Auf den Spuren von Peter Struve



In den Büchern von einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des russischen Liberalismus zu blättern – diese Möglichkeit hatte ein Team der Universität Konstanz im Sommer 2020. Mithilfe des ifa-Förderprogramms CCP Synergy konnten sie die Privatbibliothek des russischen Politikers, Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Peter Struve an der Polytechnischen Universität in St. Petersburg erkunden. Maria Zhukova und Innokentij Urupin über die Hintergründe ihres Forschungsaufenthalts und ihre aufregendste Entdeckung vor Ort.

Maria Zhukova in der Peter-Struve-Bibliothek
Maria Zhukova in der Peter-Struve-Bibliothek; Foto und ©: Privat

Gemäß dem auf den 13. Januar 1919 datierten Telegramm von Wladimir Lenin an Aleksey Kudryavtsev, den Leiter der Bibliotheksabteilung des Kommissariats für Volksbildung, sollte die private Bibliothek von Peter Struve (1870-1944) "vor der Plünderung gerettet" und an die Polytechnische Peter-der-Große-Universität Sankt Petersburg übergeben werden. Seit jener Zeit wurde die sogenannte "Struve-Sammlung", die aus mehr als 9.000 Bänden aus dem 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert in lateinischer, griechischer, deutscher, englischer, französischer, polnischer und russischer Sprache besteht, in einem Lagerraum der Polytechnischen Universität verwahrt, unsichtbar für Forscherinnen und Forscher, nur teilweise katalogisiert und niemals systematisch untersucht.

Struves Bibliothek als Augenzeuge der Epoche

Peter Struve war ein außergewöhnlicher russischer Volkswirt, Philosoph, Redakteur, Literaturwissenschaftler und Autor. Als einer der ersten Marxisten in Russland wurde er zusammen mit Lenin als ein Führer der marxistischen Partei in den 1890ern angesehen. Die Wege der beiden Politiker trennten sich und ab 1902 wurde Struve zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des russischen Liberalismus. Struves Bibliothek scheint ein Augenzeuge der Epoche zu sein. Sie überbrückt Zeiten und Orte, spiegelt die Interessen ihres Besitzers wider und offenbart einen großen Bekanntenkreis, einschließlich Wladimir Lenin, Semen Frank, Nikolai Berdjajew und Konstantin Nabokov.

Ein Jahr vor dem 150. Jubiläum von Struves Geburtstag erfuhren wir von dem CCP Synergy-Programm des ifa. Wir betrachteten es als die ideale Gelegenheit, um den Weg zu öffnen für die Gemeinschaftsinitiative der Universität Konstanz und der Polytechnischen Universität Sankt Petersburg, die der Persönlichkeit Struves und insbesondere seiner Privatbibliothek gewidmet ist. Das Ziel des laufenden Projekts ist die Einrichtung einer gemeinsamen digitalen Plattform, auf der ein breites Spektrum an Materialien gesammelt und ausgestellt werden kann, die im Zusammenhang mit Struve stehen.

Einblick ins kreative Labor

Im September 2020 wurden wir von Natalia Sokolova und Alexander Plemnek, dem Projektteam an der Polytechnischen Universität in St. Petersburg, in Empfang genommen. Sie führten uns in die Welt von Struves Aktivitäten an der Polytechnischen Universität ein, wo er von 1906 bis zu seiner Auswanderung 1917 Kurse in Volkswirtschaftslehre, Industrieökonomie und der Geschichte des ökonomischen Denkens unterrichtete. Struve wohnte auf dem Campus in einem sogenannten "zweiten Professorengebäude" und nahm teil an den Sitzungen des Großen Fakultätsrats der Polytechnischen Universität in dessen Sitzungsraum. Unter der aufmerksamen Betreuung von Nina Suratova, der Verwalterin der Struve-Sammlung und Direktorin der Universitätsbibliothek, stürzten wir uns in Struves "kreatives Labor", das er offensichtlich nutzte, als er "Khoziaistvo i tsena" (Wirtschaft und Preis, 1913, 1916) schrieb, die russische Übersetzung von Karl Marx' "Das Kapital" (1867) editierte oder an seinem Aufsatz "Intelligentsiia i revoliutsiia" (Intelligenzija und Revolution, 1909) arbeitete.

Die aufregendste Erfahrung während unseres Forschungsaufenthalts in Struves Bibliothek war die Entdeckung von Markierungen und Autogrammen, als wir alte Buchbände durchblätterten. Unter anderem entdeckten wir eine Widmung von Lily Braun, einer deutschen Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Politikerin der Sozialdemokratischen Partei, auf dem Deckblatt ihres Buches "Die Frauenfrage" (1901).

Wir hoffen, dass wir unsere Partnerinnen und Partner aus St. Petersburg bald an der Universität Konstanz begrüßen können, um die Kooperationspläne zwischen den Universitäten im Detail zu besprechen und das Hauptstaatsarchiv in Stuttgart zu besuchen, in dem Dokumente zu "Osvobozhdenie" (Befreiung) – einer von Struve 1902 bis 1905 editierten politischen Zeitschrift – aufbewahrt werden.


Über die Autorin und den Autoren

Maria Zhukova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung und Associated Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz. Sie studierte deutsche Literaturwissenschaft in St. Petersburg, Münster und Wien, an der Universität St. Petersburg schrieb sie außerdem ihre Doktorarbeit in deutscher Literatur. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Darstellung des Fernsehens im sowjetischen und russischen Film und in der Literatur, dem Zusammenspiel von Medien und Erinnerung sowie mit dem transgenerationalen Erzählen.

Innokentij Urupin ist Dozent für russische Studien an der Universität Konstanz, freiberuflicher Übersetzer und Journalist. In seiner Doktorarbeit an der Universität St. Petersburg untersuchte er Prosatexte von Ingo Schulze hinsichtlich seiner Rezeption des Moskauer Konzeptualismus. Außerdem befasste sich Urupin mit der Medienproblematik bei Vladimir Nabokov, Viktor Schklowski, Johannes Bobrowski sowie im russischen Stummfilm.


Über CCP Synergy

Zivilgesellschaftliche Organisationen aus Deutschland und einem Partnerland des CrossCulture Programms (CCP) werden mit dem CCP Synergy unterstützt, gemeinsam an einem Projekt zu arbei-ten und sich nachhaltig zu vernetzen. Gefördert werden Kurzaufenthalte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der beiden kooperierenden Organisationen.

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