Agenda für nachhaltige Entwicklung eingebunden, doch nur wenige EU-finanzierte Initiativen begegnen ökologischen Herausforderungen als Kernziel. Es besteht ein erheblicher Spielraum für mehr Investitionen in grüne Kultur- und Kreativwirtschaft – einschließlich Mode, Design und Festivals – und für Programme, die ökologische Nachhaltigkeit von der Produktion bis zum Vertrieb als Kernkomponente ansprechen.

Bei der Programmgestaltung und -kommunikation würden viele Initiativen der Kultur- und Kreativwirtschaft von der strategischen Verwendung einer gemeinsamen Sprache für nachhaltige Entwicklung profitieren, um Beiträge sowohl im Hinblick auf die Ziele als auch die Zielvorgaben zu kennzeichnen. Die Anpassung dieser Sprache an den Kunst- und Kultursektor würde dazu beitragen, die Verbindung von Kultur- und Kreativwirtschaft und Nachhaltigkeit deutlicher und nachvollziehbarer zu machen und nachhaltige Methoden stärker in den Vordergrund rücken.  

Die Kultur- und Kreativwirtschaft, die an Breite, wirtschaftlichem Anteil und Innovation wächst, hat ein großes Potenzial, den sozioökonomischen Wandel in ganz Subsahara-Afrika zu beschleunigen. Erfolg hängt jedoch nicht alleine von der reinen Finanzierung ab, sondern auch von einer Demokratisierung des Zugangs und der Verwaltung, von gleichberechtigten Strukturen für den Besitz und die Verteilung von Inhalten, von einer Priorisierung ökologischer Nachhaltigkeit und von echten Ko-Kreationsmodellen, die die lokalen Bedürfnisse und Agenden berücksichtigen.


Über die Autoren

Der brasilianischer Musiker und Berater Pedro Affonso Ivo Franco ist in den Bereichen Kultur, Kreativität und Entwicklung tätig. Ivo Franco hat einen Master in "International Relations and Cultural Diplomacy" der Hochschule Furtwangen. Zu seinen Fachgebieten gehören die Rolle kreativer Cluster für die lokale Entwicklung, kulturelle Regierungsführung und Gestaltung von Kulturpolitik sowie die partizipatorische Steuerung in der Kultur.

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Kimani Njogu ist Executive Director von Twaweza Communications Limited, einer Kunst-, Kultur- und Medieneinrichtung mit Sitz in Nairobi. Er hat einen Doktortitel in Sprachwissenschaft der Yale University, lehrte viele Jahre an der Kenyatta University und hat zahlreiche Publikationen im Bereich Kunst und Kultur veröffentlicht.

Website Twaweza Communications Limited

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Gratis Download der Studie "Cultural and Creative Industries Supporting Activities in Sub-Saharan Africa. Mapping and Analysis" von Pedro Affonso Ivo Franco und Kimani Njogu


Über das Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik"

Das Forschungsprogramm "Kultur und Außenpolitik" bietet Expertinnen und Experten die Möglichkeit, zu aktuellen Fragestellungen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, kurz AKBP, zu forschen. Ziel des Programm ist es, internationale Kulturbeziehungen zu stärken und weiterzuentwickeln.

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