Regina Bittner während ihrer Vortragsreise in einer Kunstgalerie, Foto: Carlos Pozo Alban
Vortragsreise von Regina Bittner, Foto: Carlos Pozo Alban

Bauhaus – ein weltweiter Dialog

Warum war das Bauhaus von Beginn an ein kosmopolitisches Netzwerk und warum ist die Idee eines einseitigen „Exports“ der Bauhausidee heute überholt? Regina Bittner reiste für das Vortragsprogramm der Bundesregierung nach Ecuador und in die Dominikanische Republik, um über die Verbindungen des Bauhauses zu außereuropäischen Kulturen zu sprechen.

ifa: Frau Bittner, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Bauhauses und dessen kulturellem Erbe. Was bedeutet „Bauhaus“ für Sie persönlich?

Regina Bittner: Für mich steht das Bauhaus in erster Linie für eine Avantgardebewegung und Schule, die 1919, in einer Zeit des Umbruchs, entstand. Es war ein Sammelbecken für die unterschiedlichsten Strömungen der Weimarer Zeit: Ingenieure trafen auf Esoteriker, Lebensreformer auf Techniker, Linke auf Konservative. Es war von Anfang an auch ein kosmopolitisches Netzwerk, das Ideen aus Architektur, Kunst, Design und Philosophie mit außereuropäischen Kulturen verband – auch wenn diese Dimension erst seit einiger Zeit im Fokus der Bauhausforschung steht.

ifa: Warum wurde diese internationale Dimension lange Zeit ausgeblendet?

Bittner: Das hängt mit unserer Geschichtsschreibung zusammen, in der kulturelles Erbe in nationale Erinnerungskulturen eingebettet wird. In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit galt das Bauhaus als „Kind“ der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie. Damit war es das vermeintlich vom Nationalsozialismus unbelastete Erbe, an das man nach 1945 anknüpfen konnte. Jedoch blendete dieses Narrativ die Kollaboration einiger Bauhäusler:innen mit den Nationalsozialisten genauso aus wie die vielen internationalen Verflechtungen.

Transkulturelle Verflechtungen im Schatten der Geschichtsschreibung

Als 1968 in New York die Ausstellung ‚50 Jahre Bauhaus‘ gezeigt werden sollte, gab es sogar Vorwürfe, die Akteure der Ausstellung, darunter der Württembergische Kunstverein, das Bauhausarchiv und das ifa, würden eine ‚Regermanisierung‘ des Bauhauses betreiben. Diese Wanderschauen, die um die Welt reisten, prägten lange Zeit das Bild des Bauhauses. Ich erinnere mich noch gut an die Aussage einer Kollegin aus Indien vor ein paar Jahren in Berlin: „Das Bild, das wir vom Bauhaus bekamen, war bereinigt von den transkulturellen Dialogen und Begegnungen mit außereuropäischen Kulturen, die es bereits in den 1920er-Jahren gegeben hat.“

ifa: Diese transkulturellen Begegnungen standen im Fokus Ihrer Vortragsreise nach Lateinamerika. Wie konkret sahen diese Begegnungen des Bauhauses mit außereuropäischen Kulturen aus?

Bittner: Sie hatten zunächst wenig mit physischen Reisen zu tun, sondern mit der Rezeption von – aus heutiger Sicht – „kontaminierten“ Publikationen. Zum Beispiel von Werken wie der Orbis-Pictus-Buchreihe zur Weltkunst, in der außereuropäische Kulturen und ihre Artefakte als exotische „Inspirationsquellen“ dargestellt wurden. Solche Werke gehörten am Bauhaus zur Standardlektüre. Auch ethnologische Sammlungen spielten eine Rolle. So war es Teil des Lehrplans der Bauhaus-Weberei, andine Textilien im Berliner Museum für Völkerkunde zu studieren.

ifa: Die Bauhauskünstlerin Anni Albers war fasziniert von andinen Textilien.

Bittner: Genau, sie hat diese Sammlungen sogar schon vor ihrer Zeit am Bauhaus besucht. Und war dabei übrigens in bester Gesellschaft mit anderen Künstlern wie Paul Klee und Wassily Kandinsky. Natürlich fragten sie damals nicht, wie wir es heute tun würden, wie diese Artefakte überhaupt in die Sammlungen gelangt waren – nämlich oft durch koloniale Raubzüge und Grabplünderungen in Südamerika.

Zwischen Inspiration und kultureller Aneignung

ifa: Anni Albers emigrierte 1934 in die USA und reiste mehrfach nach Mexiko und Peru, um die andine Webkunst zu studieren. Diese Reisen haben ihr Schaffen maßgeblich geprägt. Wie bewerten Sie in dem Zusammenhang die Grenze zwischen Inspiration und kultureller Aneignung?

Bittner: Es ist ein schmaler Grat. Albers‘ Interesse an andiner Webkunst kann im Kontext des „Primitivismus“ gesehen werden, einer Strömung, die in außereuropäischen Kulturen Inspiration suchte, um der als „entseelt“ empfundenen Moderne zu entfliehen. Es ging ihr aber nicht um Imitation, sondern um ein tiefes Verständnis der Techniken und Konzepte. Sie erkannte die zentrale kulturelle Bedeutung der Weberei in andinen Kulturen und sah darin das Potenzial, die Textilkunst in der westlichen Moderne neu zu definieren, wo sie bis dahin im Schatten der Malerei stand. Albers betonte in ihren Schriften stets ihren Respekt vor den andinen Kulturen und bezeichnete die Weberinnen des alten Peru als ihre Lehrmeisterinnen.

ifa: Sie haben zuvor die Präsenz lateinamerikanischer Traditionen am Bauhaus in den 1920er-Jahren beschrieben. Wie verbreitete sich die Bauhaus-Idee wiederum in Lateinamerika?

Bittner: Dazu trug die Emigration von Bauhäusler:innen nach der Schließung der Schule 1933 durch die Nationalsozialisten wesentlich bei. Ein inzwischen gut dokumentiertes Beispiel ist das von Hannes Meyer, dem zweiten Bauhausdirektor, und seiner Frau, der Textilkünstlerin Lena Meyer-Bergner. Beide lebten zehn Jahre in Mexiko im Exil. Hannes Meyer wurde Direktor des Instituts für Stadtentwicklung und Planung in Mexiko-Stadt und setzte sich für eine sozialistisch orientierte Architektur ein. Das entsprach seinem am Bauhaus entwickelten Prinzip „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. Er war auch am Aufbau des staatlichen Schulbauprogramms in Mexiko beteiligt. Lena Meyer-Bergner wiederum lehrte als Professorin am staatlichen Textilinstitut in Mexiko und entwickelte sogar das Lehrprogramm für die Textilwerkstatt einer indigenen Gemeinschaft. Beide waren Mitglied der mexikanischen Künstlervereinigung „Taller Gráfica Popular“, wo sie eng mit mexikanischen Künstler:innen und Architekten zusammenarbeiteten.

Übersetzungen in lokale Kontexte

ifa: Sind in Lateinamerika bauhausähnliche Einrichtungen entstanden?

Bittner: Ja, ein Beispiel ist die Escola Superior de Desenho Industrial (ESDI), die 1962 in Rio de Janeiro gegründet wurde – zu einer Zeit, als Brasilien einen bedeutenden Modernisierungsschub erlebte, ähnlich wie Deutschland zur Entstehungszeit des Bauhauses. Ein wichtiger Impulsgeber für die Gründung der ESDI war die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG), die sich als Nachfolgerin des Bauhauses in der Bundesrepublik verstand. Es gab zahlreiche personelle Verbindungen, zum Beispiel durch den Grafikdesigner Alexandre Wollner, der in Ulm studiert hatte und dann am Aufbau der ESDI beteiligt war. Viele der an der HfG vermittelten Ideen zur Verwissenschaftlichung von Gestaltung fanden sich auch an der ESDI wieder. Dennoch entwickelten sich von Anfang an eigenständige Ansätze, wie Design unter den spezifischen Bedingungen der brasilianischen Gesellschaft gelehrt werden sollte. Es handelte sich also nicht um eine bloße 1:1-Übernahme der Bauhauspädagogik, sondern um eine Übersetzung der Bauhausprinzipien in lokale Kontexte. Lehrende wie Aloísio Magalhães oder der Poet Décio Pignatari entwickelten ihren eigenen Zugang zur Designausbildung in Brasilien. 

ifa: Welche Rolle spielten Bauhaus-Architekten wie Walter Gropius, die in die USA emigrierten und dort weiterlehrten, für die Architektur in Lateinamerika?

Bittner: Viele Architekten aus Ländern wie Venezuela und Kolumbien studierten bei Gropius in den USA und brachten seine Ideen in ihre Heimatländer zurück, wo sie zu Vertretern der ‚internationalen Architektur‘ wurden. Heute wird in Lateinamerika vieles, was mit moderner Architektur assoziiert wird, auf das Bauhaus und Gropius‘ Einfluss in den USA zurückgeführt. Das wurde mir auch bei meinem Aufenthalt in Santo Domingo bewusst, der Teil meiner Vortragsreise war. Dort wurden mir moderne Gebäude der 1920er-Jahre als ‚Bauhaus-Gebäude‘ präsentiert, obwohl dort nie ein Bauhäusler tätig war. Vielmehr spiegeln diese Bauten eine moderne Architektursprache wider, die von europäischen Strömungen beeinflusst wurde, aber nicht direkt auf das Bauhaus zurückzuführen ist. Und damit sind wir wieder bei der Crux der Bauhausgeschichte, die lange Zeit aus westlicher Perspektive und anhand prominenter, meist männlicher Persönlichkeiten erzählt wurde.

„Echo“ statt „Export“

ifa: Teil Ihrer Vortragsreise war ein Besuch der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito. Welches Bild vom Bauhaus ist Ihnen dort begegnet?

Bittner: Die Kuratoren haben ganz bewusst das traditionelle Bild vom Bauhaus als einheitliche Bewegung mit einem klar definierten Stil hinterfragt. Statt den „Einfluss“ des Bauhauses auf Lateinamerika zu betonen, ging es um die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen der Bauhaus-Bewegung und lateinamerikanischen Architekt:innen, Künstler:innenn und Designer:innen. Daher auch der Titel der Ausstellung, „Bauhaus Reverberada“, was so viel heißt wie „Nachhall“ oder „Echo des Bauhauses“. Die Idee vom „Export“ der Bauhaus-Idee ist heute nicht mehr aktuell.

ifa: Wie konkret wurden diese Wechselwirkungen in der Ausstellung umgesetzt?

Bittner: Zum Beispiel wurde der klassische Bauhaus-Stuhl von Marcel Breuer einer alternativen Version gegenübergestellt: einem aus Bast geflochtenen Stuhl, der zwar Elemente von Breuers Freischwinger aufgreift, etwa in der Grundstruktur des gebogenen Gestells, aber eine ganz andere Interpretation darstellt.

Regina Bittner im Ausstellungsraum in Quito, umringt von Besucher:innen
Regina Bittner während ihres Besuchs in der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito, Foto: Carlos Pozo Alban.
Besucher:innen betrachten einen Stuhl im Bauhausstil während der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito
Besucher:innen der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito, Foto: Carlos Pozo Alban.
Regina Bittner spricht während ihrer Vortragsreise in der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito umringt von Besucher:innen
Regina Bittner während ihrer Vortragsreise in der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito, Foto: Carlos Pozo Alban.
Ein Besucher der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito betrachtet ein Ausstellungsstück
Besucher der Ausstellung „Bauhaus Reverberada“ in Quito betrachten die Ausstellungsstücke, Foto: Carlos Pozo Alban.

Ein weiteres Beispiel: In der Ausstellung wurden Filme gezeigt, die in den Wohnbauten des mexikanischen Architekten Mario Pani aus den 1950er- und 1960er-Jahren aufgenommen wurden. Pani, eine zentrale Figur der mexikanischen Moderne, war indirekt von Le Corbusier beeinflusst, aber seine Wohnbauten waren höher und komplexer als die europäischen Siedlungen der 1920er-Jahre. Mich hat besonders fasziniert, wie mediatisiert das „Neue Wohnen“ auch in Mexiko vermittelt wurde. Auch in den 1920er-Jahren wurden in Deutschland Dokumentarfilme in Kinos und Ausstellungen gezeigt, um Menschen zu ermutigen, in diese radikal modernen Wohnbauten zu ziehen. In Mexiko wiederum wurden diese Filme im Fernsehen gezeigt.

„Den Bauhausstoff weiterweben“

ifa: Welche Eindrücke der Reise sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Bittner: In Quito habe ich ein sehr lebendiges Museum und ein engagiertes Kurator:innenteam erlebt. Besonders gefallen hat mir der kommentierte Ausstellungsrundgang. Es war ein lebendiges Gespräch mit den Kurator:innen und Besucher:innen, bei dem ich nur eine Teilnehmerin von vielen war und nicht die dozierende Vertreterin einer prominenten Bauhaus-Institution aus Deutschland. Dieser internationale Austausch ist hilfreich, um blinde Flecken in der Geschichtsschreibung aufzudecken und unsere Vorstellung von Moderne kritisch zu hinterfragen. In diesem Dialog dient „das Bauhaus“ eher als Schlüssel zu einem Erzählraum, in dem verschiedene Narrative und Interpretationen der Moderne gleichzeitig, weltweit und in unterschiedlichen Epochen existieren – ohne die westliche Erzählung als dominante Perspektive.

ifa: Welche Ideen haben Sie mit zurück nach Deutschland genommen – auch für Ihre Arbeit als Leiterin der Akademie der Bauhausstiftung in Dessau?

Bittner: Es gibt Bemühungen, den Dialog mit den Kurator:innen fortzusetzen. Zum Beispiel über unsere Plattform „Schools of Departures“. Das ist ein digitaler Atlas, der veranschaulicht, wie die Bauhauspädagogik in unterschiedlichen Schulen international übersetzt und weiterentwickelt wurde. Wir planen, Materialien aus der Ausstellung in Quito in diese Plattform zu integrieren. Außerdem hoffe ich, dass eine der Kuratorinnen bei einer unserer Veranstaltungen im nächsten Jahr dabei sein wird. Gewissermaßen wird so der Bauhausstoff weitergewoben und immer wieder neu verknüpft.

Das Interview führte Juliane Pfordte.

Über Regina Bittner und die Autorin
Portrait von Regina Bittner
Regina Bittner
Leiterin Akademie Stiftung Bauhaus Dessau

Regina Bittner studierte Kulturwissenschaften in Leipzig und promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet die Akademie der Stiftung Bauhaus Dessau und ist verantwortlich für internationale postgraduale Programme in Design-, Bauhaus- und Architekturforschung. Ihre Forschungsinteressen verbinden kulturanthropologische Ansätze mit Fragen der Dekolonisierung, transkulturellen Moderne und des kritischen Erbes. Seit 2019 ist sie Honorarprofessorin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Juliane Pfordte, im Hintergrund eine Grünpflanze
Juliane Pfordte
Freie Autorin, Journalistin und Biografin

Juliane Pfordte ist freie Autorin, Journalistin und Biografin. Sie studierte Kommunikations-, Politik- und Kulturwissenschaften in Deutschland und Spanien und schreibt regelmäßig zu Themen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, insbesondere Erinnerungskultur und Migration.

Vortragsprogramm der Bundesregierung

Expert:innen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Medien informieren in Vorträgen und Podiumsdiskussionen aktuell und vielschichtig über Deutschland. Das ifa organisiert das Vortragsprogramm der Bundesregierung zusammen mit den deutschen Botschaften und Konsulaten im Ausland. Es richtet sich an Multiplikator:innen der Zivilgesellschaft in diesen Ländern. Weitere Informationen auf der Website des ifa.